Roses of Valarys

8. Juli x791

„Sorano, ich glaube wirklich nicht, dass dies eine gute Idee ist", murmelte Yukino, während sie aus dem Fenster der Kutsche schaute, ohne jedoch zu beobachten was draussen war. Sie hätten auch einfach zu Fuss können um zur Parfümerie und zum Modehaus "Blue Pegasus" zu gelangen. Man musste natürlich schon ein bis zwei Stunden gehen bis man vom Quartier der Aristokraten im Quartier der Händler und Kaufmänner ankam, aber wenn man gerne lange Spaziergänge machte, war das kein Problem. Vor allem, wenn man die Abkürzung durch den Stadtpark nehmen konnte. Der war zwar bei weitem nicht so riesig und reich an Blumen oder Pflanzen aus allen vier Reichen wie jener auf der Königsinsel Crocus. Aber er war immer noch gross und fast genauso luxuriös, ein kleines Juwel für die Augen.

Dafür hatte Magnolia die grösste Bibliothek (und somit grösste Universität) Fiores. Selbst jene im Palast des Königs kam nur weit hinten auf dem zweiten Platz und die war schon riesig. Aber keine Bibliothek war so reich an Bücher wie jene von Magnolia. Wissenschaftliche Schriften, Philosophie, Reiseberichte, Romane, Poesie, Legenden und Mythen, Historische Werke, Manuskripte von allen möglichen Wissenschaftlern, Dichter und Autoren, Bücher über jede mögliche Kunst, Gastronomie, Natur und Pflanzen, zahlreiche Werke über Pergrande und Minstrel, sogar ein paar wenige Bücher über das verlorene Reich von Valarys. Alles war vorhanden. Jegliche Studenten, Wissenschaftler, Künstler und sogar wissbegierige Adelige oder Volksleute aus ganz Fiore trafen sich dort um zu lesen, das eigene Wissen zu bereichern und um über alles mögliche zu diskutieren. Oft kamen auch Bewohner von Minstrel nur dafür hierher, seltener auch Bewohner aus dem kalten Pergrande oder All-Ceithre.

Wie gerne wäre Yukino gerade jetzt dort gewesen, zwischen den Büchern. Sie hatte gehört, dass neue Werke über die uralte Malerei von Minstrel eingetroffen waren und sie sehnte sich danach sie anzuschauen und auszuleihen. Sie hörte schon gar nicht mehr, wie Sorano sich empörte und ihr versuchte klarzumachen, wie wichtig es ist, dass sie Ballkleid und Parfüm bekam und fing an sich an die Zeit zu erinnern, als sie ihre Liebe zu Bücher und Bilder entdeckt hatte.

Das Lesen und die Malerei waren lange Zeit ihr einziger Trost gewesen. Damals, als ihr Vater noch lebte, als ihre Schwester und sie noch unter der Vormundschaft ihrer Eltern waren. Tagtäglich hatte sie die Abscheu und die Verachtung ihrem Vater und ihrer Mutter gespürt. Sie musste wirklich bedeutungslos sein, damit ihre eigenen Eltern so verabscheuten. In einer Gesellschaft, in der adelige Väter und Mütter meistens Respekt und wenigstens ein klein wenig Zuneigung für ihre Erben hatten, bedeutete das viel. Wäre sie mehr wie ihre Schwester gewesen, schöner, talentierter, hätten Lord und Lady Aguria sie wahrscheinlich mehr anerkannt und respektiert.

Trotzdem hatte es immer wieder schrecklich weh getan, diese Verachtung. Sie war nie geschlagen worden, ihre Eltern fanden das ihres Ranges unwürdig. Doch die bösen Kommentare, die diskreten Schubse um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, die ungerechten Bestrafungen, die absichtlich unschönen Kleider… Yukino könnte noch tausend Sachen aufzählen und damit vielleicht ein Buch fühlen können. Wären Sorano und ihre gütige Grossmutter nie gewesen, hätte Yukino nicht weiter leben wollen.

