Disclaimer: Immer noch nix meins, was aus dem Potterversum bekannt ist – Schade eigentlich.
Danke: An Bine Black für die herrlichen Kommis beim Betalesen (Knnnnnnnnnnnutsch) und an Jassi, die mir immer wieder für Emma Modell steht. ;o)
Soundtrack: Für den ersten Teil Queen „Headlong", für Teil 2 „Black No.1" von Type O Negative, mein immer währender Soundtrack für sie, und für Teil 3 Entwine „Bleeding for the cure". Wenn ihr es nicht kennt, ihr findet alle Songs auf youtube, aber die Qualität ist zum Teil grauenhaft.
Kapitel 3 – Überraschungen
Robin blickte schnaubend zu dem einen guten Kopf größeren Sirius hoch. Black konnte wirklich eine absolute Nervensäge sein! Verstanden die Beiden denn nicht, dass sie keine Zeit hatte, mit ihnen herumzustreiten? Sie hatte schon genug wertvolle Stunden verloren, weil sie im ersten Schock nicht gleich auf Emma gekommen war. Sie wollte jetzt endlich etwas tun!
„Okay, dann kommt ihr eben mit."
Sie griff erneut nach ihren Sachen, die Sirius wieder ein Stück aus ihrer Reichweite brachte. Sie war so kurz davor, ihm sein blitzendes Grinsen aus dem Gesicht zu hexen – wenn sie ihren Zauberstab gehabt hätte. Fest drückte sie ihre Zunge gegen die Zähne, um nur ja nicht zu giften, und sah ihn statt dessen mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an. Er lachte ihr tatsächlich hochmütig in die Schnute.
„Könnte es sein, dass du etwas vergessen hast?"
Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr! Robin grub ihre Fingernägel in die Handflächen und schloss kurz die Augen. Sie wusste ja, dass sie leicht aufbrausend war, aber weshalb brachte dieser Kerl sie mit jedem Satz kurz vor einen Tobsuchtsanfall der allerzickigsten Sorte? So empfindlich war sie doch sonst beileibe nicht. Remus hatte das unheilvolle Lodern ihrer Augen gesehen. Er setzte soeben zu einer Erklärung an, als Sirius ihm zuvor kam und, immer noch feixend, hinzufügte:
„Denk mal scharf nach, Kleines."
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Blitzschnell schoß Robins Rechte vor, packte ihn am Hemdkragen und zog sein Gesicht zu ihr herunter, bis ihre Nasenspitzen nur noch wenige Millimeter von einander entfernt waren.
„Wenn du nicht willst, dass ich dir dieses überhebliche Grinsen auf höchst unangenehme Weise aus dem Gesicht wische, dann kommst du jetzt besser auf den Punkt.", zischte sie drohend.
Zwei Augenpaare blickten sich starr entgegen, eines überrascht, eines Funken sprühend. Dann wurde Robin klar, wie nahe ihr Gegenüber wirklich war, und sie ließ ihn los, als hätte sie sich verbrannt.
Während Sirius ihren Blick erwiderte, fragte er sich, weshalb er es nicht lassen konnte, dieses Mädchen zur Weißglut zu treiben. Er bettelte ja förmlich um Ohrfeigen. Aber jedes Mal, wenn sie ihn anfunkelte, meinte er, er trüge eine zu eng gebundene Krawatte, obwohl er ein solches Kleidungsstück das letzte Mal zu Schulzeiten an sich heran gelassen hatte. Da war eine gewisse Spannung zwischen ihnen, die er noch nie zuvor erlebt hatte. Und er konnte beim besten Willen noch nicht einordnen, ob er das nun beunruhigend oder aufregend finden sollte.
Mit einem geknurrten Aufschrei warf Remus sich zwischen die beiden. Sein Schwung war so heftig, dass Sirius gegen den Türrahmen prallte, während Robin recht unsanft auf dem Hinterteil landete.
„Sind wir hier im Kindergarten?", brüllte er. „Kein Wunder, dass wir den Todessern so wenig entgegenzusetzen haben. Wir halten uns ja lieber mit infantilem Gehabe auf! Sagt es ruhig, wenn ihr so weitermachen wollt, ich bring euch gerne noch ne Rassel."
„Woawoawoa, Moony –", weiter kam Sirius nicht, bevor ein bernsteinfunkelnder Blick ihn zum Schweigen brachte.
