Kapitelupdate: 15.08.2016
3. Kapitel: Ein himmlischer Ort
Langsam und träge versuchte sie ihre müden und von Schlafsand verklebten Augen, die von dem grellen Licht in diesem Raum geblendet wurden, zu öffnen. Sie hatte sich an die Dunkelheit in dem Kerker gewöhnt. Seit langer Zeit hatten ihre Augen nichts Anderes gekannt, als das Leuchten der spärlich montierten Fackeln an den steinernen Wänden und die Schatten, die diese faden Lichtquellen zustande brachten. Die Sonne hatte sie schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen und ihr mitgenommener Körper verzehrte sich nach dem lebenspendenden Licht und der Wärme.
Die Sterbliche konnte sich nicht an das gleißende Licht gewöhnen, doch sie atmete erleichtert im Hinblick darauf aus, dass sie nun vermutlich an einem besseren Ort war. Doch wo war sie? Im Himmel? War sie letztendlich doch gestorben? Oder hatte sie diesen schrecklichen Kerker nur geträumt und war noch immer in ihrem kleinen Dorf? Mit einem schmerzhaften Kopfschütteln, das sie gleich darauf bereute, verwarf sie diesen Gedanken. Das, was sie dort erlebt hatte, konnte niemals ein Albtraum gewesen sein, so sehr sie es sich gewünscht hatte. Es war die bittere Realität gewesen.
Völlig in ihren Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie ihr Körper leicht zitterte. Erst als sie meinte, ein Geräusch aus ihrer Nähe wahrgenommen zu haben, kam ihr Leib zur Ruhe und erinnerte sie stattdessen daran, dass sie immer noch Qualen litt. In ihrer Schulter spürte sie, wie die Schmerzen langsam ihr Nervensystem über ihre Existenz erinnerten. Auch in ihrem Magen machten sich Hunger und Durst breit. Von überall her fühlte sie Kraftlosigkeit, Stechen, Ziehen, Pulsieren und andere unangenehme Warnungen, dass sich ihr Körper in einem miserablen und zugleich lebensgefährlichen Zustand befand. Ihr schoss durch den Kopf, dass sie noch gar nicht tot sein konnte, denn sie würde früher oder später sterben, wenn ihr Wunde nicht bald behandelt werden würde.
Doch erst einmal wollte sie in Erfahrung bringen, wo sie war. Sie konzentrierte sich wieder auf das Geräusch, welches sie aufhorchen ließ. War jemand hier? Dadurch, dass sie ständig ihre Augen vor den Grausamkeiten geschlossen hielt, hatte sie ihre anderen, funktionsfähigen Sinne ein wenig geschärft. Deshalb war sie sich ziemlich sicher, dass ihre Ohren sie auch dieses Mal nicht trogen. Immer noch von der allgegenwärtigen Helligkeit geblendet wollte sie sich aufsetzen und merkte, dass sie sich auf einem weichen Bett oder einem anderen ähnlichen Möbelstück befand.
Mit einem erstickten Stöhnen versuchte sie sich auf ihre rechte Seite zu ziehen. Ihre Finger der linken Hand vergruben sich verkrampft in das Laken und mit dem rechten Ellenbogen versuchte sie sich aufzustützen. Ihre Bewegungen wurden immer träger und schmerzhafter, als sie sich vollkommen aufrichtete und ihre beiden Beine von der Bettkante hingen. Mit zusammengebissenen Zähnen umschlang sie ihre Taille mit ihren Armen und riss sich zusammen, um nicht das Bewusstsein unter den neu hervorgerufenen Schmerzen zu verlieren. Auch Kopfschmerzen fingen an sie zu plagen und ein kalter Schauer legte sich über ihren Rücken. Erst nach Minuten der Stille atmete sie hörbar aus, da sie sich jetzt imstande fühlte aufzustehen, ohne gleich umzufallen oder, schlimmer noch, das Bewusstsein zu verlieren. Ihr Fuß berührte den kalten Boden und sie setzte dazu an, ihren Körper in die Höhe zu heben – immer noch nicht fähig, klar zu sehen.
„Das solltest du nicht tun."
Sie fuhr so heftig zusammen, dass sich ihre Muskeln verkrampften und ihr Herz vor Schreck vom Schmerz beinahe erdolcht worden wäre.
„Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe, aber du bist noch zu schwach und solltest ohne Hilfe nicht das Bett verlassen."
