Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Grüne Augen bohrten sich in Dunkelbraune und dunkelbraune Augen blitzten aufmüpfig zurück. Das stumme Augenduell trugen die beiden schon seid etwa 5 Minuten aus und die dritte Person im Bunde tupfte sich seufzend mit einem gepunkteten Spitzentaschentuch die schweißnasse Stirn ab.
Mr. Bowle, Katies äußerst gutmütiger Chef, der anscheinend nicht so recht wusste, wie er mit dieser Situation eigentlich umzugehen hatte, stand neben seiner jungen Medimagierin. Bell gegenüber stand Jamie, der rotzfreche Bengel, der sich seid gestern bei ihr einquartiert hatte, nun ihren Neffen spielte und fast den Scherzladen der Weasley-Zwillinge in die Luft gejagt hätte. Aber zu ihrer Erleichterung oder sollte sie lieber Schock sagen, waren die beiden Rotschöpfe von dem Jungen - trotz Anfangsschwierigkeiten - völlig begeistert gewesen und hatten ihm eingebläut auf Hogwarts später mal jede Menge Ärger zu machen - ihren Segen hatte er auf jeden Fall schon einmal und jede Menge Preisnachlass auf ihre Scherzartikel.
Nur leider waren gegen Abend auch unangenehme Fragen, seitens Alicia aus, nicht ausgeblieben und Katie hatte sich noch weitaus mehr in Lügen verstrickt. Warum hatte sie das eigentlich getan? Wollte sie den Kleinen schützen? Sie kannte ihn nicht einmal. Aber wenn sie ihn wegschickte, wäre er plötzlich auf sich allein gestellt. Das konnte sie auf keinen Fall verantworten.
Aber ob die ganze Sache noch nicht schlimm genug gewesen wäre. Katie hatte Jamie im Ministerium bei Angelina Johnson lassen wollen - so lange sie halt beim Trainingsspiel anwesend sein musste und sie hätte ihn schließlich später wieder abgeholt. Ihre Freundin hatte sogar zugesagt. Etwas Abwechslung wäre willkommen gewesen. Nur hatte der kleine Junge ihr gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jamie hatte angefangen herzzerreißend zu schluchzen und Johnson hatte ihn kurzerhand gepackt - war mit ihm quer durchs Ministerium gerannt und hatte ihren ‚Neffen' wieder bei ihr abgeliefert, bevor sie mit Mr. Bowle gemeinsam hätte apparieren können.
Nun standen sie sich also im Büro ihres Chefs gegenüber und Katie weigerte sich hartnäckig seinem Willen nachzugeben, sie doch bitte begleiten zu können. Das war einfach nicht möglich!
„Wie oft soll ich dir das denn noch sagen? Du kannst nicht mitkommen!", versuchte sie es ein weiteres Mal zähneknirschend und durchbrach die eingetretene Stille.
„Aber der nette Mister hier" - Jamie deutete auf Mr. Bowle, der ihm ein freundliches Lächeln schenkte - „hat gesagt, ich kann mitkommen." In seinen Tränen glitzerten noch die letzten Tränen, die Katies Meinung nach, nur gespielt gewesen waren. Dieser Bengel war echt durchtrieben und schreckte vor nichts zurück. Der würde sicherlich ein zukünftiger Slytherin. Oh ja, dieses Haus würde hervorragend zu ihm passen.
„Ziehe nicht meinen Chef in diese Sache hinein", zischte der blonde Wirbelwind und widmete sich rasch dem sichtlich überforderten Mann zu. „Mr. Bowle, mir ist diese Sache äußerst unangenehm und es tut mir Leid. Bitte verzeihen sie diesen Aufstand. Mein Neffe ist gestern überraschenderweise zu Besuch gekommen…" Mr. Bowle hob gemächlich seine rechte Hand in die Höhe. Sie würden noch morgen hier stehen, wenn sie sich nicht bald einigen würden und das konnte er auf keinen Fall verantworten. Es galt immerhin noch andere Dinge zu erledigen.
„Mrs. Bell machen sie sich darüber bitte keinen Kopf. In Anbetracht der Lage würde ich dem wirklich zustimmen ihren Neffen einfach mitzunehmen. Wenn er verspricht ruhig zu sein und auf jedes ihrer Worte hören wird." Jamie begann daraufhin zu strahlen und schüttelte überschwänglich die Hand des netten Mannes, der eins dieser Großväter-Lächeln aufsetzte und seinen Kopf Richtung Kamin neigte. Nun würden sie mit Flohpulver reisen müssen.
