Frühlingserwachen
Fanfiction von Slytherene
Disclaimer: Remus Lupin, Sirius Black & Co. courtesy of J.K.Rowling, Siegfried Farnham courtesy of James Herriot
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So, da geht es schon weiter, ein Strowitwenwochenende hat auch Vorteile!
Soundtrack:
"At Your Side" von The Corrs
Sirius führt ein inhaltlich bereits bekanntes Gespräch mit Harriet, schätzt eine Beziehung falsch ein, und gewinnt in der Black'schen Bibliothek ein paar neue Erkenntnisse.
3. Erkenntnisse
Ich sitze in der Küche. Das Auto mit May und Sandy ist davon gefahren, aber Moony steht noch draußen vor dem Haus und starrt Löcher in die Luft.
Ich strecke meine langen Beine aus und trinke einen Schluck von Mays mittlerweile kaltem Tee.
Sie trinkt ihn mit zwei Löffeln Zucker, sie scheint es süß zu mögen.
Ich höre Harriet die Treppe herunterkommen.
Sie setzt sich wortlos zu mir an den Tisch und ich schiebe ihr die Packung mit dem allerletzten Schokoladenstück drin herüber. Ich bin ja gar nicht so!
Sie hat all ihre Farbe verloren letzte Nacht, der Mond hat sie silbrig geküsst. Sie scheint ein bisschen durchsichtig, als habe die transparente Riesenschlange auf sie abgefärbt (wobei das Wort „abgefärbt" in diesem Zusammenhang etwas Kurioses hat).
Neben der frühlingsbunten May hat sie vorhin blass und farblos gewirkt, aber jetzt, für sich genommen ist sie eine hübsche Frau mit dunkelblauen Augen, und ihr offener Blick hat etwas Entwaffnendes.
Ich schenke ihr ein Lächeln, schließlich ist das ein Reichtum, den ich im Überfluss besitze. Ich bin ein bisschen euphorisch (warum eigentlich?) und dann sprudelt es aus mir heraus:
„Ich darf die Schöne besuchen. Remus hat ihr gesagt, dass er einen Spezialisten für traumatisierte Kinder kennt. Er bringt mich morgen hin. Dann werde ich Sandy einen Vergessenszauber verpassen, und sie ist wieder wie vorher."
Sie erwidert mein Lächeln. Ich bin eben unwiderstehlich, wenn ich gut drauf bin.
„Magie hat manchmal unschätzbare Vorteile" erkläre ich ihr.
„Das verstehe ich, Sirius, und ich glaube Euch das auch, aber es ist nicht meine Welt" sagt sie, beinahe entschuldigend. Moony färbt auch ab, stelle ich fest.
‚Nicht ihre Welt – ha!' denke ich. Das sah aber letzte Nacht ganz anders aus.
„Sagt die Frau mit der Riesenschlange" ziehe ich sie auf.
„Hey, ich kenne da einen Typen, der steht auf Schlangen – hehe, aber den möchte ich dir nicht zumuten, er ist ein Ekelpaket."
Ich muss grinsen, als ich an Snivellus denke. Der würde alles geben, um so eine Schlange beschwören zu können. Das ist definitiv die einzige Gelegenheit, bei der ich mir einen verzückten Ausdruck auf seiner hässlichen Visage vorstellen kann.
Harriet muss lachen, aber es klingt ein bisschen gequält.
„Danke, aber mein Bedarf an ‚Typen' ist vorläufig mehr als gedeckt" entgegnet sie. „Was ist mit Remus und May?"
„Oh, er hat ihr gesagt, dass er nicht sauer ist auf sie, aber das Vertrauen nun einmal zu einer Beziehung dazu gehört, blablabla. Du weißt schon, was man so sagt, wenn man Schluss macht, ohne dass man dem Anderen wehtun möchte. Er war sehr feinfühlig in seiner Wortwahl, der gute Moony. Feinfühlig, aber unmissverständlich.
Merlin, ich weiß ja nicht, wie er so ein Mädchen laufen lassen kann, ich meine, diese Beine, diese Augen, diese Haare, rotes Gold! Und wie sie riecht, mmmhm – äh ja, das wird dich vermutlich nicht besonders interessieren." Ich sehe ihr halb entsetztes, halb amüsiertes Gesicht.
‚Mädchen zum Lachen bringen' befielt mein Stammhirn (Bei den meisten Männern ist das eine Funktion der Großhirnrinde, als ein bewusster Vorgang. Bei mir gehört es zum lebenserhaltenden System, weswegen es auch folgerichtig im Hirnstamm angesiedelt ist.). Ich gebe ihr einen waschechten Padfoot-Blick. Es funktioniert prima.