Eine ihr vertraute Stimme kam von vorne näher. Das Mädchen rieb sich die Augen und blinzelte weiße Punkte aus ihrem Sichtfeld. Ihr Blick war auf den Boden vor ihr gerichtet. Die Schritte, die eindeutig dieser Stimme zuzuordnen waren, ließen erahnen, dass die Person eine schwere Rüstung trug. Und nach ein paar Sekunden ordnete sie die Stimme demjenigen zu, der Tyrael hieß. Augenblicklich machte sich in ihr Angst breit, denn sie wusste noch immer nicht, wer dieser Mann war. Er und seine Begleiter hatten sie zwar von den Ketten befreit und an einen anderen – hoffentlich besseren - Ort gebracht, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie weiterhin mit ihr verfahren würden.
Es gelang ihr einfach nicht, ihre Augen ganz zu öffnen. Sie musste sie zusammenkneifen, so hell war es hier im Gegensatz zum Kerker. Ihr Atem ging immer noch stoßweise, doch langsam fing sie sich wieder, auch wenn die Furcht nicht weniger wurde. Gedanklich ging sie ihre Optionen durch. Eine Flucht wäre unter diesen Umständen unmöglich gewesen; weder konnte sie genau sehen, wo sie hinlief und wo ihr Gegenüber war, noch wäre ihr Körper dazu in der Lage gewesen, sie von hier wegzubringen. Sie musste hierbleiben und warten, was mit ihr geschehen würde. Und obwohl es ihr rein praktisch nichts brachte, zog sie ihre schmerzenden Beine wieder zu sich und kauerte sich ängstlich auf ihrem Bett zusammen. Erst jetzt fingen Konturen an, sich vor ihren Augen aufzubauen. Sie konnte langsam sehen.
„Du brauchst dich hier nicht mehr zu fürchten." Natürlich hatte der Mann vor ihr mitbekommen, dass die Angst vor Fremden ihren Verstand beherrschte und deshalb wollte er sie mit einem sanften Ton, der sie trotzdem nicht ganz überzeugen konnte, beruhigen. Als er nun vor die Sterbliche trat, schluckte sie schwer. Ihre Augen hatte sie nun weitestgehend geöffnet und starrte völlig überrumpelt das an, was sich vor ihr befand. Sie hätte alles erwartet, aber nicht das. In den Märchen, die man sich in ihrem Dorf erzählt hatte, wurden Engel immer so beschrieben, dass sie wie Menschen aussahen, nur mit Flügeln aus Federn auf ihren Rücken. Doch das Geschöpf, welches sich vor ihr befand, verspottete die unkreative und eindimensionale Vorstellungskraft der Menschen, wie Engel ihrer Meinung nach aussahen.
Er, Tyrael, der Engel, hatte, bis auf die Tatsache, dass er die gleiche Körperform - einen Rumpf, zwei Arme, zwei Beine und mehr oder weniger einen Kopf - wie die Menschen besaß, keine Ähnlichkeit mit einem solchen. Es sah so aus, als ob er eine schwere goldene Rüstung trug, die genauso gut auch so etwas, wie bei einem Menschen die Haut darstellen konnte, und auf seinem Rücken befanden sich Schulterplatten, die in Zacken ausliefen. Aus ihnen ragten keine Flügel aus Federn heraus, sondern mehrere einzelne Stränge aus blauem Licht mit weißem Schimmer, die sich wellenartig bewegten. Doch das merkwürdigste und bizarrste war sein Kopf, oder die Stelle an der er sich befinden sollte. Denn die weiße Kapuze, die so aufgestellt war, als ob sie einen solchen bedecken würde, war leer. Als sie ihren Blick unverhohlen an diese Stelle geheftet hatte, erkannte sie nur Schwärze in dem Hohlraum der Kapuze. Tyrael hatte kein Gesicht. Jedenfalls keines, welches sie erkennen konnte.
Dieser Anblick ging weit über ihren menschlichen Verstand hinaus und doch musste sie diese Tatsache akzeptieren – genauso wie die Existenz von Dämonen und Engeln. Sie war heilfroh, dass ihr Mundwerk vor Erstaunen und Schreck nicht nach unten gefallen war. Trotzdem stand ihr die Verwunderung deutlich ins Gesicht geschrieben. Und das entging dem Engel keineswegs.
„Ich hätte dich doch lieber besser vorwarnen sollen", meinte Tyrael mit leichter Sorge in seiner kräftigen Stimme.
Immer noch nicht ganz überzeugt davon, dass der Engel vor ihr kein Trugbild war, schüttelte sie leicht trotz den Kopf. Neu aufgekeimte Angst schlich sich in ihren Geist. Tyrael war so groß und mächtig, dass sie unweigerlich vor ihm zurückschreckte.
