3. Gefährliche Schranken

Sie mussten mit der Tube (5) fahren, und Martina war diesmal diejenige, die den Weg wies. Trotz aller Vorbereitungen fand sich der Professor einfach nicht zurecht in der Muggelwelt. Er verstand das System des U-Bahnplans nicht, und wollte mehrmals in die falsche Richtung einsteigen. Wenigstens konnte sie sich für sein Gelächter vorhin revanchieren. Denn als sie sich (umständlich, da er immer dazwischenquatschte) Tickets gekauft hatten, und nun durch die Schranken gehen wollten, ließ Martina den schwer beladenen Professor vorgehen. Vielleicht war das ein Anflug von Gemeinheit, man konnte sich ja denken, dass er keine Ahnung hatte, was er tun musste. Das wird mein geneigter Leser allerdings nie erfahren, da ich meine Protagonistin niemals so bloßstellen würde.

Das Resultat ihrer Eingebung war allerdings, dass der arme Mann hilflos in der Drehschranke stecken blieb, da er nicht nur wie ein folgsamer Dackel vor dem Automaten stehen geblieben war, nachdem er die Karte eingeschoben hatte, und fasziniert beobachtete, was als nächstes passieren würde. Nein, auch die Pakete, die er so freundlicherweise für Martina trug (hier konnte er sie nicht einfach neben sich herschweben lassen, wie in der Diagon Alley), hinderten ihn ordentlich, als er endlich kapiert hatte, dass die Schranken seinen knackigen Hintern nicht von selbst auf die andere Seite befördern würden.

Martina ging fast kaputt vor Lachen.

Der Kontrolleur aus dem Glashäuschen musste extra kommen und die Schranken manuell lösen, damit Professor Snape weitergehen konnte. Natürlich kontrollierte er mit Argusaugen das Ticket, da er annahm, der Mann wollte sich ohne einschleichen. Das war dem Professor so peinlich, dass er puterrot anlief. Denn viele Leute blieben stehen, verfolgten das Tohuwabohu mit heiterem Interesse und gaben mehr als hilfreiche Ratschläge, wie man sich in dem Fall zu verhalten hat, wenn man mit einer ungezähmten U-Bahnschranke konfrontiert wird. Doch schließlich war auch dieses Abenteuer überstanden, ungesehen waren sie in King's Cross durch die Trennwand zwischen Bahnsteig neun und zehn entwischt und saßen gemütlich im Hogwarts' Express, den sie um fünf Sekunden verpasst hätten, wenn der Lokführer nicht noch gesehen hätte, wie zuerst der rennende Professor über eine Tüte zwischen seinen Beinen stolperte, und Martina dann über ihn. Die Engländer sind in dieser Hinsicht wirklich sehr kommod. Ein deutscher Zugführer hätte sein Signal geblasen und wäre abgedampft. Interessiert den doch nicht, dass da zwei Menschen platt auf dem Bahnsteig liegen.

Sie saßen schon eine Weile im Zug. Alle Tüten waren in den Gepäckfächern über ihren Köpfen verstaut, sie hatten ein Abteil für sich und hatten sich darin schön ausgebreitet.

„So... what did you do so far?" wurde sie schließlich von dem hübschen Professor angesprochen. Eine Tüte löste sich aus der Umklammerung des Gepäcknetzes, rutschte langsam zum Rand, bekam Übergewicht und landete sicher auf seinem Kopf. Martina schmiss sich in den Sitz vor Lachen. Professor Snape blickte erst recht überrascht drein ob des unerwarteten Angriffs einer Papiertüte, dann schloss er sich ihr an. Mit Tränen in den Augen japste sie eine Antwort:

„Ai häve bien stadiing baiolodschy. Bat Ai think Ai will nau start an – Ausbildung?" Der Mann sah sie verständnislos an. „Thätt is samthing speschial tu Dschörmany: After finisching skuhl, wie kän either stady or faind a kampäny thätt träins as for thrie jiers. Then wie riecieve a sort of sertifikät thätt kläims as tu bie fully träined wörkers in this field of the market. Änd Ai think Ai äm going tu biekome a tschildren's nörse."

„I see. So you have finished your researches on biology now?" Martina verneinte dies und erklärte ihm, dass sie höchstwahrscheinlich die Chemieprüfung ein drittes Mal nicht bestehen würde, was sie von der Zulassung zur Zwischenprüfung ausschließen würde. Deshalb hatte sie umgesattelt und sich für eine Ausbildungsstelle beworben. Sie diskutierten noch eine Weile über die Unterschiede im englischen und deutschen Schulsystem (Professor Snape lernte hinzu, dass auch in der englischen Muggelwelt die Oberschule aus sieben Klassen besteht) und erörterten, ob es besser sei, die Kinder zwei Jahre kürzer in die Schule zu schicken, dafür aber den ganzen Tag lang, oder lieber neun Klassen Oberschule mit Vormittagsunterricht zu gestalten. Irgendwann wurden sie beide sehr schläfrig, und bevor sie sich's versahen, wurden sie von einem Ruck im Zug geweckt. Sie waren in Hogsmeade eingefahren.

