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Kapitel 3

#+#+#

Vielleicht war es die Wut, die Kate zwei Abende später zu Ricks Wohnung trieb. Sie trug in dünnes Kleid in einem dunklen Rot mit dezenter Blumenapplikation auf einer Seite, welches ihre Taille betonte und passend dekolletiert war, um etwas Brust zu zeigen, ihren langen eleganten Hals und die Kette, an der sie den Ring trug. Den ledernen Trenchcoat hatte sie offen, die Stiefel passten zum Outfit in der Farbe des Mantels. Ihr Haar fiel in wirren Locken auf ihre Schultern hinab, ihr Make-Up hatte sie nicht erneuert, bevor sie wieder zum Auto gegangen war. Es war ein impulsiver Akt. Unüberlegt.

Dreimal hatte sie geklopft, war bereits kurz davor zu gehen, ihre innere Stimme erklärte ihr des Öfteren, dass es ein Fehler war, dass sie hier war, dass er wahrscheinlich eine dieser Frauen bei sich hatte und sie dies nicht verkraften würde.

Vielleicht war es das Kleid, welches ihr das nötige Vertrauen gab, um an der Türe zu warten. Immerhin hatte sie Licht von unten gesehen gehabt.

Martha öffnete die Türe, starrte sie verwundert an.

„Ist Castle zuhause?", fragte Kate beinahe schüchtern, unsicher.

Kurz musterte die ältere Frau die jüngere, bevor sie den Kopf schüttelte. „Leider, Detektive Beckett", erklärte sie. „Kann ich ihnen etwas anbieten? Wollen sie warten?"

Dankend lehnte Kate ab, drehte auf ihren hohen Absätzen um und schritt rasches Schrittes wieder in Richtung Aufzug.

Immer wieder murmelte sie vor sich hin, wie idiotisch die Annahme gewesen war, dass er am Abend einfach zuhause sein würde. Wie idiotisch.

#+#+#

Auch Martha war aufgefallen, dass sich ihr Sohn sich in den letzten Wochen plötzlich wieder so verhielt, wie in der Zeit, in der er Kate noch nicht gekannt hatte. Er machte sich lächerlich. Mit jeder Woche im Jahr, wurden die Frauen an seiner Seite jünger, blonder und naiver.

Früher, gestand sie sich ein, als sie die Türe hinter Kate schloss, war es ihr egal gewesen, war es doch sein eigenes Leben gewesen. Ihr Sohn hatte die Frauen nicht nachhause gebracht und Alexis nicht involviert, niemandes Leben beeinflusst. Dieses Mal war es anders. Es war Kates Leben und auch Alexis.

Doch das wusste Rick eventuell auch nicht, weil Kate damals Alexis versprechen musste, ihrem Vater nichts zu verraten. Nicht jeden Abend den sie offiziell bei „Paige" verbrachte, verbrachte sie auch wirklich dort. Oftmals war es Kate, mit der sie Pizza aß, lachte und über diverse Frauenthemen sprach.

Es war vor einem Jahr gewesen, oder vielleicht waren es auch bereits zwei gewesen, Martha war sich nicht sicher, als sie eines Nachmittags hörte, wie Alexis mit jemandem telefonierte. Es ging um ihre Beziehung zu Ashley, Details von denen Martha nichts wusste und wissen wollte. Sie stellten Fragen, wartete Antworten ab, Fragen, die man einer Mutter stellte. Dann hatte Martha auf ihre Uhr geblickt und festgestellt, dass es in Los Angeles noch mitten in der Nacht sein musste und wunderte sich, mit wem ihre Enkeltochter sprach. Irgendwann hörte sie schließlich: „Danke Kate, du hast mir sehr geholfen. Wir sehen uns am Freitagabend."

Kate fragte nicht nach, überhörte nur, dass sie ihrem Vater am Freitag mitteilte, dass sie bei Paige schlafen würde, um mit ihr für einen Naturwissenschaftstest zu lernen.

Dies kam später in regelmäßigen Abständen vor und Alexis schien ausgeglichener zu sein. Ab und an fragte Martha nach, ob sie nicht ihre Mutter anrufen wolle, um mit ihr zu sprechen, Alexis verneinte regelmäßig, erklärte, dass sie jemandem habe, mit dem sie über alles sprechen könnte. Für beide Frauen war klar, dass es sich nicht um Castle handelte, dass sie ihren Vater, zu dem sie eine gute Beziehung hatte, nicht gemeint hatte.

Zuvor war sie mit vielen Problemen, die ein junges Mädchen nun einmal hatte, mit denen es konfrontiert wurde, zu ihr gekommen, doch irgendwann schien es immer komplizierter für Alexis zu werden, mit ihr darüber zu sprechen. Meredith war selten erreichbar und kümmerte sich nicht recht um die Anliegen ihrer Tochter. Rick, Rick erlaubte ihr zwar viel, doch wollte er sie am liebsten in einen Watte Kokon hüllen, um sie von der Realität abzuschotten.

