Kapitel 2: Faerûn

Als Harry das nächste Mal die Augen öffnete, schien die Morgensonne hell in sein Gesicht und Sirren und Summen umgab ihn. Neben ihm befanden sich die verkohlten Überreste eines Lagerfeuers und nachdem er sich aufgerichtet hatte, sah er, dass er sich auf einer Lichtung befand. Wie eine Wand schienen die hohen Bäume ihn zu umschließen und ihr Blätterwerk bildete eine dichte Decke. Nur der Osten gab die Sicht nach außen frei und Harry trat an den Rand der Lichtung.

Zu seinen Füßen fiel das Land steil ab und erst 100 Meter tiefer befand sich wieder horizontales Gelände. Gegen das Licht der Sonne blinzelnd, betrachtete Harry die Fläche die sich unter ihm ausbreitete. Er konnte nur Baumwipfel, stellenweise überragt von Baumriesen, sehen, die sich anscheinend endlos nach Osten und Süden zu erstrecken schienen. Im Norden sah er das blaue Funkeln eines Meeres oder großen Sees, an dessen Ufern er einen großen Turm zu sehen glaubte.

Schreie und das Kreischen von Tieren erreichten sein Ohr und ein Schwarm großer Vögel erhob sich nicht weit von seinem Aussichtspunkt, als plötzlich etwas aus dem Wald emporgeschossen kam, einen der Nachzügler packte und wieder im Gehölz verschwand bevor Harry erkennen konnte was es gewesen war. Gerade als sich Harry fragte, wo sein seltsamer Gast von gestern Abend war, ließ ihn ein Geräusch hinter ihm herumfahren.

Elminster kam auf ihn zu, gefolgt von einem jungen Mann und sagte, „Die Wälder Cormanthors sind gefährlich für die, die langsam mit Geist und Körper sind." Harry wollte fragen, woher Elminster wusste was Harry gesehen hatte, aber der alte Zauberer sprach einfach weiter, „Deshalb habe ich auch diesen freundlichen Gefährten mitgebracht." Der Magier pausierte kurz und deutete auf seinen Begleiter. „Er wird dir ein paar Tricks zeigen, während ich in deiner Welt die Dinge im Auge behalte. Hör auf ihn und mach mir keine Schande", wies Elminster Harry an und verschwand.

Harry war stumm vor Überraschung. Er hatte gehofft von dem alten Mann nun ein paar Antworten zu bekommen oder zumindest eine Erklärung für die Ereignisse. Das Verschwinden ärgerte ihn, aber ihm wurde bewusst, dass er nicht alleine war. Der Mann vor ihm sah aus wie 25, doch Harry hatte wie bei Elminster den Eindruck, dass er mehr Jahre auf dem Buckel haben musste als es den Anschein hatte.

Der Mann war groß und schlank wie Harry, doch gleichzeitig wirkte er kräftig. Das dunkel-blonde Haar fiel ihm etwas länger in den Nacken und gutmütige blaue Augen musterten Harry. Die Gesichtszüge waren freundlich, aber zeugten auch von Zeiten der Entbehrung und des Leidens. Auffällig waren die Verfärbungen der Haut an den Ohren, die in allen Farben schillerten.

Nachdem Harry seine Bestandsaufnahme beendet hatte, trat der Mann an Harry heran und bot ihm die Hand an, „Ich bin Kareth", stellte sich der andere vor und Harry ergriff die Hand. Der Griff des anderen war kraftvoll und seine Haut fühlte sich ein wenig rau an, als hätte sie Schuppen, aber Harry schob es auf den Umgang mit den beiden Säbeln die an dessen Seiten hingen.

„Harry Potter", sagte Harry und ein Lächeln tauchte im Gesicht seines Gegenübers auf. „Ich weiß", informierte ihn Kareth, aber bevor Harry sich weiter wundern konnte, schnitt der Mann das nächste Thema an, das Harry auf dem Herzen lag. „Du musst Elminster entschuldigen. Die Zeit geht selbst an den Auserwählten Mystras nicht spurlos vorüber." „Auserwählter Mystras?", fragte Harry und der andere lächelte nachsichtig.

