Rodney wachte wieder auf, als John sich unruhig bewegte. Unwillig knurrend öffnete er die Augen. Doch als er sah, dass John anscheinend in einem Albtraum gefangen war und seine Beine bewegte, machte sich Panik in ihm breit.

John fügte sich Schmerzen zu. Rodney stupste so lange Johns Schulter, bis dieser schlaftrunken die Augen öffnete.

„Was ist?"

Rodney war sich Johns Umarmung zu bewusst, sie schnürte ihm fast den Atem ab.

„Du hattest einen Albtraum und warst so unruhig, dass du dein Bein bewegt hast."

„Nur ein Traum…" John schien sich nicht erinnern zu können, doch dann erschien ein Ausdruck von Angst auf seinem Gesicht. „Es war nur ein Traum." Es schien Johns Mantra zu sein, denn er wiederholte es noch zwei Mal, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Dann realisierte er, dass er sich an Rodney klammerte. Verlegen lächelnd löste er die Umarmung.

„War es so schlimm?" Rodney versuchte, die Kälte zu ignorieren, jetzt, wo Johns Umarmung ihn nicht mehr wärmte.

„Ein Wraith, der mich aussaugen wollte. Statt seine Hand auf meine Brust zu legen, legte er sie auf mein Bein. Ich wollte mich wehren, aber ich konnte ihn nicht loswerden. Hoffentlich habe ich dir nicht wehgetan?" John war besorgt.

„Du mir? Wessen Bein ist denn gebrochen und wer stöhnt vor Schmerzen, wenn er auch nur versucht, sich zu bewegen? Nein, dafür hast du im Moment keine Kraft", beruhigte Rodney ihn. „Ich bin wach geworden, weil du so unruhig wurdest."

„Gut."

Eine peinliche Stille trat ein. Rodney wusste nicht, was er sagen sollte, um diese seltsame Situation zu überspielen. Dabei war er doch sonst nicht um Worte verlegen.

Erst als John von ihm abrücken wollte und dabei schmerzhaft das Gesicht verzog, fand er seine Stimme wieder.

„Soll ich dir Tabletten raussuchen? Die Wirkung der letzten Dosis muss doch schon lange nachgelassen haben. Vielleicht war das auch die Ursache für deinen Traum."

„Wer in dieser Galaxis lebt und behauptet, noch nie von einem Wraith geträumt zu haben, ist ein Lügner. Seitdem ich aus erster Hand weiß, wie es sich anfühlt, ausgesaut zu werden, habe ich solche Träume öfter."

Dieses Bekenntnis versuchte John mit einem Grinsen und einem Achselzucken als unwichtig abzutun. Rodney kannte ihn lange und gut genug, um zu wissen, dass es nur eine Maske war.

Eine Maske, die er akzeptieren konnte, da er glaubte, den Menschen dahinter zu kennen.

„Das war keine Antwort. Schmerztabletten, jetzt? Ja oder Ja?"

„Ja, Mama."

Rodney versuchte aufzustehen, fiel aber stöhnend zurück, als seine Muskeln gegen die Überbelastung protestierten.

„Rodney?" Johns Stimme war alarmiert.

„Nichts, ich bin nur Wissenschaftler. Als Amateur-Abenteurer sollte ich nicht den ganzen Tag durch Wälder rennen, versuchen, vor Dinos zu fliehen und auf harten Böden zu schlafen. Zudem bin ich zu alt für so etwas."

„Aber du hast diese Nacht warm geschlafen."

„Darüber habe ich mich auch nicht beschwert." Rodney startete einen zweiten Versuch, langsamer und bedächtiger. Und erfolgreicher.

Er sah sich um. Ronon saß in der Mitte der Lichtung und blickte in den Himmel, der sich langsam rosa färbte. Rodney hatte den Eindruck, dass Ronon mehr auf die Geräusche um sich herum achtete als auf die fremde Sternenkonstellation.

Teyla lag unter der Decke und war wohl noch nicht wach. Sie rührte sich auch nicht, als Rodney sich laut stöhnend reckte und streckte.

Anschließend ging er steifbeinig zum Vorratspacken und suchte nach Tabletten für John. Nur noch die Hälfte des Erste-Hilfe-Packen existierte. Entweder war ein Teil des Rucksackes in den Dornen eines Busches hängen geblieben oder der Schwanz eines Brachiosaurier hatte ihn weggefegt.

Das Morphium war jedenfalls weg.

Jetzt wusste Rodney, warum Teyla gar nicht erst versucht hatte, John damit von den schlimmsten Schmerzen zu befreien.

Viele Schmerztabletten hatten sie nicht mehr, doch bis Lornes Eintreffen würden sie reichen. Rodney nahm einen Blister, verstaute den Rest ganz unten im Rucksack und ging zu Ronon. Der starrte immer noch in den Himmel.

„Morgen! Hast du…" Eigentlich hatte Rodney nach etwas zu trinken fragen wollen, doch er war Ronons Blick in das Firmament gefolgt und was er sah, verschlug ihm die Sprache.

Über ihnen kreisten mehrere gigantische Tiere. Wunderschön und beängstigend.

„Sind sie schon lange dort oben?"

„Ich weiß es nicht, ich habe sie erst vor wenigen Minuten entdeckt, da schwebten sie noch viel tiefer. Was ist das?"

Viel konnte Rodney nicht erkennen. Nur, dass die Tiere keine Federn und ihre Flughäute eine riesige Spannweite hatten.

„Es könnten Quetzalcoatlus sein", sinnierte Rodney. „Keine Vögel, sondern gigantische Flugsaurier."

„Wie gefährlich sind sie?"

„Ich weiß es nicht." Rodney zuckte mit den Schultern. „Sie wären groß genug, um Menschen forttragen zu können. Ihre Krallen und Schnäbel sind riesig."

„Was ist groß genug? Guten Morgen, Rodney, hallo Ronon." Teyla kam zu ihnen.

„Der Morgen ist nicht gut. Schau in den Himmel." Mit einer dramatischen Geste deutete Rodney auf die Flugsaurier.

Sie sah die Tiere und erbleichte.

„Sicher ist die Lichtung damit auch nicht mehr. Fragt sich nur, was das kleinere Übel ist."

Bevor Ronon antworten konnte, ergriff Rodney das Wort.

„John ist nicht transportfähig. Jedenfalls nicht, wenn du ihn dir über die Schulter werfen willst, Ronon. Er sagt nicht viel, aber jede noch so kleine Bewegung bereitet ihm höllische Schmerzen."

„Dann gib ihm Medikamente, dass er nichts mitbekommt."

Ronon machte es sich leicht.