„Du hältst jetzt ausnahmsweise mal die Klappe. Und du," wandte Remus sich dem Mädchen zu, „solltest dringend drüber nachdenken, wie unauffällig ein zerschundenes Frauengesicht auf einem Universitätsgelände ist. Wenn wir schon keinen Plan haben, dann sollte man uns wenigstens nicht von Weitem ansehen, dass wir in Schwierigkeiten stecken."
„Ich hex mir doch nicht im Gesicht rum.", kam der etwas kleinlaute Einwurf, während sie sich hoch rappelte
„Sirius, hilf ihr. Im Bad müsste ja wohl auch noch etwas von Poppys Heilsalbe rumstehen."
Remus positionierte sich wieder resolut vor der Tür und die beiden Gescholtenen trollten sich ins Badezimmer.
„Nimm's ihm nicht krumm," sagte Sirius, als die Tür hinter ihm zufiel. „Er ist mondfühlig und kurz vor Vollmond etwas reizbar. So, halt mal still. Episkey."
Die Schwellung ihrer linken Gesichtshälfte verschwand und die Spannung auf der Haut ließ nach. Dennoch blieb Robin stocksteif stehen und hielt die Augen fest zusammengekniffen. Sie konnte hören, wie Sirius im Schrank zwischen einigen Tiegeln wühlte, das Gesuchte scheinbar fand und einen Deckel aufdrehte. Sie öffnete gerade rechtzeitig die Augen, als ein mit merkwürdig grüngelber Salbe bestrichener Finger sich ihrer zerkratzten Wange näherte.
„Wenn du Blödsinn machst, Black, dann verspreche ich dir ..."
„Reg dich nicht auf, ich hab noch nie ein schönes Gesicht verschandelt."
„Schleimer."
Um Robins Mundwinkel zuckte es verräterisch und sein Tonfall nahm Sirius' Antwort den Biss.
„Zicke."
„Was ist da drin?"
„Diptam-Dost und Ringelblume. Halt noch mal still."
Lächelnd strich Sirius Salbe auf den langen Kratzer. Dann tauchte er den Finger erneut in den Tiegel und näherte sich damit ihrem Mund. Als Robin bemerkte, was er vorhatte, riss sie ihm hektisch das Gefäß aus der Hand.
„Gib her, das kann ich selbst."
Ohne Warnung griff Sirius zu. Er gab ihr gerade genug Zeit, ein erschrockenes Quietschen von sich zu geben, bevor sie sich an die Badezimmerwand geheftet fand, und er mit seiner Linken ihre beiden Handgelenke über ihrem Kopf festhielt. Die grauen Augen blitzten schelmisch auf.
„Ich befürchte, Sie sind sehr unverschämt, junge Dame."
Langsam und aufreizend strich er die Salbe auf ihre Unterlippe und genoss den Moment, als sie verdutzt die Gegenwehr einstellte, um ihn mit großen Augen anzustarren. Er konnte ja nicht ahnen, dass in ihr ein Kampf tobte, ob sie lieber genussvoll die Lider schließen oder in seinen Finger, besser noch in die Nase, beißen sollte. Doch bevor sie eine Entscheidung fällen konnte, schenkte er ihr noch eines dieser dreisten Lächeln, drehte sich um und verliess ohne ein weiteres Wort das Bad.
Robin starrte verdattert auf die Tür, dann auf den Tiegel, den sie immer noch in der Hand hielt. Nein, sie würde sich nicht von Sirius Black aus dem Konzept bringen lassen! Sie würde sich jetzt endlich am Riemen reißen und Emma aufsuchen. Entschlossen packte sie den Tiegel auf die Wachbeckenkante und folgte Sirius aus dem Badezimmer.
Oooo
Er würde nie vergessen, wie es ihm heiß und kalt den Rücken hinunter gelaufen war, als er an jenem Abend vor einigen Monaten nach einem beruflichen Termin in der Winkelgasse in sie hineingelaufen war und sie zu Fall gebracht hatte.
Er. Abends. Allein. Sie. Gestürzt! An der Abzweigung zur Knockturngasse!
Wie hätte er sie nicht auf Anhieb erkennen können, trotz des Altersunterschieds? Er war sich so sicher gewesen, dass für den harten Rempler ein handfester Fluch oder zumindest ein unheiliger Kelch an Beschimpfungen auf ihn niedergehen würden. Bis heute konnte er nicht erklären, woher er den Mut genommen hatte, sie anzusprechen, zu fragen, ob alles in Ordnung wäre, er ihr helfen könne. Verflucht sei sein Drang, es immer allen recht zu machen! Anstelle einer Antwort war sie elegant aufgestanden und hatte ihn mit einen abschätzenden Blick gemustert, unter dem er am liebsten gewimmert hätte. Ihr Blick aus diesen faszinierenden Augen, unter den schweren Lidern mit den langen Wimpern, hatte ihn regelrecht an Ort und Stelle festgenagelt. Er machte ihm sofort die eigene Unzulänglichkeit deutlich. Er löste aus, dass er sich wie Ungeziefer fühlte. Und dann hatte sie gelächelt!