„Komm, setzen wir uns. Das kann länger dauern", seufzte Kareth, streifte sein Gepäck ab und ließ sich bei den Überresten des Lagerfeuers nieder. Harry tat es ihm gleich, erleichtert endlich Antworten zu bekommen. „Mystra ist die neue Göttin der Magie. Sie kontrolliert das Gewebe, die Verbindung zwischen den Magiewirkern und der rohen Magie, und ist für Elminster von besonderer Bedeutung. Er trug sie in sich als 1358, unserer Zeitrechnung, in den Jahren der Unruhe, zur Zeit des Götterkriegs, die Avatare über Faerûn wanderten.

„Mystra ist eine gute Göttin, die sich um das Leben sorgt und das Böse bekämpft, doch ihre Aufgaben lassen ihr nicht viel Zeit in die Belange der Welt der Sterblichen einzugreifen. Deshalb gibt sie Auserwählten außergewöhnliche Macht über die Magie, damit sie gegen das Böse kämpfen und Elminster ist der erste und stärkste Auserwählte, aber er zieht sich immer mehr zurück und bedient sich der Dienste von Leuten wie mir."

Harry hing an den Lippen des Fremden, den er schon als seinen Freund betrachtete und sog gierig alle Informationen auf. „Was dich vielleicht interessieren könnte, ist die Tatsache, dass du ein Auserwählter Mystras bist. Genau wie Elminster." „Ich bin ein Auserwählter Mystras?", wunderte sich Harry. „Wie sonst könntest den Todesfluch überlebt haben, wenn nicht die Göttin der Magie Lord Voldemort daran gehindert hätte dich zu töten?", stellte Kareth die Gegenfrage.

„Du kennst Lord Voldemort?", wunderte sich Harry erneut. Der Mann sah für einen Moment so aus als würde er sich auf die Zunge beißen, dann sagte er, „Ja, ich habe deine Welt das ein oder andere Mal besucht, aber das ist lange her, jedenfalls für mich." „Was meinst du damit?", fragte Harry, „Du kannst nicht älter als 30 sein! Was ist für dich lang?" Ein Grinsen stahl sich auf Kareths Züge. „Du schmeichelst mir. Ich lebe schon über 40 Jahre in dieser Welt. Man sieht es mir nicht an, weil Drachenblut in meinen Adern fließt und ich deshalb langsamer altere."

„Du hast Drachenblut in dir?", platzte es aus Harry heraus, dem das mehr als merkwürdig vorkam. Das Lächeln des Mannes wurde traurig, „Kein Blut von Drachen, wie du sie kennst, sondern das Blut von wahren Drachen. Eine mächtige, aber gefährliche, Blutslinie." „Was sind wahre Drachen?", stellte Harry die nächste Frage die ihm auf der Zunge brannte. „Wahre Drachen sind hoch intelligente Lebewesen, die mehrere Tausend Jahre alt werden und eine starke Affinität zur Magie haben. Es gibt chromatische und metallische Drachen, böse und gute. Beide sind goldgierig und hüten ihre Horte mit einer Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht, doch die chromatischen Drachen sind niederträchtig, hinterhältig, gemein und erfreuen sich am Leid schwächerer Kreaturen.

„Die metallischen Drachen sind edel, gutmütig und hilfsbereit, aber auch oft arrogant. Trotzdem suchen einige die Nähe der Menschen und leben in Menschenform unter ihnen. Manchmal verlieben sie sich auch und Leute wie ich, Halbdrachen, werden geboren", sagte der Mann mit schwermütiger Stimme. Sein Erbe schien ihn zu belasten, dass fühlte Harry auch ohne den Grund dafür zu kennen.

Eine kurze Stille breitete sich aus, aber plötzlich verschwand der traurige Gesichtsausdruck aus dem Gesicht des Halbdrachen und er klatschte in die Hände. „Lassen wir die Vergangenheit ruhen und konzentrieren wir uns auf die Gegenwart", sagte Kareth und griff in seinen Beutel. Er holte zwei Schwerter raus und warf Harry eins zu. Harry verpasste trotz seiner guten Reflexe das Heft und bekam die Klinge zu packen. Zum Glück für ihn war das Übungsschwert stumpf.

