Disclaimer: Mir gehört nix, außer meinen OCs.


Auch wenn viele Leute die Regenzeit verfluchen, ich tue dies nicht.

Wenn der Staub von der Straße, den Dächern und Balkonen weggewaschen wird und der unvergleichliche Geruch von frischer, angefeuchteter Luft nach einem Regenschauer meine Sinne bedächtig erreicht, fühle ich mich richtig frei.

Ich habe diese Zeiten in Jerusalem immer gemocht. Jeder versuchte Unterschlupf vor dem Regen zu finden, die Straßen und Marktplätze menschenleer. Ich aber war in der Lage, das Gefühl zu genießen, als ob die Zeit stehengeblieben war. So konnte ich leicht den bitteren Fakt verdrängen, dass ich schlicht und ergreifend nicht frei war.

"Ist sie schon wach?"

Höchstwahrscheinlich hat es gerade vor fünf Minuten geregnet. Oder überhaupt nicht. Und ich bilde mir Dinge ein, die nicht wahr sind. Wieder.

Die letzten Tage habe ich immer wieder das Bewusstsein verloren. Ich merkte, dass eine große Gefahr über mir schwebte, aber ohne eine Chance, ihr zu entwischen.

Ich habe das Ende meines Lebens jeden Moment erwartet. Aber es kam nie. Nein, anstelle dessen vernahm ich das Glockenläuten eines Wachturms von Jerusalem und fühlte eine Umarmung, wie ich sie niemals zuvor gefühlt habe. Wärme umgab mich, ich fühlte mich sicher. Endlich war es mir möglich, mich von meiner Angst selbst zu befreien und Frieden zu finden.

"Nein, noch nicht."

Es fühlt sich so an als ob ich eine Ewigkeit geschlafen hätte. Langsam löse ich mich von diesem Trancegefühl und merke, wie mir allmählich meine Umgebung bewusst wird.

Vorsichtig öffne ich meine Augen, nachdem ich mit mir selbst scheinbar unendlich lang beratschlagt habe, ob mir die Sicht, die mich erwartet, möglicherweise sehr missfällt. Aber bin ich in einer Position, die es erlaubt, Forderungen zu stellen?

Also verdränge ich meine Angst. Glücklicherweise werde ich lediglich von harmlosen Sonnenstrahlen empfangen, die durch das Dach strömen. Träge vorbeiziehende Wolken lassen das Licht von sehr hell bis hin zu sehr verdunkelt variieren. Dieser auffallende Effekt lässt mich blinzeln und ich bewundere mit einem leichten Lächeln dieses simple Lichtspiel.

Kurz darauf hat sich mein Augenlicht komplett daran gewöhnt und ich stütze mich auf meine Ellbogen und drehe meinen Kopf von der einen zur anderen Ecke des Raumes in einem ersten Versuch, diese neue Umgebung kennen zu lernen.

Es ist ein mittelgroßer Raum, in dem ich liege. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Tresen und dahinter Bücherregale. Gefüllt nicht nur mit Büchern, sondern auch mit Karten, verschiedenen Tontöpfen oder andere Utensilien, die ich nicht kenne. Hier und da liegen auch noch Messer und Schwerter herum, achtlos positioniert auf dem Tresen, neben einem Tisch oder der einzigen Tür, die zu einem anderen Raum führt.

Überall fehlt es an einer Ordnung. Man möchte meinen sogar an einer weiblichen Hand. Aber andererseits bezweifle ich, dass hier überhaupt irgendeine Frau sein möchte. Bei dem Gedanken rolle ich sogleich mit meinen Augen.

Das einzig vertraute und bequeme sind Kissen, die unachtsam in der gegenüberliegenden Ecke verstreut liegen.

Nicht weit von mir kann ich das sachte Geräusch von laufendem Wasser ausmachen, wahrscheinlich ein kleiner Brunnen. Gut ausgestattetes Haus.

