Kapitel 2: Visionen

"Lobo? Lobo! Wo steckt er denn schon wieder?"

Peter sprang aus dem Sattel und führte Tanimara am langen Zügel hinter sich her, während Valene Spartan zügelte und vom Pferderücken Ausschau nach dem Vierbeiner hielt. Doch der struppige Wolf blieb unsichtbar.

"Dass der aber auch nie hören kann!" schimpfte Peter vor sich hin.

"Ja, aber wirklich. Ich frage mich, von wem er das wohl nur hat."

Den kleinen Seitenhieb konnte Valene sich nicht verkneifen. Sie erntete dafür einen bösen Blick, den sie mit rausgestreckter Zunge quittierte.

"Freches Luder", konterte Peter und wandte sich grinsend um.

Auch Valene musste schmunzeln. Der Wolf und sein "Rudelführer", den er sich selbst ausgesucht hatte, standen sich in nichts nach: Einer so stur und liebenswert wie der andere verstanden sie es beide, sie in einer Sekunde wahnsinnig zu machen und in der nächsten mit einem kullernden Augenaufschlag wieder milde zu stimmen. Diesem Dackelblick gab sie auch die Schuld daran, dass sie jetzt schon seit fast zwei Wochen anstandslos bei Minusgraden durch den tiefen Schnee trabte, ohne so richtig zu verstehen, warum sie ihr kuschelig warmes Häuschen im Wald hatten verlassen müssen.

Sie hatten den Großteil des Weges geschafft, doch Peter schien der Ansicht zu sein, dass es längst nicht genug war. Noch immer war er wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, gönnte ihnen nur die notwendigsten Pausen, sprach wenig und schlief unruhig. Valene ließ ihn nicht aus den Augen. Sie fragte nicht und drängte ihn nicht. Wenn er dazu bereit war, würde er über die Vision sprechen, die ihn zum Aufbruch bewegt hatte. Bis dahin wich sie nicht von seiner Seite, und das kleine Lächeln gerade zeigte ihr, dass sie damit genau das Richtige tat.

"Warte, sei mal leise", sagte er überflüssigerweise, denn sie hatten schon seit geraumer Zeit geschwiegen. "Hörst du das Heulen?"

Valene spitzte die Ohren und schüttelte den Kopf. "Ich hör nichts."

Das musste jedoch nichts heißen, denn Peter hatte Ohren wie ein Luchs. Er warf Valene Tanimaras Zügel zu und verschwand im Unterholz des Waldes, folgte dem leisen Heulen im verschneiten Gelände über Stock und Stein. In Windeseile sprang und kletterte er über umgestürzte Bäume und stand plötzlich vor dem Eingang einer Höhle.

"Lobo?"

Aus der Dunkelheit heraus tönte ein lauter werdendes Heulen zur Antwort.

"Komm da raus, du verrücktes Vieh!"

Doch Lobo dachte gar nicht daran, dem Ruf des Zweibeiners zu folgen. Stattdessen wurde das Heulen drängender. Peter fluchte leise. Für derartige Umwege hatten sie keine Zeit, mal ganz abgesehen davon, dass in solchen Höhlen nicht selten der eine oder andere Bär lebte. Der würde sich sicher gern aus dem Winterschlaf erheben, um über die leckere Mahlzeit herzufallen, die ihm da direkt in sein Wohnzimmer spazierte. Aber es half alles nichts. Lobo würde nicht wieder ans Tageslicht kommen, solange Peter nicht nachgesehen hatte, was er ihm zeigen wollte. Also zog er seine Dienstwaffe, nahm die Taschenlampe vom Gürtel und betrat die Höhle. Schon nach wenigen Schritten schlug ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Wenn das ein Bär war, dann hatte er definitiv nichts mehr von ihm zu befürchten, denn das Tier musste schon lange tot sein. Dennoch blieb Peter vorsichtig. Er war auf alles gefasst, nur nicht auf das, was er schließlich fand. Hinter einer Biegung, an deren Ende er sich an einem herabhängenden Felsen den Kopf stieß, wartete das pure Grauen!