„Elminster ist der Meinung, das Magie alleine nichts ist. Deshalb soll ich dir ein paar Tricks zeigen und dich fit machen", erklärte der Mann dem jungen Zauberer, der den Griff seines Schwertes umklammerte. Die nächsten Stunden verbrachte Kareth damit dem Zauberer zu erklären, wie man das Schwert richtig hielt, wie man wann welchen Angriff und welche Parade benutzte und wie er auf seine Beinstellung zu achten hatte.

Obwohl es überwiegend Trockenübungen waren, kam Harry schnell ins schwitzen und sein Arm, der sonst nur den leichten Zauberstab gewöhnt war, begann bald zu zittern. Als sein neuer Trainer sah, dass Harry sich nicht mehr auf den Schwertkampf konzentrieren konnte, schulterte er seinen Bogen und nahm Harry mit auf die Jagd. Auch hier erklärte er Harry alles und der Zauberer lernte wie man Spuren las, wo man Wild finden konnte und wie man an eine Beute nah genug herankam, um sie zu erlegen.

Sie brauchten fasst zwei Stunden bis Kareth ein Reh zur Strecke bringen konnte. Auf dem Rückweg zum Lager sagte Kareth im Scherz, dass Reh müsse taub gewesen sein, da es Harry nicht gehört hatte. Harry blickte betreten zu Boden. Der Mann schien es zu schaffen jeden knackenden Stock und jedes raschelnde Blatt zu vermeiden und sich lautlos fortzubewegen ohne auf den Boden zu achten. Harry schaffte es trotz auf den Boden gehefteten Blickes sich nicht annährend leise zu bewegen.

Der Zauberer sprach den anderen darauf an und Kareth lachte nur. „Nur weil ich dir gesagt habe, was du machen musst, heißt das noch lange nicht, dass du es kannst. Solche Sachen brauchen viel Zeit und viel Übung. Aber keine Sorge, irgendwann wirst du es schaffen, da bin ich mir sicher", munterte der Mann, der das Reh geschultert hatte, den betrübten Harry auf. Harry verschob die Gurte der Wasserschläuche, die sie unterwegs an einer Quelle gefüllt hatten, und ging nicht mehr ganz so gebückt.

Auf der Lichtung angekommen, bekam Harry seine nächste Lektion: Tiere ausweiden. Der Halbdrache ließ ihn den Bauch mit einem Jagdmesser öffnen, die Innereien entfernen und zeigte ihm dann, wie man das Tier häutete. Dann wurde das Reh fachmännisch zerlegt und die Fleischstücke in Blätter eingewickelt, von denen Kareth behauptete sie würden das Fleisch frisch halten. Zum Mittagessen gab es dann Rehschulter, gewürzt mit verschiedenen Kräutern die Kareth im Wald gesammelt hatte.

Harry as gierig, da das Frühstück ausgefallen war und er unglaublichen Hunger hatte. Nachdem sie satt waren reinigte Kareth die Pfanne mit Magie. „Du kannst Zaubern?", wunderte sich Harry. Der Mann lächelte, „Ein wenig." Harry brachte das Gespräch erneut auf Mystra. „Du hast gesagt ich wäre ein Auserwählter Mystras, aber ich verfüge über keine besonderen magische Fähigkeiten. Bist du dir sicher das ich ein Auserwählter bin?", fragte Harry. Kareth überlegte ein paar Sekunden und antwortete dann, „Ich weiß nur das, was Elminster mir erzählt hat. Wenn er sagt, dass du von Mystra auserwählt wurdest, glaube ich ihm.

„Zu deinen magischen Fähigkeiten kann ich nur Vermutungen aufstellen. Ich denke, dass das Gewebe in deiner Welt schwächer ist und deshalb die Verbindung zur Magie nicht so stark ist wie hier. Deshalb braucht ihr auch Zauberstäbe um eure Magie zu fokussieren, wo hier manchmal der Wille allein reicht. Vielleicht warst du auch einfach zu jung für die Kräfte und wirst sie erst in Zukunft erhalten. So weit ich weiß werden die Auserwählten Mystras nicht geboren, sondern erst später für ihre Verdienste von Mystra ausgezeichnet."

