Kapitel
Horatio ging langsam die Treppe hinunter und warf noch einen letzten Blick zu Eric und Marisol. Er überlegte, ob es Sinn machte zu kämpfen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Das Risiko war zu groß. Sam Warren machte nicht den Eindruck als würde er spaßen. Er hatte nichts zu verlieren. Wenn er als korrupter Polizist aufflog, dann war für ihn alles vorbei. Im Gefängnis würde er wahrscheinlich nicht lange überleben und das war ihm mit Sicherheit klar.
Es sah nicht gut für sie aus und er machte sich Sorgen. Aber Warren und Jake waren nachlässig und vielleicht gab ihnen das eine Chance. Sie hatten sie nicht durchsucht. Die Handy's lagen auf der Terasse auf dem Tisch und nutzten ihnen daher nichts. Aber Eric hatte seinen Schlüssel in der Tasche. Horatio hoffte, dass es ihm damit gelang Marisol und vielleicht sich selber zu befreien. Jake hatte sie oben allein gelassen und nun lag es an ihm den beiden so viel Zeit wie möglich zu verschaffen.
Im seinem Arbeitszimmer blieb er stehen und sah Warren an.
„Worauf warten Sie, Caine?" fragte dieser. „Ich weiß, dass auf Sie vier Waffen registriert sind. Ich will sie alle haben!"
„Ihnen ist schon klar, dass man uns im Labor vermissen wird?"
„Es ist Wochenende Caine und Sie haben keinen Dienst. Bis jemand Sie vermisst habe ich längst was ich will! Sie werden kaum zusehen wollen, wie Ihre kleine Frau leidet, nicht wahr?!" Warren sah ihn mit kaltem Blick an.
Horatio erwiderte den Blick ohne zögern. „Marisol hat mit der ganzen Sache nichts zu tun," antwortete er. „Wenn Sie ihr was tun, Warren, dann schwöre ich dass sie es noch bereuen werden!"
Der Mann lachte. „Sie sind nicht in der Position für Drohungen, Caine! Und jetzt will ich die Waffen haben! Wo sind sie?"
Horatio sah ihn eine Weile direkt an. Dann senkte er, scheinbar resigniert den Kopf.
„Eine Waffe ist im Schreibtisch, zwei im Safe, eine im Labor. Der Schreibtischschlüssel ist im Safe."
Warren kam näher an ihn ran und packte seinen Arm. Er studierte sein Gesicht.
„Versichen Sie nicht mich zu bescheissen," sagte er leise. „Die vierte Waffe…"
„Die bewahre ich im Labor auf! Sie wissen doch anscheinend sonst alles, dann dürfte doch klar sein, dass es stimmt."
„Ich warne Sie, Caine!" kam die Antwort. „Die Delkos da oben werden nichts zu Lachen haben, wenn Sie mich belügen oder Unsinn versuchen!"
Horatio sah ihn mit regloser Miene an. „Wollen Sie nun den Safe-Code oder nicht?"
Einige Minuten später hatte Warren alle Waffen an sich genommen und führte Horatio aus dem Arbeitszimmer hinaus. Jake war grade im Wohnzimmer dabei die Tür zu verschliessen und die Rolläden hinunter zu lassen. Er nahm eine der Waffen an sich und steckte sie in seinen Hosenbund.
„Vorne ist alles dicht," sagte er zu Warren.
„Gut, dann sieh noch mal oben in den Zimmern nach. Dann bringen wir ihn hier zu den anderen und werden mal sehen, was wir aus ihnen rauskriegen. Ich will die Sache so schnell wie möglich erledigen."
Er schubste Horatio leicht an, damit dieser zur Treppe ging. Aber Horatio blieb stehen.
„Ich müsste mal zur Toilette," sagte er.
Warren schnaubte. Aber dann nickte er Jake zu. Während er Horatio die Waffe direkt an die Schläfe hielt löste Jake die Fesseln und band Horatios Hände – diesmal etwas lockerer – vor seinen Körper. Anschließend stieß er ihn Richtung Badezimmer.
Horatio ließ sich Zeit und versuchte abzuschätzen, wie lange es her war, dass Eric und Marisol alleine in das Zimmer oben gesperrt worden waren.
Als es an der Tür pochte betätigte er die Toilettenspülung und ging zum Waschbecken. Schließlich öffnete er die Tür. Er wollte die beiden Männer nicht zu sehr provozieren.
Die Hände wurden ihm wieder auf den Rücken gefesselt.
Auf der Treppe stolperte er absichtlich und versuchte damit weitere kostbare Minuten zu gewinnen.
Warren jedoch verlor langsam die Geduld. Er scharrte mit den Füßen, als Jake nochmal die Zimmer oben kontrollierte und die Rolläden hinunter ließ.
Als sie schließlich die Tür zu Eric's und Marisol's Gefängnis öffneten hielt Horatio einen Moment die Luft an.
Jake stieß die Tür auf und schubste Horatio in das Zimmer.
Der Raum war nicht groß und Horatio sah sofort, dass Eric alleine war. Er saß an einer Wand auf dem Boden und hatte den Kopf an die Wand gelehnt. Von Marisol war nichts zu sehen. Das Seil, mit dem sie gefesselt gewesen war lag auf dem Boden und das Fenster war zwar angelehnt, aber nicht zu.
Horatio seufzte erleichtert auf. Marisol war in Sicherheit, jedenfalls vorerst. Jetzt konnten sie nur hoffen, dass sie nicht nach ihr suchen würden.
Dann sah er Warrens Gesicht und seine Erleichterung schwand. Blinde Wut stand in den Augen des Mannes. Er ging zu Eric und zerrte ihn an den Haaren auf die Füße. Dann drängte er ihn zur Wand und knallte seinen Kopf dagegen. Als nächstes schlug er auf ihn ein, mit einer Faust und der Waffe.