„Peter Pettigrew, nicht wahr?" hatte sie gesagt und nach einer kurzen Pause: „Nun, vielleicht können Sie tatsächlich helfen."
Hätte er Nein sagen können, als sie ihn bat, mit ihr etwas trinken zu gehen? Er war wie paralysiert gewesen. Das Kaninchen, nein, die Ratte im Bann der Schlange. Und diese Stimme voll von dunklem Geheimnis, lockend, versprechend ... Wie in Trance war er ihr damals in den Schwarzen Falken gefolgt, einer edlen Bar, die nur von Reinblütern betreten wurde. Erschrocken hatte er sich umgesehen, doch sie hatte leise gelacht und gesagt, dass er nichts zu befürchten habe, er sei ja schließlich reinblütig. Und tatsächlich schien keiner der Anwesenden Anstoß an Peter zu nehmen. Nach einiger Zeit hatte er sich entspannt, und sie hatten sich bei einem Cocktail unterhalten. Hauptsächlich über seine Arbeit im Ministerium, in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit. Er hatte ihre Fragen beantwortet, genickt oder erläutert. Sie sprach ihm zu, bezeichnete ihn als geschickt, lobte sein diplomatisches Talent. Sie waren sogar zum Du übergegangen! Ihre Worte waren seltene, wohltuende Streicheleinheiten. Er lauschte erfreut und sog ihr Bild in sich auf: Das schwarze Haar, die sinnlich rot geschminkten Lippen, das ebenmäßige Gesicht, das bezaubernde Lächeln.
Plötzlich hatte sie sich zu ihm vorgebeugt und was er gehört hatte, gab ihm das Gefühl, jemand habe ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Wie kommt es eigentlich, dass ein cleverer, junger Zauberer wie du sich in diesen Zeiten nicht schon längst dem Dunklen Lord angeschlossen hat?"
„W-Wie bitte?"
Er war aufgesprungen und sein Blick hatte gehetzt nach einem Ausweg aus der Bar gesucht. Es hatte sich keiner auf getan.
„Ich bitte dich, Peter.", hatte sie sanft gesagt und war gelassen auf ihrem Platz geblieben. „Glaubst du wirklich die ganzen kursierenden Schauergeschichten. Demnach könnten wir hier nicht unbehelligt sitzen. Du wirst kaum bestreiten wollen, dass dies bisher ein recht unterhaltsamer Abend war. Setz dich doch bitte wieder. Aber ich halte dich natürlich nicht auf, wenn du gehen willst."
Das wäre ihm ohne Zweifel am liebsten gewesen. Aber er befand sich in einer vornehmen Umgebung, bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Gäste und wollte kein weiteres Aufsehen erregen. Außerdem hatte ihn ihre Reaktion überrascht. Sie war so anders, als das, was er bisher von ihr gehört oder gesehen hatte. Er hatte wieder Platz genommen. Sie hatte ihm erklärt, dass alles im Leben seinen Preis habe und jeder bezahlen musste, ob man wollte oder nicht. Oder glaube er tatsächlich, sie sei gewisse Bindungen freiwillig eingegangen? Die Muggel waren es doch, die in den letzten Jahrhunderten so viel Leid über die Magische Gesellschaft gebracht hatten. Sie erläuterte die Ziele des Dunklen Lords als ehrenhaft und richtig. Wie konnte es denn angehen, dass die, die durch die Magie privilegiert waren, durch die Nichtmagier unterdrückt wurden, im Geheimen lebten? Dieser blutige Krieg sei nur durch Dumbledore und diese konservativen Muggelfreunde entstanden. Sie waren es, die sich der Zukunft in den Weg stellten, den Anhängern dieser neuen Politik auflauerten und sie angriffen. Und natürlich wehrten sie sich nur. Peter hatte gespürt, dass etwas in ihrer Beschreibung nicht richtig war, nicht richtig sein konnte, aber er hatte es nicht fassen können. Es klang alles so stimmig. So offen und ehrlich. Ihre Worte, so leidenschaftlich und überzeugend dargebracht, hatten ihn nachdenklich gemacht, und so hatte er am Ende zugesagt, sich öfters mit ihr zu treffen. Womöglich hatte sie ja wirklich Recht. Er wusste, dass er schon längst jemanden ins Vertrauen hätte ziehen sollen. Seine Freunde oder jemanden aus dem Orden. Aber er war so verunsichert gewesen. Er hatte nicht mehr gewusst, was richtig oder falsch war. Bei einem der nächsten Treffen hatte er ihr das gestanden und sich wie so oft gewünscht, er könnte wie Sirius sein. Sie hatte gelacht.