Leichen. Unzählige Leichen. Angewidert rief er Lobo zu sich, weg von den toten Körpern, und dieses Mal hörte der Wolf auf ihn. Übelkeit stieg in ihm auf, die er mit Mühe unterdrückte. Was zum Teufel war hier passiert? Der Lichtkegel der Taschenlampe wanderte über die Leichen und Peter sah, dass sie alle von Kugeln und Schrot getötet worden waren. Vor seinem geistigen Auge erwachten diese bedauernswerten Menschen noch einmal zum Leben und zeigten ihm, was ihnen in den letzten Minuten ihres irdischen Daseins zugestoßen war. Sie rannten, drängelten, um als Erste die Höhle zu betreten. War dieser Ort also wirklich ihr Ziel gewesen? Eine kleine, verdreckte Höhle? Er sah eine Landkarte, hörte eine männliche Stimme: "Hier, genau hier muss der Eingang sein!" Dann hallten Schreie in seinem Kopf wider und er musste zusehen, wie sie qualvoll starben.

"Peter ... Gott, stinkt das hier ... Peter? Wo steckst du?"

In der nächsten Sekunde stand Valene neben ihm und bevor er es verhindern konnte, hatte sie das ganze Grauen erfasst. Entsetzt schlug sie eine Hand vor den Mund. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie zitterte am ganzen Körper, als Peter sie mit sanfter Gewalt aus der Höhle führte. Die Wucht all der Gefühle, der Todesangst, die diese Menschen ausgestanden hatten, überrollte sie wie eine Welle, und wäre Peter nicht bei ihr gewesen, hätte sie nicht einmal mehr die Kraft gehabt, davor wegzulaufen. Er stützte sie, brachte sie raus an die frische Luft und strich ihr zärtlich über den Kopf, während sie nach Fassung rang.

Es gab Tage, an denen sie ihre empathischen Fähigkeiten regelrecht verfluchte; heute war definitiv einer davon. Valene hatte im vergangenen Jahr viel Zeit mit Peters Vater verbracht, der Shaolin-Priester war und sich mit ihrer speziellen Problematik auskannte. Unter seiner Anleitung hatte sie endlich zu lernen begonnen, wie sie sich von äußeren Einflüssen abschirmen konnte. Es gelang ihr immer besser, solange die Gefühle um sie herum nicht zu stark und die Menschenmengen nicht zu groß waren. So etwas wie ein Besuch in der Stadt kostete sie noch immer eine Menge Kraft und Konzentration, um die mentalen Mauern aufrechtzuerhalten, die ihren Geist schützten. Sobald etwas Unvorhergesehenes geschah, fiel dieser Schutzwall wie ein Kartenhaus in sich zusammen, so wie eben in der Höhle.

"Es tut mir leid, aber ich muss da nochmal rein, Val. Kommst du klar?"

Valene nickte mit geschlossenen Augen. Um nichts in der Welt würde sie dieses Massengrab noch einmal betreten. Nachdem sie ein paarmal tief durchgeatmet hatte, fegte sie den Schnee von einem Baumstumpf und ließ sich darauf fallen.

"Bleib nur nicht zu lange weg", bat sie mit zittriger Stimme.

Auf keinen Fall wollte sie länger als nötig alleine hier draußen sein. Peter küsste sanft ihre Stirn.

"Ich beeil mich, keine Sorge. Lobo wird so lange auf dich aufpassen."

Der Wolf schien die beiden beobachtet zu haben und zu verstehen, was von ihm verlangt wurde. Sofort saß er vor Valene, den Kopf auf ihre Knie gelegt. Dankbar kraulte sie seine Ohren.

Peter band sich gegen den Gestank in der Höhle seinen Schal vor Mund und Nase. Ein Blatt Minze unter der Zunge vertrieb den fauligen Geschmack, der sich schon nach wenigen Sekunden im Mund bildete. Die Vision, die ihn beim ersten Betreten heimgesucht hatte, ließ ihm keine Ruhe. Die Landkarte ... vielleicht brachte die ihn ein Stück weiter.

