Der Pfeiffer kehrt zurück

Die Ereignisse der nächsten Tage bestätigten die bösen Vorahnungen der Erwachsenen, die heimlichen Ängste der Mädchen und die unübersehbaren Hoffnungen der Jungen: schon am nächsten Tag, dem 3. September, erfolgten die Kriegserklärungen Frankreichs und Englands an Deutschland und am 10. des gleichen Monats zog Kanada nach.

Und mit dem Tag kam auch das Ereignis, was insgeheim jeder befürchtet oder doch zumindest erwartet hatte. James verschwand nachmittags für einige Stunden und obwohl niemand sicher wusste, wo er war, war es doch keine Überraschung, als er gegen 6 Uhr abends wiederkam – in Uniform.

Voller Vorfreude und Stolz, aber auch ein wenig trotzig stand er im Wohnzimmer von Ingleside und verkündete, dass er der Royal Canadian Air Force beigetreten war.

Faith, die erbleicht war, sobald sie ihren Sohn gesehen hatte, starrte ihn für eine Augenblicke nur an, dann seufzte sie: „Oh Jamie, warum?"

„Ich muss", erwiderte ihr Sohn, als wäre das Erklärung genug.

„Kein Mensch muss müssen", murmelte Ally, allerdings so leise, dass sie sicher sein konnte, dass James sie nicht hörte.

Suzy, ihre jüngere ‚Doppel-Cousine', hatte sie anscheinend trotzdem verstanden und fragte: „Was?"

Ally wollte gerade antworten, da klinkte Merry sich in das Gespräch ein: „Ich glaube, ich habe das schon mal gehört. Oder gelesen."

„Der Satz ist aus ‚Nathan der Weise'", erklärte ihre ältere Cousine, „von Lessing."

„Genau", Merry nickte, krampfhaft bemüht, ihren Bruder nicht anzusehen, als würde die Uniform verschwinden, wenn sie sie ignorierte.

„Woher kennst du den, Merry? Diesen Nathan, meine ich", griff Josie Blake Merrys Taktik auf, deren Bruder und diese Uniform einfach nicht zu Kenntnis zu nehmen und damit der grausamen Wahrheit noch etwas zu entgehen.

Woher hätte sie auch wissen sollen, dass Merrys Antwort die Aufmerksamkeit zwangsläufig wieder auf James richten würde? Denn eben der war es gewesen, der seiner kleinen Schwester Lessings Drama zu Lesen gegeben hatte.

„…in einer Woche muss ich weg", erzählte der gerade, „erstmal nach Ontario, zum RCAF Borden und es wird wohl März werden, bis ich in England ankomme."

„Vielleicht ist das ganze ja eh bis da hin vorbei", gab Joy zu bedenken, „März ist schließlich noch schrecklich weit weg."

„Leider, Schwesterchen, leider", James lachte und bemerkte die Blicke nicht, die sein Vater mit Shirley tauschte oder den tröstenden Händedruck, den Di seiner Mutter zukommen ließ. Vielleicht wollte er es aber auch gar nicht bemerken.

„Ich muss gehen", verkündete Ally plötzlich und stieß sich von der Wand ab, „ich habe Mum versprochen, zum Abendessen wieder da zu sein. Sie macht sich bestimmt schon Sorgen." Sie lächelte beinahe zu fröhlich, hob die Hand, um zu winken und verschwand durch die Hintertür.

Raschen Schrittes lief sie in Richtung Traumhaus, beinahe so, als wollte sie einfach möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen sich und Ingleside bringen. Niemand zweifelte wirklich daran, dass sie gelogen hatte, aber übel nehmen konnte es ihr auch keiner.

„Hey", begrüßte Walt seine Schwester, als sie ins Wohnzimmer trat, ohne von seinem Schulbuch aufzusehen, „du kommst gerade rechtzeitig. Mum sagt, ich zehn Minuten gibt es – Himmel, Ally, was ist los? Du bist weiß wie die Wand."

„Bin ich das?", fragte Ally tonlos und ließ sich aufs Sofa fallen.

„Ja", Walt nickte und schlug das Buch zu, „also, was ist passiert?"

