Kate wälzte sich in ihrem Bett von der einen Seite auf die andere. Draußen war der nächtliche Lärm New Yorks zu hören, der Stadt, die niemals zur Ruhe kam.
Wieso hatte sie Ryans Schnapsidee bloß zugestimmt? Das konnte doch gar nicht klappen. Wie sollten sie und Castle glaubhaft ein Ehepaar darstellen? Und dann noch ein zerstrittenes. Wobei das vermutlich die geringste Schwierigkeit daran war, so wie ihre Partnerschaft zur Zeit aussah. Eigentlich hätte sie nie bei diesem Irrsinn mitgemacht. Sie wollte ja auch schon nein sagen, aber dann hatte sie Castles Gesicht gesehen, in dem für eine Sekunde das blanke Entsetzen stand, bevor er sich wieder unter Kontrolle hatte. Und das hatte für sie den Ausschlag gegeben. Entweder er sagte jetzt klipp und klar, welches Problem er mit ihr hatte oder er machte den Einsatz mit. Denn noch vor wenigen Wochen wäre eine solche Idee vermutlich sogar von ihm persönlich gekommen, mit entsprechenden zweideutigen Bemerkungen selbstverständlich. Irgendwie vermisste sie diese Seite an ihm.
Vielleicht brachte diese Eheberatung tatsächlich etwas, und wenn sie nur half, dass Castle wieder normal mit ihr redete. Beckett knuffte das Kissen unter ihrem Kopf zusammen und drehte sich auf die Seite, um endlich zu schlafen.
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„Dann sag ihr doch, dass du nicht mitkommen willst." Martha schenkte sich ein weiteres Glas Rotwein ein. „Wo ist das Problem?"
„Das kann ich nicht. Welchen Grund soll ich denn angeben?" Castle hielt sein halbvolles Whiskeyglas in der Hand, während er im Wohnzimmer auf und ab lief.
„Wie wäre es mit dem wahren Grund? Weil du nicht damit umgehen kannst, dass sie deine Gefühle nicht erwidert."
„Und mich wieder lächerlich machen? Nein danke, einmal reicht. Vielleicht könnte ich behaupten, dass ich zu einer Lesung muss", überlegte er.
„Jetzt benimmst du dich wirklich wie ein Fünfjähriger, mein Junge. Du hast behauptet, du könntest damit umgehen, als ich dir gesagt habe, dass du deine Gefühle nicht einfach abstellen kannst. Also musst du jetzt auch die Konsequenzen tragen." Sie leerte das Glas in einem Zug, stellte es auf den Couchtisch und erhob sich, um ins Bett zu gehen. „Und wer weiß, vielleicht tut euch beiden ein bisschen Therapie ganz gut."
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Drei Tage später stoppte Castle seinen Ferrari vor einem großen hellen Gebäude, das sehr an ein Luxushotel erinnerte.
Durch einen glücklichen Zufall (Castle persönlich hielt ihn allerdings für unglücklich), hatte das Everlasting Love-Institut tatsächlich kurzfristig einen Platz für das Ehepaar Simmons, so ihr Deckname. Die Vornamen würden sie beibehalten, um die Gefahr von Versprechern zu minimieren. Die letzten zwei Tage hatten Beckett und er ihre Coverstory besprochen. Nichts Außergewöhnliches, Richard Simmons hatte angeblich einige Affären gehabt, hinter die seine Frau gekommen war, dazu das übliche Problem, dass sie sich nach fast vier Jahren Ehe auseinandergelebt hatten.
Zur allgemeinen Verwunderung hatte Captain Gates nichts einzuwenden gehabt, als Beckett ihr Vorhaben angekündigt hatte. Sie war auf dem Weg zu einer wichtigen Tagung gewesen und hatte gar nicht richtig zugehört.
»Nicht mal auf Iron Gates kann man sich mehr verlassen«, dachte Castle verbittert und stellte den Motor ab. „Okay, Beckett, lassen wir die Show beginnen."