„Natürlich wird er das! Vielen Dank, Mr. Bowle. Es wird auch nicht wieder vorkommen", versicherte die junge Medimagierin mit hoher Stimme und sah wie der Kleine ihr siegreich die Zunge herausstreckte, was ihr Chef zum Glück nicht registrierte, da er mittlerweile vorm Kamin stand. Katie würde ihn, wenn sie Zuhause waren, gehörig die Leviten lesen. Er konnte sich echt auf ein Donnerwetter gefasst machen.
Katie hatte das Reisen übers Flohnetzwerk schon immer gehasst und spätestens jetzt hasste sie es abgrundtief, als sie mit ihren Kopf an die Decke des Kamins stieß. Es gab ein dumpfes unangenehmes Geräusch und ihr schossen vor Schmerzen sogar winzige Tränen in die Augen, diese sie rasch wegblinzelte und sie letztendlich aus dem Kamin taumelte.
Sogar der kleine Jamie verkniff sich ein schadenfrohes Grinsen und Mr. Bowle entschuldigte sich zig Mal, dass er sie nicht vorher, wegen des niedrigen Kamins, gewarnt hatte. Bell winkte ab, ignorierte das schmerzhafte Pochen in ihrem Kopf und klopfte sich den schwarzen Ruß von ihrem limonenfarbenen Umhang.
„Mr. Bowle, da sind sie ja endlich", schwang eine vorwurfsvolle und kräftige Stimme zu ihnen hinüber.
Katie ließ ihre Blicke kurz durch das ungemütlich wirkende und sehr kleine Büro schweifen. Etliche Pergamentrollen quollen aus den überfüllten Regalen, kaputte Besen lehnten vorm runden Fenster und es roch hier zudem noch sehr streng. Aber das wohl bizarrste in diesem Raum war der stämmige und riesige bärtige Mann, der hinter einem Schreibtisch, auf dem ein Haufen an Dokumenten thronte, saß - sich aber nun rasch erhob und seine großen Pranken nach ihrem Chef ausstreckte und die kleine Hand des anderen kräftig schüttelte. Der Mann nahm fast die Hälfte des schmuddeligen Büros ein!
„Es tut mir außerordentlich leid, Mr. Deverill. Es gab einige Komplikation", entschuldigte sich Mr. Bowle und winkte Katie hastig zu sich her, dem sie natürlich sofort nachging. Sie setzte ihr strahlendes Lächeln auf und schüttelte Mr. Deverill ebenfalls die Hand. Ihr halber Arm ging fast darin unter.
„Freut mich, Mr. Deverill. Ich bin Katie Bell und stehe ihnen ab heute als Medimagierin zur Verfügung."
„Angenehm Mrs. Bell. Mein Name ist Philbert Deverill, ich bin der Manager von Puddlemere United. Auf gute Zusammenarbeit", meinte er diesmal in einer freundlicheren Tonlage und ließ ihre Hand wieder los.
„Wie? Puddlemere United?", wiederholte sie verwirrt und kaum hörbar. Aber das hieß ja, … nein! Bell schüttelte rasch ihren Kopf. Das war völlig nebensächlich, … auch wenn sie ihn nach so langer Zeit endlich wiedersah. Dieser schottische Idiot, der plötzlich zu einem Quidditch-Star mutiert war, war sich ja zu fein um sich hin und wieder mal bei seinen alten Freunden zu melden. Sie würde ihn wie all die anderen Spieler behandeln müssen.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Mrs. Bell?", fragte der Manager rau, woraufhin sie stumm ihren Kopf schüttelte und tapfer lächelte.
„Und wer ist der Knirps?" Mr. Deverill schien Jamie endlich entdeckt zu haben, der neugierig die kaputten Besen am Fenster unter die Lupe genommen hatte und keine Notiz von den Erwachsenen nahm.
„Das ist der Neffe von Mrs. Bell", flüsterte Katies Chef dem anderen mit entschuldigender Stimmlage ins Ohr. „Machen sie sich keine Sorgen. Er ist nur dieses eine Mal dabei", fügte er angesichts des mürrischen Gesichtsausdrucks von Mr. Deverill noch schnell hinzu und klatschte in die Hände.
„So, … ich verabschiede mich dann auch schon wieder. Ich habe noch einige wichtige Termine. Mr. Deverill sie werden mit Mrs. Bell äußerst zufrieden sein. Sollten trotzdem Probleme auftreten, bitte zögern sie nicht, mich zu kontaktieren." Bevor die junge Medimagierin daraufhin überhaupt noch etwas erwidern konnte, war Mr. Bowle auch schon geduckt in den Kamin gestiegen und die grünen Flammen verschluckten ihn kurzerhand gierig.
