Sterbende Weihnachten

Irgend etwas war heute anders. Irgend etwas stimmte heute nicht.

Kaum hatte Ran die Tür der Villa Kudo mit dem Schlüssel aufgesperrt, schlug ihr eine bedrückende Atmosphäre entgegen.

Die Atmosphäre des Todes.

"Shinichi?"

Sie erhielt keine Antwort. "Shinichi, ich bin's!"

Wieder nichts.

Fast schon verloren stand Ran in der Eingangshalle und sah die Treppe hoch. Konnte es sein, dass ihr Freund gar nicht mehr da war? Konnte es etwa sein, dass er...? Nein, das war unmöglich, er musste hier sein. Wieder rief sie seinen Namen.

"Ran?"

Erschrocken drehte sich die Angesprochene um und blickte direkt ins Gesicht von Yusaku Kudo.

"Was machst du denn hier?"

Die Oberschülerin war über diese Frage mehr als erstaunt. Wie konnte Yusaku sie fragen, was sie hier wollte? Sie war schliesslich die Freundin seines Sohnes!

Der Schriftsteller sah, dass Ran seine Frage falsch verstanden hatte, und formulierte sie deutlicher.

"Ich habe die Tür abgeschlossen, wie also bist du hier hereingekommen?"

"Oh."

Ran wurde kurz rot. Stimmt, das konnte Yusaku ja gar nicht wissen. "Ich habe von Shinichi vor einiger Zeit den Hausschlüssel bekommen, und da auf mein Klingeln hin nichts geschah, dachte ich, ich-"

"Shinichi also", murmelte Yusaku und schloss die Augen. "Und ich habe mich schon gefragt, wo der letzte Ersatzschlüssel ist."

"Es tut mir leid. Sie können ihn natürlich wiederhaben", sagte Ran und hielt ihm den kleinen Gegenstand hin.

"Behalte ihn, es ist besser so", sagte Yusaku und winkte ab. "Er ist bei dir in den richtigen Händen."

Ran liess den Schlüssel in ihre Jackentasche gleiten, ehe sie wieder zu Yusakus Gesicht hochsah.

"Wo ist denn Ihre Frau?"

"In der Apotheke, um Vitaminpräparate zu holen", seufzte Yusaku und liess die Schultern hängen.

"Und... wie geht's Shinichi?", fragte Ran zögernd.

"Schlecht", sagte er ganz leise. "Sehr schlecht. Ich weiss nicht, was ich noch tun kann, damit es ihm wieder besser geht."

"Etwa schlechter als gestern?", fragte Ran entsetzt. Yusaku nickte nur zur Antwort und seufzte erneut. "Darf ich zu ihm?"

"Du kannst mitkommen, ich will sowieso nach ihm sehen", sagte Yusaku und begann die Treppe hochzusteigen.

Stumm folgte Ran dem Schriftsteller und dachte über die vergangenen Wochen und ihren Freund nach.

Shinichi Kudo war krank. Schwer krank. Seit Wochen war er nicht mehr in der Schule gewesen, seit Wochen hatte er das Haus nicht mehr verlassen. Und seit ein paar Tagen hatte er sein Bett kaum noch verlassen. Er war abgemagert, so schwach, dass er sich kaum noch bewegen konnte, und inzwischen so bleich wie der Tod. Aber was das Schlimmste daran war: Die Ärzte wussten nicht, woran Shinichi litt. Die Tests, denen er sich im Krankenhaus unterziehen musste, brachten keine Ergebnisse, und auch Medikamente halfen nicht. Im Gegenteil, sie verschlimmerten Shinichis Zustand sogar noch. Seine Symptome könnten zu jeder Krankheit gehören, und das verwirrte die Mediziner zusätzlich. Das einzige, was sie mit Sicherheit wussten, war, dass sie der Krankheit machtlos gegenüberstanden.

Das war der ausschlaggebende Punkt, warum der junge Detektiv jetzt zu Hause und nicht im Krankenhaus lag; Shinichi wollte es nicht. Wenn die Ärzte ihm schon nicht helfen konnten, konnte er auch genauso gut zu Hause bleiben. Hier war er wenigstens in vertrauter Umgebung und bei seiner Familie, doch entgegen der Hoffnung seiner Eltern und Ran half auch das nicht.

Tag für Tag wurde Shinichi schwächer, Tag für Tag schlief er mehr. Inzwischen blieb nur noch zu hoffen, dass sein Wille stark genug war, diese unbekannte Krankheit zu überleben. Aber so sehr dieser Wunsch auch bestand, die Hoffnung wurde mit jedem Tag kleiner. Sie alle mussten langsam aber sicher mit dem Schlimmsten rechnen.

Das einzig Gute an der Krankheit jedoch war, dass Shinichi keine Schmerzen litt. Aber das war nur ein schwacher Trost...

Kaum hatte Ran Shinichis Zimmer betreten, musste sie sich überwinden, ihren Freund anzusehen. Natürlich liebte sie ihn, natürlich würde sie bei ihm bleiben und nicht von seiner Seite weichen, wenn es nicht unbedingt sein musste. Aber an seinen Anblick hatte sie sich trotzdem nie gewöhnen können. An das kreideweisse Gesicht, an die eingefallenen Wangen, die aufgesprungenen Lippen, an die Hände, die inzwischen nur noch Haut und Knochen waren, an Shinichis gesamten Körper. Dieser Anblick tat ihr in der Seele weh. Es war durch und durch ein schrecklicher Anblick, denn Shinichi Kudo war nur noch ein Schatten seiner selbst. Und sie selbst war diesem Zustand gegenüber machtlos, sie konnte nichts daran ändern, so sehr sie es auch wollte...

