3. Kapitel Verschwunden

Vor ihm stand Lady Sarina. Oder auf jeden Fall die Frau, die sich als solche ausgegeben hatte.
„So sehen wir uns also wieder, schöner Elbenprinz. Überrascht mich zu sehen, wie?"
Schnell hatte Legolas seine Ruhe und Ausgeglichenheit wieder gefunden. Ruhig blickte er der fremden Frau ins Gesicht und harrte der Dinge, die da kommen würden. Fast erwartete er, dass hinter ihr noch zwei muskulöse Gestalten auftauchen und sich auf ihn stürzen würden. Allerdings zweifelte er daran, dass der Mensch, auf dessen Brustkorb er immer noch lag, zu der angeblichen Leibgarde der Lady gehört hatte.
„Nun, so schweigsam? Ganz wie es sich für einen Elben gehört. Ach, mein Freund, warum habt Ihr nicht auf meine Warnung gehört? Ihr seid sehenden Auges in die Gefahr gerannt und selbst mir wird es nun schwer fallen, Euch daraus zu befreien."
Das überraschte den Elben nun doch etwas.
„Ihr wollt mir HELFEN? Aber ich brauche doch gar keine Hilfe. Wer seid ihr überhaupt?"
„Ah, unser junger Freund, für einen Elben jung meine ich natürlich, kann also doch sprechen. Wenn Ihr die Güte hättet, meinen Kameraden loszulassen, werde ich mit Freude alle Eure Fragen beantworten, Hoheit."
Überrascht erhob sich Legolas und blickte die junge Frau fragend an. Auch sein Kontrahent stand auf und verschwand auf ein Zeichen seiner Herrin durch die Geheimtür. Lady Sarina setzte sich inzwischen wie selbstverständlich auf das Bett und deutete Legolas näher zu kommen. Er stellte sich vor sie hin und wartete auf die Erklärung des Mädchens. In ihrem Gesicht konnte er lesen, dass sie nicht ganz sicher war, wo sie anfangen sollte. Er wartete geduldig. Doch gerade als sich ihr Mund öffnete und sie zu reden beginnen wollte, weiteten sich ihre Augen vor Schreck und Furcht. Legolas bemerkte noch, dass sie entsetzt auf einen Punkt hinter seinem Rücken starrte, dann fühlte er nur noch einen dumpfen Schlag auf seinem Kopf und alles rund um ihn wurde schwarz. Während seines Falls glaubte er noch einen leisen, schrillen Schrei zu hören, dann wusste er nichts mehr.

Gimli saß in seinem weichen, warmen Bett und wunderte sich, was ihn geweckt haben mochte. Hatte er nur schlecht geträumt oder waren andere unbekannte Geräusche schuld an seinem Aufwachen? Angestrengt hörte er in die Dunkelheit, konnte jedoch nichts vernehmen. So legte er sich wieder nieder und war binnen Sekunden eingeschlafen.

Nur wenige Räume weiter unterhielt sich Aragorn noch mit seiner Frau. Sie sprachen über Lord Warden, die seltsamen Geschehnisse im Wald und die unbekannte Frau. Er war überrascht, als Arwen plötzlich von Legolas sprach.
„Findest du nicht auch, dass sich unser Elbenprinz heute in unserer Gesellschaft nicht wohl gefühlt hat? Er benahm sich äußerst seltsam."
Aragorn versuchte, sich an Legolas` Benehmen zu erinnern, konnte jedoch nichts Verdächtiges feststellen. Er musste sich selbst aber auch gestehen, dass er zu sehr in das Gespräch mit Warden vertieft gewesen war und nur hin und wieder einen kurzen Blick zu seinen beiden Freunden und Arwen geworfen hatte. Eigentlich hätte er sich mehr um seinen elbischen Freund kümmern sollen, wusste er doch, dass dieser immer noch mit der Warnung der seltsamen Frau zu kämpfen hatte. Er nahm sich fest vor, am nächsten Morgen das Gespräch mit Legolas zu suchen und ihn über die Absichten des Lords zu beruhigen. Im Laufe dieses Abends hatte er sich überzeugen können, dass Warden keine bösen Gedanken hegte. Während er langsam in den Schlaf hinüber glitt, dachte er daran, dass er Warden ohnehin immer voll vertraut hatte und sich deshalb schon während des ersten Gesprächs mit Legolas sicher gewesen war, dass dessen Vermutungen falsch sein mussten.