Jamie hatte Probleme den zwei Erwachsenen hinter herzukommen und erhaschte hier und da mal einen Blick auf die Räumlichkeiten. Sogar Katie konnte bei dem Tempo, welches Mr. Deverill an den Tag legte, kaum mithalten. Der bärtige Manager führte die beiden durch das riesige Gebäude von Puddlemere United. Er zeigte ihnen die Aufenthaltsräume, den Speisesaal, die Umkleideräume und letztendlich ging es dann endlich raus aufs Quidditch-Feld zu den Bänken, auf welche sich einige junge und vor allem gut aussehende Quidditch-Spieler tummelten.
Katie merkte, wie ihr Puls in die Höhe schoss und ihr Herz begann aufgeregt gegen ihren Brustkorb zu hämmern. Ihr erster Tag, … und das gleich bei dem ältesten Verein der Liga. Aber nicht nur das, sie würde auch …! Ein Zischen an ihrem Ohr ließ sie gedanklich inne halten. Ein Klatscher war nur sehr haarscharf an ihrem Gesicht vorbeigeschossen und wirbelte - dank des starken Luftzugs - ihr blondes Haar, welches zu einem Zopf zusammen gefasst worden war, hin und her.
„Corow, du Vollidiot!", brüllte Mr. Deverill zu einem breitschultrigen Mann mit finsterer Miene hinauf. „Pass gefälligst auf und hau nicht unsere neue Medimagierin KO."
Das Schreien oder besser gesagt die Neuigkeit über das Eintreffen der Medimagierin ließ die Männer auf der Ersatzbank aufsehen. Katie verspürte gerade das dringende Bedürfnis sich irgendwo verstecken zu können und griff nach rechts um ihre Hand auf die Schulter des Jungens zulegen, sozusagen als seelische Stütze. Nur griff sie dummerweise ins Leere und sie begann sich sofort hektisch um zusehen. Verdammt, … wo war Jamie hin? Hatten sie ihn verloren? Oder trieb der sich unerlaubterweise irgendwo herum. Sie glaubte stark an letztere Option. Wahrscheinlich schnüffelte dieser Lausebengel durch das Gebäude. Oh nein, das konnte ihren Job kosten.
„So Jungs, alle mal hergehört!" Mr. Deverill baute sich vor den Quidditch-Spielern auf." Das hier ist Katie Bell, sie wird ab heute ein Auge auf euch haben und wenn nötig wieder zusammenflicken."
Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, spürte die großen Pranken des Managers auf ihren Schultern, der sie auf die Gruppe weiter zuschob, welche sie neugierig und unverhohlen musterte. Falsche Richtung, eindeutig falsche Richtung. Unter diesen Blicken konnte sich Frau nur unwohl fühlen.
„Also von ihr lass ich mich gerne wieder zusammenflicken´", grinste der junge Mann ganz vorne gut gelaunt und fuhr sich mit seiner rechten Hand kurz durch sein dunkelbraunes Haar - bedachte Katie mit seinen himmelblauen Augen durch dringlich, was ihre Knie doch tatsächlich weich werden ließ.
„Ach halt die Klappe, Heddings. Du elender Frauenheld. Lass die Kleine in Ruhe." Der junge Mann neben ihm erhob sich und blieb lächelnd vor Katie stehen.
„Entschuldige die Jungs. Sie meinen es nicht böse. Die sind immer so drauf. Ich bin Sam Carter, der Team Kapitän. Freut mich Mrs. Bell."
Sie lächelte ein klein wenig verschüchtert, aber spätestens jetzt war das Eis gebrochen. Dieser Carter war ihr auf Anhieb sympathisch. Er hatte ein freundliches Auftreten, war groß, hatte strohblondes Haar, helle braune Augen und ein nettes Lächeln.
„Außerdem ist der Rest dieses Haufen ohnehin total uninteressant." Carter ignorierte die empörten Rufe seiner Teamkollegen und fuhr unbeirrt fort. „Alles Reservespieler. Außerdem musst du ohnehin sehr gut auf unser Sahneschnittchen und Liebling unseres Managers aufpassen." Er grinste amüsiert, dank Katies belämmerten Gesichtsausdrucks.
„Oh ja, ich rede von Oliver Wood, unsern Star-Hüter. Du weißt gar nicht, wie oft der schon zusammen geflickt werden musste. Der Gute hat zwar jede Menge kreischende hysterische Fans, aber auch einige ernst zunehmende Feinde, wie zum Beispiel dieser Marcus Flint. Die beiden hatten sich bei ihren letzten Freundschaftsspiel geprügelt", redete der junge Mann ohne Punkt und Komma, ließ Katie nicht einmal zur Wort kommen, was auch ganz gut war. Sie hätte ohnehin keinen Ton herausbekommen. Sie musste sich also besonders gut um Wood kümmern? Auch verkniff sie es lieber, dass der verhasste Flint ihr Nachbar war. Das kam sicherlich ganz und gar nicht gut an.