„James ist passiert", erwiderte seine Schwester nach ein paar Sekunden, „er hat sich freiwillig gemeldet."

„Zur Armee?", Walt schien von den Neuigkeiten eher begeistert, als schockiert.

„Zur Air Force", antwortete Ally, „in einer Woche ist er weg. Und im März wahrscheinlich schon in Übersee."

„Er will fliegen? Naja, wenn er meint. Ich werde zur Armee gehen. Da kommt man noch am weitesten", verkündete Walt gut gelaunt.

„Erstmal, junger Mann, kommst du zum Essen", unterbrach Rilla ihn aus Richtung Küchentür, „und du siehst auch aus, als könnte dir etwas im Magen nur gut bekommen, Ally. Und nein, ich möchte keine Widerrede hören, von keinem von euch beiden!"

Ally zog sich sehr bald nach dem Essen zurück und Walt konnte es natürlich kaum abwarten, nach Ingleside hoch zu laufen, um mit James zu sprechen. Seine Schwester beobachtete derweil von ihrem Fenster aus das Meer, das sich ungewöhnlich ruhig, ja beinahe spiegelglatt präsentierte.

Sie seufzte lautlos, griff nach einem leeren Bogen Briefpapier und einem Bleistift, um einen Brief an ihre Freundin in Nova Scotia, Phoebe Bell, zu schreiben. Gerade wollte sie ansetzten, da fiel ihr auf, dass die Miene des Stiftes abgebrochen war.

Mit einem weiteren Seufzen, diesmal allerdings vernehmlich, schob Ally den Stuhl zurück, stand auf und verließ mit leisen Schritten das Zimmer, um sich im Arbeitszimmer ihres Vaters einen neuen Stift zu holen.

Das kleine Haus war dunkel und still, doch als Ally am Wohnzimmer vorbeikam, hörte sie die Stimmen ihrer Eltern. Eigentlich hatte sie es ignorieren wollen, hatte man ihr doch beigebracht, dass lauschen ziemlich unfein war, aber irgendetwas brachte Ally dazu, näher an die angelehnte Tür heran zu treten und durch den Türspalt ins Zimmer zu blicken.

Rilla saß auf dem Sofa, dem Kamin zugewandt, dessen Licht das einzige war, was den Raum erhellte. Sie trug bereits ihr Nachthemd, hatte die Haare geöffnet und die Beine angezogen und erinnerte mehr denn je an das junge Mädchen, das vor knapp fünfundzwanzig Jahren bereits in einer ähnlichen Situation gewesen war wie jetzt.

Sie war sehr ruhig, bewegte sich nicht und bildete damit den Gegensatz zu Kenneth, der unruhig im Zimmer auf und ab ging und um Beherrschung zu ringen schien.

„… das da drüben ist die Hölle, Rilla. Und was man dort sieht… man vergisst es nicht so einfach. Es verfolgt einen. Selbst jetzt noch. Selbst zwanzig Jahre später noch wache ich manchmal auf und denke, ich bin wieder dort."

Ken ging hinüber zu dem kleinen Couchtisch, auf dem eine halbleere Cognac-Flasche stand, goss sich ein Glas ein und stürzte es in einem Zug hinunter. Rilla folgte ihm mit den Augen, sagte aber nichts, obwohl ihre Abneigung gegen Alkohol allgemein bekannt war.

Ken stellte das Glas ab und fuhr fort, sowohl mit seinem Monolog, als auch mit dem Auf-und-ab-gehen: „Ich habe immer darum gebetet, dass meine Söhne – mein Sohn – das niemals erleben werden."

Rilla war bei der Erwähnung der ‚Söhne' zusammengezuckt und Ally erinnerte sich vage, dass Tante Nan mal gesagt hatte, dass das Thema ‚Kinder' bei ihren Eltern ein heikles Thema war, hätte ihr Vater doch gerne mehr als zwei gehabt. Was genau das allerdings verhindert hatte, wusste Ally nicht.

