Ein herzliches Willkommen zum heutigen Türchen. Es ist Wochenende, zur Abwechslung wird mal nicht zwölf Stunden gearbeitet und stattdessen sich auf die morgige Folge gefreut :D

Wir wünschen euch allen einen wunderschönen Freitagabend und jetzt viel Spaß …


Seelenlos - Teil 3

Oh verdammt.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Alleine schon, dass mein Kopf zu keinem besseren Fluch mehr fähig war, hätte mir zu denken geben sollen, während ich meine Finger über die kalte Wand wandern ließ, an die ich mich gepresst hatte. Rauer Putz bröselte lautlos in den Schnee und ich schloss die Augen und atmete tief durch. Pause. Auszeit – wie man es auch drehte und wendete.

Die eisige Nachtluft füllte meine Lungen, aber sie linderte nicht das Brennen darin. Im Gegenteil. Mein Herz raste.

Ich konnte Sam rufen hören, war mir aber nicht sicher, ob er nicht wieder zu einem Trick griff, um mich aus der Reserve zu locken. Was hatte Crowley mit ihm angestellt? Seine Seele zurückgegeben? Wollte der Typ uns verarschen?

Vorsichtig schob ich mich an die Ecke, bemüht, so wenig wie möglich meiner Kleidung vom Scheinwerferlicht berühren zu lassen. Ich musste zu Atem kommen, wie auch immer ich das tun wollte, wenn mein Puls jeglicher aufgestellter Rekorde trotzte.

Sam stand vielleicht fünfzig Meter entfernt, ziemlich nahe an einem Baum. Wir hatten uns vom Flugplatz entfernt, während wir uns prügelten. Ein bizarrer Tanz aus Schatten und Fäusten. Schlag um Schlag – wir hatten nicht geredet, keine Zeit dafür gehabt. Kein Ton war gefallen, kein Stöhnen, wenn wir getroffen wurden. Sam war schlicht und ergreifend ausgerastet und ob der Sam von früher oder die seelenlose Gestalt der letzten Wochen … das war neu. Erschreckend.

Ich spürte jetzt noch den Drang, ihn windelweich zu prügeln, alleine schon für den Kinnhaken, den er mir verpasst hatte. Mistkerl!

Wir standen jetzt fast direkt am See und ich konnte das leise Knistern des dünnen Eises hören, das das Wasser bedeckte.

Unwohl bewegte ich meinen Kiefer, bis er knackte und zurück dorthin sprang, wo er sein sollte. Der Schmerz ließ nicht nach, aber das Gefühl stimmte wieder. Sams Schläge hatten immer mehr an Intensität gewonnen, obwohl er mich nach einer Weile gar nicht mehr zu sehen schien – und vermutlich war ich nur deshalb noch auf den Beinen oder überhaupt am Leben.

Mit seinem Fulltime-Jäger-Job des letztes Jahres und Null Schlaf hatte er genug Zeit zum Trainieren gehabt - und ich bei Lisa wohl zu sehr dem Familienleben gefrönt.

Wie ein Berserker hatte Sam auf den Baum eingedroschen, gegen den ich ihn rammen konnte, bevor ich die Beine in die Hand nahm. Es war nicht die feine englische Art – aber ich musste nachdenken und eine Lösung finden und das würde nicht gerade einfacher werden, wenn ich bewusstlos im Matsch erfror. Er war mir körperlich überlegen.

Wieder rief Sam meinen Namen und ich legte den Kopf in den Nacken. Er musste wissen, dass ich nicht weit kommen konnte. Die Dunkelheit bot mir als einzige Möglichkeit Schutz vor ihm, gab mir den zeitlichen Aufschub, den ich gewollt hatte. Nur leider war der unnütz. So viel ich auch nachdachte, mir wurde nur bewusst, dass ich Angst hatte, etwas Falsches zu tun.

Sam zu verprügeln, weil der Arsch es verdiente, war eine Sache. Ich meine, ernsthaft – wer benutzte den eigenen Bruder als Versuchskaninchen, um einen Job zu erfüllen? Ihn zu verprügeln, weil Crowley ihn abgestochen hatte und er scheinbar vergessen zu haben schien, wo oben und unten war, war die andere.