Schon immer hatte sie Geschichten geliebt und an den Bildern in den Fluren der Familienvilla hatte sie sich nie satt sehen können. Doch erst als ihre Eltern sie mit sieben Jahren in einer Klosterschule gesteckt hatten, hatte sie ihre Leidenschaft für Bücher und Malerei entdecken können. Natürlich war das Kloster düstern und streng gewesen, die meisten Nonnen waren kalt und herzlos gewesen. Sie hatten zwar Respekt vor ihren Schülerinnen, kamen sie doch alle aus hochangesehenen Adelsfamilien, doch sie wussten immer wieder subtil zu zeigen, wie unschicklich man war.

Dafür war der Unterricht reich und wirklich lehrreich gewesen. Yukino war im Malunterricht rasch die beste geworden und nie hatte die Lehrerin die Gelegenheit bekommen ihr zu zeigen, was sie falsch gemacht hatte. Was die Bücher anging, die Nonnen verachteten Liebesromane, Poesiewerke und andere solche Bücher. Nur Werke über die Etikette und das Verhalten einer Lady oder anderes langweiliges Zeug waren erlaubt. Zum Glück war die alte Schwester Agnes, die Bibliothekarin, anders gewesen als ihre Gefährtinnen. Unter ihrem Büro hielt sie eine Kiste versteckt, in dem sie zahlreiche "verbotene Bücher" bewachte. Immer wieder drückte sie Schülerinnen einen guten Roman in die Hand mit einem Augenzwinkern. Dank ihr hatte Yukino zahlreiche Juwelen der Literatur entdeckt.

Yukino presste ihren Samtsack gegen sich, wo sie ein paar Bücher und vor allem ihr Skizzenbuch behielt. Nun wo sie aus dem Kloster war und Sorano Familienoberhaupt geworden war, musste sie zugeben, dass es ihr schon noch besser ging. Ihre Mutter verachtete sie immer noch, doch Loreleï hatte nicht mehr genug Macht um ihr tatsächlich weh zu tun. Sie hatte bessere Kleider, konnte endlich frei durch die Stadt und zur Bibliothek gehen, musste ihre Lieblingsromane und ihr Skizzenbuch nicht mehr unter einer losen Diele gleich unter ihrem Bett verstecken und genoss ihre neugewonnene Freiheit.

Doch Sorano hatte das nicht genügt. Yukino hatte ihr zwar immer wieder erklären wollen, dass sie viel lieber diskret und im Schatten leben wollte, statt in einer Gesellschaft eingeführt zu werden, wo sie bestimmt nicht ihren Platz hatte. Ihre Eltern hatten sie bestimmt nicht grundlos verachtet, jedenfalls glaubte Yukino deswegen felsenfest, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Warum hätten ihre Eltern lügen sollen? Yukino liebte sie nicht, aber sie wollte sie nicht einfach so verurteilen.

Aber Sorano war doppelt so stur wie schön. Sie hatte Yukino noch oft erklärt, dass sie zu naiv war und ihre Eltern ihr einen Schwachsinn in den Kopf gesteckt hatten. Sie hatten ihr grosses Unrecht angetan und Sorano wollte es wieder gut machen. Yukino dachte manchmal, dass Sorano Recht hatte und ihre Eltern sie wirklich aus einem schlechten Grund gehasst hatten. Doch adelige Kinder kannten nicht viel von ihren Eltern, wie umgekehrt. Meistens waren es Gouvernanten oder Hauslehrer, die sie direkt erzogen. Konnte Sorano also wirklich den wahren Grund wissen, warum ihre Eltern ihre Schwester verachteten? Yukino wusste es ja selber nicht.

Die Kutsche hielt plötzlich, sie mussten angekommen sein. Yukino schaute vorsichtig aus dem Fenster. Das Quartier der Händler war zwar nicht so luxuriös wie jenes der Adeligen und hatte nur ganz wenige kleine Gärten, doch die gepflasterten Strassen waren sauber, die Leute hier kannten einen angenehmen Wohlstand oder Reichtum, wie man es ihnen ansehen konnte. Die Häuser waren schlichter, aber dennoch elegant. Die reichsten Händel gaben sich sogar den Luxus ihren Wohnungen und Ateliers ein wenig einen aristokratischen Stil zu geben.