Kareth beobachtete Harry, der einen Fettfleck auf seinem T-Shirt entdeckt hatte. Der Zauberer kopierte die Gesten die Kareth gemacht hatte um die Pfanne zu säubern und der Fleck verschwand. Der Drache zog eine Augenbraue hoch und forderte Harry auf ihn anzusehen. Der Junge sah ihn überrascht an, denn er hatte den vibrierenden Unterton wahrgenommen, der die plötzliche Anspannung seines Mentors verriet. Der Halbdrache nahm eins der Übungsschwerter zur Hand, bewegte die andere Hand in einem komplexen Muster und berührte dann die Klinge. Sofort ging ein helles Licht von dem Metall aus.

Kareth nahm das andere Schwert und warf es Harry zu. „Jetzt du", forderte der Halbdrache vom Jungen, der ihn beim Zauber genau beobachtet hatte. „Was?", fragte Harry perplex. „Bring es zum leuchten." „Aber woher…", setzte Harry an, doch Kareth unterbrach ihn. „Mach einfach dasselbe das ich getan habe." Harry versuchte die Geste des anderen nachzumachen und berührte das Schwert. Anstatt Licht schlug ihm Rausch entgegen, sodass er husten musste, doch der Ehrgeiz Kareths war geweckt.

„Schau genau hin, du hast zwei Bewegungen in der Mitte vertauscht", erklärte der Halbdrache und wiederholte den Zauber noch einmal. Harry beobachtete ihn genau und versuchte es erneut. Diesmal blitzte das Schwert kurz auf, dann war der Zauber verpufft. „Gut, du musst die Bewegungen nur schneller machen", wies ihn der Mann an und Harry versuchte es zum dritten Mal. Diesmal klappte es und ein triumphales Lächeln breitete sich auf den Zügen Kareths aus. Harry grinste schwach und starrte dabei auf seine Hand.

„Harry", der Junge sah den Mann an. „Du bist kein Zauberer, du bist ein Hexenmeister." „Ist das nicht beides das selbe?", fragte Harry verwirrt. „Es sind beides Magier, ja, aber sie erlernen Zauber unterschiedlich. Ein Zauberer muss sie studieren, lernen und erforschen. Ein Hexenmeister, wie du, begreift Magie intuitiv. Er muss nur sehen was er machen muss und welchen Effekt es hat und beherrscht dann den Spruch. Natürlich gilt das für erfahrene Hexenmeister. Da es für dich neu ist wird es dir schwerer fallen, komplexe Magie zu erlernen, aber du wirst dich schon daran gewöhnen."

„Aber ich habe doch tausend Mal gesehen, wie meine Lehrer uns Sprüche gezeigt haben und ich habe sie nie auf Anhieb beherrscht", beschwerte sich Harry. Kareth zuckte mit den Schultern, „Hey, ich bin kein Experte für Magie. Vielleicht kann Elminster dir etwas dazu erzählen", vertröstete ihn der Halbdrache.

Danach diskutierten sie bis weit nach Sonnenuntergang über Magie und das Leben in Faerûn. Für Harry hörten sich die Geschichten über Elfen, Halblinge, Menschen, Orks, Drachen und andere Völker wie wundersame Märchen an, doch bei Kareth schwang immer ein klein wenig Trauer mit, wenn er von seiner Welt erzählte. Schließlich gähnte Harry herzhaft. Sie hatten ihr Gespräch nur kurz unterbrochen um noch mal vom Reh zu zehren und das Training und das viele Reden hatten ihn müde gemacht.

Die Nacht war warm und Harry rollte sich unter der dünnen Decke die Kareth ihm gab ein und schlief während die Sterne, die ihm fremd waren, über ihm glitzerten. Träume kamen und gingen, ohne, dass er sie festhalten konnte, während sich die Räder der Macht um ihn herum unaufhaltsamen drehten.