Hallo, Ihr Lieben,

Weihnachten ist schon wieder fast vorbei ---seufz---, das geht echt immer viel zu schnell!

Mein weihnachtlicher Dank gilt heute:

Amunet

Ja, ich dachte mir, an den Weihnachtsfeiertagen ist meist soviel Familientreff angesagt, dass ein wenig Ablenkung nicht schaden kann. Zumindest geht mir das immer so, daher das tägliche Update ---g---. Hmmm, nein, so wirklich viel kommt Santa nicht mehr vor, denn Harry ist ja schon genug ---angestupst--- worden. Aber natürlich ist er noch immer dabei.

Night-kitten

Dir auch fröhliche Weihnachten und bzgl. Deiner Anmerkung wegen Santa kann ich nur auf meine Antwort an Amunet verweisen ---knitter---. Hoffe aber, dass euch die Story trotzdem weiterhin gefällt.

None

Okay ---lach---, hoffe, das war dann schnell genug mit dem Update????

Leni4888

Ich denke auch, aber zur Sicherheit werden die Beiden natürlich noch etwas üben müssen ---gg---.

Zissy

Supermärkte? Am 1. Weihnachtsfeiertag? Na, du hast ja fromme Wünsche. Also bei uns ist alles dicht! Hast du denn einen gefunden??

Und meine Beta, der diese Story als Dank gewidmet ist, ist auch diesmal: Little Whisper!

Bin voll begeistert, wie gut euch die Story gefällt ---rumtanz---! So, nun haben wir aber genug gesmalltalked, wird Zeit für ein bisserl Action!

Hier also das neueste Update. Viel Spaß dabei

Eure Cassie

8. Dezember, Samstag

Harry hatte es geschafft Ginny aus dem Weg zu gehen, was angesichts der Tatsache, dass Samstag war und die Gryffindors den Gemeinschaftsraum belagerten, wirklich eine Leistung darstellte.

Glücklicherweise kam Ron auf die Idee, eine spontane Trainingseinheit auf dem Quidditchplatz hinzulegen und Harry war sofort Feuer und Flamme. Wenn es etwas gab, was ihn von verwirrenden Gedanken, Küssen, die nicht hätten sein sollen und tobenden Freundinnen ablenkte, dann war das Fliegen.

In Null Komma nichts warfen sie sich in ihre Trainingsklamotten und verließen mit den Besen in der Hand den Gemeinschaftsraum.

Harry sah nicht einmal, wie Ginny ihm mit traurigen Blicken hinterher blickte.

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Sie stiegen auf ihre Besen, kaum, dass ihre Füße den Rasen des Quidditchfeldes berührten und sausten durch die Luft.

Harry lachte befreit und genoss die kühle Winterluft, welche seine Wangen schon bald rötete. Sie zogen immer höhere Kreise und flogen verschiedene Manöver um sich aufzuwärmen.

"Sag mal, Harry, denkst du, du kriegst das mit Ginny wieder hin?", rief Ron ihm zu, während er einen eleganten Salto durch einen der Torringe absolvierte. Harry machte es ihm nach und sei es auch nur, um etwas Zeit herauszuschinden, denn er wusste nicht wirklich, was er antworten sollte. Ginny war immer ein Teil seines Lebens gewesen und eigentlich wollte er auch nicht, dass sich das irgendwie änderte. Andererseits…

Harry schüttelte energisch den Kopf. Warum benahm er sich eigentlich wie der letzte Idiot? Es war nur ein einziger verdammter scheiß heißer Kuss und das noch nicht einmal freiwillig! Harry verfluchte Santa Clause in Gedanken und rief Ron entschieden zu: "Klar doch! Sobald sie sich beruhigt hat, rede ich noch mal mit ihr!"

"Das kannst du gleich erledigen, Potter! Wir haben Training, also verpisst euch!", tönte eine kalte Stimme von unten zu ihnen herauf.

Ron stöhnte entnervt und Harry brauchte nicht lange zu fragen, wer ihnen da den Trainingsplatz streitig machen wollte. Entnervt blickte er auf das versammelte Quidditchteam der Slytherins hinunter und entdeckte… Draco. Harry schluckte und presste die Lippen aufeinander, was selbstverständlich überhaupt nichts mit der Erinnerung an Malfoys Mund auf seinem zu tun hatte.

"Wisst ihr was? Warum lassen wir nicht Draco und Potter gegeneinander fliegen? Der Verlierer verlässt das Feld!", rief Nott über den Platz.

Harry wollte protestieren und war schon fast soweit, den Platz freiwillig zu räumen, als sein Besen plötzlich nach unten sackte. In letzter Sekunde gelang es Harry sich abzufangen und keine Bruchlandung direkt vor den Augen der Slytherins hinzulegen. Nott lachte hämisch: "Sieht aus, als solltest du keine Probleme haben, Draco."

"Ja. Wahrscheinlich.", antwortete Draco und klang nachdenklich. Harrys Kopf schoss zu ihm herum. Da war er wieder. Dieser ungewohnte Blick. Diesmal war Draco es, der den Augenkontakt zuerst unterbrach. Mit einer eleganten Bewegung stieg er auf seinen Besen und erhob sich in die Luft. "Also, Potter?", fragte Draco kühl.

"Ja, Junge! Was ist mit dem Weihnachtswunsch?" Harry schaffte es nur mit allergrößter Mühe sich nicht herumzudrehen. Stattdessen schraubte er den Besen so hoch über die Köpfe der anderen Anwesenden, bis sie ihn nicht mehr hören konnten. Erst dann wandte er sich um und fand Santa Clause aberwitzig leichtfüßig auf seinem Besenstiel sitzen.

"Und der wäre? Mehr als ein paar verwirrende Gedankengänge hast du mir von Malfoy nicht verraten, also wie soll ich da wissen, was…?"

"Spiel einfach!", war die wenig erschöpfende Antwort und mit einem Fingerschnippen war Santa Clause genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Stattdessen erschien Malfoy auf Augenhöhe und warf ihm einen fragenden Blick zu. Harry zuckte mit den Schultern und sagte: "Spielen wir."

Es war ein hartes Match. Ron ließ den Schnatz mit der Gewissheit los, dass Harry ihn auf jeden Fall innerhalb der nächsten Viertelstunde fangen würde.