So hatte Martha Alexis bereits einige Male zu Kate gefahren, da das junge Mädchen ihr gegenüber dann doch irgendwann mit der Wahrheit herausgerückt war. So kam es auch, dass sie eine kleine Reisetasche mit Wechselkleidung bei Kate deponiert hatte.

Selbst als Kate mit Josh zusammen war, hatte sie immer Zeit gefunden, um Zeit mit Alexis zu verbringen, hatte ihr niemals den Eindruck vermittelt, dass es eine Bürde für sie war.

Die alternde Schauspielerin hatte realisiert, dass Kate nicht in die Rolle einer Mutter gedrängt werden oder sich in das Leben des Teenagers drängen wollte. Es war Alexis gewesen, die sie auserwählt hatte, die eines Abends einmal vor ihrer Türe gestanden war – hatte sie Martha erzählt – um mit jemandem zu sprechen.

Somit machte sich Martha nun auch ernsthafte Sorgen um das Leben ihrer Enkeltochter. Sie hatte Angst, dass wenn Kate und Rick sich noch mehr entzweien würden, dies auch Einfluss auf Alexis Leben haben würde. Natürlich war diese Annahme gerechtfertigt, wusste sie doch nicht, wie innig das Band zwischen den beiden jungen Frauen war.

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So entschied sich Martha am folgenden Tag, Kate einen Besuch am Revier abzustatten. Sie erinnerte sich noch, wie Kate ihren Kaffee trank und brachte außerdem noch etwas zu essen mit, da sie wusste, dass Kate oftmals auf ihre Mahlzeiten vergaß, wenn sie arbeitete.

Als sie einen Fuß in die Räumlichkeiten setzte, wurde sie bereits von Ryan und Javier herzlich begrüßt und sie bedankten sich für die Donuts, die sie für sie mitgebracht hatte.

„Mrs. R. könnten sie uns einen Gefallen tun?", fragte Javier im Pausenraum, in dem sie gemeinsam saßen. Ihre Antwort war lediglich ein höfliches Nicken.

„Kate … ich meinte Detective Beckett …", versuchte Ryan sich.

„Seien sie nicht nervös, sagen sie es einfach", forderte sie ihn auf und nahm einen Schluck Kaffee.

„Was auch immer Castle im Moment durchmacht, er kann es nicht weiterhin an Beckett auslassen."

„Wie meinen sie das?", fragte sie, wissend, dass etwas im Argen war.

„Jeden einzelnen Tag, den er am Revier verbringt, holt ihn eine andere junge Frau ab, sehr jung. Mit sehr wenig Kleidung", erklärte Esposito.

„Und jedes einzelne Mal, lässt er sie sehen … ich meine … er küsst diese Frauen am Revier …", stotterte Ryan vor sich hin. „Es geht uns nichts an, aber es beeinflusst allmählich ihre Arbeit."

„Wie denn das?", fragte Martha.

„Ihre Art sich zu kleiden ist freizügiger, was natürlich alle wahrnehmen und kommentieren. Und heute, heute geht sie einfach zu weit."

Martha wusste, als sie den beiden Männern folgte, dass sie eigentlich nichts im Beobachtungszimmer des Verhörraums verloren hatte, doch die Männer schienen ihr zeigen zu wollen, dass es so nicht weitergehen konnte.

Durch die Scheibe sah sie die dunkelhaarige Frau, die in dem femininen Sommerkleid am Abend zuvor in ihrer Türe gestanden war. Nun trug sie schwarze Hosen, die aussahen, als wären sie aus Leder, hohe schwarze Stiefel und eine schwarze Bluse, die so weit offen war, dass sie nichts verbarg. Ihr Haar war in einen strengen Knoten hochgesteckt und ihre Augen schwarz geschminkt, die Lippen in einem anderen Rot als sonst gefärbt.

Sie verhörte den Mann nicht auf die übliche Art und Weise. Zuerst musste Martha feststellen, dass er mit einer Hand an den Tisch gefesselt war, mittels einer Handschelle. Außerdem trat Kate viel zu nahe an den Verdächtigen heran, ließ ihn kaum zu Wort kommen, schütterte ihn ein.

„Zweimal haben wir bereits versucht, sie aus dem Verhör herauszulocken, zweimal hat sie uns angeschrien und erklärt, dass sie uns im Rang überlegen sei und wir ihr nichts zu sagen hätten. So kann es nicht weitergehen."

„Aber ihr Kleidungsstil …"

„Mrs. R. sie kennen Kate, sie wissen, dass das sogar für sie übertrieben ist."

Zustimmend nickte sie. „Ich weiß aber nicht, was mit ihm los ist. Ich weiß es nicht."

Natürlich versprach sie ihnen, ihr Bestes zu tun, um die Situation aufzuklären, doch wusste sie, dass das alles nicht so einfach war. Ihr Sohn war stur, sehr stur. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog er es durch. Normalerweise bekam er, was er wollte.

Als sie ihn am Abend wenige Minuten sah und ihn fragte, ob sie einen neuen Fall hätten, erklärte er nur, dass die Beziehung zwischen Beckett und ihm etwas angespannt sei.