Harriet muss lachen.
Dann höre ich, dass Moony zurückkommt. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir schon viel zu viel Zeit verloren haben, wenn wir noch die Ordenssitzung heute Abend vorbereiten wollen. Es soll ja keine Nachtsession werden, schließlich haben wir alle uns die gestrige Nacht um die Ohren hauen müssen.
Ich erhebe mich.
„Dumbledore erwartet uns beim Orden. Alle werden bald schon da sein und wir haben noch ein bisschen was vorzubereiten. Wir sind spät dran. Komm, Moony."
Moony guckt Harriet an. Was will er nur von ihr? Na klar – ich begreife es, als ich sehe, was sie tut.
Sie holt eine Tafel aus der Schublade und reicht sie ihm. (Er ist ein elender Schokoladenfetischist, ich glaube, er könnte jedes Mädchen dazu bringen, ihm ihre letzte Tafel zu geben.)
„Für unterwegs" sagt sie.
„Danke." Er räusperte sich. „Du könntest mitkommen. Der Orden…"
Geht es ihm noch gut? Was will er denn mit ihr beim Orden?
Sie schüttelt zum Glück den Kopf. Mann, ich bin froh, dass sie das tut. Wie hätte ich das auch Dumbledore erklären sollen? Obwohl, das hätte Moony dann schon selber machen müssen.
„Also dann" sagt er und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich etwas Entscheidendes verpasst habe. Das Puzzle in meinem Kopf ist krumm und schief.
Wahrscheinlich fällt es ihm schwer, sich von den hier reichlich vorhandenen Schokoladenvorräten zu trennen.
Ich sehe zur Küchenuhr. Doppelt gekreuzter Zauberbann, es wird spät.
„Merlin, Moony, wir sind ja nicht aus der Welt, jetzt komm schon" sage ich ungeduldig. Ich grinse Harriet an. „Tschüß Süße! Bis demnächst", dann packe ich Moonys Arm und mit einem lauten Plopp disapparieren wir.
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Etwas stößt mich heftig am Kopf und ich stelle fest, dass es der Spülkasten der Toilette ist. Mit Moony zusammen ist es hier in der Kabine eigentlich zu eng zum apparieren. Vielleicht hätte ich doch den offiziellen Punkt im Park nehmen sollen, außerdem stinkt es hier ziemlich.
Irgendwer hat sein Mittagessen wieder ausgekotzt und nicht abgezogen.
Fluchtartig verlassen wir die enge Kabine und kassieren einen abschätzigen Blick von einem Muggel, der gerade das Pissoir benutzt.
„Jetzt poppen die Stricher schon in dem Drecksloch" höre ich ihn murmeln, bevor die Tür zuschlägt.
Draußen riecht es immer noch streng. Ich rümpfe die Nase. Dann stelle ich fest, dass es Moony ist, der so riecht, als hätte er sich tagelang nicht gewaschen – hat er vielleicht auch nicht. Er sieht so aus wie er riecht. Habe ich vorhin gar nicht bemerkt, was vermutlichen an den duftigen Frauen lag, an der Lederpflege vor allem und dem süßen Frühlingsduft von May.
Moony hat meinen Blick bemerkt.
„Was ist los?" will er wissen.
„Du stinkst" erläutere ich und halte mir die Nase zu, um meine Aussage gestisch zu unterstreichen.
Ich sehe, wie er sich auf die Unterlippe beißt.
„Könntest du…?"
„Klar" sage ich. Er kann ja noch nicht wieder sicher zaubern. Ich sehe mich um. Wir sind allein auf weiter Flur. „Clarifico!" murmele ich, und „Absorbens!" Zwei Zauber sind in diesem Fall mehr als angebracht und sie sind nur ein Notbehelf.
„Ich glaube, du musst gleich erst mal duschen. Das schafft kein Reinigungszauber mehr."
Er nickt und ich sehe, wie grau sein Gesicht ist und wie er die Schultern nach vorne zieht. In diesem Moment tut er mir Leid. Es sind diese kleinen Dinge, die seine Lykantrophie zu einem kaum erträglichen Elend aufaddieren.
„Komm" höre ich mich sagen, „mein unverschämt gemütliches, einladendes Elternhaus wartet auf uns."