Eine gute Stunde später hockte Ron mit dem restlichen Slytherin-Team auf dem Rasen und starrte in den Himmel. Nirgends war auch nur ein Wölkchen zu sehen, die Wintersonne sank gemächlich dem Horizont entgegen. Leider war auch von Harry oder Draco nichts zu sehen, von dem goldenen Schnatz einmal ganz zu schweigen.

Während die einen also auf dem Rasen hockten und sich langweilten, trug sich in frostiger Höhe eines der härtesten Matches zwischen Gryffindor und Slytherin zu.

Gut ein Dutzend Mal hatte Harry den Schnatz gesehen und mindestens genauso oft war er hinter Draco hergestürzt, der plötzlich im Sturzflug dahinschoss, nur um dann festzustellen, dass sie beide den Schnatz aus den Augen verloren hatten. Mittlerweile flog Harry zähneklappernd seine Kreise und hielt mit wachsender Dringlichkeit nach dem goldenen Flirren des Schnatzes Ausschau. Der eiskalte Wind in dieser Höhe drang erbarmungslos durch sein Trikot und selbst der wärmende Trainingsumhang hatte die Waffen vor der Kälte gestreckt. Seine Finger klammerten sich taub und steif an dem Besenstiel fest, der die ersten Anzeichen von Erfrierungen zeigte.

Dann sah er ihn.

Sofort riss Harry seinen Besen herum und beschleunigte in Richtung des goldenen Flimmerns. Leider hatte Draco ihn wohl ebenso gesehen, denn der Slytherin tauchte von schräg unter ihm auf und war überraschend schnell auf Augenhöhe mit Harry.

Kopf an Kopf rasten sie auf den goldenen Schein zu, der mit jedem zurückgelegten Meter intensiver wurde. Harry spürte das bekannte Gefühl des Adrenalins durch seine Adern rauschen und presste sich noch enger an den Besenstiel, um auch das letzte Bisschen an Geschwindigkeit aus seinem Besen herauszuholen.

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Von alledem bekam man auf dem Quidditchfeld nichts mit.

"Wenn es nicht Potter wäre, gegen den Draco fliegt, würde ich echt vermuten die haben sich verpisst und lassen uns hier absichtlich warten.", maulte Blaise Zabini und verstärkte den Wärmezauber unter seinem Hinterteil.

"Ich werde nachsehen.", beschloss Ron, der allmählich begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. Keiner der Slytherins widersprach und Ron hegte die leise Vermutung, dass sie wohl gar nicht soviel dagegen hatten, dass die geplante Trainingsstunde offensichtlich ins Wasser fiel. Ron schnaubte und schwang sich auf seinen Besen. 'Wie wollen die jemals gegen Harry gewinnen, wenn sie zu faul zum trainieren sind?', fragte er sich und stieß sich vom Boden ab. Er gewann schnell an Höhe.

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Harry hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengepresst, denn der Wind hatte sich bei ihrer halsbrecherischen Geschwindigkeit in ein mit Reißzähnen bestücktes Ungeheuer verwandelt, welches an seinem schutzlosen Gesicht und seinen wehrlosen Händen nagte.

Einzig das Bewusstsein, dass es Malfoy nicht anders erging, ließ Harry das atemberaubende Tempo beibehalten. Er hatte nicht vor, sich von Draco jemals besiegen zu lassen. Gezwungener Kuss mit folgenden Gefühlsverwirrungen hin oder her!

Sein Besen stoppte so abrupt mitten im Flug, dass es Harry im Normalfall schlicht in die Tiefe katapultiert hätte und der brutale Ruck presste ihm die Luft aus den Lungen. Er stöhnte und klammerte sich instinktiv fester an seinen Besenstiel.

"Was bei allen schwarzen Hexen…?", keuchte er, sobald der brennende Schmerz in seinen Lungen nachgelassen hatte. Vorsichtig richtete Harry sich auf. Nach einem ratlosen Augenblick musste er feststellen, dass er noch immer auf seinem Besen saß. Mitten in der Luft. Und außer seinem Oberkörper konnte er nichts mehr bewegen.

"Shit.", kommentierte Malfoy an seiner Seite.

Harry bemerkte erst in diesem Moment, dass es dem Slytherin an seiner Seite nicht besser ging. "Was geht hier vor?", fragte er noch immer etwas außer Atem.

Malfoy stöhnte - in Harrys Ohren etwas übertrieben - und antwortete mit seiner üblichen Schnippigkeit: "Weißt du, Potter! So ganz allmählich frage ich mich ja, ob das Zufall ist."

Dieselbe Frage hätte Harry sich wohl auch gestellt, wenn er schon kapiert hätte, was vor sich ging. Da er das aber nicht tat, begnügte er sich mit einem verwirrten Blick, der schnell ins Böse abrutschte, als Draco mit den Augen rollte.

Erst der ausgestreckte Zeigefinger des Slytherins - er deutete irgendwo nach oben, über ihre Köpfe - brachte Harry die unangenehme Gewissheit.

Er starrte einige Sekunden auf das goldene Gebilde über ihren Köpfen und fragte sich, ob dies nicht vielleicht nur ein Alptraum war. Wie bitte sonst kam ein Mistelzweig in einer Höhe von gut 2000 Fuß über ihre Köpfe?

"Ein Mistelzweig.", stellte Harry trocken fest. "Ein goldener Mistelzweig in dieser Höhe? Mitten in der Luft? Das kann nur ein schlechter Scherz sein!"

"Wem sagst du das! Ich wiederhole mich gern noch einmal: Ich bezweifele langsam, dass das ein Zufall ist! Ständig tauchst du in meiner Nähe auf und hast verhexte Mistelzweige im Gepäck!", maulte Draco und betrachtete Harry in einer Mischung aus Empörung und Neugier.

"ICH HAB WAS?", brachte Harry fassungslos hervor. Dann, etwas ruhiger, denn die dünne Luft in ihrer Höhe machte das Schreien zu einer anstrengenden Angelegenheit: "Du glaubst, der Mistelzweig ist von mir und ich hätte ihn absichtlich hergeschafft?"

"Würde mich nicht wundern, immerhin hat dir ja unser Kuss ziemlich gefallen.", war die unverschämte Antwort, welche Harry die Schamesröte ins Gesicht trieb.