„So, wir sind angekommen. Erst werden wir dir ein Parfüm kaufen, bevor wir uns mit den Kleidern beschäftigen werden", sagte Sorano gut gelaunt, bevor sie einen kritischen Blick auf den Samtsack ihrer Schwester warf. „Musst du unbedingt deine Bücher mitnehmen? Mir stört es zwar nicht, dass du so gerne liest und malst, schliesslich liebst du es ja. Aber bei einem Einkaufsbummel ist es eher unnötig sie mitzunehmen. Und so schön dein Samtsack auch ist, es ist nicht unbedingt ein Accessoire für eine Lady. Beim Ball solltest du ihn besser zu Hause lassen."

„Sorano, du weisst doch wie sehr ich mich unwohl fühle in der Gesellschaft. Ich würde mich wirklich besser fühlen, wenn ich meine Bücher und Skizzen mitnehmen könnte. Ich würde sonst nur in einer Ecke sitzen und den anderen zusehen. Es wird sich sowieso niemand für mich interessieren, ich möchte mich lieber beschäftigen statt Langweile zu haben. Ausserdem werde ich das blöde Gefühl nicht los, dass der Ball mir Schwierigkeiten bringen wird, egal was du sagst."

„Keine Widerrede Yukino, diese Diskussion hatten wir doch schon. Du machst dir immer zu viel Sorgen, also hör auf dich vor Illusions-Schwierigkeiten zu fürchten. Ich will nicht, dass du das farblose Schicksal erleidest, welches unsere Eltern für dich vorbestimmt hatten. Du bist viel mehr Wert als das. Ich möchte, dass du auf diesem Ball strahlst, damit sogar Lucy Heartfillia neben dir erblassen wirst. Du bist eine Schönheit, das sollte man nicht verheimlichen."

Yukino getraute sich nicht sie wegen ihrer angeblichen Schönheit anzusprechen. Es nützte nicht darüber mit Sorano zu reden, deren Sturheit fast nicht zu übertreffen war. Yukino wusste jedoch, dass sie die Schönheit ihrer Schwester nie erreichen würde. Sie war nicht hässlich, aber ein besonderes Aussehen hatte sie nicht. Das wusste sie selber, schliesslich sah sie jeden Tag ihr Spiegelbild. Ihr silberweisses Haar war kinnlang, ihre Augen bloss braun und ihre Gesichtszüge sahen noch wie jenes eines Kindes aus. Ihre Haut war etwas zu blass und sie hatte zwei linke Füsse, immer wieder fiel sie vor sich hin, was nie elegant und ladyhaft war. Sie hatte zwar eine schlanke Taille, doch ihre Formen waren ein klein wenig zu üppig und mollig um als schön angesehen zu werden. Das hatte ihre Mutter schon immer gesagt.

Wenigstens hatte sie kleine, grazile Hände und lange, elegante Finger mit natürlich glänzenden Nägeln. Darüber verspürte sie schon irgendwie einen gewissen Stolz. Doch das war es auch schon. Wer würde sich schon für ihre Hände interessieren, wenn sie so oder so Handschuhe tragen würde?

Stattdessen erwiderte sie bloss: „Ich verstehe trotzdem nicht, warum du unbedingt willst, dass ich weitere Kleider habe. Du hast mich doch schon eine ganze Garderobe geschenkt und darunter befinden sich einige Ballkleider geschenkt. Ich dachte, das blassgrüne Kleid mit dem Pelz um den Ausschnitt wäre passend für den Ball der Heartfillias."

„Es wäre passend und du siehst wundervoll darin aus, dass stimmt", gab Sorano resigniert zu. „Aber um dich von deiner besten Seite zu zeigen ist es eindeutig zu schlicht. Etwas Blaues oder Weisses mit silbernen oder vielleicht sogar goldenen Stickereien wäre sicher besser geeignet. Blau, Weiss und Silber passen uns Agurias sowieso am besten und etwas Gold würde dir vielleicht passen. Wir werden im Blue Pegasus sehen welche Angebote es gibt, für den Anfang. Glaub mir, du wirst es nicht bereuen."