Instinktiv machte Horatio einen Schritt auf die beiden Männer zu, doch Jake hielt ihn zurück und scheuchte ihn in eine Ecke, weg von der Tür.
„Sam!" rief Jake und als dieser nicht reagierte, ging er zu ihm und packte ihn am Arm. „Wir brauchen sie noch, hör auf! Wenn du ihn jetzt umbringst, dann sitzen wir tief in der Tinte. Beruhige dich."
Warren ließ Eric los, so dass dieser an der Wand herunterrutschte und sah auf ihn herab.
„Das war keine gute Idee!" sagte er. „Ich hatte euch gewarnt."
Dann sah er Jake an. „Mach den Wagen fertig. Wir müssen sie hier weg schaffen."
„Was ist mit der Frau?"
„Es hat keinen Sinn sie jetzt zu suchen. Wir haben die zwei hier, das müsste reichen. Sie war eine nette Zugabe, aber wir können unsere Zeit jetzt nicht mit ihr verschwenden."
Jake nickte und verließ den Raum. Warren warf einen Blick auf Horatio und folgte seinem Patner dann. Als die Tür zu war, eilte Horatio zu Eric, der halb bewusstlos auf dem Boden lag. Er versuchte die Verletzungen des jüngeren Mannes einzuschätzen und fluchte leise, weil seine Hände gefesselt waren. Es war schwer zu sagen, ob Eric ernsthaft verletzt war. Warren hatte ihn zum größtenteil in den Bauchbereich geschlagen. Blut war keines zu sehen und Horatio hoffte, dass es keine inneren Verletzungen gab.
„Eric?" fragte er leise.
Dieser stöhnte und blinkte mit den Augen, er kämpfte offensichtlich gegen die Bewusstlosigkeit.
„Eric, komm schon, bleib bei mir!"
„H.?"
„Ja. Komm schon, rede mit mir, Eric! Nicht bewusstlos werden, hörst du!?"
„Ich weiß nicht…"
„Du schaffst das. Komm schon! Du musst mir sagen, was los ist. Ist etwas gebrochen?"
„Ich weiß nicht, H." sagte Eric und verzog das Gesicht. Aber sein Blick wurde wieder klarer. „Mir tut grade alles weh."
„Das wundert mich nicht," antwortete Horatio. „Kannst du mich denn klar sehen? Ist dir schlecht? Versuch mal dich hinzusetzen."
Eric stüzte sich mit den gefesselten Händen ab so gut es ging und setzte sich langsam. Dabei biss er die Zähne fest zusammen um nicht aufzuschreien. Es fühlte sich an als wäre sein Bauch ein einziger großer Bluterguss, was wahrscheinlich auch stimmte. In seinem Schädel dröhnte es und es dauerte einen Moment bis der leichte Schwindel wieder nachlies. Doch so wie es aussah konnte er froh sein, dass er noch lebte, denn in Warren's Augen hatte die reine Mordlust gestanden. Aber Marisol war entkommen und das war es Wert gewesen.
„Es geht schon, H." sagte er, als er endlich saß. „Was machen wir jetzt?"
Horatio setzte sich neben ihn und sah ihn von der Seite an.
„Ehrlich gesagt, Eric, ich habe keine Ahnung. Es sieht nicht so aus als hätten wir viele Möglichkeiten. Das sind immerhin Polizisten und sie werden uns sicher nicht einfach entkommen lassen, bevor sie haben was sie wollen."
„Die Beweise…"
„Sie werden alles tun um sie zu bekommen. Und nur wir beide wissen wo sie sind."
„Und wenn wir ihnen sagen wo, werden sie uns anschließend umbringen – schließlich können wir sie identifizieren," stellte Eric fest.
„Und wenn wir nichts sagen werden sie es früher oder später auch tun," fügte Horatio hinzu. „Aber je länger wir durchhalten, um so größer sind unsere Chancen dass man uns findet."
„Weißt du, im Moment finde ich diesen Gedanken nicht grade tröstlich," meinte Eric.
„Nein." Horatio war einige Zeit still, dann sprach er weiter. „Hör zu, Eric, wenn sich eine Möglichkeit ergeben sollte zu entkommen, für uns beide oder für einen von uns, dann müssen wir sie nutzen! Auch alleine! Auch wenn das bedeutet den anderen zurück zu lassen. Calleigh und Ryan werden nicht viele Anhaltspunkte haben und die Chancen dass sie uns finden sind nicht sehr groß. Deshalb müssen wir es versuchen, okay?"
„Schon klar, H.. Das würde auch die Chance erhöhen dass die Kerle hinter Gittern landen. Und dann wäre zumindest nicht alles umsonst."
Sie verfielen in Schweigen und beide Männer hingen ihren eigenen Gedanken nach.
Eric wusste nicht wieviel Zeit vergangen war, aber er schreckte aus einem leichten Dämmerschlaf hoch als die Tür auf ging.
Warren und Jake kamen hinein. Ohne viele Worte packten sie ihre beiden Gefangenen und zerrten sie auf die Füße.
Eric biss die Zähne zusammen und versuchte ein Stöhnen zu unterdrücken. Er hatte das Gefühl sein ganzer Körper schmerzte.
Widerstandslos liessen sie sich die Treppe hinunterführen. Dort wurde ihnen die Augen verbunden und dann spürte Eric die laue Nachtluft. Wenig später hörte er wie eine Tür geöffnet wurde – er vermutete von einem Lieferwagen – und sie wurden unsanft hineingestoßen. Die Tür wurde geschlossen und dann fuhr der Wagen los.