"Nun, Malfoy, da kann ich dich beruhigen! Ich habe nichts damit zu tun, aber vielleicht hast DU ja…"

Malfoy lachte ihn aus: "Als ob ich das nötig hätte."

Harry hatte schon eine gehässige Antwort auf den Lippen, als etwas hinter Malfoys Rücken seine Aufmerksamkeit erregte. Er blinzelte und verschluckte sich fast vor lauter Frustration, als er einen dickbäuchigen, rot-weiß befrackten Santa Clause entdeckte, der sich gerade in seinem Rentierschlitten davon machte.

Resigniert biss er sich auf die Lippe und schielte zu Draco hinüber, nur um festzustellen, dass dieser ihn mit diesem widerlich wissenden Grinsen betrachtete. "Na, sind dir die Ausreden ausgegangen?"

"Red keinen Müll! Als ob ich freiwillig mit dir knutschen würde! Ich hab im Gegensatz zu dir eine Freundin, Malfoy."

Malfoy verzog keine Miene, als er mit falscher Freundlichkeit antwortete: "Ja, und ich hab gehört, es läuft so richtig gut zwischen euch."

"Tut es.", antwortete Harry etwas zu schnell. "Und mal ganz davon abgesehen, geht dich das einen feuchten Dreck an."

Ein weiteres unverschämtes Grinsen war die Antwort.

Keiner von beiden registrierte, dass sie sich längst wieder bewegen konnten. Und auch der Mistelzweig war mit Santa Clause verschwunden.

Dann, Harry rechnete mit allem, aber nicht damit, dass Malfoy ihn ziemlich unwirsch an der Vorderseite seines Umhanges packte und zu sich heranzerrte. Ehe auch nur ein einziger Gedanke sich in Harrys Gehirn hätte formen können, wurde sein Kopf einfach leergefegt.

Ein weiteres Mal lagen Malfoys Lippen auf den seinen und Harry schaffte es immerhin noch sich zu wundern, wie weich Dracos Mund selbst in dieser Kälte noch war.

Doch die Kälte blieb nicht lange.

Draco war nicht mehr so vorsichtig wie bei ihrem ersten Kuss, dennoch schaffte er es auch diesmal, Harrys Schutzwall innerhalb von Sekunden zu zerschmettern.

Harry lehnte sich in den Kuss hinein und Malfoy lockerte den Griff an seinem Umhang. Der Fähigkeit beraubt auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können, übernahm Harry die Initiative und grub sanft seine Zähne in Dracos Lippen. Er spürte, wie Dracos Atem stockte und nun war Harry es, der Draco an seinem Umhang packte und fester an sich zog.

Die Kälte wich aus Harrys Lippen. Aus seinen Händen. Aus seinem Körper. Seine Welt brach ein weiteres Mal auseinander und fügte sich nur schwer wieder zusammen. Und nicht in der gleichen Weise wie vorher!

Zart wanderte seine Zungenspitze über Dracos Lippen, seine Mundwinkel. Ebenso zärtlich schob sie sich langsam vor. Harry zitterte, als Draco ihm willig entgegenkam und nichts war mehr wie es war.

Nach der Kälte ging auch die Zeit und aus Sekunden wurden Minuten. Minuten, die sie in schwindelerregender Höhe verbrachten. Aneinandergeklammert und versunken in einen nicht enden wollenden Strudel aus den widersprüchlichsten Gefühlen.

Dass Dracos Finger sich in seinen Nacken verirrt hatten, fiel Harry erst auf, als ein einzelner Finger zärtlich über seine Kehle strich. Er schauderte, während er sich unwillkürlich vorstellte, dass es Dracos Lippen sein könnten, die die empfindliche Haut über seiner Kehle liebkosten.

Einen Wimpernschlag lang trennten sich ihre Lippen und ein leises Wispern an seinen Lippen katapultierte Harry endgültig aus seiner bisher bekannten Gefühlswelt.

"Harry…"

Eine Welle schlingernder Emotionen brach über Harry herein und er küsste Draco erneut. Küsste ihn, wie er es mit Ginny niemals getan hatte. All seine widersprüchlichen Gefühle, seine unausgesprochene Sehnsucht und die Erkenntnis, dass nicht Ginny es war, die ihn in diese Weite der Emotionen schickte, legte Harry in diesen Kuss.

"HARRY! OH GÜTIGER MERLIN!"

Trotz des ohrenbetäubenden und ohne Zweifel abgrundtief entsetzten Aufschreis zu seiner Rechten, brauchte Harry einige kostbare Sekunden, bevor er sich dazu überwand den Kuss zu beenden. Kaum hatten sich ihre Lippen getrennt, blickte er in Dracos Augen. Niemals zuvor hatte er sie so aufgewühlt gesehen. Und entsetzt!

"HARRY! NEIN! NEIN! NEIN!!!!!!!!!!!!!!!"

Endlich fuhr er herum und mit einem Schlag wich Harry alles Blut aus dem Gesicht, während er in Rons weit aufgerissene Augen starrte. Seine Gedanken rasten, suchten verzweifelt nach einer plausiblen Erklärung für etwas, das sich mit rationalen Worten einfach nicht erklären ließ.

Ron nahm ihm jegliche Grübelei ab, indem er plötzlich die Augen verdrehte und hinterrücks auf seinen Besen krachte. In Zeitlupe sah Harry, wie sein Freund von seinem Fluggerät rutschte und in die Tiefe stürzte. Einige Augenblicke lang war Harry wie gelähmt und starrte den trudelnden Besen an, der sich seines Führers beraubt, ebenfalls der Schwerkraft ergeben musste.

Dann endlich begriff Harry was geschah. Mit vor Angst wild rasendem Herzen hetzte er Ron hinterher.

8. Dezember, Sonntag

Im allerletzten Moment war Harry nah genug an Ron herangekommen, um seinen Absturz weit genug zu bremsen, dass er lediglich mit ein paar Prellungen davonkam.

Auch wenn Ron nichts passiert war, die Schuldgefühle machten Harry fertig.

Seit Stunden hockte er nun schon auf dem harten Stuhl neben Rons Krankenbett und weigerte sich standhaft, den unzähligen Aufforderungen der Krankenschwester Folge zu leisten und endlich in seinen Gemeinschaftsraum zurückzukehren.

