Kapitel 2 – Ein neuer Vater?

Harry war von dem Verhalten seines Onkels und seiner Tante sehr verwundert. Er hatte, wie es ihm gesagt worden war, zwar alle seine Sachen in einen Koffer gepackt – und zwar wirklich alle seine Sachen – aber er wusste weder wohin die Reise gehen sollte, noch für wie lange sie dauern würde. Als er gefragt hatte, hatten die beiden sich nur angegrinst und geschwiegen.

Sie fuhren mit dem Auto – Dudley war zu Hause geblieben – und das schon seit fast zwei Stunden.

„Und du bist dir sicher, dass er da noch wohnt?", fragte Onkel Vernon, der am Steuer saß, nach einer Weile seine Frau.

„Bestimmt", erwiderte sie zuversichtlich. „Und falls nicht, können uns vielleicht die Nachbarn helfen, wo er jetzt ist."

Harry überlegte kurz zu fragen, von wem denn die Rede sei, doch ließ es lieber bleiben.

Eine halbe Stunde später fuhren sie in eine Stadt, über einen Fluss und in ein altes Industriegebiet, das sehr heruntergekommen war.

„Hier irgendwo müsste es sein", meinte Tante Petunia und blickte sich um. „Da ist die Straße!", rief sie plötzlich und deutete auf ein Straßenschild mit der Aufschrift Spinner's End.

Harry überlegte, aber er kannte niemandem, der hier wohnen könnte. Schickten ihn sein Onkel und seine Tante etwa zu Wildfremden?!

„Wenn ich mich richtig erinnere, war es die Nummer 53 oder so", überlegte Tante Petunia weiter.

„Ich park jetzt hier und dann suchen wir", erwiderte Onkel Vernon und lenkte das Auto zur Seite.

Tante Petunia stieg eilig aus und lief zu dem Haus mit der Nummer 53. „Ha, ich wusste es!", rief sie triumphierend und klingelte. „Harry!", herrschte sie ihn dann an. „Komm her!"

Harry tat wie geheißen und blieb einen Schritt hinter seiner Tante stehen. Wer hier wohl wohnte?

Doch als die Tür rückartig geöffnet wurde und eine dunkle Gestalt ein barsches: „Was?!" von sich gab, klappte Harry geschockt den Mund auf: Es war Professor Snape!

Snape sah ihn erst verwundert und dann erbost an. „Was machst du denn hier, Potter?", schnauzte er ihn grob an.

Da räusperte sich Tante Petunia und sagte süffisant: „Schön, dich wiederzusehen, Severus. Wie ich merke, hast du dich überhaupt nicht verändert."

Snape blickte sie verwundert an, musterte sie, bevor er zwischen zusammengepressten Zähnen „Petunia" hervorbrachte.

„Ganz recht."

„Und was willst du hier?"

„Dir etwas zeigen, das ich beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden habe." Da holte sie einen Brief aus ihrer Handtasche und überreichte ihn Snape.

Dieser sah sie mehr als nur skeptisch an, las aber dennoch den Brief. Noch bei der ersten Zeile erbleichte er und machte große Augen. Am Ende des Briefes sah er nur noch geschockt aus.

Was stand nur in diesem Brief?, dachte Harry.

„Seit wann hast du den?", fragte Snape dann Tante Petunia und Harry hatte ihn noch nie so schwach und verzweifelt klingen hören.

„Ich habe ihn wohl schon eine ganze Weile", erwiderte Tante Petunia mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. „Aber gefunden und gelesen habe ich ihn erst heute. Daher bin auch sofort vorbeigekommen, um dir den Jungen vorbeizubringen." Sie nickte abschätzig zu Harry.

„Was ist mit mir?", wollte Harry wissen, doch keiner reagierte auf ihn.

„Das kannst du nicht machen!", meinte Snape nun zornig.

„Oh, doch, das kann ich!", entgegnete Tante Petunia genauso verärgert. „Du bist jetzt für ihn verantwortlich! Wir sind raus aus der ganzen Sache!"

Und wie aufs Stichwort kam nun Onkel Vernon und stellte Harrys Koffer vor ihm ab. „Hier, deine Sachen", grummelte er nur.

„Auf Wiedersehen, Severus, und viel Spaß mit dem Jungen", sagte Tante Petunia daraufhin und drehte sich zum Gehen um.

„Das ist doch bestimmt nur ein Trick, um mir das in die Schuhe zu schieben!", rief Snape ihr nach.

„Beweise es und dann kann der Junge gerne wieder zu uns", erwiderte Tante Petunia und stieg ins Auto.

„Aber der Junge sieht mir doch überhaupt nicht ähnlich!"

Onkel Vernon startete den Motor und ohne ein letztes Winken oder dergleichen verschwanden die beiden.

Harry blickte zu Snape, der nur empört dem Auto nachsah. „Ähm, Professor?", fragte Harry dann vorsichtig. „Was ist hier los?"

Snape gab ihm den Brief und befahl barsch: „Lies, Potter."

Harry tat es und zeigte die gleiche Reaktion wie Snape zuvor: absoluter Schock. Er sollte Snape's Sohn sein? Seine Mutter sollte seinen Vater betrogen haben? Nein, das konnte einfach nicht sein! Skeptisch blickte er zu Snape.

„Das dachte ich mir, dass du das genauso siehst wie ich Potter", meinte er und lächelte kurz sarkastisch. „Aber keine Sorge, ich weiß, wie wir den Trick deiner Tante ganz einfach entlarven können. Komm mit", befahl er dann und ging ins Haus.

Harry nahm seinen Koffer und folgte Snape schnell.

„Hier entlang", sagte Snape und führte Harry in ein kleines Labor. „Es gibt einen Trank, der erkennen kann, ob zwei Menschen unmittelbar miteinander verwandt sind oder nicht", erklärte er, während er in ein paar Schränken voller kleiner Fläschchen anscheinend nach der richtigen suchte. „Wir geben beide jeweils ein Haar von uns in den Trank und wenn er sich grün färbt, sind wir verwandt, und wenn er sich blau färbt, dann nicht. Ah, da ist er ja." Snape lächelte triumphierend und schüttete ein wenig von der Flasche in ein leeres Reagenzglas. „Gleich ist der Spuk vorbei", sagte er dann, zupfte sich eines seiner langen, schwarzen Haare heraus, gab es in das Reagenzglas und sah Harry auffordernd an.

Dieser tat schnell das gleiche und hoffte inständig, dass die Flüssigkeit sich blau färben würde. Er hatte nie bei den Dursleys wohnen wollen, aber bei Snape zu wohnen war doch noch schlimmer!

Als die beiden gespannt auf das Reagenzglas blickten, bemerkten sie schnell, dass ihre Haarfarbe identisch war… – bevor sich das Reagenzglas im nächsten Moment… grün färbte…