Mit etwas Abstand betrachtete er die gruselige Szene. Die meisten Körper lagen in Richtung einer bestimmten Felswand. Peter stieg über die Leichen dort und betrachtete das grobe Gestein. Die ausgestreckten Arme einer Toten schienen diese Wand berühren zu wollen, aber da war nichts zu sehen - kein Zeichen, dass der Fels bearbeitet worden war, kein geheimer "Türöffner" oder so etwas. Da war einfach nur kalter, grauer Fels. Er wandte sich wieder zu den anderen Leichen um. Man hatte auf sie geschossen, kaltblütig, aus dem Hinterhalt. Sie hatten keine Chance zu entkommen. Doch warum hatte sie jemand in diese Falle gelockt? Peter schloss die Augen. Wo blieben diese verdammten Visionen, wenn man sie mal brauchte? Okay, es gab noch eine Möglichkeit: Er konnte sie auch durch direkte Berührung hervorrufen, doch alles in ihm sträubte sich dagegen, eine dieser übelriechenden Leichen anzufassen. Der Cop in ihm schob schließlich alle Bedenken beiseite. Peter hockte sich auf den Boden, ignorierte die Blutlache neben ihm und griff nach der Hand eines etwa dreißigjährigen Mannes, dessen Körper schützend über dem einer rothaarigen Frau lag. Die Hand war eiskalt. Peter schloss die Augen, versuchte, sich zu entspannen, und öffnete vorsichtig seinen Geist.

Währenddessen war es Valene vor der Höhle inzwischen gelungen, sich etwas zu beruhigen. Um sich von den Bildern in ihrem Kopf abzulenken und weil es wirklich bitterkalt war, gab sie sich einen Ruck und stand auf. Der Wolf blickte sie erwartungsvoll an.

"Komm, Lobo", sagte sie. "Wir machen Feuer. Wenn Peter da rauskommt, kann er sicher etwas Warmes vertragen."

So zogen sie los und sammelten Holz. Lobo half, indem er einen großen, dicken Ast aufsammelte und stolz im Maul trug. Schließlich wollte auch er es warm haben. Aber so sehr Valene es auch versuchte, konnte sie nicht verhindern, dass ihre Gedanken weiterhin unaufhörlich um die Höhle kreisten. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie Peter sich dort jetzt umsah, bei den vielen Leichen, und wünschte sich, er wäre längst schon wieder bei ihr. Sie war dadurch so abgelenkt, dass sie zuerst gar nicht mitbekam, dass sich ihr aus mehreren Richtungen Menschen näherten.

Lobo hingegen bemerkte es sofort und fing an zu knurren; sein Nackenfell sträubte sich. Wer auch immer da im Anmarsch war führte nichts Gutes im Schilde. Er schaute zu Valene hoch. Wieso tat sie denn nichts? Kurzentschlossen entfernte sich der Wolf, um nach dem Rechten zu sehen.

Da wurde auch Valene endlich aufmerksam. Es war auf einmal so still geworden. "Was, wenn die Leute zurückkommen, die für das Gemetzel in der Höhle verantwortlich sind?" schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Instinktiv griff sie nach der Beretta, die sie immer am Gürtel trug, und entsicherte sie. Man konnte nie wissen. Als sie das nächste Stück Holz vom Boden aufhob, schloss sie kurz die Augen und fuhr, wie Peter es gerne nannte, ihre Antennen aus. Beinahe sofort fühlte sie die Präsenz von sechs Menschen, die ihr folgten. Sie kamen aus zwei Richtungen und würden, wenn sie sich jetzt nicht beeilte, den Rückweg zur Höhle blockieren.

Um nicht zu verraten, dass sie ihre Verfolger bemerkt hatte, machte sich Valene nur langsam auf den Rückweg. Äußerlich ruhig und gelassen stapfte sie durch das dichte, verschneite Unterholz, doch ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Sie fühlte, wie sie eingekreist wurde, und hoffte, dass Lobo Peter holen würde. Kurz bevor sie die kleine Lichtung vor der Höhle betrat, hatte sie noch Hoffnung, dass sie es schaffen würde, doch dann setzte jemand einen Schuss direkt vor ihr in den Schnee. Wie angewurzelt blieb Valene stehen. Das gesammelte Holz fiel zu Boden. Bevor sie jedoch nach ihrer Waffe greifen konnte, traf sie ein harter Schlag in den Nacken. Für einige Sekunden sah sie buchstäblich Sterne und stürzte auf die Knie. Jemand riss sie auf die Füße und verdrehte ihren Arm schmerzhaft auf den Rücken.