Marthas Antwort darauf war kurz und bündig: „Wenn du sie bestrafst, dann lass sie wenigstens wissen wofür." Danach drehte sie sich um und ging in den ersten Stock des Lofts.

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Als Kate schließlich leicht genervt gegen 20 Uhr nachhause kam, saß Alexis bereits mit einer großen Pizza vor ihrer Wohnungstüre und las ein Buch.

„Alexis?", fragte Kate verwundert und blieb vor ihr stehen.

„Kate", sagte sie erfreut, dass sie sie sah.

„Hatten wir für heute etwas ausgemacht?", fragte sie nach, verunsichert.

„Nein, keine Sorge. Ich dachte, dass du sicherlich nichts gegessen hast den ganzen Tag."

Kate musste sich eingestehen, dass der Besuch von Castles Tochter der erste Lichtblick an diesem Tag war. Sie sperrte die Türe auf und bat sie, inzwischen alles für das gemeinsame Abendessen herzurichten, sie würde sich nur umziehen und duschen wollen.

Wenige Minuten später stand Kate vor ihrem Badezimmerspiegel und sah die dunklen Ringe unter den Augen. Doch wusste sie, dass Alexis sie nicht verurteilte, wusste, wie hart sie arbeitete.

„Ich habe einen Film mitgebracht", erklärte Alexis und legte „Mama mia" ein. Gemeinsam hatten sie sich in den letzten Monaten diverse Musical-Verfilmungen angesehen, da ihr Vater immer nur abschätzige Kommentare über dieses Filmgenre übrig hatte.

Kate war überdurchschnittlich ruhig an diesem Abend, dies bemerkte Alexis rasch, stellte allerdings auch keine Fragen, da sie sich in den letzten Wochen auch gefragt hatte, was mit Castle los war.

„Möchtest du hier schlafen?", fragte Katen als der Film beinahe zu Ende war, Pierce Brosnan und Meryl Streep auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Tochter waren und auf den Felsen standen, und Meryl „The Winner takes it all" sang. „Hast du deinem Vater gesagt, dass du nicht nachhause kommst?"

Der Film war vielleicht nicht der richtige gewesen für diesen Abend. Er machte sie depressiver, trauriger. Vielleicht kam auch langsam ein Hauch von Verzweiflung hinzu. Bei dem Lied musste sie den Raum verlassen, kannte sie doch die einzelnen Zeilen des Liedes nur all zu gut.

I don't wanna talk
About the things we've gone through
Though it's hurting me
Now it's history
I've played all my cards
And that's what you've done too
Nothing more to say
No more ace to play#

Noch bevor der Refrain einsetzte, ging sie in ihr Schlafzimmer und schlug das Bett auf, richtete für Alexis eine eigene Decke her. Und aus dem Wohnzimmer ertönte abermals Meryl Streeps Stimme:

I was in your arms
Thinking I belonged there
I figured it made sense
Building me a fence
Building me a home
Thinking I'd be strong there
But I was a fool
Playing by the rules

Vielleicht hatte sie wirklich zu lange alle Regeln eingehalten, viel zu lange.

Vielleicht hatte sie wirklich zu lange zugesehen, es genossen, eine wichtige Rolle in Castles Leben zu spielen, ohne genau definieren zu wollen, welche das wirklich war.

Vielleicht.

Wortlos kam Alexis, nachdem sie alle Lichter im Wohnzimmer abgedreht hatte, in Kates Schlafzimmer, zog sich im Badezimmer um und legte sich zu der jungen Polizistin.

Was auch immer zwischen ihrem Vater und Beckett vorgefallen war, sie konnte es nicht beeinflussen, doch wusste sie, dass sie Kate nicht verlieren konnte und wollte. Sie war immer für sie da, auch wenn es einfach nur darum ging, mit jemandem über Probleme mit Ashley zu sprechen oder einem anderen Jungen, einer Freundin oder der Schule, ohne daraus ein großes Drama zu machen. Wenn sie ein Gespräch mit einem Erwachsenen führen wollte, der sie einfach auch als Erwachsene wahrnahm und nicht wie ein Kind behandelte.

Welche Rolle Kate genau in ihrem Leben einnahm, wusste sie nicht, sie wusste allerdings, dass es eine wichtige war und sie nicht riskieren konnte, sie zu verlieren.

So hatte sie auch in ihrer sensiblen Art wahrgenommen, dass Kate keinen Laut von sich gab, als sie sich ins Bett neben sie legte, die Decke über sich zog, doch als sie nahe an sie gerückt war, sah sie, die Wege, die sich die Tränen über das Gesicht der jungen Frau gebannt hatten.

Ohne einen Satz zu sagen, rutschte sie an sie heran, legte einen Arm um ihre Schulter.

Alles würde besser werden.

Hoffentlich.

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Ende Kapitel 3

#+#+#

A/N: Sorry für das späte Update … aber irgendwie bin ich nicht weitergekommen … Writer's Block? Maybe …

„Winner Takes it all" – Meryl Streep Version: watch?v=7OmZXZ1fb7Y