„Sirius? Glaubst du wirklich, Sirius wäre noch dort, wenn er nicht von seinem närrischen Onkel eine stolze Summe geerbt hätte? Er wäre schon längst wieder an seinen angestammten Platz in der Familie zurückgekehrt, sei gewiss. Oder weshalb glaubst du, hat ihn niemand zurückgeholt, als er zu den Potters rannte, obwohl er noch nicht volljährig war? Weil sie wussten, dass er zurück kommen würde. Spätestens dann, wenn er, ein Black, als Bittsteller um einen Arbeitsplatz von Tür zu Tür gehen müsste. Er tut das nicht aus Überzeugung. Er ist ein undankbarer Bengel, der alles tut, um seiner Familie eins auszuwischen. Dieses Erbe hat ihm nur ermöglicht, noch mehr Unglück zu schaffen. Familie ist alles, Peter. Wenn die Magische Gesellschaft an ihrem rechtmäßigen Platz gewesen wäre, dann hätte dein Vater deine Mutter nicht so einfach für eine Muggel hochschwanger vor dem Traualtar stehen lassen. Du hättest eine vollständige Familie haben können. Deine Mutter hat alles getan, um dir dennoch ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Sie hat ihren reinblütigen Namen mit Stolz an dich weitergegeben und von diesem Blutsverräter nichts mehr angenommen. Diesen Preis hat sie für dich bezahlt. Sie hat dein Ansehen gerettet. Zeige dich dankbar dafür. Gib ihr die Möglichkeit, in einer glorreichen Zukunft alt zu werden. Familie ist das Wichtigste im Leben. Eines Tages wird auch Sirius das einsehen und zurückkehren, glaube mir."
Und dann war sie in leise Tränen ausgebrochen und hatte davon gesprochen, wie ihre gute Freundin Saphira Gibbon während eines unsäglichen Einsatzes von Auroren und angeblich auch Mitgliedern des Phönixordens getötet worden war. Es hatte Peter beinahe zerrissen. Woher wusste sie davon, dass seine Mutter sitzengelassen worden war? Er konnte sich nur vage vorstellen, welche Schande das für sie gewesen sein musste. Und er war so froh, dass es ihr gut ging. Und dann die Geschichte vom Tod dieses Mädchens. Die Gibbons waren eine hoch angesehene Familie! In diesem Moment war der Widerstand in Peter gebrochen. Er wollte diese neue, bessere Zukunft, die scheinbar anbrach. Und er wollte nicht, dass seine arme, liebe Mutter noch mehr durchmachen musste. Er würde ihr ein Leben in Achtung ermöglichen. Von da an hatte er immer wieder Informationen durchsickern lassen.
Auch an diesem Abend saß er allein an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke des Schwarzen Falken und wartete auf sie. Als sie endlich eintrat stellte Peter wiederholt fest, dass sie ihn allein durch ihre Anwesenheit in seinen Bann zog. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er, der etwas untersetzte, unscheinbare Ministeriumszauberer und diese aristokratische Schönheit mit dem immer währenden Mantel der Arroganz. Sie waren nur Freunde. Aber hatte sie ihm nicht zwischen den Zeilen zu verstehen gegeben, dass er sich vielleicht mehr erhoffen durfte? Sie hatte doch immer wieder betont, dass sie sich gewisse „Bindungen" nicht freiwillig ausgesucht hatte, sondern zum Wohl und Ansehen der Familie eingegangen war.
„Guten Abend, Peter.", sagte sie und trat verheißungsvoll lächelnd auf ihn zu. „Ich habe eine Überraschung für dich. Bitte folge mir."
Widerspruchslos legte Peter das Geld für sein Getränk auf den Tisch und verließ mit ihr die Bar. Vor der Tür hängte sie sich bei ihm ein und sie apparierten mit den Worten „Wenn ich bitten darf". Hätte Wormtail in diesem Moment ihr Gesicht gesehen, dann hätte sie ihn an eine Katze erinnert, die den Sahnetopf gestohlen hatte.