"Na was haben wir denn hier?"

Eine raue Stimme drang an ihr Ohr. Valene hatte Probleme, ihren Blick zu fokussieren. Der Schlag hatte gesessen. Der Typ, der sie festhielt, stank ekelhaft nach Schweiß und Alkohol. Ein anderer griff unter ihre Jacke und nahm ihr die Waffe ab.

"Ziemlich großes Schießeisen für so ein zartes Püppchen", höhnte die raue Stimme.

Valene schloss kurz die Augen. Das "zarte Püppchen" ließ ihr Adrenalin brodeln, und als sie die Augen öffnete, sah sie zumindest wieder klar. Doch was sie sah gefiel ihr genauso wenig wie der Gestank: insgesamt sechs verwahrloste Männer zwischen zwanzig und dreißig, bis an die Zähne bewaffnet. Das Wort "Waldschrate" schoss ihr durch den Kopf.

"Hey, Dan, hier hinten steh'n zwei Gäule mit Proviant und Waffen. Anscheinend is' unser Püppchen nich' alleine hier. Der zweite Gaul gehört 'nem Bullen!"

Sie hörte, wie ihre Ausrüstung durchsucht wurde. Peters Funkgerät landete neben ihr auf dem Boden, gefolgt von seinem Dienstausweis, den er schon lange nicht mehr bei sich trug. Hier in den Wäldern war er wenig hilfreich, wenn man wilden Tieren gegenüberstand.

Dan, ein unrasierter Bursche mit eiskalten grünen Augen, wandte sich Valene zu.

"Also dann erzähl mal, Schätzchen ... Wieso treiben sich Bullen hier rum? Sucht ihr die anderen, die vor ein paar Tagen hier waren? Kommen da noch mehr von euch?"

Valenes Befürchtung war also richtig gewesen. Sie saß definitiv mächtig in der Tinte.

"Welche anderen? Ich bin auf dem Weg, um meinen Bruder zu besuchen, und wollte hier nur Rast machen." Einfach reden, Zeit gewinnen ... Mit dem Fuß stieß sie ein Stück Holz in Dans Richtung. "Ich hab Holz gesammelt, weil ich Feuer machen wollte."

Aus dem Augenwinkel nahm Valene eine Bewegung im Gebüsch wahr. Lobo! Er kroch flach auf dem Boden liegend in Richtung Höhleneingang. Doch da kam direkt einer der Männer auf ihn zu. Urplötzlich befand sich das stinkende Etwas, das Valene festhielt, mit blutender Nase auf dem verschneiten Waldboden wieder und hielt die Hände mit schmerzverzerrtem Gesicht vor seine Weichteile. Damit hatte er sicher nicht gerechnet.

Valene rannte weg von der Lichtung, um Lobo Zeit zu verschaffen, damit er Peter alarmieren konnte. Vier der Männer setzten ihr sofort nach, und ihr kleiner Vorsprung schwand rapide. Dan erreichte sie als Erster und musste lernen, dass das "Püppchen" einen ziemlich gewaltigen rechten Haken schlug und eine Menge von Kampfsport verstand. Gezielte Tritte und Schläge hielten die Angreifer auf Abstand. Zwei gingen k.o.

Aber auch wenn Dan wohl nicht der Hellste war, verstand er es, seine "Beute" bis zur Erschöpfung zu treiben, um dann im richtigen Moment zuzuschlagen - dafür war er lange genug Jäger. Ob er nun Tiere oder Menschen jagte, er schaffte sie alle. Die Frau war schnell, aber ihre Kräfte schwanden zusehends. Darauf hatte er gewartet. Im richtigen Moment nutzte er das Gewicht seines bulligen Körpers, warf sich auf Valene und rang sie zu Boden. Doch die gab erst auf, als sie den kalten Stahl von Dans Messer an ihrer Kehle spürte.

"So ist's brav, Schätzchen. Ich frag mich grad, ob du überhaupt den ganzen Ärger wert bist, den du uns hier machst. Ich will jetzt Antworten auf meine Fragen!"

Valene schnaubte verächtlich: "Ich mache euch Ärger? Da verwechselst du ja wohl was! Und mein Name ist weder Schätzchen noch Püppchen, Prúntach!"