Ruhe war im Schloss eingekehrt und alles schlief tief. Daher bemerkte auch niemand den Reiter, der sich vom Schloss entfernte. Sein Pferd hielt er am Zügel fest, während es eine seltsam zusammengeschnürte Last zu tragen hatte.

Der Morgen kam und das Schloss erwachte langsam wieder zum Leben. Allerdings war es schon später Vormittag, als sich Aragorn und Gimli zum Brunch im Speisesaal einfanden.
„Nun, mein König, hast du wohl geruht?"
„Gimli, du weißt genau, dass ich es hasse, von dir oder Legolas mit mein König, Eure Hoheit oder sonst einem hochtrabenden Titel angesprochen zu werden. Ärgere Legolas, wenn du so deiner guten Laune Ausdruck verleihen musst. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich habe sogar sehr gut geschlafen. So ein warmes Bett lässt sich doch nicht mit den schäbigen Feldbetten während unserer Reise vergleichen. Es war fürwahr eine Wohltat. Deshalb wohl komme ich etwas zu spät zum Frühstück. Arwen hat mich schon in den frühen Morgenstunden verlassen, um sich das Schloss anzusehen. Doch wie geht es dir, mein Freund?"
„Auch ich habe den ungewohnten Komfort genossen, und bin deshalb wirklich gut gelaunt. Aber nachdem meine Scherze bei dir heute nicht den gewohnten Erfolg haben, werde ich mich wohl wirklich an den Elben halten und ihn etwas ärgern."
„Apropos Legolas. Hast du ihn heute schon gesehen, Gimli? Ich müsste ein dringendes Gespräch mit ihm führen."
„Nein, ich habe noch keine Elbenseele getroffen. Aber jetzt, wo du fragst, erscheint es mir doch seltsam. Normalerweise schläft er doch nie solange. Aber keine Sorge!", fügte der Zwerg munter hinzu, „Es wird mir eine große Freude sein, ihn zu wecken. Unser Spitzohr braucht nicht den ganzen Tag zu verschlafen, auch wenn er eine elbische Hoheit ist. Ich mache mich gleich auf den Weg!"
Aragorn sah Gimli nach, der fröhlich pfeifend, in der Vorfreude seinen liebsten Freund ärgern zu können, um die nächste Ecke bog.

Ohne anzuklopfen, stürmte der Zwerg kurz darauf in das Zimmer seines Freundes – und blieb sodann erschrocken stehen. Es schien als hätte eine Horde Orks im Raum gewütet. Der Stuhl lag auf dem Boden, genauso wie die Utensilien, die auf der Kommode gelegen haben mussten. Das Bett war durchwühlt und irgendwo mitten im Zimmer fand Gimli Legolas' Mantel. Erst kurz bevor er das Zimmer wieder verließ, bemerkte er, dass auch die Tür zum Balkon noch offen stand und der kühle Wind den Vorhang aufbauschte. So schnell er konnte, rannte Gimli zurück in den Speisesaal. Noch bevor er die Schwelle des Saals überschritten hatte, begann er zu schreien.
„Er ist weg! Er ist weg! Man hat ihn entführt! Mein Freund wurde entführt!"
Aragorn sprang vom Sessel hoch und blickte Gimli entsetzt entgegen.
„Was heißt hier entführt! Vielleicht ist er nur spazieren gegangen. Woher willst du wissen, dass er entführt wurde?"
Kurz erzählte Gimli, welches Chaos er in Legolas' Zimmer vorgefunden hatte. Nun rannte er mit Aragorn zurück zum Zimmer des Verschwundenen. Dort überzeugte sich Aragorn selbst von der Unordnung, die Gimli beschrieben hatte. Tatsächlich, nirgends eine Spur des Elben. Nichts deutete darauf hin, wie und wann er verschwunden war. Dann erstarrte Aragorn. Neben dem Bett entdeckte er einen großen roten Fleck auf dem sonst blütenweißen Teppich. Er bückte sich und strich mit dem Finger darüber. Es war noch frisch und feucht. Dann hob er den Finger zum Mund und probierte mit der Zunge. Mit grimmigem Gesicht wandte er sich Gimli zu.
„Blut!"