„Carter, halt doch endlich mal die Luft an. Du langweilst sie mit deinen Geschwafel ja zu Tode." Heddings war neben seinem Kapitän aufgetaucht und lächelte galant.
„Ich habe sie nur über unser Sahneschnittchen aufgeklärt. Übrigens der legt gerade eine Glanzleistung hin." Carter deutete nach oben zu den drei Torringen.
Katie schluckte, legte ihren Kopf ebenfalls in den Nacken und sah hinauf. Wood hatte auf spektakuläre weise den Quaffle gefangen und legte vor Freude noch einen Looping hin. Ihr Herz drohte auszusetzen und ihr wurde sogar ein klein wenig schwindelig. Dieser Idiot sah noch immer so gut aus wie früher. Wenn nicht noch besser! Wie machte der das nur? Sie war damals hoffnungslos in ihn verknallt gewesen, hatte aber nie den Mut gefunden ihm das ins Gesicht zu sagen. Was hätte er auch mit einer Viertklässlerin anfangen sollen? Diese kindische Schwärmerei war ohnehin von gestern. Er würde nicht mehr die gleiche Wirkung auf sie haben. Nein, auf keinen Fall!
„Hey Oliver Schätzchen, komm mal runter!", rief Carter und winkte überschwänglich. Katie zuckte zusammen. Nein! Der sollte lieber da oben bleiben. Und wieso nannte Carter ihn überhaupt Sahneschnittchen und Schätzchen? Sie runzelte verwirrt die Stirn.
„Der redet immer so", klärte Heddings, der ihren fragenden Ausdruck bemerkt hatte, auf und zwinkerte spitzbübisch. „Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Das Dreamteam, die Lieblinge unseres Managers." Letzter hatte sich wohl wieder ins sein Büro verzogen.
„Hör schon auf. Du bist doch nur eifersüchtig", giftete Carter amüsiert zurück und verfolgte seinen besten Freund mit wachsamen Blicken, der wie ein Pfeil zu der 3-er Gruppe hinunter schoss, jedoch am Ende hin sanft neben ihnen zu schweben kam.
„Was ist lo-?", wollte Wood fragen, hielt aber inne als sein Blick auf seine ehemalige Teamkollegin fiel. Katie hatte das unangenehme Gefühl, dass sie doch tatsächlich ein klein wenig rot wurde und sie mied einen direkten Blick in seinen schokoladebraunen Augen, die sich wahrscheinlich vor Verblüffung geweitet hatten. Er sollte sie gefälligst nicht so aufdringlich anglotzen.
„Bell? Aber was machst du denn hier? Sag mir nicht…?" Er fixierte den limonenfarbenen Umhang an, woraufhin Katie aufmüpfig ihr Kinn anhob und ihm - ganz in altbekannter Manier - selbstbewusst anstarrte. Sie durfte sich einfach nichts anmerken lassen. Auch wenn sie nervös war und sich im Grunde genommen freute Wood wiederzusehen.
„Oh hey Wood," meinte sie lässig und versuchte den Ansturm an unterschiedlichen Gefühlen in sich zu verbannen. „Gut komponiert. Aber ja, du musst mich demnächst öfters ertragen", fuhr sie frech fort und musste sich, dank der völlig baffen Gesichter der beiden anderen, das Lachen verkneifen. Das hatten sie wohl nicht erwartet, was?
„Das Sahneschnittchen und ich kennen uns aus Hogwarts", klärte sie die zwei Unwissenden, Carter und Heddings, auf. Aus den Augenwinkeln heraus konnte sie kurz ein Aufzucken in Olivers Gesicht ausmachen.
„Was denn? Hab gehört, dass ist dein Spitzname", meinte Katie nur scheinheilig und kicherte nun doch ungeniert - duckte sich gespielt ängstlich, da Wood eine drohende Geste in ihre Richtung machte und vom Besen gestiegen war. Wie in alten Zeiten, schoss es Bell durch den Kopf und sie fühlte sie für einen Augenblick lang zurückversetzt. Wie sehr sie das doch vermisst hatte.
Oliver indessen wollte gerade zu einem Kontra ansetzen, da tauchte der verlorene Junge - Jamie-, wie aus dem Nichts auf und stürmte an Katie und den zwei anderen Spielern vorbei. Die dünnen Ärmchen schlangen sich um die Hüften des Star-Hüters.
„Papa! Papa! Endlich hab ich dich gefunden!", heulte er … und diesmal wusste Katie, dass dies kein Spiel war.