Ooo
Mit einem laut „Plopp" erschienen drei Gestalten in dem kleinen, dicht bewachsenen Wäldchen neben der Queen's Road. Der geringe Abstand zwischen den Bäumen sorgte dafür, dass eine davon sich hart den Rücken stieß, was ein unterdrücktes „Uff" zur Folge hatte und den spöttischen Kommentar „Oh, tut mir leid." hervorrief. Sirius Black streckte den langen Oberkörper und grinste auf Robin herunter.
„Ja, klar. Ich weiß schon, weshalb ich Seit-an-Seit-Apparationen hasse. Wo sind wir hier eigentlich?"
„Da hinter den Bäumen liegt die Queen's Road." Sie wies nach rechts. „Und dort vorne", sie zeigte nach links, „geht der Fußweg über den Cam, vorbei an Wren's Library, aufs Gelände des Trinity Colleges der Muggel. Wenn ihr Besucher wärt, müsstet ihr jetzt dort hin und dann durch die Fontäne im Great Court auf das magische Gelände. Aber Studenten haben einen eigenen Zugang gleich dort vorne." Robin holte noch einmal tief Luft. „Okay, los geht's."
Sie traten zwischen den Bäumen hervor und folgten einem kleinen Waldweg, der an einem schmalen Kanal entlang führte bis zu einer alten, steinernen Bogenbrücke. Dort kletterten sie das leicht abfallende Kanalufer hinunter. An einem der seitlichen Steine war eine mit Moos bewachsene und verwitterte Runeninschrift zu erkennen.
„Grantebrycge.", las Remus vor. „Das ist der angel-sächische Name der Stadt aus dem Zeitalter der Normannen. Der Fluss hieß damals noch -"
„Granta.", sagte Robin und tippte die einzelnen Runenzeichen der alten Flussbezeichnung mit ihrem Zauberstab an. Nach der letzten Berührung auf das A öffnete sich im gegenüberliegenden Tragwerk ein Durchlass, und aus dem Wasser erhob sich ein breiter, runder Steinpfeiler, der es ermöglichte, den Kanal mit trockenen Füßen zu überschreiten. Nacheinander – Sirius ließ noch ein leises „Immer wachsam" in perfekter Moody-Imitation hören - gingen sie mit gezückten Zauberstäben durch das Tor, hinter dem ein mit Fackeln beleuchteter Gang nach unten führte, und kamen nach kurzer Zeit in einer lang gezogenen, weitläufigen Halle mit schwarz-weiß gekacheltem Boden und hellen Arkadengängen mit dahinterliegenden Türen zu beiden Seiten an. An der hohen Decke schimmerte das Wappen des magischen Colleges: ein zunehmender, voller und abnehmender Mond über einem Kelch, unter dem die lateinische Inschrift ,Die heilige und ungetrennte Dreifaltigkeit' besagte. Remus schauerte unwillkürlich bei diesem Anblick, obwohl er wusste, dass dieser Mond keinerlei Auswirkung auf ihn haben würde.
Überrascht blieb Robin stehen. Was auch immer sie erwartet hatte, das war es sicher nicht gewesen. Sie hatte damit gerechnet, dass hier Ausnahmezustand herrschte. Oder Totenstille. Stattdessen ging es zu, wie an jedem anderen Tag. Junge Hexen und Zauberer wuselten geschäftig durch die Halle und Arkaden, kleinere Gruppen standen zu einem kurzen Gespräch zusammen. Es wurden Bücher geschleppt, Plakate aufgehangen, Besen hinausgetragen, Räumlichkeiten betreten oder verlassen, und eine Hexe zog sogar eine Harfe durch die Halle – alles war scheinbar wie immer. Sie sah fragend zu ihren Begleitern, die beide nickten, und führte dann die kleine Gruppe den linken Arkadengang hinunter. Hier und da wurde sie im Vorbeigehen von einigen Kommilitonen freudig begrüßt und vereinzelt auch schräg angesehen. Manche Mädchen warfen Sirius schmachtende Blicke zu, die er jedoch ignorierte oder sich zumindest nicht in Pose warf. Als sie fast am Ende des Ganges angekommen waren, blieben sie endlich vor einer der vielen Türen stehen. Robin klopfte kurz an, bevor sie die Tür einen Spalt öffnete und den Kopf durchsteckte.