Yukino war sich dessen nicht so sicher, aber mit ihrer Schwester darüber zu diskutieren ging einfach nicht. Also gab sie auf. Und weiter darüber nachzudenken kam sie auch nicht, als Racer, der während der Fahrt neben dem Kutscher gesessen hatte, urplötzlich die Tür der Kutsche aufriss und ankündigte: „Ich dachte, dass heute Parfüms und Ballkleider eingekauft werden und nicht, dass Teekränzchen in der Kutsche stattfinden. Also, wollen die Ladys nun rauskommen oder lieber nach Hause gehen?"

„Ach, halt die Klappe, ich musste bloss meiner Schwester wieder klar machen, dass sie die heutige Einkäufe dringend braucht. Es ist sowieso ausgeschlossen, dass wir jetzt wieder nach Hause gehen", konterte Sorano, während Yukino dankbar Racers Hand annahm um mit seiner Hilfe aus der Kutsche zu steigen. So frech und provokativ er manchmal war, er kannte trotzdem genug Höflichkeit die ein Sklave zu wissen brauchte um zu dienen. Aber es tat ihrer älteren Schwester tatsächlich gut, jemanden zu haben der genauso stur war wie sie und sei es bloss ein Sklave.

Nachdem auch Sorano ebenfalls ausgestiegen war und dem Kutscher aufgefordert hatte zu warten, begaben sich alle drei in die Parfümerie hinein.

Yukino hatte zuerst das Gefühl sich in einer Eingangshalle in der Villa eines Lords zu befinden, so edel sah es da drin aus. Der Boden bestand aus Marmor, die Wände waren mit einer reich bestickten Stofftapete bedeckt, wie es heutzutage Mode war. Das Muster bestand hauptsächlich aus Blumen, hie und da entdeckte man Früchte. Eigentlich passend für eine Parfümerie.

Wären die Regale voller Parfümflaschen nicht gewesen, hätte die Weisshaarige tatsächlich gedacht, sie wären in einer privaten Villa und nicht in einem Laden. Auf den edel geschnitzten und vergoldeten Holzregalen stritten sich unglaublich viele Fläschchen, eines schöner als das andere. Das Glas war sicher von den besten Glasbläsern bearbeitet worden und bei nicht wenigen wurde sogar Farbe gebraucht. So sah Yukino zum Beispiel eine kleine blaue Flasche mit einem juwelähnlichen Zapfen, um dessen Bauch sich elegant zwei weisse Schwäne den Kopf berührten.

Jene Flakons, die kein farbiges Glas hatten, wurden hingegen so detailliert bearbeitet und geschliffen, dass sie wie Opale glänzten. Eines dieser Fläschchen hatte die Form eines Pfaus, jede Feder des Schwanzes und sogar des Kopfes wurde bis in kleinste Detail bearbeitet, sodass man das Gefühl hatte, dass er sich gleich bewegen würde.

Yukino war ausgesprochen fasziniert von all diesen kleinen Kunstwerken. Allein die Flaschen waren unglaublich schön, es genügte schon zur perfekten Dekoration auf den Schönheitstisch, und wenn die Inhalte genauso gut waren… Es musste allerdings einen ziemlich hohen Preis haben, selbst wenn man den Flakon des Parfüms nicht mitzählte und der kostete bestimmt allein ein kleines Vermögen. Yukino fühlte sich wieder total unsicher. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ihre Schwester ihr so teure Sachen schenkte. Nachdem ihre Eltern ihr jahrelang all diesen Luxus verwehrt hatten, kam in den letzten Monaten vermutlich etwas zu viel auf sie zu.