"Wie hast du mich genannt?"

Sie biss sich auf die Zunge. Ihr loses Mundwerk würde sie irgendwann noch in Teufels Küche bringen. Es war wohl gut, dass ihr das Schimpfwort auf Gälisch rausgerutscht war, statt in einer Sprache, die er verstand. Dan starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an.

"Bist wohl eine von der ganz harten Sorte, was?" Er packte sie mit einer Hand am Hals, riss sie auf die Füße und knallte sie mit dem Rücken gegen einen Baum. Valene blieb kurz die Luft weg, sie machte aber noch immer keine Anstalten, seine Frage zu beantworten. Sie fühlte, wie die Wut und Mordlust in ihrem Angreifer wuchs. Im Stillen sah sie sich schon in der Höhle bei den anderen Leichen liegen. "Gott, Peter, wo bleibst du?"

"Wo ist der Bulle, dem das zweite Pferd gehört? Kommen noch mehr von euch hier rauf?" Seinen Fragen folgte eine kurze, schnelle Bewegung mit dem Messer, und Valene schrie auf. An ihrem Oberarm zeigte sich eine tiefe Schnittwunde, doch sie weigerte sich weiterhin, ihm zu antworten.

"Brad! Sag den anderen, sie sollen den Bullen finden und ihn kaltmachen. Schwärmt dann aus und sucht die Gegend ab. Ich will keine weiteren Überraschungen erleben, solange ich mich mit ihr befasse. Nicht, dass das nur die Vorhut ist und noch wer die Leute in der Höhle suchen kommt." Er erhielt keine Antwort. "Brad? Verdammt, bist du taub?"

"Er ist ... verhindert!" lautete die alles andere als erwartete Antwort.

Dan fuhr herum und riss Valene mit sich, die versuchte, mit einer Hand die blutende Wunde an ihrem Arm zu schützen. Vor ihnen stand Peters Vater, Kwai Chang Caine. Lautlos aufgetaucht hatte er Brad offenbar ohne Schwierigkeiten ausgeschaltet. Sein Blick suchte den von Valene. "Wenn ich Jetzt sage, lass dich fallen." Er sprach in Gedanken zu ihr. Valene nickte kaum merklich. Dann ging alles blitzschnell.

"Jetzt!"

Dan war so davon überrumpelt, dass Valene sich mit ihrem ganzen Gewicht nach unten fallen ließ, dass er den Fuß gar nicht kommen sah, der ihn niederstreckte und ins Reich der Träume schickte.

Endlich stürmte auch Peter mit gezogener Pistole heran. Die Kinnlade klappte ihm herunter, als er seinen Vater erkannte.

"Paps? Woher ... Ach, vergiss es. Langsam sollte ich mich dran gewöhnen, dass du aus dem Nichts auftauchst, wenn wir in Schwierigkeiten sind."

Reichlich zerzaust und schmutzig kam er schnaufend zum Stehen. Eine Schramme an der rechten Schläfe verriet, dass er den anderen beiden Handlangern über den Weg gelaufen war, die Dan vor der Höhle zurückgelassen hatte. Sein Vater lächelte und zuckte in seiner eigenen, unnachahmlichen Art mit den Schultern.

"Ich bin euch gefolgt, weil ihr meine Hilfe braucht. Aber darüber sollten wir später sprechen. Kümmere dich um Valene. Sie ist verletzt. Ich werde die Pferde holen. Wir sollten diesen Ort so schnell wie möglich verlassen."

Das Wort "verletzt" ließ Peter aufhorchen. Sofort war er bei ihr.

"Was ist passiert, Schatz? Alles okay?"

Sie rang sich ein Lächeln ab. "Verbeult, aber am Leben", resümierte sie. "Es ist nichts Ernstes, das heilt schon wieder."

Peter half ihr auf die Beine. Dankbar ließ sie sich in seine Arme sinken. Der Schreck saß ihr tief in den Knochen, aber Peters Umarmung war die beste Medizin.

"Peter, dieser Dan und seine Leute sind für die ganzen Toten verantwortlich", sagte sie und erklärte ihm, was vorgefallen war, während er sich in der Höhle umgesehen hatte.