Ron war kurz nach seinem Eintreffen in der Krankenstation aufgewacht und schon die ersten Worte machten Harry klar, dass sein Freund sich an nichts erinnern konnte. Harry wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte. Madam Pomfrey behandelte Rons Prellungen und flößte ihm einen Schlaftrank ein. Obwohl das schlechte Gewissen Harry mächtig plagte, verschwieg er sowohl der Krankenschwester als auch Ron, welcher Teil seiner Erinnerungen ins Nichts verschwunden war.

Madam Pomfrey versuchte Harry endlich loszuwerden, als die Nacht über dem Schloss hereinbrach. Vergeblich.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war seine Sorge um Ron nur ein Grund, weshalb er nicht in sein Haus zurückkehren wollte.

Die anderen - unangenehmeren - Gründe verschwieg Harry geflissentlich und so war er ganz froh, dass er die Nacht an einem stillen Ort verbringen konnte.

Ohne Ginny in die Augen sehen zu müssen.

Ohne Gefahr zu laufen Draco durch Zufall auf dem Gang zu begegnen.

Der Tag ging vorüber und alles was Harry blieb war ein pulsierender, intensiver Kopfschmerz.

Und die traurige Erkenntnis, dass nichts mehr sein würde wie zuvor. Irgendwann mitten in der Nacht hatte Harry sich eingestehen müssen, dass Dracos Küsse etwas in ihm zum Leben erweckt hatten. Etwas, was wahrscheinlich schon immer in ihm schlummerte, auch wenn er nie auch nur einen Hauch einer Ahnung gehabt hatte.

Er ließ seine Erinnerungen an Draco Revue passieren, angefangen mit ihrem ersten Treffen bei Madam Malkin, bis hin zu ihrem letzten Kuss. Draco durchzog sein Leben wie ein roter Faden. Selbst wenn die meisten Erinnerungen an den Slytherin nicht unbedingt erfreulich waren, musste Harry sich eingestehen, dass Draco immer da gewesen war. Und so sehr Harry sich auch anstrengte, der Slytherin war einfach nicht mehr wegzudenken. Nicht vor ihren Küssen. Und nun, nach ihren Küssen, erst Recht nicht mehr.

Harry wusste, dass ihm einige schwierige Gespräche bevorstanden. Er würde nicht mehr mit Ginny zusammenkommen. Er konnte nicht!

9. Dezember, Montag

"Und du kannst dich echt an nichts erinnern?", fragte Ginny erneut und strich ihrem großen Bruder besorgt über das Haupt. Ron schüttelte grinsend den Kopf. "Nein. Alles, was ich noch weiß ist, dass ich die Nase voll von der Warterei hatte und nach oben geflogen bin um Harry zu suchen. Aber Madam Pomfrey sagt, dass die Erinnerung irgendwann, wenn ich es am wenigsten erwarte, wieder kommen wird."

Dieser Prognose der Krankenschwester konnte Harry nur zustimmen, denn sollte Ron sich wieder erinnern können, wäre es mit Sicherheit eine Erinnerung, die er nicht erwartete! Harry sank tiefer in seine Sessel und versuchte nicht so verdammt schuldbewusst auszusehen, wie er sich fühlte. Eigentlich wunderte es ihn, dass nicht jeder sah, dass sein schlechtes Gewissen wie ein Damoklesschwert über ihm schwebte. Es grenzte für ihn fast schon an Hexerei, dass alle sich so normal benahmen.

Ginny sprach noch immer nicht mit ihm.

Hermine sorgte sich um Ron und versuchte krampfhaft, das nicht allzu deutlich zu zeigen.

Ron gab seine Geschichte wieder und wieder zum Besten, jedes Mal mit ausgefeilteren, abenteuerlicheren Details gespickt.

"Sag mal, wer hat eigentlich gewonnen?", fragte Seamus nach einer Weile, während Ron gerade ausschmückte, wie gefährlich es für ihn war, in diese Höhen vorzudringen. Auf einem Besen.

Harry registrierte zuerst überhaupt nicht, dass Seamus ihn angesprochen hatte und war entsprechend überrascht, als der Ire ihn mit einem Kissen bewarf.

"Sag schon, Harry! Wer hat gewonnen?"

Augenblicklich wurde Harry knallrot und wünschte sich nichts mehr, als das die Sofakissen in seinem Rücken lebendig würden und ihn mit Haut und Haaren verschlangen. Was natürlich nicht geschah. Dafür war die Erinnerung an Draco Malfoy mehr als deutlich. Die Erinnerung an seine warmen Lippen, seine streichelnden Hände, seine leise Stimme, die seinen Namen wisperte.

Harry schluckte hart und brachte ein klägliches Grinsen zustande, als er antwortete: "Der Schnatz."

10. Dezember, Dienstag

Der Wochenanfang war vorüber und Harry machte sich keinerlei Illusionen darüber, dass er es schaffen würde, Draco auf Dauer aus dem Weg gehen zu können. Sicherlich hätte er sich irgendwie vor den Mahlzeiten in der Großen Halle drücken können, doch der gemeinsame Unterricht untergrub seine kläglichen Versuche, zu seinem alten, bekannten Leben zurückzukehren.

Er hatte das Frühstück geschwänzt und nun stand er mit zittrigen Knien vor dem Zaubertränkekerker und wartete auf das Unvermeidliche. Ron genoss noch immer Hermines volle Aufmerksamkeit. Worüber Harry froh war, denn ein einziger Blick seiner Freundin hätte wohl genügt, um seine nach außen hin mühsam aufrecht erhaltene Gleichgültigkeit fortzufegen.

Draco jedoch erschien erst, als Snape sie schon in den Klassenraum gescheucht und die Zutatenliste des zu brauenden Trankes an der Tafel hatte erscheinen lassen. Was anderen Schülern einen Haufen Hauspunkte gekostet hätte, brachte Draco nur einen tadelnden Blick seines Hauslehrers ein.

Augenblicklich wurde Harry noch elender zumute, was er nicht für möglich gehalten hätte.

Draco sah so miserabel aus, wie Harry sich fühlte. Die Übernächtigung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Als er an Harry vorüberging hielt er den Blick starr auf seine Füße gerichtet. Harry sah aus den Augenwinkeln - aufzuschauen wagte er nicht - dass Dracos Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst waren.

Harry beobachtete mit einiger Verwunderung, dass Draco sich still auf seinem Platz niederließ und selbst die fragenden Blicke von Pansy Parkinson ignorierte, die sofort näher an ihn heranrückte.