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Stunden später stehe ich mit einem sehr sauberen (seine Haut ist so rosig, als hätte er versucht nicht nur den Dreck, sondern gleich die ganze Haut mit einer Bürste abzukratzen), sehr rasierten Moony in der Bibliothek. Wir suchen nach Karten, die Dumbledore heute Abend braucht. Die britischen Karten sind katalogisiert, die internationalen nicht. Alle Karten liegen auf einem großen Haufen, und Moony sortiert sie mit einem grimmigen Ausdruck, während ich mit einer Zigarette am offenen Fenster stehe und seine Vorwürfe über mich ergehen lasse.
„Also wirklich, Sirius, hattest du allen Ernstes geglaubt, dass der Spruch „Accio, alle Karten die ich brauche" zu einem auch nur halbwegs akzeptablen Ergebnis führt?"
Er legt „Mongolei" auf den Asien-Stapel und fertigt eine Notiz.
„Ich dachte, es lockert die Arbeit auf" sage ich und bemühe mich, zerknirscht auszusehen. Es misslingt mir.
„Gedenkst du noch einmal mitzuhelfen?" fragt er knurrig.
„Später" antworte ich.
Er hält inne und sieht mich an.
„Was ist los, Sirius?"
„Diese Frau – May, warum hast du sie gehen lassen? Ich meine, das ist eine verdammte Göttin, so wunderschön."
Ein Lächeln, das aussieht, als hätte er Zahnschmerzen, zieht über sein Gesicht.
„Ich habe ihr nie gesagt, was ich bin, Sirius. Sie hat sich in Dr. Lupin, den Praxisassistenten mit der zyklischen Tropenkrankheit verliebt. Und das bin nun mal nicht ich."
Die vermeintlichen Zahnschmerzen materialisieren sich in seinen Augen.
„Warum hast du es ihr nicht erzählt? Wenn es eine wert ist, etwas zu riskieren, dann eine wie sie."
Er lacht trocken. „Würdest du einer Frau – einer Muggel – nach zwei Wochen von Askaban erzählen?"
Ich schlucke. Ich würde es erzählen, wenn eine mich überhaupt so lange aushielte. Oder nicht?
„Ich weiß nicht" antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich lerne hier im Hauptquartier nicht so besonders viele Frauen kennen, und schon gar keine Muggel. Und die Hexen, die hier sind, wissen alle davon."
„Tonks scheint es nicht zu stören" sagt er. „Eine Frau kommt vielleicht damit zurecht, dass ein Mann unschuldig im Gefängnis war, aber welche vernünftige Frau will schon einen Werwolf?"
Ah, die ewige Pelzproblem-Geschichte. Man kann sich auch bis zur Unkenntlichkeit dahinter verstecken. Aber ich will nicht mit ihm streiten.
„Tonks ist nur … wir tun es, um es zu tun. Sie ist nett, sie will nicht mehr als das eine und ich nehme, was ich bekomme. Es ist geklärt, weißt du. Aber May, die war doch wirklich an dir interessiert."
Er stöhnt und verdreht die Augen. „Sie war an dem netten Dr. Lupin interessiert. Nicht an einem Monster. Ich habe mich hinreißen lassen, einfach für drei Wochen die Realität zu ignorieren. Ich wollte es ihr nie sagen."
„Und was wolltest du beim nächsten Vollmond machen?" frage ich. Merlin, da hat er seinen Verstand ja ausgeknipst.
Er nimmt mir die Kippe weg, zieht daran und starrt zum Mond, der beinahe rund am Himmel hängt.
„Es sollte keinen nächsten Mond mehr geben. Ich wollte Schluss machen. Ich habe einfach keine Kraft mehr, Pads. Dort in diesem Bauwagen im Wald ist mir klar geworden, dass es für mich keine „bessere Zukunft" mehr geben wird, egal ob mit oder ohne Voldemort. Ich war ganz unten, tiefer geht nicht. Und dann bin ich bei Harriet gelandet. Sie hatte diese Idee, dass sie mich einfach in der Vollmondnacht narkotisiert, und sie hatte ein Konzept für ein geregeltes Leben für mich. Aber dann hätte ich sie beim ersten Vollmond ohne Banntrank beinahe gefressen. Da ist mir klar geworden, dass meine Zukunft definitiv vorbei ist."
Ich starre geschockt auf meinen Freund, den letzten, der mir geblieben ist. Ich habe selbst schon an diesem Abgrund gestanden, aber ich war nicht bereit, zu springen. Nicht, ohne ein paar Todesser mitzunehmen.
Er spricht weiter, mehr zu sich selbst als zu mir und raucht meine Zigarette zu Ende.