„Morphium fällt aus und bei den Tabletten befürchte ich üble Nebenwirkungen, wenn ich ihm mehr als drei auf einmal gebe." Rodney kannte sich mit Schmerzmitteln bestens aus, um eventuelle Wechselwirkungen zu seinen Allergiemitteln einschätzen zu können. Da die Beipackzettel meistens von Fachidioten geschrieben wurden, die erwarteten, dass man immer ein Nachschlagewerk für die Fachbegriffe zur Hand hatte, war es sein Job dafür zu sorgen, dass niemand eine Überdosis bekam.

„Dann bleiben wir vorerst hier", entschied Ronon. „Ich baue eine Trage. Sorge dafür, dass Sheppard die Schmerzmittel nimmt."

Ausnahmsweise machte Rodney sich darum keine Sorgen. John hatte so starke Schmerzen, dass er nur ganz wenig gedrängt werden musste. Er nickte. „Hast du schon Tee gekocht? Ich brauche etwas, damit John die Tabletten runterspülen kann."

„Ja." Ronon nahm den Topf vom Feuer und schüttete einen Becher voll, den er Rodney reichte.

Er nahm ihn und ging zu John. Der hatte das Gespräch mitangehört und blickte misstrauisch in den Himmel. „Das gefällt mir gar nicht."

„Mir auch nicht. Komm, ich helfe dir hoch."

Obwohl Rodney seinen Freund wie ein volles ZPM anfasste, war es für John nicht angenehm. Als er aufrecht saß und wieder zu Atem gekommen war, blickte er zweifelnd auf die Tabletten, die Rodney ihm reichte.

„Steht dein Angebot mit dem Morphium noch?"

„Bitte?" Rodney konnte nicht glauben, was er hörte.

„Ich bin Realist." John zuckte mit den Schultern. „In meinem Zustand bin ich eine Last für euch und je weniger ihr euch um meine Schmerzen sorgt und davon abgelenkt seid, umso größer sind unsere Überlebenschancen. Spritz mir das verdammte Morphium und halt dich dann an Ronons Anweisungen."

Verzweifelt hob Rodney seine Hände.

„Tut mir leid, aber als ich eben gesagt habe, dass das Morphium ausfällt, ging es weniger um deine Abneigung gegen dieses Medikament, sondern mehr um die Tatsache, dass die Packung gestern von einem Dilophosaurier gefressen worden ist. Wie auch andere Teile der Ausrüstung. Ich habe es gemerkt, als ich die Tabletten rausgesucht habe."

„Dann gib mir genug Tabletten, um mich ins Reich der Träume zu schicken und mich erst in der Krankenstation aufwachen zu lassen."

„Vier Tabletten." Rodney seufzte tief. „Das ist eine mehr, als ich eigentlich verantworten kann."

„Her damit!"

Resigniert streckte John die Hand aus und Rodney gab ihm die Medizin.

Statt die Tabletten einzunehmen, blickte John in den Himmel. Plötzlich ließ er die Pillen fallen und schrie „Runter!" Er zerrte an Rodneys Jacke und riss ihn zu Boden.

Johns Schmerzensschrei, als er sein Bein bewegte, hallte noch in Rodneys Ohren, als ein Rauschen über ihn hinwegfegte und etwas Scharfes seinen Rücken aufriss.

Es schmerzte im ersten Moment überhaupt nicht. Rodney wusste, dass es der Schock war.

Er rollte zur Seite und zückte seine M-9, um der Gefahr zu begegnen. Aber er war zu langsam gewesen. Jemand hatte bereits den Flugsaurier getroffen. Der fiel wie ein Stein zu Boden – auf das Feuer direkt hinter ihnen, so dass es schon nach wenigen Sekunden erbärmlich nach verbranntem Horn stank.

„Einer weniger!", war Ronons lakonischer Kommentar. Dann zielte er auf die Tiere, die hoch im Himmel ihre Kreise zogen. Er schoss zwei Mal, doch die Entfernung war zu groß, als das die Energieladung noch eine Auswirkung auf sie gehabt hätte.

„John, wie geht es dir?"

Teylas besorgte Stimme riss Rodneys Blick vom Himmel Sie starrte John so intensiv an, dass er die Wahrheit sagte.

„Nicht gut. Das ganze Bein ist angeschwollen und schmerzt. Und um ehrlich zu sein, brauche ich dringend die Tabletten, um nicht vor Schmerzen zu stöhnen."

„Bleib ruhig, hier sind sie." Teyla klaubte die Tabletten vom Boden auf und wischte sie mit einem Tuch ab, bevor sie sie John hinhielt. „Nicht mehr lange. In knapp einer Stunde wird Elizabeth sich melden. Dann ist alles ganz schnell vorbei und Dr. Keller wird dir helfen."

John nahm die Pillen und schluckte sie. „Hoffentlich bleibt jetzt alles ruhig. Wenn jetzt noch mehr Dinos auftauchen, haben wir schlechte Karten."

„Das werden sie nicht." Rodney wagte nicht, Ronons Optimismus zu teilen. „Trotzdem will ich dich auf die Trage legen, um im Notfall schnell weg zu können. Sag mir, wenn du bereit bist." Ronon beobachtete unablässig den Himmel

„Jetzt", presste John hervor. „Je schneller ich es hinter mir habe, umso besser."

„Wie du meinst."

Wann Ronon die Zeit gefunden hatte, aus Ästen eine Trage zu bauen, wusste Rodney nicht. Sie war da und das war alles, was zählte.

Ronon machte kurzen Prozess. Mit einer fließenden Bewegung hob er John hoch und legte ihn auf der Trage ab.

Rodney sah, wie der Colonel sich auf die Lippen biss, als Ronon ihn berührte, blickte er weg.

„Rodney, das Tier hat deinen Rücken aufgerissen. Hat es dich schlimm erwischt?"

Wenn Teylas Stimme einen derart besorgten Unterton hatte, dann musste es schlimm sein.

Im Geiste sah Rodney die Fleischfetzen von seinem Rücken hängen. Und fragte sich, warum er vom Blutverlust noch nicht das Bewusstsein verloren hatte. „Schmerzen habe ich keine, aber das wird der Schock sein."

„Zieh deine Jacke aus, damit ich mir die Wunde ansehen und dich verarzten kann."

Rodney folgte ihrer Anweisung und stellte erstaunt fest, dass die Jacke zwar zerfetzt, aber nicht blutig war.

Er zog auch das Shirt aus. Das hatte vier lange Risse und eine winzig kleine blutige Stelle.

Rodney konnte es nicht glauben. „Wie schlimm ist es?"