„Der Parfümierer muss wohl sehr erfolgreich sein, dass er sich all das leisten kann", flüsterte sie ihrer Schwester, welche sofort achselzuckend antwortete: „Ichiya ist ein Meister, ein talentiertes Genie der Parfümerie. Seine Werke sind im ganzen Reich bekannt, er hat sogar einige Kunden in Minstrel und Pergrande. Selbst Prinzessin Hisui kauft ihre Parfüms bei ihm. Dieser Erfolg hat ihn unglaublich reich gemacht, da ist es normal, dass er sich auch etwas daraus leistet. Ausserdem besteht seine Kundschaft fast nur aus Mitglieder der Aristokratie, er braucht einen luxuriösen Laden um sie ansprechend willkommen zu heissen und zu bedienen, wie sie es verdienen."

Yukino nickte bloss ehrfürchtig. Wie unglaublich es doch war, dass Menschen aus dem einfachen Volk bloss mit den eigenen Talenten reich werden konnten. Als Kind hatte sie immer naiv gedacht, dass die Königsfamilie und der Adel reich waren, während der Rest der Bevölkerung in der Armut lebte. Wie stark sie sich damals doch geirrt hatte. Während einige aus dem einfachen Volk ebenso reich werden konnte, gab es andererseits doch auch adelige Familien, welche ausser dem Titel durchaus mit einer normalen Bauernfamilie zahlreiche Ähnlichkeiten hatten.

Plötzlich erschien aus einer Hintertür eine Person heraus. Mit einem Sprung und einem posaunten "Men!", wodurch Yukino so sehr erschrak, dass sie sich gleich hinter Racer versteckte. Dieser schien so, als ob er sich krampfhaft ein Grinsen verkneifen musste. Allerdings wusste die Weisshaarige nicht, ob es wegen ihrer absolut lächerlichen und unladyhaften Haltung war. Oder wegen des zugegeben bizarren, abnormalen Verhaltens dieses Mannes war.

Dieser war sehr kleingewachsen. Noch ein paar Zentimeter weniger und er hätte die Grösse eines Zwerges. Er trug einen weissen Frack, an dem er eine blaue Blume angesteckt hatte. Dazu trug er elegante schwarze Schuhe mit einer goldenen Schnalle. An und für sich hätte er gepflegt ausgesehen. Aber seine rötlichen Haare fielen wild von seinem Kopf hinab zu den Schultern, sein Hemd trug er offen und man sah die etwas schwabbelige Brust, er trug keine Strümpfe über seine beharrten Beine. Und sein Gesicht erschien fast unnatürlich. Viel zu gross für einen so kleinen Körper und mit den winzigen schwarzen Augen, dem eckigen Kinn und der ziemlich flachen Nase sah er total merkwürdig und merkwürdigerweise fast unheimlich aus. Und das sollte der grösste Parfümierer von Fiore sein?

Yukino schaute ungläubig zu ihrer Schwester, doch diese zuckte bloss resigniert mit den Schultern und lächelte nachsichtig, fast entschuldigend. Hatte sie sich auch so sehr erschreckt, als sie diesen Mann zum ersten Mal kennen gelernt hatte? Warum hatte Sorano sie denn nicht vorgewarnt, dass der grösste Parfümierer des Reiches einer Witzfigur gleichkam? War es ihr etwa peinlich? Yukino konnte es kaum glauben, dass ihrer älterer Schwester jemals etwas peinlich sein konnte.

Ichiya machte wieder eine merkwürdige Haltung, bevor er sich vor Sorano verneigte und sie begrüsste: „Lady Sorano Aguria! Wie immer ist es eine Freude eine so schöne Frau wie Sie zu sehen, Mylady. Men! Welche Ehre führt Euch in meiner bescheidenen Boutique? Normalerweise liefere ich ihnen die Flaschen Eures Parfüms direkt zur Villa, Eure Ladyschaft. Men!"

Was war das denn für eine bizarre Gewohnheit zwischen den Sätzen so unpassend "Men!" zu rufen? Zur Sicherheit versteckte sich Yukino noch mehr hinter Racer, der immer noch so aussah als ob er kurz vor einem Lachanfall stünde. Hoffentlich war dieser Ichiya nur eine Ausnahme unter den Händlern. Hoffentlich verhielten sich die anderen mehr wie normale Menschen.