„Emma?"
Fast im selben Moment verschwand sie in einer Flut aus braunen Locken und wurde in den Raum gerissen. Beide Begleiter folgten ihr dann doch leicht beunruhigt auf den Fuß, schlossen die Tür und wurden zum Publikum einer Rede ohne Punkt und Komma, die in rasendem Tempo auf die in den Armen ihrer Freundin hängenden Robin herunterging.
„Robin! Endlich! Könntest du nicht ein einziges Mal Bescheid geben, wenn du einfach so verschwindest? Wo zum Troll hast du denn gesteckt? Ein paar Leute haben dich gesucht. Und Dearborn auch. Aber niemand wusste, wo du bist. Wir haben uns Sorgen gemacht, verdammt. Geht's dir gut? Ist alles in Ordnung?"
Erst jetzt wurde Emma auf die beiden Zauberer aufmerksam, die grinsend in ihrem Zimmer standen. Sie musterte die beiden aufmerksam.
„Emma Shorey, hallo."
„Emma, das sind Sirius Black und Remus Lupin.", stellte Robin die beiden vor.
„Oh weh! Du und zwei der legendären Hogwarts-Marauder. Wenn das keine unheilige Allianz ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Die Welt geht vor die Hunde!" rief Emma mit gespielter Verzweiflung und forderte dann alle breit lächelnd auf, sich doch zu setzen.
Mit einem Schwung ihres Zauberstabes levitierten sich Gläser aus dem Schrank und eine Karaffe voll kühlem Kürbissaft auf den kleinen Tisch und platzierten sich zwischen einem Stapel aufgeschlagener Bücher, beschriebener Pergamentrollen, Tintenfässern und Federkielen. In kurzen Worten fasste Robin, die aufgeregt neben dem Tisch auf und ab lief, die Ereignisse zusammen: der Streit zu Hause, der Bruch mit ihrem Freund, der mysteriöse Brief und schließlich was in der vergangenen Nacht geschehen war. Emma schlug entsetzt die Hand vor den Mund, lauschte stumm. Als Robin ihren Bericht beendete, ließ sie sich auf den freien Stuhl neben Sirius fallen und sah die andere Frau fragend an.
„Nun ja," seufzte Emma. „Das war ja wohl absehbar. Du bist wirklich mit Anlauf auf einige Füße getreten. Und du gehörst geschlagen, weil du allein durch London stromerst, weißt du das! Ich habe keine Ahnung, wie sie dich gefunden haben, aber Dearborn hat dich mit Sicherheit nicht verpfiffen. Er hat gestern nach dir gesucht. Ein ähnlicher Brief ging an alle, die nicht die Ansichten Du-weißt-schon-wers vertreten. Dearborn hat mit einigen gesprochen. Scheinbar bekam die Universitätsleitung klare Anweisung, dass sie zumindest unparteiisch zu sein hat. Ein paar der Muggelstämmigen werden wohl das Studium abbrechen und sich erst mal in der Muggelwelt in Sicherheit bringen oder im Ausland weiter studieren. Als du nicht aufzufinden warst, hat er mir etwas für dich da gelassen und gemeint, du sollst dich bei ihm melden."
Sie stand auf und holte ein versiegeltes Pergament, auf dem Robins Name stand, aus der Schublade. Die drei anderen versammelten sich hinter ihrem Platz. Vier Köpfe beugten sich neugierig über das Pergament, nachdem Robin den Brief geöffnet hatte.
Miss Ashwood,
Sie wundern sich sicher über das Schreiben, das ihnen heute Morgen zuging. Natürlich sind mir ihre Aktivitäten nicht verborgen geblieben und ich kann ihnen versichern, dass Ihre Ansichten meine vollste Zustimmung erhalten. Leider ist diese Universität nicht mehr der sichere Ort, der sie einmal war. Der Einfluss des Dunklen Lords erstreckt sich mittlerweile zu weit. Ich verstehe, dass gerade Sie schon bedingt durch ihre Herkunft diesem Wahnsinn entgegen treten wollen. Sie können der Dunklen Magie zukünftig auf weniger provozierende Art und Weise die Stirn zu bieten. Dies bedeutet nicht, tatenlos zu bleiben. Es gibt eine Widerstandsbewegung, der ich Sie gerne vorstellen möchte. Ich habe diese Resistance bisher verschwiegen, da ich es für unverantwortlich hielt, so junge Menschen in einen Krieg zu verwickeln. Man hat mich darauf hingewiesen, dass die Jugend nicht vor der Gefahr zurückschreckt, doch ich war närrisch genug anzunehmen, dass ich einen Teil dieses Schreckens eventuell von meinen Studenten fern halten kann. Haben Sie niemals Angst, sich für das stark zu machen, was Sie für richtig halten, auch dann, wenn es möglicher Weise einen leichteren Weg gibt! In Zeiten wie dieser kann für das Richtige einzustehen den Tod bringen, aber wissen Sie, dass Sie, auf eine gewisse Art und Weise, wie geringfügig auch immer, das Leben ein wenig besser machen können. Ich bitte Sie, mich zu einem Gespräch in meinen Büroräumen aufzusuchen.