„Vier Kratzer und eine aufgerissene Stelle. Ich werde es desinfizieren, damit es sich nicht entzündet."

Vorsichtig tupfte Teyla das Desinfektionsmittel auf Rodneys Rücken. Es brannte höllisch.

„Aua! Kannst du nicht vorsichtiger sein? Die wilden Tiere sind im Vergleich zu dir ja richtig sanft. Pass doch auf!"

„McKay, hör auf zu jammern. Du kreischst wie ein kleines Mädchen und davon bekomme ich Kopfschmerzen." John klang amüsiert.

Rodney drehte sich zu ihm und sah, dass die Tabletten schon wirkten. John war nicht mehr ganz so angespannt.

„Wenn ich nicht jammere, wird irgendetwas passieren, dass ich einen wirklichen Grund dafür bekomme. So weiß sie rechtzeitig, wann sie vorsichtig sein muss."

„Das war aber jetzt nicht notwendig, Rodney. Du hast dieses Mal keinen Grund zur Klage gehabt. Ich klebe noch ein Pflaster auf den Rücken, dann kannst du dich wieder anziehen… So, fertig."

Teyla trat einen Schritt zurück und bedachte Rodney mit einem nachsichtigen Lächeln.

Rodney zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Wehmütig betrachtete er seine Sachen. Sie waren so zerfetzt, dass noch nicht mal Miko sie würde flicken können. Er zog sich an und blickte in den Himmel.

Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite mit einem wolkenlosen Himmel. Weit oben zogen die Quetzalcoatlus ihre Kreise. Entweder hatten sie kein Interesse an der Jagd oder sie hatten den Tod ihres Artgenossen mitbekommen und zogen es vor, leichtere Beute zu machen.

„McKay! Machst du Frühstück? Ich habe Hunger."

Ronons flehender Blick ließ Rodney nicken. Die Alternative – ein Frühstück, das Teyla zubereitet hatte – wollte er Ronon nicht antun. Die Frau schaffte es, wirklich jedes Gericht ungenießbar zu machen.

Er brauchte die Vorräte nicht zu prüfen, um zu wissen, wie klein die Auswahl war.

„Du hast die Wahl zwischen zerkrümelten, zermatschten und einfach nur plattgewalzten Powerbars. Außerdem haben wir noch Speck, den ich braten könnte, und Fertigteig für Fladenbrote. Was möchtest du?"

„Alles!" Ronon grinste. „Speck, Brot und einen Riegel, egal in welchem Zustand."

Teyla nickte zustimmend.

Es stank immer noch nach verbranntem Horn. So ekelhaft, dass Rodney keinen Appetit hatte.

Er briet für Ronon eine extra große Portion Speck, die dieser mit einem dankbaren Nicken annahm.

Während Ronon das Essen in sich hineinschaufelte und Teyla einen Riegel aß, lauschte Rodney in den Wald.

Die Tiere waren erwacht und sorgten für eine entsprechende Geräuschkulisse. Das Unterholz raschelte ständig. Jeden Moment konnte ein Dilophosaurier angreifen. Rodney hoffte, dass die Feuer sie auch tagsüber abhalten würde. Er hatte die P-90 in seinen Händen, bereit, sie sofort hochzureißen und sein Team zu verteidigen.

Nervös sah Rodney auf die Uhr: noch eine halbe Stunde, bis Elizabeth sich melden wollte.

Es würde maximal weitere zwanzig Minuten dauern, bis die Kavallerie – Major Lorne – zu ihrer Rettung kam.

Ein neues Geräusch ließ Rodney zusammenzucken. Es war viel näher als alle anderen Laute. Er blickte sich um und dann sah er es: Ein kleiner Dinosaurier, vielleicht zwei Fuß hoch, der sich aufrecht gehend dem toten Quetzalcoatlus näherte. Das Tier blickte immer wieder misstrauisch zu den Menschen und sah irgendwie putzig aus.

Ein Schuss aus Ronons Waffe ließ Rodney zusammenzucken. Das Tier brach tot zusammen.

„Warum hast du das getan?" Vorwurfsvoll sah Rodney seinen Teamkameraden an. „Er war doch viel zu klein, um uns gefährlich zu werden. Außerdem wollte er doch nur Aas fressen."

„Bist du dir sicher?"

„Ich bin zwar ein Genie, aber obwohl jeder hier es zu glauben scheint, sind Dinosaurier nicht mein Fachgebiet. Ich habe keine Ahnung."

„Solange du mir keinen Beweis bringst, dass es harmlos ist, töte ich jedes Tier, das die Lichtung betritt. Nur so kann ich unsere Sicherheit zu gewährleisten."

Ronons Stimme hatte diesen endgültigen Tonfall, der jede Diskussion im Kern erstickte.

Er hatte Recht, doch Rodney hätte liebend gern diesen kleinen Dinosaurier beobachtet. Die Biologen hätten ihn um diese Erfahrung beneidet.

Als Rodney das nächste Mal auf die Uhr sah, waren gerade fünf Minuten vergangen. Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Um sich abzulenken, versuchte er, an seine Arbeit zu denken. Schließlich mussten nicht nur die Langstreckensensoren gewartet werden. Doch er konnte sich nicht konzentrieren und blickte nach zwei Minuten schon wieder auf die Uhr.

„2173?"

Rodney brauchte auf Johns Frage nicht lange nachzudenken. „Kann man durch 53 teilen. 3869?"

„Lässt sich durch 73 teilen. 6351?"

Seitdem sowohl Rodney als auch John die Primzahlen bis zu einer Million auswendig kannten, hatten sie die Regeln geändert. Man nannte eine Zahl und der andere musste herausfinden, welche die höchste Primzahl war, durch die sie sich teilen ließ. Im Streitfall führte es auch nicht mehr zu endlosen Diskussionen, sondern man konnte es ganz schnell nachrechnen.

Als nach kurzer Zeit bei John die Wirkung der Tabletten bemerkbar machte und er wesentlich langsamer wurde, bis er überhaupt eine Primzahl errechnet hatte, sparte sich Rodney seine sonst üblichen sarkastischen Kommentare. Er war froh, dass sein Freund sichtlich entspannte und wesentlich weniger Schmerzen zu spüren schien.

Rodney war so abgelenkt, dass er - als Johns Finger zu seinem Headset griffen – erstaunt feststellte, dass es sieben Uhr war.

„Hallo, Elizabeth. Wir haben schon sehnsüchtig auf ihren Anruf gewartet."

Rodney ärgerte sich, dass sein Headset weg war. So konnte er nur einen Teil des Gesprächs mithören.