Sie luden alle Tüten aus dem Gepäcknetz und verließen die Lokomotive. Es war schon mitten in der Nacht, und ein bisschen kalt geworden. Martina fröstelte, und als Professor Snape dies merkte, bot er ihr liebenswert seinen Umhang an, den sie sehr gerne annahm. Natürlich war sie rot angelaufen, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden (6).

Sie gingen in Richtung des Sees, denn auch sie sollte in den Genuss der Erstklässler kommen, und das Schloss zum ersten Mal in all seiner Pracht vom Wasser aus zu sehen bekommen. Und es war wirklich herrlich! Die Fenster waren heimelig erleuchtet, und viele Fackeln brannten rings um die alten steinernen Mauern. Auf der glatten Seeoberfläche, die wie geschmolzenes Gruftimake-up unter ihnen schimmerte, spiegelte sich das Feuer von Hogwarts.

Ja, hier kann ich es mir gefallen lassen. Mit diesem Gedanken wischte sie den letzten Rest Bedenken zur Seite. Im Zug hatte sie noch eine ganze Weile gegrübelt, ob sie so einfach von zu Hause weggehen konnte. Nachdem Professor Snape ihre Ängste gestillt hatte, dass ja die Eltern gar nichts davon wussten, wo sie nun war und warum sie nicht zurück kam, und ihr versichert hatte, dass sie jedem ihrer Freunde schreiben durfte, hatte sie sich nicht mehr damit beschäftigt. Sie war nämlich eingeschlafen.

Der Lehrer hatte ihr erklärt, dass ihre Eltern mittlerweile bereits Bescheid wissen müssten. Lady Schneider war, zusammen mit einem Mitglied des Deutschen Ministeriums für Schulangelegenheiten, zu Martinas Eltern gegangen, um ihnen die Situation auseinanderzusetzen.

Na, hoffentlich glauben sie das auch! Die werden auch bemerken, dass „Lady" Schneider (sie konnte den Titel nicht mal anders als verächtlich denken) wie die Serafina aussieht. Und sie kennen sie immerhin gut genug, um ihr zutrauen zu können, dass sie sich so einen Scheiß ausdenkt, um sie auf die Schippe zu nehmen... Sie seufzte, und trieb dann diese Gedanken fort. Mittlerweile waren sie schon auf der anderen Seite des Sees angekommen.

Professor Snape und Martina gingen auf den Haupteingang zu. Langsam wurde ihr mulmig zumute. Die ganze Schülerschaft war schon dort versammelt, es war der 2. September (Mist, ich verpass ja dieses Jahr die Wies'n!), und wahrscheinlich würde sie von allen angegafft werden. Warum konnten diese dämlichen Lehrer (natürlich schloss sie Professor Snape hier aus der Allgemeinheit aus) sie nicht einen Tag früher abholen? Doch auch das hatte der Professor erklärt: erst in letzter Minute waren alle bürokratischen Angelegenheiten erledigt gewesen, sodass sie erst einen Tag später anfangen konnte in Hogwarts.

„Everybody will already be sound asleep, so do not worry." sagte er, als er ihren verkrampften Gesichtsausdruck sah. Das beruhigte sie. Wenn er das sagte, wollte sie sich absolut keine Sorgen machen. Er war ihr Held, der in der Dunkelheit der Nacht auf feurigem Ross zu Hilfe geeilt war –

Entschuldigung, ich habe das Dokument verwechselt...

Na, er hatte ihr auf jeden Fall wieder Mut gemacht.

Als die beiden ins Schloss traten, kam ihnen eine schwarze Katze entgegen. Sie beäugte sie mit durchdringendem Blick und schlich dann um eine Ecke.

„This is Ms Woodhouse, our caretaker's cat. She is sort of his right hand, and first-rank spy." erklärte er ihr mit einem Augenzwinkern.

Da liest jemand gerne Muggelbücher... aber eigentlich heißt Filchs Katze doch Mrs. Norris. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, wurde sie von tosendem Lärm unterbrochen.


(5) die Londoner U-Bahn
(6) Zum Beispiel jetzt: Martina lief knallrot an, als Professor Snape ihr den Umhang reichte.
Ende.