Sorano zog langsam ihre Handschuhe aus, wie es sich gehörte für eine höfliche Lady, bevor sie mit möglichst stolzer und distanzierter Stimme verkündete: „Ich bin nicht meinetwegen gekommen, Herr Ichiya, sondern wegen meiner Schwester. In wenigen Tagen veranstalten die Heartfillias einen Ball und sie wird während diesem Anlass in die Gesellschaft eingeführt werden. Bis dahin muss noch einiges getan werden, am dringendsten wäre das Parfüm. Sie hat noch kein eigenes."

„Men! Noch kein eigenes Parfüm? Die jungen Ladyschaften bekommen es doch schon ab dem 13. Lebensjahr, sobald sie die Ufern der Kindheit verlassen! Men!", rief der Zwerg dramatisch aus. Seinem Tonfall zu urteilen klang dies fast wie ein Schwerverbrechen. Sorano blieb neutral, obwohl Yukino sie verdächtigte mit den Augen rollen zu wollen. Racer hingegen prustete tatsächlich leise los, bevor er mit Mühe seine steife Sklavenhaltung wieder übernahm.

„Diese Fatalität muss umgehend rückgängig gemacht werden. Vor allem da es sich um Eure Schwester handelt, Lady Aguria. Wenn sich die Ladyschaften mir bitte folgen würden? Der Mann hier wird Ihnen wohl folgen müssen."

Kam es Yukino nur so vor oder hatte der letzte Satz bitter geklungen? Wahrscheinlich hatte Ichiya eine gewisse Verachtung vor Sklaven. Oder hatte er etwas gegen Männer? Sie wollte es lieber nicht wissen, am liebsten wäre sie wieder weg, egal ob mit Parfüm oder nicht.

Stattdessen musste sie Sorano, Racer und diesen Ichiya in einem anderem Raum folgen. Dieser ähnelte mehr einem sehr edlen Teesalon. Auf dem Marmorboden waren mehreren Teppiche aus Minstrel verteilt. Yukino erkannte sie an den goldenen Stickereien und den fröhlichen Farben. An den Wänden hingen Bilder von Reedus, einem sehr beliebten Maler im Reich. Yukino erkannte es an dem realitätstreuen Stil. Zehn kleine runde Tische mit Flächen aus Marmor und vergoldeten Tischbeinen waren im Raum verteilt, mit je drei Stühle rund herum aus dem gleichem Material. Auf jedem Tisch standen winzige Vasen mit den kleinsten Blumensträusse, die Yukino je gesehen hatte. Die hohen Fenster mit den weinroten Samtvorhängen gaben den Blick auf einen Garten voll mit Blumen, welche wohl für die Parfüms benutzt würden. An der Decke hing ein prunkvoller Kronleuchter, der irgendwie mehr seinen Platz in einem Ballsaal hatte statt in der Boutique eines Händlers und an einer Wand waren noch zwei Türen zu sehen.

Eines war wohl das Atelier, denn Ichiya öffnete es kurz um den Befehl zu geben, sofort mehrere Parfüms zu bringen. Währenddessen hatte sich Sorano an einem der Tische gesetzt, neben einem Fenster, und Yukino beeilte sich ihrer Schwester gleich zu tun. Racer blieb hinter seiner Herrinnen stehen, es gehörte sich ja nicht für einen Sklaven mit seinem Besitzer zu sitzen.

Während zwei Arbeiter mehrere Parfümflaschen auf dem Tisch stellte, setzte sich Ichiya ebenfalls an den Tisch, gegenüber der Schwestern.

„So, hat sich Mylady schon überlegt, was für ein Parfüm Sie genau möchten?"

Die Frage wurde ihr direkt gestellt und Yukino wusste keine Antwort darauf. Was sollte sie bloss sagen? Sie wusste ja nicht, welches Parfüm sie möchte, geschweige denn was für Düfte sie darin haben wollte. Verzweifelt drehte sie sich zu Sorano um, in der Hoffnung SIE hätte eine Antwort parat. Schliesslich war es ursprünglich IHRE Idee gewesen.