„Nein, es sind keine Wraiths aufgetaucht, es gab auch keine Dorfbewohner, die wir verärgert haben. Wir sind nur von Dinosauriern verfolgt worden und ich habe mir dabei das Bein gebrochen." John wollte noch etwas sagen, aber er wurde unterbrochen. Rodney konnte es an seinem Stirnrunzeln erkennen.

„Ich mache keine Witze, Elizabeth. Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie Lorne mit einem medizinischen Team zu uns schicken. Wir sind vier Kilometer vom Gate entfernt, doch die Schneise, die die Brachiosaurier geschlagen haben, macht eine Rückkehr sehr schwierig."

Rodney schnaubte: Es war mehr oder weniger unmöglich, John über die umgekippten Bäume zu tragen.

„Danke, Elizabeth. Wir sind auf einer Lichtung, süd-östlich vom Gate. Sagen Sie bitte Lorne, dass riesige Vögel über uns schweben, die den Flugweg blockieren. Sheppard aus."

Bevor Elizabeth noch etwas sagen konnte, unterbrach John die Verbindung.

Rodney konnte nur den Kopf schütteln.

„Was meinst du, was für ein Gesicht Lorne machen wird, wenn er herausfindet, dass es sich bei den Vögeln um Flugsaurier handelt?"

„Ein dummes!" Grinsend blickte John hoch. Rodney sah auch die Ringe unter seinen Augen und war froh, dass dieses Abenteuer bald vorbei war. So wie sein Freund aussah, fühlte er sich.

Rodney wollte zu einer sarkastischen Bemerkung ansetzten, als Ronon einen warnenden Laut von sich gab und Rodney ansah.

Es gab Momente, wo es wirklich besser war, seinen Mund zu halten. So lauschte Rodney in den Wald hinein, konnte aber nichts hören. Dann wurde ihm bewusst, dass genau dass das Problem war. Die Erinnerung, was passiert war, als die Tiere sich zum letzten Mal verkrochen hatten, war noch frisch.

Panisch sah Rodney sich um. Nichts war zu erkennen, auch kein Dröhnen aus der Ferne war zu hören.

Dann krachte es im Unterholz – genau in der Richtung, wo der tote Quetzalcoatlus lag.

„Rodney, Teyla! Schafft John so weit wie möglich von dem Kadaver weg!"

Ronon hatte seine Waffe gezückt und war bereit zu schießen, wenn ein Tier die Lichtung betrat – egal wie groß es sein mochte. Seine Augen hatten diesen entschlossenen Ausdruck, den er sonst für Wraith reserviert hatte.

Ohne zu zögern folgte Rodney der Anweisung und zusammen mit Teyla hob er die Trage an. Dabei ignorierte er seinen schmerzenden Rücken – die Muskeln waren in den letzten 24 Stunden sowieso überstrapaziert worden – und bemühte sich, John ohne Erschütterungen hochzuheben.

Johns Gesichtsausdruck war bei dieser Aktion nicht ganz so angespannt, wie Rodney befürchtet hatte. Auch ohne Morphium kamen sie halbwegs zurecht.

„Macht schneller!"

Ronons Befehl war überflüssig. Auch Rodney hörte das Knacken im Unterholz. Etwas Großes war im Anmarsch.

Sie setzten die Trage neben dem Feuer, das am weitesten vom Quetzalcoatlus weg war, ab.

Während Teyla Holz nachlegte, kontrollierte Rodney zum x-ten Mal, ob seine P-90 funktionierte.

„Alles in Ordnung, Colonel?"

„Wenn es das wäre, läge ich nicht auf der Trage."

„Du weißt, was ich meine!" Rodney seufzte genervt. John zuckte mit den Schultern.

„Besser als erwartet. Die Tabletten wirken und alles kommt wie durch eine Watteschicht gedämpft bei mir an."

Rodney stellte sich – genau wie Teyla – neben Ronon, bereit jedes Tier, das versuchen sollte, ihnen zu nahe zu kommen, zu töten.

Doch erst einmal kam nichts. Das Gebüsch raschelte nicht mehr, nichts regte sich. Da es ansonsten viel zu still war, wusste Rodney, dass es jedoch kein Fehlalarm gewesen war.

Als es wieder raschelte, schob sich ein Kopf in etwa drei Meter Höhe durch das Farn und blickte auf die Lichtung. Bevor das Tier einen weiteren Schritt vorangehen konnte, hatte Ronon abgedrückt und den Kopf getroffen.

Statt tot umzukippen schüttelte das Vieh seinen Kopf und blickte sie aus kleinen Augen an.

Dann betrat es die Lichtung.

Der Dinosaurier war neun Meter lang, ging aufrecht und hatte zwei kleine, verkümmerte Ärmchen und einen riesigen Kopf. Er sah aus wie ein Tyrannosaurus Rex, war aber zu klein, um wirklich einer zu sein. Doch das Tier war eindeutig ein Jäger.

„Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt! Wieso muss das ausgerechnet uns passieren? Verdammt!"

„McKay! Sei still! Sonst lockst du das Tier noch an."

„Das sagt der, der vergessen hat, von ‚betäuben' auf ‚tödlich' zu stellen."

„Meine Waffe stand auf der höchsten Energiestufe!" Ronons Blick folgte dem Dinosaurier, der ganz langsam auf sie zukam.

„Und dann darf ich nicht fluchen? Wir werden alle sterben, schau dir nur die spitzen Zähne an!"

Rodney merkte, dass er hyperventilierte, wusste aber nicht, was er dagegen tun sollte, zu groß war seine Panik. Selbst Wraith gingen zu Boden, wenn Ronon mit seiner Waffe auf sie schoss. Wieso war ein dicke Hornhaut und Knochenpanzer ein so wirksamer Schutz gegen Energiewaffen?

„Rodney! Atme langsam ein und aus, du kannst das. Besinne dich und beruhige dich. Du kennst solche Wesen. Sag uns, wohin wir zielen müssen, damit wir es töten können." Teylas Stimme brachte Rodney zur Vernunft.

„Ich habe keine Ahnung", musste er zugeben. „Wenn seine Knochen genau so aufgebaut sind, wie die seines größeren Verwandten, ist das Gehirn durch sehr dicke Knochen geschützt, die selbst Kugeln nicht durchdringen können. Versucht auf seine Brust zu zielen, vielleicht sitzt hinter den Armen das Herz."

Bevor Ronon abdrücken konnte, raschelte es erneut und zwei weitere Dinosaurier derselben Art betraten die Lichtung.

Langsam wurde es eng.

Unwillkürlich wich Rodney zwei Schritte zurück, bis die Trage einen weiteren Rückzug verhinderte. Einen von der Sorte konnten sie vielleicht erledigen, ohne dass es auf ihrer Seite Verletzte gab. Aber drei?