Hermine stieß ihn an und hinderte Harry in letzter Sekunde daran, seinen Trank schon mit der zweiten Zutat zu verschandeln. Er zwang seine Konzentration zurück auf die Zutatenliste, was ihm schwerer fiel als jemals zuvor.

Sicherlich, er hatte die letzten beiden Tage damit verbracht sich einzureden, dass er trotz der erschütternden Erkenntnisse an Rons Krankenbett, Ginny zurück WOLLTE. An diesem Morgen war Harry mit dem Gefühl aufgewacht, dass er sein altes Leben wieder finden würde, sobald er mit Ginny gesprochen und die Sache zwischen ihnen bereinigt hatte.

Er beobachtete, wie Pansy sich vertraut zu Draco hinüberlehnte, ihre Lippen fast seine Wange berührten, während sie miteinander flüsterten. Das drückende, ungewohnte Gefühl in seiner Magengegend machte Harry unmissverständlich klar, dass es mit Ginny nicht mehr funktionieren würde. Draco lächelte Pansy zögernd an und Harry ballte seine Hände unwillkürlich zu Fäusten zusammen, zerbrach dabei eine Phiole mit Drachenschuppen.

Hermine stöhnte verhalten. Snape schien auf diesen Moment geradezu gewartet zu haben, denn er erwuchs praktisch aus dem Boden vor Harrys Pult und zog seine übliche Ich-hasse-die-Welt-im-Allgemeinen-und-Gryffindors-im-Besonderen-Nummer ab. Was soviel bedeutete wie, dass Harry einen ordentlichen Verlust von Hauspunkten zu verantworten hatte.

Im Normalfall wäre Harry nach dieser Demütigung kurz vor einem Zustand heiligen Zorns und seine Freunde mussten ihn davon abhalten Snape mit bloßen Händen an die magere Gurgel zu springen.

Heute jedoch genügte die Tatsache, dass Dracos Kopf nach oben schnippte, sobald Snape den Namen Potter aussprach und sich ihre Blicke unweigerlich kreuzten.

Der Zaubertränkekerker um ihn herum verschwand und mit ihm der Rest der Welt. Alles, was für Harry in jenem Moment noch existierte war das geheimnisvolle unbekannte Universum in Dracos klaren, grauen Augen.

Trotz einer weiteren Beleidigung seitens Snape war alles, was Harry zustande brachte ein zweifellos reichlich dümmliches Grinsen. Ein Hauch Rot erschien auf Dracos Wangen und er senkte schnell den Kopf. Dennoch sah Harry sein Lächeln und es verursachte ein Gefühl in seinem Magen, als hätte er gut ein halbes Dutzend aufgeregt flatternder Schnatze verschluckt. Harrys Grinsen wurde breiter.

Wovon Snape alles andere als begeistert war und ihm prompt auch noch Nachsitzen aufbrummte für die Unverschämtheit in seiner Gegenwart zu lächeln. Nun stöhnte nicht nur Hermine, sondern auch Ron aus lauter Mitgefühl für Harry.

Der jedoch hatte das Gefühl, dass ihm eine Strafarbeit nie zuvor so wenig ausgemacht hatte. Den Rest der Doppelstunde verbrachte Harry damit, sich nicht erwischen zu lassen, wenn er Draco heimliche Blicke zuwarf. Dass Hermine ihn mit sich verdüsternder Miene und größer werdender Besorgnis ebenfalls beobachtete, bekam Harry nicht einmal mit.

Kaum war die Stunde zu Ende, war Draco schon auf den Beinen und rempelte Harry im Hinausgehen an. Was für alle Beteiligten wie eine normale Frotzelei zwischen den ewigen Kontrahenten aussah, brachte Harry an den Rande des Ausnahmezustandes. Seine Schulter, sein Arm, kurz jeder noch so kleine Millimeter seiner Haut kribbelte in einem wahnsinnigen Crescendo an Gefühlen, dort, wo Draco ihn berührt hatte. Ebenso schnell wie Draco ihm bei ihrem kleinen Zusammenprall etwas in die Hand schob, ebenso schnell ließ Harry es in seiner Umhangtasche verschwinden.

Niemandem fiel etwas Besonderes auf, nicht einmal Snape, der sie mit Argusaugen beobachtete in der Hoffnung, Gryffindor vielleicht auf die Schnelle noch ein paar Punkte abzuziehen. Niemandem außer Hermine. Die steile Sorgenfalte auf ihrer Stirn vertiefte sich.

---

Drei weitere Unterrichtsstunden später waren Harry und seine Freunde auf den Weg in die Große Halle zum Mittagessen. Hermine sah Ginnys auffälligen Lockenkopf schon von weitem und wandte sich Harry zu. "Da vorn ist Ginny."

"Hmm, ich seh sie.", log Harry und konnte sich nur schwer zurückhalten den Hals zu recken, um nach Draco Ausschau zu halten. Seine Gedanken kreisten nur noch um das abgerissene Stück Pergament, welches Draco ihm zugesteckt hatte. Erst in der letzten Stunde war es Harry gelungen die Nachricht zu lesen und das auch nur, weil Hermine an der Tafel stand und Ron zu abgelenkt war sie anzuhimmeln, als dass er auf Harry geachtet hatte.

Morgen, nach deiner Strafarbeit!

War alles, was Draco mit seiner schnörkellosen Schrift geschrieben hatte. Nur vier kleine Worte! Und diese vier kleinen Worte genügten um Harry beinahe durchdrehen zu lassen.

"Habt ihr euch immer noch nicht vertragen?", stichelte Hermine. Sie ließ sich auf ihren Platz sinken.

"Nein.", antwortete Harry enttäuscht. Das Bedauern in seiner Stimme war echt, denn ein Seitenblick hatte genügt um festzustellen, dass Draco nicht an seinem üblichen Platz saß.

"Wann redest du denn endlich mit ihr?"

"Bald." Immerhin war dies keine Lüge, auch wenn Harry ihr nicht unbedingt das sagen würde, was sie hören wollte.

11. Dezember, Mittwoch

Ihn als nervliches Wrack zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahres! Harry schaffte es kaum, sich im Unterricht auf irgendetwas anderes als den dahinschleichenden Sekundenzeiger der Uhr zu konzentrieren.