Fakt war auch: Ich konnte ihn nicht hier alleine lassen. Wir waren vierzig Meilen jeglicher Zivilisation und die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt. Meine Waffen lagen nutzlos im Wagen, weil ich nicht daran gedacht hatte, nach Einlösung des Deals weiterhin das Ziel von Crowleys perfiden Angriffen zu sein.

Es konnte Gift sein, das in Sams Körper wütete.

Oder einfach nur er selbst.

Hastig ließ ich meinen Blick über den Boden schweifen. Wenn ich Sam ausknockte …

Schritte näherten sich mir und ich drängte mich zurück in den Schatten, bis mein Fuß gegen etwas stieß und ich mich unbewusst danach bückte. Mist! Ich wollte ihn nicht angreifen!

Aber meine Instinkte siegten. Blind tastete ich am Boden herum und bekam knorriges Holz in die Finger, etwas dicker als mein Handgelenk.

Warum machte ich mir überhaupt Gedanken? Ich hatte keine Gewissensbisse, Sam mit meinen Fäusten zu vermöbeln, aber bei einem Verteidigungsschlag mit einem Stock weckte sich mein Gerechtigkeitsempfinden? Am besten war ich schlug ihn bewusstlos, packte ihn in den Kofferraum und machte mich auf die Socken, um ihn vor sich selbst zu schützen, denn ganz ehrlich … mir war nicht wohl dabei gewesen, ihn zu beobachten, wie er sich die Hände blutig schlug.

Das war nicht Sam.

Das war …

Unwirsch scheuchte ich die Gedanken in den hintersten Teil meines Kopfes, packte das Holz fester, hob es über meinen Kopf und schleuderte es von mir. Wenn es ihn nur ablenkte – gut. Dann konnte ich wenigstens ein Seil holen und den Dummkopf zusammenschnüren, damit er sich selbst nicht weiter verletzte.

Diesmal setzte mein Herzschlag tatsächlich aus und für ein paar Sekunden herrschte steinerne Ruhe in meinem Inneren.

Der Impala beleuchtete die Szenerie und ließ Sam wie in einem Spotlicht erscheinen. Das Scheinwerferlicht eines Slapsticks.

Er musste meine stabilisierenden Schritte nach vorne im sumpfigen Untergrund gehört haben, fuhr alarmiert herum, aber sah nur noch den Knüppel auf sich zufliegen. Erschrocken – Moment, konnte er das denn sein? – hob er die Hand.

Mir kam es viel langsamer vor, aber in Wirklichkeit dauerte es nicht länger als einen Wimpernschlag, dass das Holz sich lautstark mit Sams Unterarm anlegte, sich drehte und mit der anderen, verzweigten Seite gegen seine Schläfe knallte.

Ich blieb stehen, während er rückwärts taumelte, sichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht und dann nach hinten fiel. Das konnte doch nicht wahr sein, der Typ machte sich selbst fertig!

Zugegeben, ich hatte auch schon mal besser gezielt …

Der Moment, als das Eis deutliche Risse bekam, zu Krachen und Knacken begann und Sam schließlich in einer fast zu kleinen Welle für ihn abtauchte, war der, als mir bewusst wurde, dass dort gerade mein Bruder einbrach.

Mit Wucht traf die Erkenntnis in meinem Kopf ein. Sam WAR stur. Aggressiv. Blind. Es war es nur nie so intensiv gewesen.

Egal, wo seine Seele steckte und ob er sie am Stück oder einzeln zurück bekam – das war sein Körper, gespickt mit seinen Erinnerungen und irgendwie … irgendwie war es auch Sammy.

„Scheiße!"

Herrgott, konnte nicht einmal etwas so laufen, wie es sollte?

Ich schoss los, ignorierte Schuhe und Kleidung und ließ mich längs am Uferrand zu Boden fallen, um vorwärts zu robben.