„Rodney, du stehst im Weg, ich kann nichts sehen", beschwerte sich John.

„Sei froh, dass es so ist. Wir haben Besuch aus der Nachbarschaft bekommen. Und ich befürchte, dass er auf Krawall aus ist."

Die Neuankömmlinge hoben ihre Köpfe und brüllten laut, kümmerten sich aber nicht um die Menschen, sondern stürzten sich mit Heißhunger auf den Quetzalcoatlus. Es war ekelhaft anzusehen, wie sie sich zu dem Kadaver runterbeugten und riesige Fleischbrocken herausrissen.

Rodney war froh, nicht gefrühstückt zu haben. Und glücklich gerade nicht auf dem Speiseplan zu stehen – jedenfalls vorläufig.

Der Dinosaurier, der als erster angekommen war, zögerte einen Moment, dann wandte auch er sich von den Menschen ab und versuchte, sich ebenfalls seinen Teil an dem Kadaver zu sichern.

Doch damit war es noch nicht vorbei. Kaum dachte Rodney, aufatmen zu können, als zwei weitere Tiere die Lichtung betraten und sich dem Quetzalcoatlus nähern wollten. Doch das wollten die zuerst Angekommenen nicht dulden. Sie hoben ihre Köpfe und gaben ein dumpfes Röhren von sich.

„Wir müssen die Lichtung räumen, sie wird gleich zum Kampfplatz." Ronon griff sich seinen Rucksack.

„Und wohin sollen wir bitteschön gehen? Im Wald kann Lorne uns vielleicht orten, aber nicht landen."

„Wir bleiben in der Nähe und wenn Lorne kommt, kann er den Platz freischießen."

Die Dinosaurier kamen immer näher. Die zwei Neuankömmlinge wichen Schritt für Schritt zurück, als sie von den anderen drei, die das Aas verteidigten, mit wildem Brüllen bedroht wurden.

Die Schwänze peitschten dabei bedrohlich nahe an Ronons ausgestrecktem Arm vorbei.

Rodney sah ein, dass es Zeit war zu laufen statt zu fragen. Zusammen mit Teyla hob er die Trage hoch und sie gingen los.

Sie waren gerade ins Unterholz eingetaucht und hatten sich etwa hundert Meter von der Lichtung entfernt, als Ronon das Zeichen zum Anhalten gab. Erleichtert setzte Rodney die Trage ab.

Er sah sich um und wollte gerade reklamieren, dass das Unterholz zu dicht war, um sich nähernde Tiere rechtzeitig zu orten, als John zum Headset griff.

„Lorne! Gut, dass Sie so schnell sind. Wir haben eine kritische Situation."

Hatte Rodney gedacht, dass John schon seine Verletzung maßlos herabgespielt hatte, so revidierte er seine Meinung. Kritische Situation. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Räumen Sie die Lichtung, egal wie, damit wir an Bord können", drängte Sheppard ungeduldig.

John lauschte einen Moment und sah danach sehr genervt aus. Lorne konnte froh sein, dass er nicht in direkter Nähe war.

„Ronon hat es schon versucht, aber unsere Waffen sind zu schwach."

Die Antwort fiel jetzt zu Johns Zufriedenheit aus.

„Danke, wir warten auf euch. Sheppard Ende." Er hob den Kopf und blickte sich suchend um.

Ronon stand wenige Schritte entfernt und spähte durch das Gebüsch auf die Lichtung. Teyla sicherte die andere Seite.

Rodney selbst konnte die Lichtung nicht mehr sehen, aber nach den Geräuschen zu urteilen, kämpften die Tiere um den Kadaver.

Jetzt, wo er einen Augenblick Zeit zum Nachdenken hatte, fragte er sich, welche Dinosaurierart auf der Lichtung war. Für den Tyrannosaurus Rex waren die Tiere zu klein. Aber nach ihrem Körperbau gehörten sie derselben Gattung an. Dunkel erinnerte Rodney sich an seine Schulzeit. Der Lehrer, der sein Schulprojekt unterstützt hatte, war stolzer Kanadier gewesen. Deswegen hatte er ihm auch vorgeschlagen, im Diorama einen ‚heimischen' Dinosaurier darzustellen, den man vor etwa einhundert Jahren in Alberta gefunden hatte und dementsprechend Albertosaurier genannt hatte. Rodney hatte sich nur kurz mit dem Dinosaurier beschäftigt und sich stattdessen für den Allosaurier entschieden, der ja auch zeitlich besser zu dem Ceratosaurus passt.

Wieso ein Albertosauer aus der Kreidezeit in der Pegasusgalaxie Beute auf Saurier des Jura machte, würde wohl für immer unerforscht bleiben.

Ein Fiepen direkt neben ihm riss Rodney aus seinen Gedanken und ließ ihn seine P-90 hochreißen.

Doch als er den kleinen Dinosaurier sah, der direkt neben ihm stand, brachte er es nicht übers Herz abzudrücken. Es könnte ein Bruder des Saurier sein, den Ronon erschossen hatte. Das kleine Wesen hatte keine Angst, sondern drängte sich fast schon Schutz suchend an ihn.

Rodney sah sich um. Alle anderen blickten gespannt zur Lichtung, warteten auf Lornes Eingreifen.

„Husch!" Rodney wollte den Kleinen vertreiben, um zu verhindern, dass auch er von Ronon erschossen wurde. Er versuchte, das Tier mit heftigen Armbewegungen zu verscheuchen. Erreichte aber nichts. Stattdessen blickte der Kleine zu ihm hoch und fiepte. Leise und hilfesuchend.

„Pssscht! Verschwinde hier! Es ist zu gefährlich für dich!"

Das brachte ihm nur einen neugierigen Blick ein. Dabei stellte Rodney fest, dass das Tier extrem lange Wimpern hatte, unter denen ihn traurige Augen treuherzig ansahen.

Warum musste so etwas ausgerechnet ihm passieren? Immer war er es, der die hilflosen Kinder, treudoofen Hunde und gefährlichen alten Hexen abbekam. John dagegen eroberte immer die hübschen Priesterinnen, attraktiven Kriegerinnen und das beste Essen.

Da schmiegte sich eine Schnauze vertrauensvoll in seine Hand.

„Hau ab! Du kannst nicht hier bleiben, sonst stirbst du!"

„Gib ihm einen Klaps auf den Hintern, dann verschwindet er bestimmt."

John hatte mitbekommen, in welcher Bedrängnis Rodney steckte. Er war froh, dass der Colonel nicht seine M-9 auf das Tier richtete, um es zu töten.