"Verdammt, und um ein Haar hätten sie dich auch noch getötet. Ich hätte dich nicht allein lassen dürfen!" warf er sich vor, doch Valene winkte schnell ab.

"Das konntest du doch nicht ahnen, und mir ist ja nichts passiert. Aber ich wüsste wirklich gerne, was das alles zu bedeuten hat. Hast du in der Höhle irgendwas rausgefunden?"

Peter nickte wortlos und sie spürte gleich, dass er auf gar keinen Fall darüber reden wollte. Andererseits musste sie es wissen, und das wiederum spürte er. Also überwand er sich.

"Da war ein Mann. Ich hab ihn angefasst und auf einmal war es, als wäre ich er. Ich habe seine Gedanken gehört und konnte durch seine Augen sehen ... Er und seine Frau waren auf der Flucht, genau wie die anderen Menschen in der Höhle auch. Irgendwer hat ihnen eine Karte verkauft, auf der angeblich ein Geheimgang oder sowas eingezeichnet sein sollte, der sie zu einem sicheren Versteck hätte führen sollen - aber wie wir gesehen haben, war das gelogen. Diese Höhle war eine Sackgasse, die für sie alle zur Todesfalle wurde. Dieselben Leute, die ihnen Hoffnung versprochen hatten, haben sie kaltblütig abgeschlachtet. Ich hab alles miterlebt. Es war grauenvoll."

Unbewusst rieb er sich die Brust, dort wo eine Gewehrkugel das Leben des jungen Mannes jäh beendet hatte. Er hörte noch immer die Schüsse und Schreie, die ihn für alles andere taub gemacht hatten, und spürte den Schmerz des Toten, der mit seinem letzten Atemzug noch vergebens versucht hatte, die Frau zu schützen, die er liebte.

"Diese Bestien ..." Valene schloss kurz die Augen und fragte dann leise: "Und wieso das alles? Wovor sind diese Menschen geflohen?"

"Sie flohen vor der Verfolgung", sagte Caine, der wieder neben ihnen aufgetaucht war.

Er hatte sein weniges Gepäck - ein kleines Bündel, seinen Hut und seine Flöte - aufgesammelt und führte die beiden Pferde Spartan und Tanimara am Zügel. Ein drittes Pferd folgte ihm: sein weißer Hengst Jing, der ohne Sattel oder Zaumzeug vollkommen gelassen durch den Schnee trottete und neben Lobo stehenblieb.

"Aber wieso wurden sie verfolgt?"

"Sie hatten besondere Fähigkeiten und wollten dem neuen Gesetz nicht Folge leisten, das ihnen ihre Rechte als freie Menschen aberkennt."

"Was denn für ein Gesetz?"

Die beiden hatten das Gefühl, dass jede Antwort nur noch weitere Fragen aufwarf, und als Caine ihnen die Lage erklärte, fand besonders Peter es äußerst befremdlich, dass sein Vater in diesem Fall offenbar mehr von den weltlichen Dingen wusste als er.

"Wir haben seit fast zwei Wochen keine Nachrichten mehr mitbekommen", erklärte er. "Ich hatte eine Vision ..."

Auch Valene lauschte gebannt, als er sich bemühte zu beschreiben, was er gesehen hatte. Es klang ziemlich verwirrend, zusammenhanglos und beunruhigend. Sie verstand immer mehr, warum er bisher nicht darüber gesprochen hatte.

"Das einzige, was ich ganz sicher weiß, ist, dass wir zu Vals Bruder müssen", sagte er und wiederholte damit das, was er auch Valene erklärt hatte, bevor sie aufgebrochen waren.

"Also ich hab keine Ahnung, was das alles mit deiner Vision zu tun haben soll", sagte sie, "aber nach allem, was wir jetzt wissen, kann ich es ehrlich gesagt kaum erwarten, ihn zu erreichen."

"Dann lass uns schnell weiterreiten."

"Und was machen wir mit diesen Typen?"

Peter fischte seinen Dienstausweis und sein Funkgerät aus dem Schnee, wischte es mit dem Ärmel trocken und probierte es aus.

"Es funktioniert noch. Dann würde ich sagen, Paps und ich fesseln sie und bringen sie zu den Leichen in die Höhle, da sind sie gut aufgehoben - und du rufst die Ranger."