3. Unerlaubter Ausflug
Ich schau mir den Kerl an, der da die Treppe heruntergestiefelt kommt, und muss schon ein wenig schmunzeln. Ganz unmerklich lasse ich den Kombi ein wenig schrumpfen, das sieht zum Einen viel besser aus, zum Anderen sitzt jetzt auch der Rückenprotektor da, wo er hingehört. Außerdem lasse ich es mir nicht nehmen, ihm das Headset anzulegen und den Genickschutz. Aber ich stelle fest, noch weiter an ihn heran sollte ich mich nicht wagen, die Versuchung, seinen Flirtattacken zu erliegen, ist doch gewaltig, gerade wenn er mich so angrinst und diese wirklich süßen Grübchen zeigt. Als zusätzliche Tarnung bekommt er noch eine stark spiegelnde Sonnenbrille.
Habe mich in der Wartezeit auch wieder eingepackt. Der Koffer steht bereit, wir setzen die Sturmhauben auf. Auf Unbeteiligte dürften wir jetzt ganz schön beängstigend wirken, das macht bitteschön gar nichts.
Das Portrait beäugt uns sehr kritisch, es scheint ihr überhaupt nicht zu gefallen, dass ich ihr die Lippen zusammengeklebt und sie auf stumm geschaltet habe.
"Wir machen mal eine kleine Tour. Keine Ahnung, wann wir wiederkommen, aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde auf Ihren Sohn gut Acht geben."
Sie wird noch wütender und fuchtelt wie wild mit den Händen herum. Tut mir leid, ich kann's nicht lassen, zwei winzigen Bewegungen meines Zeigefingers und auch die halten still. Ich kann schon ganz schön gemein sein, ich weiß. Von Sirius' Seite spüre ich nur Genugtuung, na ja, und ein paar Stunden stillhalten, wird ihr bestimmt nicht schaden. Ich möchte gar nicht wissen, was normalerweise in diesem Haus an erzieherischen Maßnahmen angewandt wurden.
Während Sirius sich mit der Haustür befasst, befestige ich den einen Koffer, aus dem anderen hole ich den zweiten Helm und klappe die Fußrasten für den Sozius aus.
Sirius Helm aufsetzen ... mich auf die Kiste schwingen ... Sirius aufsitzen ... Headset am Ohr anbringen ... Helm aufsetzen ... Zündschlüssen auf Startposition ... E-Start drücken ... und woaaaaaa, was für ein Geräusch dieser langsam blubbernde Motor von sich gibt.
"Den Komfort kennst Du von Deiner Harley nicht! Und jetzt bitte gut festhalten, aber dass Dir ja nicht einfällt, in meinen Taschen zu kramen, während der Fahrt! Und bitte denk dran, immer über die Schulter schauen, wo die Kurve hinführt."
Er legt seine Arme um meinen Bauch. Mann, fühlt sich das gut an. Ich checke noch mal, dass er seine Füße ordnungsgemäß auf die Rasten gestellt hat. Seitenständer einklappen. Blinker setzen und Gang reinschmeißen geht fast gleichzeitig. Vorsichtig Gas geben, Kupplung kommen lassen und schon befinden wir uns mitten im Verkehr. Eine Ehrenrunde um den Platz und dann ab auf's Land.
Das satte Brummen des Motors und die leichte Vibration unter meinem Hintern lässt mein Herz höher schlagen. Freiheit, für einen goldenen Nachmittag. Es fühlt sich so wahnsinnig gut an. Ich rücke ihr ein bisschen dichter auf die Pelle als es vielleicht nötig wäre, aber einen anderen Menschen ganz nah bei sich zu haben ist ein Privileg, das ich auch nur selten genieße im Moment. Es sind ja genügend Schichten zwischen uns, damit es nicht zu peinlich wird. Sie fährt sehr umsichtig los, gibt genaue Anweisungen. Ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn ich saß früher immer vorne am Lenker.
Nur zwei- oder dreimal haben James oder Remus das Lenken übernommen, aber sie mochten es beide nicht sonderlich. James konnte nicht verstehen, wie man ein Motorrad einem Besen vorziehen könne und Remus ist gefahren wie seine Großmutter, er würde lieber laufen und das Ding schieben als damit schnell zu fahren. Es mag sein Wolfsblut sein, das da durchkommt. Er ist eigentlich kein Schisser, aber mit der Geschwindigkeit hat er es nicht so. Er fliegt ungerne, hasst Portschlüssel und beim Flooen wird ihm oft schlecht. Er mag es, wenn seine Füße beide auf dem Boden sind, so ist er nun mal.