„Ich bin ab sofort Kate, vergiss das bitte nicht", erinnerte sie ihn mahnend, während sie die Beifahrertür öffnete und aus dem Sportwagen stieg.
„Entschuldigung, wird nicht wieder vorkommen." Er nahm seine Sonnenbrille ab und betrachtete das Gebäude gründlich. „Sehr edel", lautete sein Urteil, „und da kommt auch schon das Begrüßungskomitee." Wie aufs Stichwort öffnete sich die gläserne Eingangstür, eine blonde, sehr elegant gekleidete Dame von vielleicht Mitte vierzig kam heraus, ihr folgte ein junger Mann in einer Art Pagenuniform.
„Sie müssen Mr. und Mrs. Simmons sein", begrüßte die Dame sie freundlich, als sie bei ihnen angekommen war, und reichte ihnen die Hand. „Im Namen des Everlasting Love-Instituts darf ich Sie herzlich willkommen heißen! Mein Name ist Celia Dupont. Ich kümmere mich um unsere Gäste und möchte Ihnen die Woche bei uns so angenehm wie möglich gestalten. Darf ich Sie bitten, mich ins Haus zu begleiten, dann können wir die Formalitäten erledigen. Matthew wird sich um Ihr Gepäck kümmern und Ihr Auto in unsere Garage fahren."
„Danke, Matthew", Castle reichte dem jungen Mann seinen Autoschlüssel. Danach sah er sich draußen um. „Ein sehr großes und schönes Anwesen, Mrs. Dupont", bemerkte er. „Und so ruhig gelegen", ergänzte Beckett, „sehr angenehm im Vergleich zu Manhattan."
„Wir haben auch einen großen Garten hinter dem Gebäude", erklärte Celia Dupont und hielt ihnen die Tür auf. „Es ist sogar eher ein Park mit vielen Sitzgelegenheiten und kleinen Gartenpavillons. Die Wege sind auch zum Joggen geeignet, falls Sie daran Interesse haben. Außerdem befindet sich dort unser Erfahrungsplatz, den Sie im Rahmen Ihrer Therapiesitzungen kennenlernen werden." Castle wurde ganz unruhig bei ihren Worten. »Es ist nur eine Rolle, die du hier spielst, nur eine Rolle«, versuchte er sich zu beruhigen. Auch Beckett, also Kate, schien sich beim Wort Therapie etwas unwohl zu fühlen.
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In ihrem Büro erläuterte Celia Dupont, wie die Woche ablaufen würde. Tägliche gemeinsame Gespräche mit der Therapeutin, auch Einzelgespräche würden stattfinden. Dazu vertrauensbildende Übungen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken würden. „Natürlich bleibt Ihnen reichlich Zeit für weitere gemeinsame Unternehmungen. Des Weiteren finden Sie bei uns einen großen Wellnessbereich mit Pool, Sauna und Massage- und Schönheitsbehandlungen, sofern gewünscht." Sie erhob sich. „Ich werde Ihnen jetzt Ihre Suite zeigen. Danach kann ich Sie hier auf dem Gelände herumführen. Sie können aber auch gerne auf eigene Faust alles erkunden, wenn es Ihnen lieber ist."
Ein kurzer Augenkontakt zwischen Castle und Beckett genügte, hier waren sie sich einig. „Wir schauen uns erstmal alleine um", antwortete Castle. „Falls wir noch Fragen haben sollten, dürfen wir uns sicher an Sie wenden."
„Selbstverständlich."
Sie durchquerten eine helle Marmorhalle, die aufgrund der zahlreichen Grünpflanzen sehr freundlich wirkte. Durch das Glasdach schien die Sonne hinein. In einem Raum wurde Klavier gespielt, in einer gemütlich wirkenden Sitzecke saßen zwei Paare mittleren Alters und unterhielten sich angeregt.