„Und dann verkündet Walt, dass er gerne in den Krieg zieht", regte ihr Vater sich derweil weiter auf, „ich meine, ja, ich weiß, dass wir damals ähnlich geklungen haben mit unseren Reden von Vaterlandstreue und Ruhm auf dem Feld der Ehre, aber mit allem was passiert ist… mit all den Geschichten, die sie kennen… müssten sie nicht ein bisschen mehr Verstand haben?"

Er sah Rilla an, als sähe er sie zum ersten Mal überhaupt: „Sag doch auch mal etwas!"

„Warum? Du redest doch genug für uns beide", entgegnete sie und Ally konnte nicht sagen, ob ihre Stimme sarkastisch oder einfach nur müde klang.

„Rilla…", Ken nannte nur ihren Namen, aber das schien genug zu sein, denn Rilla gab ihre abwehrende Haltung auf, seufzte und suchte nach den richtigen Worten, um auszudrücken, was sie dachte.

„Natürlich bin ich deiner Meinung, aber… es ist nur… er ist doch noch ein Kind", sie sah Ken an und in ihrem Blick lag etwas, was man nur Verzweifelung nennen konnte, „eben, als Ally Walt von der Sache mit Jamie erzählt hat, da war mein erster Gedanke ‚Arme Faith'. Und der zweite, dass ich ganz sicher nicht in ihrer Haut stecken möchte. Aber dann hat Walt gesagt, dass er zur Armee gehen wird und plötzlich… 2 Monate, Ken, 2 Monate. Und niemand kann mir erzählen, dass das alles bald vorbei ist. Beim letzten Mal habe ich es geglaubt, aber jetzt… ich kann das nicht noch mal durchmachen. Ich kann nicht."

Beinahe erwartete Ally, dass ihre Mutter im nächsten Moment in Tränen ausbrechen würde, doch dem war nicht so. Stattdessen starrte Rilla für einig Sekunden ins Feuer, griff dann nach der Cognac-Flasche, setzte sie an die Lippen und trank einen Schluck.

Und das war es, mehr als alles andere, was Ally klar machte, wie ernst die Situation eigentlich war.

„Ich habe mich generell nie für abergläubisch gehalten", fuhr Rilla irgendwann fort, den Blick fest auf das Kaminfeuer gerichtet, die Flasche noch in der Hand, „aber… vielleicht hätten wir ihn doch anders nennen sollen…"

Sie sah auf und versuchte sich an einem Grinsen, scheiterte aber auf ganzer Linie.

„Falls es dich beruhigt: Namen zählen da drüben eh nichts. Und Vornamen schon mal gar nicht", bemerkte Ken, als wüsste er sonst nichts anderes zu sagen und grinste humorlos.

„Ich weiß ja", Rilla seufzte, „aber trotzdem… ich sehe ihn mir an – ihn und seine Augen – und denke an Walter und dann…" Sie brach ab und seufzte wieder.

Ken, der das Auf-und-ab-gehen schon vor einiger Zeit aufgegeben hatte und jetzt mitten im Raum stand, betrachtete seine Frau für einige Augenblicke.

„Wird schon werden", bemerkte er dann mit einer Stimme, die klar machte, dass er sich noch nicht einmal selbst glaubte. Rilla lachte tonlos.

„Natürlich ‚wird es werden'", entgegnete sie, „die Frage ist nur, was es werden wird." Er schwieg.

„Ken, ich habe dich gehen sehen, meine Brüder und meine Freunde. Walter ist nie mehr zurückgekehrt und selbst ihr, die ihr ja wiedergekommen seid, habt ein Stück von euch selbst dort gelassen. Und jetzt verlangt man von mir, dass ich meinen Sohn – meinen einzigen Sohn – gehen lassen soll? Vielleicht nicht heute, aber morgen wird auch er gehen und falls er wirklich stirbt, kann ich nicht sagen, wie es weitergehen soll. Wie ich das durchstehen soll…"

Mit zwei Schritten hatte Ken das Zimmer durchquert, sich neben seine Frau gesetzt und sie in seine Arme gezogen. Und draußen vor der Tür trat Ally zurück in den dunklen Flur, lief nach oben und legte sich hin, nur um sich nach stundenlangem Wachen leise in den Schlaf zu weinen.