Trotzdem waren wir oft genug mit der Maschine unterwegs. Er hat die Augen zugemacht und sich an meinen Rücken geschmiegt, so wie ich jetzt an Georgias. Dann war für ihn alles okay, und ich kann es nachvollziehen, es fühlt sich irgendwie nett an. Nicht, dass ich die Augen schließen würde, da müsste man mir viel Geld dafür geben. Ich genieße es, wie die Landschaft an uns vorbeirauscht.
"Den öden Stadtverkehr haben wir bald hinter uns", spreche in mein Mikro, "Ich dachte, wir nehmen ein kurzes Stück Autobahn in Richtung Süden. Da können wir ein bisschen aufdrehen, maximal 140 dürfte reichen. Wie wäre es dann mit einer schnuckeligen, kurvenreichen Landstraße? Wenn Du nichts dagegen hast, können wir unterwegs eine kleine Rast machen und so was herrlich dekadentes wie Pizza essen. Was hältst Du davon?"
Ich spüre, wie sehr er sich festhält, gut so, ich mag es, wenn ich deutlich mitbekomme, ob jemand die Bewegungen der Maschine 'richtig' mitmacht oder nicht.
Ich liebe schnuckelige, kurvenreiche Landstraßen und Pizza.
„Abgemacht", stimme ich zu. Wir lassen London hinter uns, die Luft wird deutlich besser außerhalb, obwohl ich den Mief so gewöhnt bin, dass ich ihn kaum noch wahrnehme, nur wenn eine deutliche Veränderung eintritt, so wie jetzt. Auf der Autobahn dreht sie mal richtig auf und zeigt, was in der Maschine steckt. Hei, was ein Spaß. Schade, dass man mit dem Ding nicht fliegen kann. Vielleicht frage ich sie mal, ob ich die Maschine entsprechend umrüsten soll … irgendwo habe ich die Formel bestimmt noch. Aber tagsüber geht das sowieso nicht. Zu schade, diese blöden Gesetze zur Geheimhaltung der Magie sind echt die reinste Spaßbremse.
Bald schon sind wir auf besagter Landstraße und das Tempo wird etwas gemäßigter. Man muss hier doch gelegentlich Rücksicht auf Rentner und Schafherden nehmen, besser man fährt umsichtig, besonders wenn man nicht zur Not abheben und die Hindernisse überfliegen kann.
In einem kleinen Nest nahe der Küste machen wir Halt. Die Dörfer haben hier schon einen gewissen, beinahe mediterranen Charme, besonders wenn die Sonne so schön scheint wie heute. Die Pizzeria am Ortseingang ist unsere, beschließen wir einstimmig.
Trotzdem mache ich eine kleine Runde durch den Ort und versuche Anzeichen fremder Magie aufzuspüren. Nichts zu finden, ich bin beruhigt. Wir steuern langsam auf das kleine Lokal zu, ich stelle die Kiste lieber nicht direkt vor den Eingang.
"Geh schon mal rein und bestell bitte eine Cola für mich."
Bei aller Risikobereitschaft, will ich doch lieber einen Kreis um das Häuschen ziehen. Nicht dass wir während des Essens von irgendjemandem aufgespürt und gestört werden. So viel Vorsicht muss sein.
Viel Auswahl an Tischen gibt es nicht, aber ich glaube, Sirius hat den mit der hübschesten Aussicht besetzt.
"Wunderbar, nicht wahr?", frage ich während ich mich aus der Jacke schäle. Er kämpft noch mit dem Overall, aber strahlt mich so glücklich an. Da muss einem ja das Herz aufgehen.
„Absolut. Ich muss mich wirklich bei dir bedanken."
Verrückt - ich stelle mir gerade bildlich vor, was Severus dazu sagen würde, wenn er uns jetzt sähe. Oh, vielleicht lasse ich das lieber, ich kann die Zornesblitze in seinen Augen fast körperlich spüren. Er wäre erschüttert über meinen Leichtsinn, auch wenn ich sicher bin, dass er Georgia voll vertraut. Aber er kennt sie ja nun auch schon ein paar Jahre, ich erst ein paar Stunden. Tatsache ist, man kann sich in jedem Menschen irren, auch wenn man ihn schon Jahre kennt. Und wenn man als Gegenmaßnahme niemandem vertraut, ist man ein armes, einsames Schwein, gefangen in den eigenen Ängsten. Das war nie meine Art.