„Das Wahnsinnige an der Sache mit May war, dass ich mich entschlossen hatte, für ein paar gezählte Tage das Leben eines Mannes zu führen, den es nicht wirklich gibt. Es war ein schöner Traum aus gestohlener Zeit. Es stand mir nicht zu, und sie hatte es auch nicht verdient, so missbraucht zu werden. Aber ich wollte es so sehr. " Plötzlich sieht er mich direkt an. Seine Augen sind dunkel vor Resignation. „Kannst du mich verstehen?" flüstert er.
Ich nicke hilflos, dann ziehe ich ihn in eine Umarmung. Er lehnt sich hinein, nur einen Moment, dann macht er sich frei von mir und schlingt die Arme um seine Schultern.
„Dann passierte diese Sache mit Sandy, und May hat mich für den Vergewaltiger ihrer Tochter gehalten. Sie hat mir nicht vertraut und ich habe sie nach Strich und Faden belogen. Das ist nicht zu kitten. Und ich will es auch gar nicht. Ich kann keine Illusion leben."
„Niemand kann das, Moony" sage ich. Ich zögere. „Bist du noch auf der Suche nach der silbernen Kugel?"
Er sieht mich an, fast ein bisschen überrascht und steckt sich eine zweite Zigarette an.
„Dann wäre ich nicht hier, Sirius. Es ging fünfzehn Jahre ohne Zukunft, es macht keinen Unterschied, ob ich noch ein paar hinzufüge. Wenn ich noch etwas dazu beitragen kann, Voldemort den Weg zur absoluten Macht zu verstellen, dann war mein Leben wenigstens nicht sinnlos."
Ich starre Remus immer noch an. Ich wusste nicht, dass es so in ihm aussieht, er ist so bar jeder Hoffnung, dass man meinen könnte, er und nicht ich hätte zwölf Jahre in Askaban verbracht. Vielleicht nennt man die Werwölfe deshalb schwarze Kreaturen, weil ihre Seelen mit den Jahren der enttäuschten Hoffnungen immer dunkler werden. Moonys Seele scheint mittlerweile schwarz zu sein.
Eine Bewegung in meinem äußersten Augenwinkel lässt mich auffahren. Es ist das Wehen eines dunklen Umhangs.
Snivellus steht in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht verschlossen und mürrisch wie immer. Ich habe keine Ahnung, wie lange er schon da steht und uns belauscht.
Wenn er jetzt dieses sarkastische, dünne Grinsen aufsetzt, oder etwas ablässt wie „dann komm mal runter, Lupin, damit wir deinem sinnlosen Leben ein bisschen Sinn einhauchen können", ich schwöre, dann werde ich ihm die Visage polieren.
Aber er steht nur da und fixiert uns mit finsterem Blick.
„Sie warten unten auf euch" sagt er schließlich, und seine Stimme klingt ungewohnt sanft, ihr fehlt die charakteristische Kälte. Ich bin auf der Hut.
Moony tritt zum Tisch und sammelt die Karten zusammen, die er bereits rausgesucht hat.
„Es fehlen mir noch Karten für das Balkan-Projekt. Ich weiß nicht mehr als den Namen, bist du besser informiert, Severus?"
Jetzt kommt das dünne Grinsen, aber es ist nur der Anflug eines solchen, das kurz um seine schmalen Lippen spielt, und dann sagt er:
„Selbstverständlich" und er zieht seinen Stab und deutet auf den Kartenhaufen.
„Accio" sagt er, und drei Karten lösen sich aus dem Haufen und fliegen in graziösem Bogen in seinen ausgestreckten Arm.
Dann wirbelt er herum und ist so lautlos und schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist.
„Was hat er, was ich nicht habe?" frage ich Moony entgeistert. „Ich meine, hast du diesen Accio gesehen?
Remus seufzt nur und geht an mir vorbei die Treppe hinunter in die Halle. Sein verschlissener brauner Umhang weht nicht diabolisch hinter ihm, sondern schleppt sich mit dem ausgefransten Saum über die Stufen. Auf der halben Treppe dreht er sich zu mir um und sagt:
„Er hatte zwölf Jahre Zeit, in denen er sich nicht nur um das nackte Überleben kümmern musste."
Dann steigt er weiter hinab, er hält sich gerade (und man sieht ihm die Mühe, die es ihn kostet, nur an, wenn man ihn sehr gut kennt) und verschwindet in der Tür zum Speisezimmer, wo sich heute der Orden versammelt.
Ich nehme noch einen Zug, dann drücke ich die Zigarette aus, die er achtlos hat im Aschenbecher liegen lassen und folge ihm nach unten.
TBC
Kinder, drückt bitte das lila Review-Knöpfchen, wenn Ihr mitlest! Tut nicht weh und macht der Autorin Freude :-))