„Men! Es gibt zahlreiche verschiedene Variationen, Sie brauchen also nicht nervös zu werden. Ihre Schwester hat ein edles Parfüm, aus Rosen und Lavendel. Die junge Lady Lucy Heartfillia ein Gemisch aus Bergamot, Vanille und Ambra, ein sehr starker Edelduft. Leider benützt sie es zu oft, da sie fast auf jedem Ball zu sehen ist, ich muss ihr immer grössere Flasche liefern. Lady Meldy Macbeth bevorzugt einen zarten Duft von Veilchen und Orangenblüten. Eure Kusine, Lady Mirajane Justine, benutzt einen schlichten aber eleganten Fliederduft für ihr Parfüm. Und Lady Erza Fernandes, das schönste Geschöpf aller vier Reiche, besitzt den edelsten aller Düfte, Rosen und Ambra. Ach, was für eine Frau…"

Kam es Yukino nur so vor oder wollte der Parfümierer eine Lobrede an Lady Fernandes widmen? Sie kannte Erza nur vom sehen, aber diese Frau war kein Niemand. Mit ihrer Schönheit, der Höhe ihres Titels, den immensen Reichtum, der durch ihre Heirat mit Lord Jellal zweifach vergrössert wurde, war sie allein damit eine beeindruckende Persönlichkeit. Dazu kam noch ihr Ruf als Mäzenin, Lady Erza besass die grösste Sammlung an Waffen und Rüstungen im ganzen Reich. Sie hatte sogar, wenn man den Gerüchten glaubte, die merkwürdige Angewohnheit diese selber zu tragen und eines Tages damit kämpfen zu wollen. Lady Evergreen, die Frau ihres Cousins Elfman, hatte immer bittere Bemerkungen darüber. Aber das erklärte nicht, warum Ichiya anscheinend extrem für sie schwärmte.

Sorano unterbrach ihre Überlegungen, indem sie eine Hand auf ihrem Arm legte und ihr beruhigend sagte: „Sag Ichiya einfach, was du liebst an Blumen oder Früchte."

„Ich… ähm… also… ich liebe Rosen ganz besonders. Ja, Rosen, genau", stotterte Yukino. Mit ihrer Lieblingsblume konnte sie nicht viel falsch sagen, schliesslich gehörte der Geruch der Rosen zu den beliebtesten Düfte in Parfüms.

„Ah, Rosen. Immer sehr beliebt für Parfüms, egal ob allein oder vermischt mit anderen Düfte, das Resultat ist immer besonders himmlisch", sprach Ichiya nun professionell, bevor eines der Fläschchen öffnete und ihr entgegen hielt. „Dieser hier besitzt Rosen und Veilchen. Miss Kinana, das Mündel von Lord Cobra, ist sehr angetan davon. Oder jener, Lilien und Rosen. Dieser Duft ist extrem beliebt, beinhaltet er schliesslich zwei der edelsten Blumen in sich."

Der Zwerg liess sie ein Dutzend Düfte riechen, doch obwohl alle himmlisch rochen, Yukino fand jeden viel zu stark oder auch viel zu kompliziert. Oder beides. War es wirklich nötig bis zu sechs verschiedene Blumen und Früchte in ein Parfüm zu tun? Anscheinend war das sehr beliebt.

Nach der etwa zwölften Flasche war Yukino erschöpft. Es war tatsächlich kompliziert sich ein Parfüm auszusuchen, bei all diesen verschiedenen Variationen. Doch bei jedem störte Yukino etwas. Sorano wurde langsam irritiert und gelangweilt zugleich, Sawyer musste sich mühsam ein Gähnen unterdrücken und Ichiya schickte immer wieder sein Diener neue Flasche holen. Der arme Kerl musste es so schnell tun, dass er wohl in Kürze das Gleichgewicht verlieren würde

Yukino seufzte. Warum konnte man es nicht einfach schlicht machen? Nur Rosen… Bei diesem Gedanke setzte sich die Weisshaarige gerade auf ihrem Sessel. Das war doch die Idee! Warum hatte sie nicht sofort daran gedacht?