Vielleicht lag das auch daran, dass er durch die Schmerzmittel so beeinflusst war, dass er Angst hatte, nicht sein Ziel zu treffen.

„Du hast auch schon so viele Dinos besessen, dass du das beurteilen kannst?"

Rodney konnte sich nicht überwinden, den Kleinen zu schlagen.

„Nein, aber meine Hunde haben immer darauf reagiert."

„Hunde sind nicht intelligent. Katzen zum Beispiel würden zurückschlagen und ich will kein Risiko eingehen. Danke für den Tipp, Sheppard. Ich werde ihn anders los."

Er kramte in seinen Taschen, bis er einen Riegel gefunden hatte, riss die Verpackung auf und reichte dem Tier einige Brocken.

Der Kleine schnupperte, schien einen Moment zu zögern, dann nahm er ganz vorsichtig einen Bissen, ohne zu versuchen, nach Rodneys Fingern zu schnappen.

Der Jumper näherte sich mit einem hohen Sirren. Die Kavallerie war fast da.

Den nächsten Brocken warf Rodney auf den Boden. Das Tier sah ihn einen Moment fragend an, dann trippelte es langsam ein wenig zur Seite und senkte seinen Kopf, um das Futter zu fressen.

Genau den Moment suchte Lorne sich aus, um die Dinosaurier auf der Lichtung anzugreifen.

Rodney wusste nicht genau, was der Major abgeworfen hatte, doch die Druckwelle reichte, um ihn zu Boden stürzen zu lassen.

Beinahe wäre er auf John gelandet. Doch im letzten Augenblick gelang es Rodney, sich zur Seite zur werfen. Dabei hatte nicht bedacht, dass genau dort der kleine Saurier die Brocken fraß, die er ihm hingeworfen hatte.

Rodney stürzte auf ihn. Die Landung war nicht weich, doch bevor er sich darüber beschweren konnte, hörte er den Schrei des Tieres. Es ging Rodney durch Mark und Bein.

Hastig stand er sich auf, um zu sehen, wo er den Kleinen verletzt hatte. Zuerst konnte Rodney keine Wunde sehen. Der Kleine lag kläglich fiepend auf der Seite, dann versuchte er, sich hochzurappeln.

Mit seinen kurzen Armen brauchte er zwei Versuche, bis er schwankend hochkam.

Dann erst sah Rodney, was dem Kleinen solche Schmerzen bereitet hatte. Eine große Bisswunde zierte seinen rechten Oberschenkel. Sie war schon einige Tage alt und stark entzündet.

Mitleidig strich er dem Tier über den Kopf.

Wie es dem Saurier gelungen war, seinem Jäger mit dieser Verletzung zu entkommen, war Rodney ein Rätsel. Aber danach hatte er es bestimmt nicht mehr geschafft, selber Beute zu machen und der Hunger hatte ihn zu seinem zutraulichen Verhalten getrieben.

„McKay! Geh zur Seite!"

Entsetzt sah Rodney, wie Ronon seine Waffe auf den Kleinen richtete. Er verstand zwar, dass der Sedataner nach den bisherigen Erlebnissen auf ‚Jura' jedes Tier als Gefahr einschätzte, aber er wollte einfach nicht, dass dieses Tier getötet wurde.

Er stellte sich so vor den Saurier, dass er in die Mündung von Ronons Waffe sah. Der senkte mit einem genervten Gesichtsausdruck seine Waffe. „Was ist?"

„Er ist genauso gefährlich wie Miko! Außerdem ist er verletzt." Dass er spitze, gefährlich aussehende Zähne hatte, verschwieg er.

Doch Ronon hatte kein Mitleid. „Verletzte Tiere sind unberechenbar. Außerdem sagst du immer, dass Tiere von fremden Planeten unbekannte Krankheiten übertragen können."

„Stimmt", musste Rodney zugeben. Er fühlte sich in die Enge getrieben und wusste nicht, wie er den Kleinen verteidigen sollte.

„Ronon", John mischte sich ein. „Das Tier hängt wie eine Klette an McKay und betet ihn an. Er ist wirklich keine Gefahr.

„Wie ihr meint." Rodney konnte ohne weiteres die ganzen ‚aber' hinzuaddieren, die Ronon mit einem einzigen Achselzucken ausdrückte.

Dann griff John zum Headset. „Sheppard hier."

Rodney verfluchte erneut die Tatsache, dass er sein eigenes Headset verloren hatte.

„Danke, Major, endlich eine gute Nachricht." Ein erleichtertes Grinsen war auf Johns Gesicht zu sehen. „Könnt ihr uns orten?"

Rodney war nahe dran, John zu erklären, dass Lorne das Gen hatte und sie selbstverständlich orten konnte.

„Gut, dann warten wir hier auf euch. Sheppard aus."

Erneut berührte John sein Headset.

„Sie sind gelandet und räumen gerade ein wenig auf, damit Dr. Keller und die Sanitäter durchkommen."

Erleichtert grinste Rodney. Der Albtraum war fast vorbei.

Ein Fiepen lenkte die Aufmerksamkeit aller auf den Dino, der Rodney hungrig ansah.

Kopfschüttelnd beobachtete Rodney den Kleinen, während er gierig die spärlichen Überreste des Riegels fraß. Satt würde er davon bestimmt nicht.

Die Verletzung sah auch auf dem zweiten Blick schrecklich aus. Rodney bezweifelte, dass sie ohne medizinische Versorgung heilen würde.

„Ich nehme ihn mit nach Atlantis."

Rodney erschrak im ersten Moment über seinen Entschluss, als er weiter darüber nachdachte, wusste er, dass es die richtige Entscheidung war.

„Bist du sicher, McKay?" Johns Zweifel störten Rodney nicht.

„Ja, wie ich Elizabeth und dich kenne, werdet ihr ‚Jura' für weitere Besuche sperren, weil es zu gefährlich ist. Ich habe keine Lust, dass die Biologen mich mit Fragen belagern, die ich nicht beantworten kann. Mit dem Kleinen hier können sie ihre Neugierde befriedigen und ich habe meine Ruhe."

Eine rationale Erklärung, die nichts von Rodneys Sehnsucht verriet, nachts nicht mehr allein zu sein. Da es keine Katzen gab, würde ein Saurier sein Gefährte werden – der hoffentlich auch verstand, was das Wort ‚stubenrein' bedeutete. Er würde schon einen Weg finden, dass die Biologen den Kleinen so gut wie gar nicht zu Gesicht und unter ihre Untersuchungsgeräte bekommen würden. Wenn er erstmal in Atlantis angekommen war.