Celia dirigierte sie zum Fahrstuhl und drückte für die oberste Etage. Wenige Minuten später standen sie vor einer weißen Zimmertür. Celia öffnete sie mittels einer Schlüsselkarte.
„Ich hoffe, Sie finden alles zu Ihrer Zufriedenheit vor." Mit der Bitte, sich zu melden, sollten sie noch etwas benötigen, ließ Celia sie allein.
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„Wow!", Beckett machte ein paar Schritte in die Suite hinein und sah sich hingerissen um. „Eine Schale mit Obst, frische Blumen auf dem Tisch, alles vom Feinsten."
Währenddessen öffnete Castle die Tür zum Schlafbereich. Auch hier, genau wie im Wohnbereich, nur edle Designermöbel, eines davon ein großes Doppelbett. „Meinst du, wir können fragen, ob wir ein zweites Bett bekommen?" Eigentlich sollte es wie ein Scherz rüberkommen, aber er hörte selbst, dass es eher beklommen klang. Beckett tauchte an seiner Seite auf und sah sich um. „Auf der Homepage stand, dass es auch getrennte Schlafmöglichkeiten gibt. Die wollen doch sicher nicht, dass sich die zerstrittenen Ehepaare nachts an die Gurgel gehen." Sie ging zurück in den Wohnraum und untersuchte die Couch. „Alles okay, das ist eine sehr komfortable Schlafcouch. Du kannst das Bett nehmen, ich schlafe hier."
„Wie du meinst."
Ihrem Gesichtsausdruck nach hatte Beckett offenbar erwartet, dass er darauf bestehen würde, selbst auf der Couch zu übernachten, aber er hatte jetzt keine Lust auf eine große Diskussion deswegen. Notfalls könnte er es am Abend immer noch anbieten.
Schweigend packten beide ihre Koffer aus, nur unterbrochen durch einen Anruf von Esposito, der sich erkundigte, ob bislang alles geklappt hatte. Während Beckett mit ihm telefonierte, räumte Castle sein Waschzeug ins luxuriöse Badezimmer. Sogar eine riesige Badewanne mit Massagedüsen war vorhanden.
„Espo und Ryan haben die Angestellten, soweit sie auf der Homepage des Instituts angegeben sind, überprüft. Bislang war niemand mit einer kriminellen Vergangenheit dabei, es gab nur ein paar Anzeigen wegen zu schnellen Fahrens. Und der Chefkoch hat ein paar Mal keinen Unterhalt an seine Ex gezahlt." Beckett war ihm ins Bad gefolgt und betrachtete völlig fasziniert das malerische Stillleben von diversen Flaschen, Dosen und Tuben, die ihr angeblicher Gatte dort gerade ausbreitete. Rasierschaum, Aftershave, Fönschaum, Eau der Toilette, eine Lotion für die anspruchsvolle Männerhaut, wie die Aufschrift verkündete, eigentlich alles, was der Markt an exklusiven Pflegeprodukten für Männer anbot, war hier versammelt. Sie verkniff sich jeden Kommentar. „Wollen wir uns zusammen das Haus und den Park ansehen?", schlug sie vor, als er endlich fertig war. „Sicher."
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Jetzt, wo sie ohne Celias Aufsicht waren, konnten sie sich endlich ungestört umsehen. Beckett war fast etwas eingeschüchtert von all dem Luxus, der sie umgab, die wertvollen Teppiche, die prächtigen Bilder an den Wänden. Doch Castle schien das überhaupt nicht zu beeindrucken.
Lediglich die kleine, aber sehr sorgfältig ausgewählte Bibliothek fand seine aufrichtige Begeisterung. Der Speisesaal, der eher wie ein kleines Restaurant war, unterteilt in kleine Nischen, in denen die Paare ungestört sitzen und essen konnten, wurde gerade für den Abend vorbereitet. Zahlreiche adrett gekleidete Kellner und Serviererinnen flitzten eilig umher, legten frische Tischtücher auf und verteilten das Besteck.