C. Dearborn
Während Emma und Remus sich wieder gegenüber setzten, konnte Robin nur den Kopf schütteln über den Inhalt dieses Schreibens. Es gab eine Widerstandsbewegung, und er hatte es die ganze Zeit gewusst, aber Nichts gesagt! Und dann hatte der Professor nichts Blöderes zu tun, als einen Brief zu schreiben – den Weiß-der-Troll-Wer alles hätte lesen können! Und weshalb konnte er ihr diesen Brief nicht einfach per Eule schicken, wie alles andere sonst auch? Sie zerknüllte das Pergament zu einem kleinen Ball und warf ihn mit einem wütenden Aufschrei in die Ecke. Prompt brach Sirius in bellendes Gelächter aus. Der vorwurfsvolle Blick, den er damit auf sich zog, schien gänzlich an ihm abzuprallen. Stattdessen legte er den Arm um sie und zog sie sanft an sich.
„Nur keine Aufregung, Miss Spitfire. Du wolltest doch so oder so zu Dearborn."
Der von Remus befürchtete Wutausbruch ihrerseits – er zog sicherheitshalber den Kopf zwischen die Schultern - blieb überraschend aus. Robins Kopf fiel mit einem Schnauben in ihre aufgestützten Handflächen.
„Ja klar. Es ist ja auch überhaupt nicht frustrierend festzustellen, dass man sich bisher zum Affen gemacht hat, und es eine Widerstandsgruppe gibt, deren Dasein so offensichtlich sein muss, dass man sie einfach in Briefen erwähnen kann. Und ihr zwei Scherzkekse wisst doch sicher davon. Keine Antwort? Dachte ich mir. Habt ihr sehr über mich gelacht?"
„Ganz ungesichert war dieser Brief nicht.", mischte sich Emma nun ein. „Alec hat versucht, den Brief zu öffnen und wurde gebissen."
„Alec hat WAS?" fuhr Robin hoch.
„Friss mich nicht gleich," lachte Emma und wuschelte mit der Hand durch die braune Mähne. „Er stand kurz nach Dearborn vor meiner Tür und wollte wissen, wo du bist. Ich sagte, dass ich es nicht wisse, aber er hat mir nicht geglaubt. Den Brief hatte ich noch in der Hand, er sah deinen Namen drauf und riss ihn einfach weg. Als er ihn öffnen wollte, biss ihn das Pergament in die Finger. Hat ordentlich geblutet, als er sich davonmachte. Du weißt, er ist nicht gut in Heilzaubern."
Mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck lehnte sich Robin wieder zurück.
„Wer ist dieser Alec?", wollten Sirius und Remus unisono wissen.
„Alec Branstone. Ihr Freund." sagte Emma mit einem Blick auf Sirius Arm.
„Ex-Freund", schnappte die Betroffene in so gehässigem Ton, dass drei Paare Augenbrauen in die Höhe schossen. „Sirius, nimm deine Pfoten weg! War sonst noch was?" Sie griff nach dem Kürbissaft und nahm einen großen Schluck.
„Jaaaa." Emma war sichtlich verlegen. „Diese aufgetakelte Schnepfe hat auch noch nach dir gefragt. Du weißt schon, Lysandra Yaxley."
Robin verschluckte sich, spuckte mit hochrotem Gesicht Kürbissaft quer durch den Raum und hustete wie verrückt. Emma war vor der Kürbissaftfontäne gerade noch rechtzeitig in Deckung gegangen. So blieben die Bände sprechenden Blicke, die die beiden Zauberer austauschten, unbemerkt.
„Was wollte DIE denn?" krächzte Robin angewidert, als sie wieder halbwegs atmen konnte.