Einige Augenblicke vergingen und sie war sich fast sicher gewesen, dass er darüber nachdachte, wie er mit ihr am besten umgehen sollte, ohne dass ihr Herz vor Angst und Anspannung stehen blieb. Dann ergriff er die Initiative und beugte sich zu ihr. Anders als im Kerker, berührte er sie nicht ohne zu Zögern, sondern hielt mit seiner Hand kurz vor ihrem Gesicht inne – was sie merkwürdigerweise ganz genau spürte – und berührte sie erst Sekunden später behutsam an ihrer linken Wange.
Erst wich sie vor seiner Berührung zurück, doch dann merke sie, dass die Berührung nicht normal war. Irgendwie fühlte sie durch den Kontakt mehr als nur, dass sich ihre Haut und seine in einen Metallhandschuh angezogene Hand berührten. Ihr war fast so, als ob Wärme, die von ihm ausging, durch sie hindurchfloss. Auch so etwas wie Sicherheit und Licht... Aber wie konnte dies möglich sein?
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie abermals von einem merkwürdigen und kaum hörbaren Geräusch Notiz nahm. Es war wie das leise Rascheln von Kleidung. Wieder kam es aus der gleichen Richtung wie vorhin. Es stammte aber nicht von Tyrael. Voller Argwohn spähte sie mit ihren Augen zu dem Punkt, wo die Quelle des Geräusches sich befinden musste. Erst jetzt entdeckte die Sterbliche einen weiteren Engel, gekleidet in schwarze Gewänder, an einen imposanten, massiven Tisch aus goldenem Material gelehnt. Der Seraphim war groß und fürchterlich dünn – ganz anders als Tyrael – und von ihm ging eine grüblerische, dunkle Aura aus. Und mehr, als dass er leuchtend violette Flügel, geziert mit merkwürdigen Symbolen, besaß, konnte sie aus der Entfernung nicht ausmachen.
„Hab keine Angst." Noch immer verweilte die Hand des goldenen Engels an der gleichen Stelle und sie schaute ihn wieder an. „Malthael ist ein wissensdurstiger Engel, aber er würde dich nie verletzen."
Tyraels Worte ließen sie innerlich zusammenzucken. Sie erinnerte sich zurück an den Kerker. Dieser dunkle Engel war also Malthael? Das Wesen mit der todbringenden Stimme, das eine immerwährende Überwachung über sie angeordnet hatte? Von ihm wurde sie beobachtet? Wie lange schon? Erneut machte sich in ihr große Unsicherheit breit, die dank Tyraels Berührung eigentlich schon ein wenig gewichen war.
„Allerdings verstehe ich nicht", begann das männliche Geschöpf vor ihr an seinen Mitstreiter gewandt, „wieso Ihr Euch so sehr für sie interessiert? Ihr Aufenthalt in den Hohen Himmeln liegt nicht einzig und allein der Informationsbeschaffung über das Vorgehen der drei Großen Übel zugrunde, wie ich annehme."
„…" Malthael blieb für lange Zeit einfach still. Und fast schon dachte sie, dass er Tyraels Worte, die an ihn gerichtet worden waren, gar nicht mitbekommen hatte. Doch er sprach: „Ich erweitere mein Wissen um jeden erdenklichen Aspekt der natürlichen Schöpfung sowie um die Existenzen, die außerhalb der Ordnung weilen." Der Klang seiner Stimme ließ das Mädchen wieder leicht zusammenfahren.
„Dennoch solltet Ihr Euch darüber im Klaren sein", erklärte Tyrael, „dass ihre Genesung an erster Stelle steht und nicht Eure Leidenschaft dem Wissen gegenüber."
„…" Wieder schwieg der furchteinflößende Engel.
„Entschuldigt meinen harschen Angriff auf Euch, Bruder. Es lag nicht in meiner Absicht Euch zu verletzten." Die Sterbliche hörte Reue in Tyraels Stimme, der ihr immer noch Wärme und Sicherheit durch seine Berührung spendete. „Imperius ist nach wie vor gegen die Entscheidung des Angiris-Rates und macht daraus keinen Hehl, dass er darüber sehr erbost ist. Ich kann nicht leugnen, dass mich diese Tatsache nicht belastet, auch wenn ich es nicht gerne zugebe."
„Die Folgen ihrer Wunde könnten bald ein frühzeitiges Ableben für sie bedeuten", überging Malthael die Aussage seines Mitstreiters und sprach kurzerhand ein neues Thema an.
„Ja", stimmte Tyrael zu, „ich kümmere mich gleich um ihre körperliche Verfassung."