Noch beim Zubettgehen am vergangenen Abend hoffte er, dass der Ausnahmezustand sich geben würde, sobald er endlich wieder etwas geschlafen hatte. Leider waren allzu detailreiche Träume über Knutschereien in leeren Schulfluren und auf Quidditchbesen keine allzu große Hilfe bei diesem Vorhaben. Von der unübersehbaren Wirkung dieser Träume auf seine Leistengegend einmal ganz abgesehen.

Und seine Nervosität wuchs mit jeder Minute. Bekam er beim Frühstück schon kaum einen Bissen herunter, woran ein verdächtig grinsender Draco Malfoy nicht gerade unschuldig war, verweigerte Harry beim Mittagessen jeglichen Versuch feste Nahrung zu sich zu nehmen.

Hermine ging ihm mit ihrer ständigen Fragerei nach Ginny auf die Nerven. Ebenso wie Ron, der - ganz entgegen seiner sonstigen Art - geflissentlich schwieg, sobald der Name seiner Schwester fiel. Harry wusste, dass er ein schlechtes Gewissen haben sollte. Oder dass er sich zumindest ernsthaft Gedanken über die Tatsache machen sollte, dass er an nichts anderes mehr denken konnte als daran, ob Draco ihn küssen würde!

Er brachte weder das Eine, noch das Andere fertig.

So kam es, dass dieser Abend das erste Mal in der langen, umfangreichen Geschichte von Strafarbeiten bei Severus Snape war, dass der Bestrafte überpünktlich vor Snapes Klassenzimmer stand und auf Einlass wartete. Snape konnte seine Enttäuschung über Harrys Pünktlichkeit kaum verbergen. Und als Harry sich widerspruchslos, ja, geradezu skandalös erfreut daran machte, die Pulte zu schrubben, sank Snapes Laune ins Bodenlose.

Zwei Stunden später - Harry stand ergeben neben Snapes Lehrertisch und wartete auf die Abnahme seiner Arbeit - klopfte es an die Tür. Auf Snape missmutig gebrummeltes "Herein." erschien Draco und Harrys Herz setzte auf einen Schlag aus.

Draco schien ihn nicht zu beachten, sein Blick war starr auf seinen Hauslehrer gerichtet, als er fragte, ob Snape ein paar Minuten Zeit für ihn hätte. Snape war offensichtlich von der bloßen Anwesenheit seines Zöglings besänftigt und entließ Harry gnädigerweise ohne weiteren Punktverlust für Gryffindor.

Harry verließ so langsam wie er es für unauffällig hielt den Raum, konnte sich aber an der Tür nicht zurückhalten und warf einen letzten Blick zurück. Draco stand mittlerweile neben Snape, einen Finger in das aufgeschlagene Buch gelegt. Er schien Harrys Blick zu spüren und sah auf. Nicht lange. Nur den Bruchteil eines Augenblicks und gerade lang genug, als dass Harry sein flüchtiges Nicken registrieren konnte.

Mit wild klopfendem Herzen zog Harry die Tür hinter sich ins Schloss und lief den düsteren Flur hinunter. Bis zu jener verborgenen Nische gleich unterhalb der Treppe. Sofern Snape nicht zu so später Stunde noch Lust auf einen Spaziergang verspürte, brauchte Harry sich keine Sorgen über eine etwaige Entdeckung machen.

Er lehnte sich an die kalte, raue Steinwand und wartete.

Nach einem gefühlten halben Jahrhundert hörte er endlich, wie eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Vorsichtig lugte er um die Steinwand herum und atmete tief durch, während er Dracos schlanke Gestalt auf sich zukommen sah. Ein - peinlicherweise ziemlich seliges und hoffnungslos verknalltes - Lächeln schlich sich auf seine Lippen und Harry biss sich entsetzt auf die Zunge, als ihm klar wurde, wie furchtbar weibisch er sich aufführte. Nichts gegen Mädchen im Allgemeinen, aber Harry war nun einmal keines!

Harry trat aus seinem Versteck heraus und Draco blieb einige Schritte von ihm entfernt stehen. Lange schauten sie einander einfach nur an, nicht wissend, wie sie reagieren sollten. Vor lauter Aufregung war Harry dermaßen elend, dass nicht viel gefehlt hätte, um ihn ziemlich unorthodox in die Rüstung von Rudolf dem Rentiergesichtigen reihern zu lassen. Einzig die Tatsache, dass er in den letzten Tagen so gut wie nichts Essbares zu sich genommen hatte, bewahrte die altehrwürdige Rüstung vor dieser schändlichen Entweihung.

"Wir… wir müssen uns unterhalten.", brachte Draco schließlich heraus und strich sich durch die Haare. Harry nickte nur, gleichzeitig aufgeregt bei der Aussicht Zeit mit Draco zu verbringen und besorgt darüber, was wohl der Inhalt ihres Gespräches werden würde.

"Aber nicht hier.", fuhr Draco fort, deutete ihm mit einem Kopfnicken ihm zu folgen. Schweigend gingen sie den Flur entlang. Draco blieb vor der gebückten Statue von Griselda der Rührseligen stehen und zupfte am steinernen Ärmel der Statue. Interessiert beobachtete Harry, wie die Steinfigur zum Leben erwachte und bereitwillig ihre Röcke hob. Ein wenig pikiert über den Zutritt zu dem Geheimgang schlüpfte Harry hinter Draco in den Gang. Er fand sich in einem kleinen Stollen mit überraschend hoher Deckenhöhe wieder, an dessen Wand in großzügigen Abständen magische Fackeln für ein dämmriges Licht sorgten.

"Den Geheimgang kenne ich noch nicht.", entfuhr es ihm.

"Kannst du auch nicht, denn er führt direkt zum Eingang von Slytherin.", antwortete Draco neben ihm.

Harry fuhr herum. "Aber… was ist, wenn jemand hier lang kommt? Oder Snape…"

"Snape würde nur in akuter Lebensgefahr hier reinkommen, der hat nämlich Platzangst. Und über meine Hauskameraden mach dir mal keine Sorgen. Wenn jemand hier lang kommt, habe ich ein Problem, nicht du. Den Gang kannst du nur in Begleitung eines Slytherin betreten.", erklärte Draco und legte das Buch in einem kleinen Mauervorsprung ab.