Der Overall ist ein bisschen widerspenstig, aber schließlich habe ich mich herausgewunden und hänge ihn an einen Haken. Der Kellner kommt und bringt die Cola. Wir bestellen unser Essen, danach haben wir wieder Gelegenheit, uns zu „beschnüffeln", ganz zwanglos und auf neutralem Boden.
„Und du kümmerst dich also um Daniel. Er macht einen ziemlich selbstbewussten Eindruck. Seit wann seid ihr beiden zusammen?"
Sie macht ein etwas komisches Gesicht und ich korrigiere mich schnell.
„Ich meine, wie lange kennt ihr euch schon?"
"Daniel hatte vor etwas mehr als vier Jahren einen ziemlich üblen Unfall gehabt. Er war in der Reha und hat dort schon drei Therapeuten verschlissen mit seinen heftigen Wutausbrüchen. Dabei sind ein paar sehr merkwürdige Sachen passiert. Von den anderen wollte keiner mehr freiwillig mit ihm arbeiten. Ich hatte gerade erst angefangen bei der RLSB²) und hatte den Eindruck, er wäre eine sehr interessante Aufgabe, da habe ich mich gemeldet. So einen schwierigen Patienten wollte man mir als Berufsanfänger nicht gleich zumuten. Wie man sieht, haben wir uns durchgesetzt."
Ich schiebe mir einen Bissen in den Mund und muss beim Kauen schon wieder grinsen.
"Das mit dem Selbstbewusstsein ... ich frage mich nur, wo er das her hat ..." Sehr leise fahre ich fort: "Dein Führhund-Performance war wirklich spitze. Er ist hin und weg von den neuen Möglichkeiten. Wenn Du mal einen Job suchst, sag bitte Bescheid!"
Ich grinse versonnen vor mich hin.
„Es hat Spaß gemacht. Und es hat mir die Möglichkeit gegeben, in die Drei Besen reinzukommen und ein paar Freunde zu treffen, ganz nebenbei etwas über Regentänze und Gesangsunterricht zu erfahren … oder konspirativen Nachhilfeunterricht. Ich komme auf das Jobangebot aber gerne zurück, falls ich mal wieder dringend Auslauf brauche."
Plötzlich fällt mir ein ganz bestimmter Umstand ein: "Darf ich Dir mal eine Frage stellen? ... Was hast du mit dem Mädchen?"
„Mädchen? Was für ein Mädchen?"
Im ersten Moment bin ich etwas durcheinander, dann durchzuckt mich der Gedanke, alles abzustreiten. Aber es ist unsinnig, wie mir klar wird, als ich ihre Lippen betrachte, die eindeutig „Verarsch-mich-nicht" sagen, auch ohne ein Wort.
Ich hole tief Luft und seufze, denn es ist eine Sache, mit der ich nicht hausieren gehen möchte. Ich bin nicht gerade stolz darauf, als Vater so eine Niete zu sein.
„Ich wollte sie auch gerne kennenlernen, weil sie … eine Verwandte ist, die ich das letzte Mal gesehen habe, als sie noch fast ein Baby war. Wollte mal sehen, was so aus ihr geworden ist. Ihre Mutter ist meine Cousine."
Das reicht, denke ich mal, und ist noch nicht mal gelogen. Mein Herz wird schwer dabei, denn ich würde gerne der Welt entgegenschleudern: Seht her, das ist meine Tochter. Aber … genau genommen habe ich nicht allzu viel dazu beigetragen, dass etwas aus ihr geworden ist. Es ist Andromedas und Teds Verdienst, nicht meiner. Ich starre einen Moment lang zum Fenster hinaus, um die Enttäuschung über mein eigenes Versagen zu vertreiben und auf andere Gedanken zu kommen.
"Oh Mann, bin ich ein Trottel, da hätte ich selbst drauf kommen können. Zumindest jetzt, da ich Dich live erlebe. Ja, es gibt da eine gewisse Familienähnlichkeit, vor alle Dingen, wenn ihr lacht. Daniel hat mir berichtet, dass die kleine Clique versucht hat, ihn über mich auszufragen."
Ich muss einfach darüber schmunzeln.
"Stell Dir vor, alle sind sie seinem Vorschlag gefolgt und zum Tanzen gekommen."
Ich muss schmunzeln, als ich an das entrüstete Protestgehabe der Ravenclaws denke, und wie Daniel und Asteria sie bei ihrer Ehre zu packen versucht haben. Anscheinend ist es ihnen gelungen, spätestens nachdem Harry, Ron und Hermine noch in die gleiche Kerbe geschlagen haben.
²) Royal London Society for the Blind
... und es geht noch weiter ...