„Wenn du ihn ohne Probleme in den Jumper bekommst, von mir aus. Aber du lässt alle Untersuchungen von Keller ohne Murren über dich ergehen."

Es war klar, dass John Forderungen stellen würde.

„Ja, ja, ist ja gut." Rodney hob abwehrend die Hände. „Wenn du so lange im Bett bleibst, wie Keller es anordnet."

Bevor John protestieren konnte, hob Teyla lauschend den Kopf.

Einen Augenblick später hörte auch Rodney etwas. Er hoffte inständig, dass es der Rettungstrupp und kein weiteres Tier war.

Ronon hatte sich umgedreht und hielt seine Waffe schussbereit, senkte sie aber, als zu erkennen war, dass Menschen durch das Unterholz brachen.

Lorne erreichte sie als erster. Bevor er etwas sagen konnte, wurde er von Dr. Keller zur Seite geschoben. Die zierliche Ärztin bewies erstaunliche Kräfte, wenn es um das Wohl ihrer Patienten ging. „Verzeihen Sie, es wartet ein Patient auf mich, Sir."

„Schon gut." Lorne drehte sich um und teilte seine Männer ein, um dieses provisorische Lager zu sichern.

Rodney ging Dr. Keller schnell genug aus dem Weg, auch Ronon wich einen Schritt zurück, nur der Saurier bewegte sich nicht und blickte leise fiepend zu ihr hoch, als sie überrascht vor ihm stehen blieb.

Dr. Keller stutze einen Moment, dann schlug sie einen Bogen um ihn herum, beobachtete ihn aber die ganze Zeit. Dabei entdeckte sie die Wunde auf seinem Oberschenkel.

„Du armer Kerl!", rief sie mitleidig aus. „Wer hat dich denn so zugerichtet?" Ihr Blick schweifte in die Runde. „Habt ihr euch ein Maskottchen zugelegt? Es ist aber in einem jämmerlichen Zustand. Wird es mich beißen, wenn ich nachher versuche, ihn medizinisch zu versorgen? Das Kerlchen muss ziemliche Schmerzen haben."

„Wir haben noch überhaupt nicht daran gedacht, dass er bei dieser winzigen Verletzung Schmerzen haben könnte." Rodneys Stimme triefte vor Sarkasmus. Dann riss er sich zusammen. Die Ärztin hatte sich schon freiwillig bereit erklärt, den Kleinen zu versorgen, das sollte er nicht aufs Spiel setzen. „Bisher war er friedlich." Rodney ging zurück zu dem Dino, der ihn hoffnungsvoll ansah. „Ich kenne ihn noch nicht gut genug, um zu sagen, wie er auf eine Behandlung reagiert. Ich hatte früher eine verschmuste Katze, nur wenn sie einen weißen Kittel sah, wurde sie zur reißenden Bestie, die man nur mit Lederhandschuhen anfassen konnte."

Dr. Keller nickte nur, dann widmete sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe.

Als einer der Soldaten näher kam, kuschelte sich der Saurier schutzsuchend an Rodney. Er konnte die Wärme an seinem Bein spüren. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, streichelte Rodney über seinen Kopf. Als das Tier die Berührung sichtlich genoss, entspannte sich Rodney.

Dr. Keller hatte sich zu John gehockt, nahm den provisorischen Verband ab und untersuchte sein Bein. Dabei keuchte John mehrfach vor Schmerzen auf.

„Was für Schmerzmittel habt ihr ihm verabreicht?"

Rodney wühlte in seiner Hosentasche, bis er den Blister gefunden hatte, und reichte ihn der Ärztin. „Er hat vor etwas mehr als einer Stunde vier Tabletten genommen."

Sie blickte kurz auf den Namen, schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Stattdessen nahm sie eine Lampe und richtete sie auf Johns Augen. Seine Reflexe fielen wohl zu ihrer Zufriedenheit aus, denn sie machte niemandem Vorwürfe über die zu hohe Medikation. Als sie sich aufrichtete, sah sie die fragenden Blicke der restlichen Teammitglieder. „Ihr solltet es besser wissen. Solange ich ihn nicht in Atlantis und auf meinem Tisch habe, kann ich nichts Genaues sagen. Aber ich denke, dass er in wenigen Wochen wieder auf Missionen gehen kann."

Erleichterung durchflutete Rodney. Die Angst um John ließ ein wenig nach. Diesmal war er noch einmal davongekommen.

Bevor Dr. Keller das Zeichen zum Aufbruch gab, hockte sie sich zu dem Saurier, um sich seine Wunde anzusehen. Der Kleine fiepte ängstlich, versuchte aber nicht, wegzurennen oder sie anzugreifen.

„Rodney, können Sie ihn irgendwie festhalten? Ich möchte seine Wunde zumindest oberflächlich reinigen, um mir einen Eindruck von der Entzündung machen zu können, und das wird wahrscheinlich schmerzhaft für ihn sein. Gibt es etwas, womit Sie ihn ablenken können?"

„Ich kann versuchen, ihm etwas zu fressen zu geben."

Rodney musste suchen, bis er einen weiteren Powerbar gefunden hatte. Der Kleine wusste schon, was das Rascheln der Verpackung bedeutete, und stupste Rodney auffordernd an, als er die Verpackung nicht schnell genug aufriss.

Rodney hockte sich hin, schüttete einen Teil der Krümel in seine Hand und hielt sie dem Kleinen unter seine Schnauze.

Den Augenblick nutzte Dr. Keller, um die Wunde vorsichtig mit einem desinfizierenden Tuch abzuwischen. Als der Saurier vor Schmerzen wimmerte und sie vorwurfsvoll ansah, aber keinerlei Fluchtversuche machte, hörte sie auf. Wirklich sauber war es aber noch nicht geworden und Rodney konnte sehen, wie aus einer Stelle Eiter hervorquoll.

„Auf der Erde wüsste ich nicht, ob es mir gelingen würde, ihn erfolgreich zu behandeln. Die Wunde geht wahrscheinlich bis auf den Knochen und ist stark entzündet. Aber in Atlantis habe ich die technischen Möglichkeiten ihm zu helfen – vorausgesetzt die Biologen helfen mir und sagen mir, wie ich ihn betäuben soll. Mir ist es egal, ob ich ein Tier oder einen Menschen operieren muss, aber Anästhesie ist etwas ganz anderes."

„Wenn sie es nicht tun sollten, werde ich mit ihnen reden."