Nun widmete sich Tyrael wieder ihr, da sie angefangen hatte zu zittern, als der Name des Engels gefallen war, welcher für ihre Hinrichtung gestimmt hatte. „Imperius wird dir kein Leid zufügen. Auch wenn der Erzengel des Heldenmutes störrisch ist und eine Antipathie gegenüber der Menschheit hegt, wird er den Entschluss des Angiris-Rates befolgen."
Sie hätte ihm gerne geglaubt, aber dieser Hass auf ihre Rasse – die Menschheit – schien tief in ihm verankert zu sein. Noch einmal wollte sie diesem Engel nicht begegnen, aber eine weitere Begegnung würde wohl unausweichlich sein.
„Vertrau mir."
Vertrauen? Sie würde sich zwar den Aufforderungen der Engel widerstandslos fügen, aber sie konnte nach alldem, was ihr in dem Kerker passiert war, niemandem mehr Vertrauen schenken. Viel zu groß war die Angst, dass diese Fremden sich ihr doch entledigten, sobald sie an die benötigten Informationen kamen. Allen voran Imperius.
Gleich darauf sah sie im Hintergrund, dass sich Malthael in Bewegung setzte, um den großen Raum zu verlassen. Merkwürdigerweise waren seine Schritte nicht zu hören und es war schon zu spät, um einen zweiten Blick auf ihn zu erhaschen. Innerlich war sie froh, dass dieser Engel sich nicht weiter in ihrer Nähe aufhielt. Er war so furchteinflößend. Ganz anders als sie sich einen Engel vorgestellt hatte. Tyrael kam ihren Vorstellungen und Phantasien noch am nächsten.
„Du wirst noch Zeit genug haben, um alle Engel des Angiris-Rates zu treffen", gab Tyrael leicht belustigt von sich.
Beschämt, dass sie sich so leicht hatte ablenken lassen und dem Engel vor ihr keine Aufmerksamkeit schenkte, senkte sie ihren Kopf und biss sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe. Irgendwie strahlte er eine unheimliche Autorität aus, die sie das Gefühl von Ehrfurcht verspüren ließ. Sie glaubte – nein, sie fühlte –, dass dieser Engel nach Recht und Ordnung handelte. Dass er die Gerechtigkeit verkörperte.
Nun erhob er sich und fuhr ernster fort. „Erst einmal sollten wir uns um deinen Körper kümmern."
Obwohl er mit keiner Geste auf ihren Leib zeigte, wusste sie, dass er dies in irgendeiner Weise – geistig - tat, denn sie musste unwillkürlich an sich runterschauen und verstellen, dass ihre Kleidung schon bessere Tage gesehen hatte und dass sie einige kleine Verletzungen neben der Fleischwunde an ihrer Schulter hatte. Die Blessuren waren mit Schorf bedeckt und ihre Haut war schmutzig. Auch der Rest ihrer Kleidung, der nur noch aus Unterhemd und Kniebundhose bestand, machte einen bemitleidenswerten Anblick. Von ihrem Mieder und den ledernen Stiefeln war nichts zu sehen.
Ohne sich darüber im Klaren zu sein, hob sie ihren Kopf und schaute ihn an. Sie wollte etwas sagen, konnte es aber nicht, und es erschreckte und erstaunte sie zugleich, dass Tyrael wusste, was sie sagen wollte. „Nein, es liegt leider nicht in meiner Macht dir deine Stimme wieder zu geben." Er klang so enttäuscht von sich selbst. „Ich wünschte, ich könnte es, doch du strahlst keine Resonanz aus, so wie wir Engel es tun. Du musst deine Stimme alleine wiederfinden."
Mit dem Gefühl gerade jemanden schlimm beleidigt zu haben, bedauerte sie ihre unüberlegte Aktion.
Plötzlich streckte er ihr seine Hand entgegen. „Lass mich dir helfen, aufzustehen."
Zögernd fasste sie sich ein Herz und ergriff mit ihrer Hand die seine. Ihre Kraft reichte nicht aus, um sich an ihm festzuhalten und umso mehr verwunderte sie der Druck, den er aufbrachte, um ihre Hand zu halten – er hielt sie mit einer unheimlichen Kraft fest und doch tat er ihr nicht weh. Mit schmerzenden Bewegungen und unter leisem Stöhnen ließ sie ihre Beine wieder von der Bettkante hängen. Tyrael zog sie hoch, als er merkte, dass sie es alleine nicht schaffte. Wieder überkam sie Schwindel und Kraftlosigkeit, doch der Engel an ihrer Seite ließ sie spüren, dass sie keine Angst haben musste.