„Könnte es möglich sein, dass nur Rosen im Parfüm vorzufinden sind? Das würde mir wirklich am besten gefallen", sprach Yukino schliesslich, selber überrascht von der Sicherheit in ihrer Stimme. Auch Sorano hatte sie damit überrumpelt, sie schaute ihre kleine Schwester überrascht und stolz an. Und ein wenig irritiert von ihrem – in ihren Augen – viel zu schlichten Wunsch.

Ichiya hingegen schien hocherfreut, seine Augen leuchteten regelrecht. Mit der Stimme voller Emotion sagte er: „Dann habe ich genau das richtige für die junge Lady. Ein Parfüm mit seltenen Rosen, welches ich noch nicht im Angebot habe und von dessen Erfolg ich besonders sicher bin."

Ohne seinen Diener wieder zu rufen, rannte Ichiya durch eine der Türen um eine Minute später mit einem besonders schönem Fläschchen zurückzukommen. Das Fläschchen bestand aus klarem rosaroten Kristall und hatte die besondere Form einer Rosenknospe, welche erst noch erblühen würde. Es war so detailliert bearbeitet worden, dass Yukino fast das Gefühl hatte, es sei echt.

Als Ichiya die Flasche öffnete und sie daran riechen liess, kam ein traumhafter Duft ihrer Nase entgegen, viel angenehmer als jener der anderen Parfüms, gleichzeitig sanft und stark. Es roch voll und ganz nach Rosen, doch irgendwie noch süsser und wilder als normal. Eine seltene Rosenart, hatte Ichiya gesagt? Welche es auch war, sie hatte den schönsten Duft von allen.

„Rosen von Valarys."

Ichiyas gerührte Stimme kam wie von weit her und Yukino kam nur langsam zurück in die Realität. Ohne einem Men sprach Ichiya weiter: „Alles was vom verlorenem Ostreich kommt ist selten, doch die Rosen wachsen dort wild umher. Es ist das Einzige, was von Valarys noch wirklich erhalten geblieben ist und das Einzige, welches erlaubt ist zu anderen Zwecken zu nutzen als die verlorene Zivilisation zu studieren. Allerdings sind die Samen besonders teuer und höchst selten zu bekommen. Es gibt nur drei Personen in ganz Fiore, welche einen Rosenstrauch dieser höchst seltenen Art besitzen. Ich besitze selber nur einen, darum wird dieses Parfüm ebenso selten sein wie diese Rosen. Lady Ultear Milkovich besass ebenfalls einen Strauch, aber nach deren Verschwinden ist er im Wintergarten von Lord und Lady Macbeth gelandet. Der Einzige, der mehrere dieser Rosensträucher besitzt, ist Lord Rogue Cheney. Sieben sind in seinem Garten. Selbst mit seinem immensen Reichtum weiss ich nicht, wie er geschafft hat all diese zu finden. Wenigstens ist er nett genug mir ein paar Blüten für meine Parfüms zu geben, was für ein eher geheimnisvoller, stiller Mann wie er, der kaum auf Anlässen kommt, höchst grosszügig ist."

„Dieses Parfüm nehme ich", hauchte Yukino und Ichiya war so nett ihr das Fläschchen direkt zu geben. Während er mit ihrer Schwester den Preis besprachen und ein wenig über diesen Lord Cheney diskutierten, streichelte Yukino voller Ehrfurcht die Flasche ihres eigenen Parfüms. Nie hätte sie gedacht, dass ein Duft sie so verführen würde, doch tatsächlich hatte sie sich in diesem Geruch der Rosen von Valarys verliebt. Für eine die Rosen so liebte wie sie, war dieses Parfüm einfach perfekt.

Sie dachte nicht mehr an den Ball und der Skeptik ihrer Mutter oder wenigstens erschien es ihr einfach nicht mehr so schlimm. Merkwürdigerweise fing sie an sich ein wenig auf den Ball zu freuen. Ein wenig, aber bei Yukino hiess das schon viel.

Die Weisshaarige verdrängte nun das Gefühl, welches ihr immer zuflüsterte, dass der Ball ihr womöglich Schwierigkeiten bringen würde.