Rodneys einziger Kontakt zu den Biologen war Katie Brown gewesen, doch seit Carsons Tod ging er ihr aus dem Weg. Er hatte nicht vor, dies wegen einem Saurier zu ändern. Er kannte sich in ihren Fachgebieten zu wenig aus, um ihre Arbeit kritisieren zu können – aber sollten sie auch nur wagen zu erwähnen, dass sie einen toten Saurier besser untersuchen könnten als einen lebenden, würde er persönlich dafür sorgen, dass ihr Leben zur Hölle werden würde.

„Ich glaube nicht, dass es nötig sein wird. Trotzdem danke für die Unterstützung." Dr. Keller lächelte Rodney an. „Wie bekommen wir ihn in den Jumper? So wie es aussieht, kann er noch humpeln, aber das dauert zu lange, außerdem leidet er Schmerzen."

Abwägend sah Rodney den Kleinen an. Er war zwar nur sechzig Zentimeter hoch, doch mit seinem kräftigen Schwanz war er garantiert zwischen dreißig und fünfunddreißig Kilo schwer. Nicht zu schwer, um ihn hochzuheben, doch mit seinen Rückenschmerzen würde es Rodney mehr als schwerfallen. Was war, wenn er sich einen Bandscheibenvorfall holte?

Bevor er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, nahm Ronon sie ihm ab, indem er zum Dino ging und ihn hochhob. Dabei schaffte er es, nicht die verletzte Stelle zu berühren.

Der Kleine fiepste überrascht auf, als er den Boden unter den Füßen verlor. Doch als Rodney ihm geistesgegenwärtig den letzten Rest des Powerbar vor die Nase hielt, beruhigte er sich wieder und fraß.

„Können wir? Wenn wir uns beeilen, dann bekommen wir in Atlantis noch ein Frühstück."

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Ronon vor. Auf ein Nicken von Lorne schlossen sich zuerst einige Soldaten und dann die Sanitäter mit der Trage an. Dahinter reihte Rodney sich in die Marschkolonne ein. Dabei wusste er nicht, auf wen er mehr achten sollte: John oder den Saurier. So abgelenkt stolperte er schon nach wenigen Metern, schaffte es aber, nicht hinzufallen.

„Alles in Ordnung, Rodney?" Teylas Stimme hatte aber nicht den besorgten Unterton, der sonst zu dieser Frage gehörte. Sie klang amüsiert, als ob sie genau wusste, warum Rodney so abgelenkt war.

Dabei wusste er es noch nicht einmal selbst.

„Ja, nichts passiert." Rodney wollte noch einen sarkastischen Kommentar über ihren Humor fallen lassen, als er die Lichtung betrat. Der Anblick verschlug ihm die Sprache.

Direkt vor ihm lagen die Kadaver von mehreren Albertosauriern. Besser gesagt das, was von ihnen übrig geblieben war. Was auch immer Lorne auf sie abgeworfen hatte, hatte mindestens zwei der Tiere in Fetzen gerissen und der Boden war glitschig von ihrem Blut.

Die anderen Tiere waren auch tot und blockierten den direkten Weg zum Jumper. Sie mussten um die Kadaver herumgehen.

Der süße Geruch von Blut mischte sich mit dem von verbranntem Fleisch und versengtem Horn. Unzählige Insekten schwirrten über ihren Köpfen.

Obwohl Rodney nichts gegessen hatte, musste er würgen. Er schaffte es so gerade eben, sich die Hand vor dem Mund zu halten und die Magensäure bei sich zu behalten.

„Das wird dir helfen." Teyla hielt ihm ein Tuch hin. „Halte es vor deinem Mund und atme dadurch."

Das Tuch roch nach Kräutern und linderte wirksam Rodneys Drang, sich übergeben zu wollen. Doch weg war er danach nicht. Die letzten Meter zum Jumper blickte er starr auf den Rücken des Sanitäters vor ihm, um sich nicht in blutige Details zu verlieren.

Warum hatte Lorne nicht eine weniger brutale Methode angewendet, um die Tiere zu vertreiben? Die Antwort konnte Rodney sich selbst geben. Wahrscheinlich hatte es der Major versucht und die Tiere hatten ihn ignoriert. Und das war ihr Todesurteil gewesen.

Im Jumper ließ Rodney sich auf einen Sitz fallen. Das Tuch nahm er erst weg, als die Hecktür geschlossen war und die Klimaanlage die Luft gefiltert hatte.

Erst jetzt bemerkte er, dass Ronon mit dem Dino auf seinem Schoß neben ihm saß. Der Satedaner kraulte das Tier unter dem Kinn. Es beruhigte den Kleinen soweit, dass er trotz der fremden Umgebung ruhig blieb. Bemerkenswert war Ronons melancholisches Lächeln.

Als er merkte, dass Rodney ihn beobachtete, verschwand das Lächeln, er hörte aber nicht auf, den Kleinen zu liebkosen.

Bevor Rodney etwas sagen konnte, bekam er von Teyla einen kräftigen Stoß in die Seite. Heldenhaft einen Schmerzschrei unterdrückend betastete er die misshandelte Stelle. Fragend sah er seine Teamgefährtin an, erntete aber von ihr nur einen bösen Blick, den er als ‚Du hältst jetzt sofort und für immer den Mund!' interpretierte. Dabei hatte er doch gar nichts gesagt. Ganz im Gegenteil, er war froh, dass Ronon den Kleinen so schnell in sein Herz geschlossen hatte. Schließlich war er derjenige gewesen, der eine Waffe auf ihn gerichtet hatte.

Um nicht weiter Teylas Missfallen zu erregen, blickte Rodney sich um.

Lorne saß im Pilotensitz, Dr. Lindsay, die zu seinem Team gehörte, belegte den Sessel neben ihm im Cockpit, die Soldaten und Sanitäter hatten sich auf die Sitzbänke gedrängt und Johns Trage hatte man in der Mitte abgestellt.

Dr. Keller hockte neben dem Colonel und legte eine Infusion.

Johns Gesicht war angespannt, aber die Medikamente schienen seine Schmerzen halbwegs zu unterdrücken. Es ging ihm gut genug, um Rodney verschwörerisch anzugrinsen und mit seinem Kopf auf Ronon zu deuten.

Rodney schüttelte nur den Kopf: Zwischen Ronon und Teyla war er nicht sicher.

Er stand auf und stellte sich hinter Dr. Lindsays Sessel.

Lorne hatte bereits abgehoben und steuerte den Jumper durch eine Herde Quetzalcoatlus, die majestätisch im Himmel schwebte.

Es war ein beeindruckender Anblick, den die Flugsaurier boten.

Doch als Lorne abdrehte und aufs Stargate zusteuerte, war Rodney froh, dass sie das Abenteuer Jura überstanden hatten.

Ende