Im Schloss herrschte nun helle Aufregung. Ein Begleiter des Königs war verschwunden. Blut war neben seinem Bett gefunden worden. Aragorn saß mit Warden in dessen Arbeitszimmer und versuchte Licht in die Angelegenheit zu bringen.
„Verdammt, Warden! Du musst doch irgendetwas wissen. Schließlich ist es nicht natürlich, dass ein völlig Fremder aus den Zimmern deines Schlosses entführt wird, oder? Ich glaube langsam, du verheimlichst mir etwas."
„Aber Aragorn, wie kannst du nur so etwas glauben? Ich weiß wirklich nichts von der ganzen Sache. Aber glaub mir, ich werde meine besten Männer losschicken, um den Elben zu suchen."
„Ach ja? Und wo willst du ihn suchen lassen? Er könnte überall sein!" Daran, dass sein Freund vielleicht nicht mehr unter den Lebenden weilte, wagte der König gar nicht zu denken.
„Sie müssen mit ihm das Schloss verlassen haben. Ein Pferd aus den Stallungen ist spurlos verschwunden. Die Spuren sind noch frisch. Ich habe meine besten Spurenleser bereits losgeschickt."
„Das sagst du mir erst jetzt? Lamos! Sattle mein Pferd und suche Gimli! Wir werden uns an der Suche beteiligen!" Mit diesen Worten stürmte er aus dem Zimmer. Warden sah ihm nachdenklich und traurig nach. Er wagte nicht, seinem Freund von dem schrecklichen Verdacht zu erzählen.

Gimli saß in Legolas' Zimmer und verfluchte seine Unachtsamkeit. Er war sich nun sicher, dass sein Erwachen in der letzten Nacht etwas mit dem Verschwinden des jungen Elben zu tun hatte. Wäre er doch nur aufgestanden und hätte nachgesehen. Er wunderte sich, dass er nicht viel eher aufgewacht war. Der Unordnung im Zimmer nach zu urteilen, musste ein wilder Kampf stattgefunden haben und so ein Kampf verlief bekanntlich nicht ohne Lärm. Aber es beruhigte ihn zu wissen, dass sein Freund sich wenigstens noch wehren hatte können. Und dass er sich gewehrt hatte, sah man eindeutig an den umgestürzten Möbeln. Wenn er jedoch zum Bett hinüber sah und zu dem Unheil verkündenden, roten Fleck auf dem Boden, wurde ihm ganz übel.
„Nein, nein, es kann nicht wahr sein", dachte er bei sich. „Legolas Grünblatt, Thronfolger des Düsterwaldes gibt nicht so einfach auf."
Dann fiel ihm der Satz ein, den Legolas im Waldlager zu ihm gesagt hatte. „Es ist gut zu wissen, dass man wahre Freunde in der Nähe hat!" Ja, was nützen einem die wahren Freunde, wenn sie tief schlafen und zu faul sind, sich um einen zu kümmern, wenn man sie dann wirklich einmal braucht. Er, Gimli Gloinssohn, hatte als Freund versagt. Allein schon deshalb musste er Legolas finden. Schließlich musste er sich für sein Versagen entschuldigen.
Er wollte sich gerade erheben und erkundigen, wie er bei der Suche behilflich sein konnte, als Lamos, der Page des Königs, ins Zimmer stürmte.
„Ah, Herr Gloinssohn. Endlich habe ich Euch gefunden. Der König lässt Euch suchen. Man hat eine Spur von Seiner Hoheit, Prinz Grünblatt. Ihr sollt in die Stallungen kommen und Euch mit dem König an der Suche beteiligen."
Der arme Page hatte seine Rede noch nicht einmal ganz beendet, als der Zwerg an ihm vorbei rannte und den Weg zu den Stallungen suchte.




Und wieder einmal ein schönes Hallo! Sorry, Elanor, hab mich sofort darangemacht, die Absätze zu ändern. Ich hoffe, es ist so angenehmer zu lesen? Internette Grüße und viel Spaß beim Lesen!