Dann standen sie schweigend voreinander. Obgleich Harry nur Minuten zuvor tausend Sachen durch den Kopf geschossen waren, war sein Hirn plötzlich wie leergefegt. Und auch Draco schien es nicht anders zu gehen, denn der fand seine Schuhspitzen auffallend anbetungswürdig.

"Also… warum hast du mich hierher gebracht?", fragte Harry nach einer Weile verlegenem Rumstehens.

"Weil hier keine Mistelzweige rumhängen?", antwortete Draco etwas zu schnell.

"Aha.", sagte Harry und versuchte den Anflug von Enttäuschung zu verdrängen.

"Ich…", begann Draco und unterbrach sich. Harry hörte ihn geräuschvoll die Luft einziehen, bevor er endlich den Kopf hob und Harry ins Gesicht schaute.

Zu seiner größten Überraschung war es Unsicherheit, welche Harry im Gesicht des Slytherin las. Gleichzeitig ließ ihn die einsickernde Erkenntnis, dass Draco offenbar ebenso aufgeregt war wie er selbst, merkwürdig ruhig werden. Harry nahm all seinen Mut zusammen und beschloss alles auf eine Karte zu setzen. Es gab nur zwei Möglichkeiten und egal wie es ausging, er würde sich damit arrangieren müssen.

"Brauchen wir denn noch Mistelzweige?", fragte er leiser und wurde rot, als er hörte, wie rau seine Stimme klang.

Draco entgleisten praktisch die Gesichtszüge und Harry hatte noch nie so offen in dem Gesicht des Slytherin lesen können. Zuerst war da Unglaube, gefolgt von Fassungslosigkeit und dann… weiteten sich Dracos Pupillen, bis nur noch ein schmaler Streifen der hellen Iris zu sehen war. Er lächelte.

12. Dezember, Donnerstag

Harry schwebte in unbekannten Sphären, welche die berühmte Wolke 7 meilenweit unter sich gelassen hatten. Selbst die Tatsache, dass er erst sehr spät - oder, wenn man überkorrekt sein wollte - sehr früh ins Bett gekommen war und entsprechend wenig Schlaf gefunden hatte, machte ihm nichts aus.

Seine Zimmerkameraden beobachteten ihn nur verdattert, als Harry aus dem Bett sprang, kaum dass der Schulwecker seinen morgendlichen Weckruf ausposaunt hatte. Er sauste ins Bad und kam in Rekordzeit geduscht und vollständig angezogen in den Schlafsaal zurück.

Während Ron noch versuchte, das Unvermeidliche zu verdrängen, brachte Seamus auf den Punkt, was bei Harrys offensichtlichem Gehabe kaum zu übersehen war. "Also gut. Wie heißt sie?"

Ron wurde blass, als Harry nur ein breites Grinsen zur Antwort gab und jeglichen Versuch ihn weiter auszufragen damit unterband, drei Türchen des vernachlässigten Adventskalenders gleichzeitig aufzureißen. Sein fröhliches Summen ging in dem Crescendo eines Potpourris aus 'Jingle Bells, Rudolph the red-nosed reindeer' und 'Christmas is coming' unter.

Den Rest des Morgens blieb Harry von weiteren Fragen allein durch die Tatsache verschont, dass die morgendliche adventskalendarische Musikberieselung seinen Zimmerkameraden die Gehörgänge dermaßen durchpustet hatte, dass sie vorübergehend ertaubt waren.

So hockte er nun neben Ron im Geschichtsunterricht und versuchte erst gar nicht sich auf Binns monotone Monologe der monarchischen Monogamie des 12. monegassischen Jahrhunderts zu konzentrieren.

Stattdessen legte er seinen Kopf in beide Hände und ergab sich ganz der süßen Erinnerung an den vergangenen Abend.

Erinnerung an

Dracos Lächeln war alles, was Harry brauchte, um sich sicher zu sein, dass er ihn nicht zurückweisen würde. Er trat einen Schritt näher an den Slytherin heran. "Also, was denkst du?"

"Über die Mistelzweige?", fragte Draco und ein neckendes Funkeln lag in seinen Augen. Harry nickte. "Scheiß auf das Grünzeug!", sagte er, bevor sich seine Arme um Harrys Taille schlangen und ihn an sich zogen.

"Ich war selten so deiner Meinung.", flüsterte Harry. Und dann küssten sie sich. Zärtlich zuerst, war ihnen die plötzliche Intimität doch noch ungewohnt. Harry genoss es von Draco gehalten zu werden, seine Hände schlängelten sich in Dracos Nacken. Zum ersten Mal verstand er, warum so viele Mädchen einen größeren Freund bevorzugten. Dieser Gedanke ließ ihn lächeln. Draco unterbrach den Kuss und schaute ihn fragend an. Harry zog ihn sofort wieder an sich und verhinderte einen Protest mit einem weiteren sanften Kuss.

Bis zu diesem Punkt begriff Harry noch nicht wirklich, was mit ihm vorging. Das änderte sich in dem Moment, als Draco ihn langsam aber bestimmt nach hinten schob, bis Harry die Tunnelwand im Rücken spürte. Er wollte Draco fragen, was das sollte, denn der Stein fühlte sich hart und kalt an, selbst durch den Schulumhang.

Dazu kam Harry nicht mehr. In dem Augenblick, als Draco merkte, dass Harry nicht weiter zurückweichen konnte, presste er sich an ihn und vertiefte den Kuss. Ein wahrer Tornado an Emotionen fegte durch Harrys Körper und hinterließ nichts als die Trümmer seiner bisherigen mickrigen Leidenschaften.

Die Widersprüchlichkeit der Situation war es, die Harry den Rest gab. Der eisige Stein in seinem Rücken, Dracos warmer Körper, der sich an ihn drückte. Seine weichen Lippen, die ihn mit einem fordernd werdenden Kuss schier die Sinne raubten. Die Düsterkeit des Geheimganges im Gegensatz zu dem Leuchten in Dracos Augen, wenn sie ihre Lippenbekenntnisse gerade lang genug unterbrachen um sich ansehen zu können.

Und dann war da noch dieses eine kleine Detail. Diese winzige Nebensächlichkeit, welche Harry - plötzlich so gar nicht mehr winzig - handfest ins Gedächtnis rief, dass Draco eine Sache nicht war. Eine Frau!