Erst jetzt wanderte ihr Blick aufmerksam durch ihre Umgebung. Wie sie schon am Anfang festgestellt hatte, war der Raum in ein helles Licht getaucht und strahlte Wärme aus. Die majestätisch anmutende Innenarchitektur ließ erahnen, wie uralt dieses Bauwerk sein möchte. Nirgendwo wurde mit Gold anderen edlen Materialien gegeizt, überall fand man Verzierungen, die zusammen mit dem Baustil harmonierten. Keineswegs empfand die Sterbliche – die ganz bestimmt die erste Besucherin in dem Reich der Engel war –, dass dieser Ort überladen oder übertrieben gestaltet war, eher war es überwältigend und vollkommen. Sie fragte sich zunehmend, wie der Rest dieser himmlischen Baute wohl aussehen möge. Doch sie musste erst einmal überhaupt aus diesem Raum kommen.
Langsam und vorsichtig trat sie mit einem Fuß vor den anderen. Ihre Muskeln schrien vor Schmerz bei jedem Schritt, den sie tat. Obwohl sie in einem schleppenden Tempo vorankamen, hatte Tyrael eine unerschöpfliche Geduld mit ihr. Er musste sich dessen wohl von Anfang an bewusst gewesen sein. Rücksichtsvoll ließ er ihr Platz, um alleine gehen zu können, und behielt trotzdem eine Distanz bei, die ihm erlaubte, sie jeden Moment mit seiner Hand zu unterstützen, falls sie zu wenig Kraft hatte. Es war ihr äußerst unangenehm gewesen, seine Hilfe in diesem Ausmaß in Anspruch nehmen zu müssen. Überhaupt war die ganze Situation – auch schon im Kerker – beschämend. Aber sie hatte keine andere Wahl. Sie war wehrlos und die Engel haben ihre Entscheidung getroffen, dass sie sich um sie kümmern wollten, um an die benötigten Informationen über den Plan der drei Großen Übel zu kommen.
Nachdem sie den Raum und einen kurzen Gang mit majestätischem Torbogen hinter sich gelassen hatten, betraten sie nun eine weitläufige Fläche im Freien. Auch dieser Platz war im gleichen Stil wie der Ort ihres Erwachens gehalten. Und als sie weiter von ihrem Retter geführt wurde, fielen ihr neue Dinge ins Auge. Obwohl sie sich hier anscheinend hoch über Erdland aufhielten, waren hier kaum Geländer befestigt. Es gab nur ab und zu symbolische Brüstungen, die die Abhänge verzieren sollten. Ihr ging durch den Kopf, dass Engel allesamt fliegen konnten. Die Hohen Himmel waren nicht so erbaut, um fremde Gäste willkommen zu heißen und niemanden würde ein ungesicherter Abhang stören. Sie bildete eine einmalige Ausnahme.
Weiterhin bemerkte sie Wasser, welches entweder von einem höher gelegenen Brunnen aus nach unten wie ein Wasserfall strömte oder sich still in einem solchen befand. Es leuchtete in einem satten Blauton und sie fragte sich, ob dieses Wasser für sie bekömmlich gewesen wäre. Es gab hier aber auch Bäume, die wie Trauerweiden mit hell blauer Rinde und schimmernden blauen Blättern aussahen. Als sie zu ihren Füßen hinabsah, erblickte sie auch auf dem Boden genügend Verzierungen und Symbole.
Tyrael schien es zu genießen, dass die Sterbliche alle Eindrücke mit ehrlicher Bewunderung in sich aufnahm. Für ihn war es bestimmt nicht das erste Mal, dass er mit Menschen in Kontakt trat und so wusste er, wie Menschen auf unbekannte Dinge reagierten.
Nun durchbrach der Engel die zeitweilige Stille. „Vor uns liegt die Silberstadt und das wichtigste Monument der Hohen Himmel - der Kristallbogen." Wieder musste sie in die Richtung sehen, wohin Tyrael geistig gezeigt hatte. Vor ihnen in der Ferne erstreckte sich ein gigantischer Turm, der symmetrisch geteilt war. Fast ganz oben liefen die beiden Seiten in einem runden Zusammenschluss aus und trennten sich daraufhin wieder um kurz vor den beiden Spitzen einen leuchtenden Kristall zu halten. „Es ist der wichtigste Ort in den Hohen Himmeln. Der Angiris-Rat berät hier in den Hallen der Gerichtsbarkeit über alle Angelegenheiten, die sowohl unser Reich und die Brennenden Höllen, als auch Sanktuario betreffen. Ich werde dich zu einem anderen Zeitpunkt dorthin führen. Nun aber müssen wir in die Gärten der Hoffnung."
Sie nickte nur gehorsam und ging mit ihm langsamen Schrittes in die die Richtung, zu der er sie führte.