„Kann ich dir nicht sagen. Sie hat mich nur abfällig gemustert – du weißt ja, dass ihr meine Familie nicht reich genug ist - und meinte dann von oben herab: ‚Wo finde ich Robin Ashwood?'. Nach der Sache mit Alec war ich sowieso schon sauer. Seh ich etwa aus wie ein Informationsschalter? Also hab ich ihr mit der Antwort ,Vermutlich in ihrer Robe' die Tür vor der Nase zugeknallt. Arrogante Ziege!"
Die beiden Mädchen gaben sich grinsend eine High-Five.
„Also wenn ihr mich fragt, dann haben wir hier unsere Verbindung zu den Todessern." warf Sirius ein, woraufhin Emma mit böser Miene zu ihm hinüberblickte.
„Willst ausgerechnet du uns nun sagen, dass jedes Reinblut ein Todesser-Sympathisant ist? Dann kannst du dich, mich und einige andere nämlich gleich mit auf die Liste setzen."
„Nein, will ich nicht. Aber eine andere Lysandra Yaxley war mit meinem Ur-Ur-Onkel Arcturus verheiratet und meine Verwandtschaft", er spie das Wort aus, „hat sich immer nur sehr wohlwollend über sie geäußert. Das lässt ja wohl gewisse Rückschlüsse zu, oder? Es gab zu wenige Ausnahmen bisher, und es wäre ein verdammt großer Zufall, wenn gerade diese Verbindung und die Namensgleichheit ins Leere ginge. Außerdem ist es der einzige Anhaltspunkt, den wir haben."
„Und ich hab Alec mit ihr erwischt. Deshalb habe ich ihn abserviert." sagte Robin leise, mehr zur Tischplatte, als zu den Anwesenden.
Sofort brach Emma in wüstes Gezeter aus, was sie alles mit Alec und Lysandra angestellt hätte, wenn sie das gewusst hätte. Remus hatte beide Hände voll zu tun, die sich wie eine Furie gebährdende Frau daran zu hindern, aus dem Zimmer zu rennen und die Hasstiraden in die Tat umzusetzen. Währenddessen beobachtete Sirius nachdenklich, wie Robin weiterhin stur ihre Hände anstarrte. Ihm wurde gerade Einiges klar. Die bissige Antwort im Tropfenden Kessel, die eisigen Kommentare auf seine spaßigen Anzüglichkeiten, das sofortige Abblocken jeglichen Kontaktes – diese Frau war wie ein waidwundes Tier. Sie war zutiefst verletzt und schützte sich durch eine Mauer der Bissigkeit und des kratzbürstig Seins. Auf gewisse Weise erinnerte ihn das sogar an sich selbst. Immerhin war er auch nicht schlecht darin, seine Gefühle hinter einer Fassade von Selbstsicherheit und Arroganz zu verbergen. Nur Prongs war stets in der Lage, hinter diese Mauer zu sehen. Und gerade er wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass es keinen Sinn machte, all den Schmerz in sich zu vergraben. Auch das hatte er von James gelernt, dass man sonst irgendwann daran erstickt. Er war sich sicher, dass diese Frau mehr zu geben hatte. Nun, vielleicht hatten sie ja noch mehr gemeinsam. Dann würde eine gehörige Portion Aktivismus ihr ein gutes Stück aus diesem Loch heraushelfen. Einen Versuch war es zumindest wert. Entschlossen beugte er sich zu ihr vor, vermied dabei jeglichen Körperkontakt und legte so viel Zuversicht und Aufheiterung in seine Stimme, wie er nur konnte.
„Robin? Was hälst du davon, wenn wir jetzt mal Dearborn einen Besuch abstatten? Und wer weiß, vielleicht gibt es ja noch die Gelegenheit, ein paar Ärsche aufzureißen. Außerdem sieht Moony so aus, als ob er ein wenig Hilfe mit deiner Freundin gebrauchen könnte."
Tatsächlich wurde eine immer noch wild zappelnde, schimpfende Emma von Remus an den Ellbogen am Amoklauf gehindert. Zum ersten Mal seit ihrem Treffen schlich sich ein ehrliches und offenes Lächeln auf Robins Gesicht.
„Sieht tatsächlich danach aus. Erlösen wir ihn. Vielleicht wollen die Beiden ja mit."
Beide standen auf und froren mit den anderen beiden in der Bewegung ein, als die Tür aufgerissen wurde und ein Student den sehr zerzausten Kopf hereinstreckte.
„Leute, da ist die Hölle los! Dearborn ist verschwunden und in seinem Büro schwebt das Dunkle Mal!"