Während Ran ihren Geliebten gemustert hatte, war Yusakus Augenmerk auf etwas ganz anderes gefallen; auf das volle Wasserglas, das auf dem Nachttischchen neben dem Bett stand.

"Shinichi, du musst unbedingt trinken, dein Körper braucht Flüssigkeit."

"Ich... mag nicht..."

Ran erkannte, dass Shinichi inzwischen das Sprechen schwer fiel, und ihr grösster Wunsch wurde noch stärker. Wann würde er endlich wieder gesund sein? Wann würde er endlich wieder mit ihr ausgehen können? Wann würde er endlich wieder lachen können? Wann nur?

Bis vor ein paar Tagen hatte sie gehofft, Shinichi würde bis Weihnachten wieder einigermassen gesund sein, doch heute, am 22. Dezember, sah es eher aus, als würde er innerhalb der nächsten zwei Tage sterben...

Ran traten Tränen in die Augen, als sie an diese Möglichkeit dachte. Shinichi tot, und dann noch an Weihnachten. Das durfte einfach nicht sein!

Sie unterdrückte ein Schluchzen und schaute dann zu, wie Yusaku das Glas nahm, Shinichi aufrichtete, ihn stützte und ihm dabei half, einige wenige Schlucke Wasser zu nehmen. Daraufhin fiel der Junge erschöpft und kraftlos ins Kissen zurück.

"Ich kann nicht mehr...", keuchte er und schnappte mühsam nach Luft.

"Nicht aufgeben, Shinichi", sagte Yusaku eindringlich und strich ihm eine schweissnasse Strähne aus den Augen. "Einfach nicht aufgeben. Wir kriegen dich schon wieder auf die Beine."

Sein Sohn antwortete nicht; das Sprechen verbrauchte zu viel Kraft.

Nach einem Seitenblick auf Ran richtete sich Yusaku auf.

"Ich bin unten, falls ihr mich braucht."

Kurz bevor er das Zimmer verliess, nahm er sie kurz zur Seite. "Ruf mich bitte sofort, wenn etwas mit ihm ist, okay?"

Die Angesprochene hatte einen Kloss im Hals, darum konnte sie nur noch nicken. Yusaku sah sie dankbar an, dann zog er leise die Tür hinter sich zu.

Das Pärchen war alleine.

Langsam setzte sich Ran auf Shinichis Bettkante und griff sich in die Manteltasche. Sie war bis vorhin noch am Weihnachtsmarkt gewesen und hatte nach einem Geschenk für Shinichi gesucht, doch etwas, was ihn ernsthaft interessieren könnte, fand sie nicht. Stattdessen hatte sie eine silberne Kette samt Herz-Anhänger gekauft, damit er wenigstens etwas hatte. Für sich selbst hatte sie genau den gleichen Anhänger gekauft, obwohl sie wusste, dass Pärchenlook verpönt war. Aber das war ihr egal.

Ran seufzte und liess ihr Geschenk in der Tasche, dann strich sie Shinichi sanft und vorsichtig mit der rechten Hand über die Wange. Er regte sich nicht, und Ran dachte im ersten Moment, er wäre vor ihren Augen gestorben. Doch als er kurz daraufhin die fast verklebten Augen leicht öffnete und seine Freundin erkannte, lächelte er schwach.

"Ran...", flüsterte er so leise, dass sie ihn kaum verstand. "Ran..."

"Ich bin ja da", sagte sie ebenfalls leise zu ihm, beugte sich vor und wollte ihn küssen, doch Shinichi blockte so gut er konnte ab.

"Nicht..."

Ran hielt inne. Tatsächlich wussten sie nicht, ob seine Krankheit ansteckend war, doch in diesem Augenblick war ihr alles egal. Voller Leidenschaft küsste sie ihn, und Shinichi schien es trotz seiner Bedenken zu gefallen. Als sie sich voneinander lösten, lächelte der Oberschüler schwach.

"Ran, kommst du...?"

Sie verstand sofort und zögerte erst kurz, doch dann legte sie sich doch zu ihm ins Bett.

"Ich liebe dich", flüsterte sie, kuschelte sich an ihn und schloss die Augen.

Mit letzter Kraftanstrengung, aber glücklich umarmte Shinichi seine Ran. Freiwillig würde er sie nicht wieder loslassen, das schwor er sich.

Sein Körper allerdings war anderer Meinung.

Einen Tag vor Weihnachten starb Shinichi an seiner unbekannten Krankheit. Und Ran folgte ihm einen Tag später, keine 24 Stunden nach seinem letzten Atemzug.

Weihnachten war von Trauer erfüllt. Yusaku wusste, dass er es nie wieder feiern konnte, doch das wollte er auch gar nicht mehr. Die Zeit, in der Shinichi einfach aufgehört hatte zu atmen, würde nie wieder festlich sein. Und die Tatsache, dass er nie erfahren sollte, was die Todesursache gewesen war, verbesserte die Lage auch nicht.

Sein Sohn war einfach friedlich eingeschlafen - und nicht mehr aufgewacht.

Shinichi und Ran konnten das Fest der Liebe im Jenseits feiern, doch für Yusaku und Yukiko war Weihnachten gestorben. Und das für immer.

Owari

21.03.10 11:25 5