Harry spürte selbst durch ihre Kleidung hindurch wie hart sich Dracos Erregung gegen ihn presste. Für einen Augenblick erschien es ihm irgendwie… pervers. Obwohl ihn selbst ihre Küsse alles andere als kalt ließen und seine Erregung nicht minder offensichtlich war. Harrys Zögern dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, doch Draco bemerkte es und brachte sofort Abstand zwischen sie, auch wenn er Harry nicht losließ. Harry schwankte zwischen Erleichterung und Bedauern.

"Tut mir leid.", flüsterte Draco und lehnte seine Stirn gegen Harrys. Der wusste nichts mit dieser Entschuldigung anzufangen und wollte Draco gerade nach einer Erklärung fragen, als dieser schon fortfuhr. "Ich wollte nicht… das geht viel zu schnell. Verzeih…."

Der erstaunte Ausdruck in seinem Gesicht musste wohl mehr gesagt haben als tausend Worte, denn Draco grinste plötzlich breit und fasste Harrys Gedankengang ziemlich treffend zusammen: "Was schaust du mich so an? Selbst wir Slytherins sind nicht wirklich die ignoranten Gefühlskrüppel, für die uns der Rest der Welt hält."

"Alles klar. Spätestens jetzt weiß ich, dass das hier nicht echt ist. Ich träume schon wieder!", antwortete Harry trocken.

"Schon WIEDER?" Dieser Gedanke schien Draco sichtlich zu gefallen. "So, so! Natürlich habe ich immer gewusst, dass du heimlich auf mich abfährst, aber das du das so einfach zugibst…", trotz ihrer Flachserei wurde Draco unvermittelt ernst und blickte Harry schweigend an.

"Was ist?", fragte Harry, als er dem fast schon unangenehm durchdringenden Blick nicht länger standhalten konnte.

Draco löste sich aus Harrys Armen und trat einen Schritt zurück. "Vielleicht, sollten wir das Ganze wirklich langsamer angehen lassen."

"Langsamer?", echote Harry nun endgültig verwirrt. Er wusste nichts mehr mit seinen Händen anzufangen, seit Draco aus seinen Armen verschwunden war und stopfte sie ein wenig hilflos in die Taschen seiner Schulhose.

Draco wich Harry aus. "Naja… ich meine, du hast eine Freundin. Ein Mädchen."

Ein leises Stimmchen Schuldbewusstsein meldete sich in Harrys Kopf. Er hatte noch immer nicht mit Ginny gesprochen.

"Und ich bin kein Mädchen.", stellte Draco überflüssigerweise fest. Ein Schauer überlief Harry, als er daran dachte, wie sich Draco nur Minuten zuvor an ihn gepresst hatte. Es war keine unangenehme Erinnerung.

"Also, was ich eigentlich sagen will ist." Draco ließ die Hand sinken und suchte Harrys Blick. Ein harter Zug erschien um seinen Mund, verlieh den folgenden Worten noch mehr Stärke: "Ich habe keinen Bock darauf, als dein Versuchskaninchen auf der Suche nach deiner sexuellen Identität zu dienen, klar?"

Harry war kurz davor mit Nein zu antworten, schwieg aber wider Erwarten doch. Betroffenheit machte sich in ihm breit. Dachte Draco so von ihm? Sicher hatte der Slytherin in einer Sache Recht. Es ging alles ziemlich schnell. Vor ein paar Tagen noch hätte Harry sein rechtes Bein darauf verwettet, dass er so hetero war, wie ein Kerl nur sein konnte. Doch das war vor Dracos Kuss… in einem anderen Leben.

Leider wertete Draco sein Schweigen vollkommen falsch und sein Blick verschloss sich. Er griff nach dem Buch und wandte sich ab. "Vielleicht solltest du zuerst herausfinden was genau du willst, Potter."

Harry starrte Dracos Rücken an und konnte kaum glauben, was er da hörte. Ein glückliches Lächeln legte sich auf seine Lippen. Draco hätte kaum offensichtlicher zeigen können, dass er tatsächlich etwas für Harry empfand, was über die nicht zu leugnende sexuelle Faszination hinausging. Warum sonst hätte er seine übliche arrogante Maske herauskehren sollen, sobald auch nur die Chance bestand, dass Harry ihn zurückwies?

"Draco.", sagte Harry leise. Der Slytherin blieb - wenn auch merklich zögernd - stehen und warf ihm einen düsteren Blick über die Schulter zu. Harry ging auf ihn zu, die Hände noch immer in den Hosentaschen vergraben. Ohne ein weiteres Wort lehnte er sich Draco entgegen und küsste ihn zärtlich. Er spürte Dracos Zaudern, der hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu gehen und dem Verlangen den Kuss zu genießen schien. Harry nahm ihm die Entscheidung ab und zog sich zurück. "Ich rede mit Ginny."

Erinnerung aus

Ein schmerzhafter Stoß in seine Rippen brachte Harry in die Gegenwart zurück und er fand sich einer missgelaunten Hermine gegenüber. "Hast du eigentlich ein Wort davon mitgekriegt, was ich da vorn erzählt habe?"

Harry errötete. "Nicht wirklich…", murmelte er kleinlaut.

Hermine verzog das Gesicht und ließ sich auf ihren Platz fallen. "Weißt du, Harry, du hast dich echt verändert in den letzten Tagen."

Sein schlechtes Gewissen stimmte Hermine sofort zu und doch war Harry noch nicht bereit über Draco zu reden. Er realisierte plötzlich, wie schwer es werden würde Hermine und Ron begreiflich zu machen, dass seine Gefühle für seinen ewigen Feind sich umgekehrt hatten. Dass er sich nach Dracos Nähe sehnte, obwohl sie erst wenige Stunden voneinander getrennt waren. Dass er sich kaum auf irgendetwas konzentrieren konnte als den Gedanken, wann er das nächste Mal mit Draco allein sein könnte.

Harry senkte den Kopf und starrte die abgenutzte Tischplatte seines Pultes an. 'Binns ist tot' hatte irgendein besonders witziger Schüler in das von vielen Schulheften blank polierte Holz geritzt. Harry seufzte und die Euphorie des Morgens begann zu verblassen. In Aussicht auf eine unvermeidliche Beichte bei Hermine und Ron erschien ihm das bevorstehende Gespräch mit Ginny plötzlich sehr einfach.

Tbc…

Read and Review, please.

Bis morgen dann --- winkt wie doof---