Beckett und Castle verließen das Haus über eine große Terrasse und gelangten in den Garten. Mehrere Wege führten in das weite Gelände, einer führte laut Wegweiser zu einem Tennisplatz, ein anderer zu einem See.
Es gab einen romantischen Rosengarten, in der Mitte einen plätschernden Springbrunnen, der jetzt in der Dämmerung beleuchtet war. Nicht weit davon befand sich ein kleiner Obstgarten, in dem das Naschen ausdrücklich erlaubt war, zumindest stand es so auf der Holztafel davor.
„Oh, Kirschen!" Beckett reckte sich und konnte einige der Früchte erreichen. Castle setzte sich einige Meter entfernt auf eine weiße Holzbank und beobachtete Beckett, die jetzt leider feststellen musste, dass die Kirschen noch zu sauer waren und ein entsprechendes Gesicht zog.
Er unterdrückte ein Seufzen. Es tat weh, Kate zu sehen, so weh, weil er so viel für sie empfand und wusste, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte. Und jetzt musste er tagelang rund um die Uhr mit ihr zusammen sein. Warum hatte er sich bloß auf diese Sache eingelassen?
Abrupt erhob er sich. „Ich denke, wir sollten jetzt zu Abend essen." Demonstrativ sah er auf seine Armbanduhr, während er auf Beckett wartete. Dann ging er zügig voran, so dass sie mit ihren hohen Absätzen auf dem Kiesweg kaum hinterherkam.
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Auf jedem der Tische im Speisesaal standen Kerzen, vermutlich um die Gäste in eine romantische Stimmung zu versetzen, doch zumindest bei Beckett und Castle wirkte es nicht. Mühsam unterhielten sie sich über Belanglosigkeiten und immer wieder schwiegen sie beide.
Kate stocherte lustlos in ihrem Salat herum. Eine junge Kellnerin brachte die Hauptspeisen und erlangte gleich Castles Aufmerksamkeit, der sich mit seinem charmanten Lächeln bei ihr bedankte. Er versuchte sogar eine Unterhaltung mit ihr anzufangen und erkundigte sich, wie lange sie schon hier arbeiten würde. Ob sie sicher sei, dass sie sich nicht schon mal begegnet seien.
Beckett presste verärgert die Lippen zusammen und rammte ihre Gabel in die Kalbsmedaillons. »Jetzt muss er auch noch einen Flirt mit der dummen Kuh anfangen«, dachte sie verärgert. »Aber mit ihren blondierten Haaren passt sie ja auch genau in sein Beuteschema.« Sie stopfte sich ein Stück Fleisch in den Mund und verschluckte sich prompt. „Nicht so hastig, Bec- Baby", verhaspelte Castle sich und klopfte ihr auf den Rücken. „Geht's wieder?"
„Natürlich, alles bestens", fauchte Beckett. „Aber ich fürchte, ich habe dir die Tour vermasselt bei der Kleinen."
Castle zog seine Hand, die noch auf Becketts Rücken gelegen hatte, rasch zurück, so als hätte er sich verbrannt. „Falls du es vergessen haben solltest, wir wollen die Angestellten hier unter die Lupe nehmen, um herauszufinden, wer hinter den Morden steckt", gab er mit eisiger Stimme zurück. „Deswegen werde ich mich auch mit dieser Kellnerin unterhalten. Zumindest wissen wir jetzt schon, dass sie Janine Miller heißt und seit zwei Jahren hier angestellt ist. Und das ging ganz einfach und unauffällig." Er griff nach dem Besteck und begann zu essen, ohne ein weiteres Wort an sie zu verschwenden.
Sie beendeten die Mahlzeit schweigend.
Beim Verlassen des Speisesaals verkündete Castle, noch einen kurzen Spaziergang zu machen. Beckett nickte stumm und ging hoch in ihre Suite.