Aber außer dem kann ich nichts anderes sehen oder hören.

Nachdem ich mich leise seufzend wieder in die weichen Kissen zurücklehne, strecke ich meine schmerzenden Muskeln ein wenig. Ich beginne, wieder nachzudenken. Über die jüngsten, beunruhigenden Ereignisse.

Ich weiß nicht so wirklich, was exakt mit mir passiert ist, seit dieser Nacht des… Mordes.

Es scheint ein fruchtloser Versuch zu sein, die letzten Nächte wieder in mein Gedächtnis zu rufen. Ich hätte mir gewünscht, die Erinnerungen wiederzufinden, um meine derzeitige Lage und Verfassung besser einschätzen zu können. Doch so gebe ich nach kurzer Zeit frustriert auf und lasse meine Gedanken sich erholen. Es hat ja keinen Sinn, es zu erzwingen.

Was ich dagegen mit Sicherheit weiß, ist, dass mein Herr tot ist. Und anscheinend wurde ich dafür verantwortlich gemacht. Und nun? Trauer oder Seelenpein kann ich wegen seines Todes nicht empfinden. Ich fühle nichts.

Stattdessen verliere ich mich zum hundertsten Mal in einer traurigen Sammlung von elenden Gedanken, wenn ich an meine Zeit bei ihm zurückdenke.

Während ich versuche, auf der Matratze eine komfortablere Position zu finden, bemerke ich, dass ich nicht in der Lage bin, mich so zu bewegen, wie ich möchte.

Meine Arme und Beine sind steif, mein Rücken fühlt sich an, als sei er aus Feuer und mein Kopf pocht unaufhörlich. Der Gedanke an das Bild, was mir ein Spiegel von mir zurückwerfen würde, lässt mich in Sorge meine Stirn runzeln.

Ich hebe meine Decke an und wünsche sogleich, ich hätte es nicht getan. Ich bin nackt!

Bis auf einen Verband, der um meinen Brustkorb und Bauch gewickelt ist.

Ich stöhne und klemme mir hektisch die losen Enden der Decke um meinen Körper bis hoch zu meinem Nacken.

Wer hat mich wohl alles in diesem Zustand gesehen? Ich stelle mir sofort zahlreiche namenlose Menschen vor, die sich um meine Verletzungen kümmern, während ich bewusstlos auf der Matratze liege. Ich kneife die Augen zusammen bei diesem bloßen Gedanken an Ausgeliefertheit und breche kurzzeitig sogar in Schweiß aus.

Als ich dazu noch unbekannte Stimmen höre, die immer näher kommen, wünsche ich endgültig, dass der Boden sich auftut und mich verschlingt. Niemand hat zu mir gesprochen oder mich bedroht, doch ich bin kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Beruhige dich, du hast schon Schlimmeres erlebt! Meine innere Stimme versucht die bösen Gedanken abzufangen.

Ein letztes Mal wäge ich die Möglichkeit ab, meinen Zufluchtsort anzulaufen, doch entscheide mich dagegen, in der Hoffnung, es diesmal vielleicht ohne ihn zu schaffen.

Malik POV

„Und im Norden der Stadt sind die Wachen nun zahlreicher--", ich stoppe mitten in meinem Satz und meiner Bewegung in Richtung meines Büro, als ich bemerke, dass die Frau mich mit großen, entsetzten Augen anstarrt. Sie ist also wach.

Altair, der mir gedankenverloren bis in den Raum gefolgt ist, rempelt mich von hinten an, sodass ich noch einen Schritt weiter in den Raum stolpere.

„Was…?", er vollendet seinen Satz nicht und ich merke, wie angespannt er augenblicklich ist.

Ich dagegen drehe mich nur genervt zu ihm um und strafe ihn mit einem meiner neuesten Blicke.

Seit der missglückten Mission in Salomons Tempel habe ich ihn perfektioniert.

Altair kann meinen Missmut ruhig spüren, schließlich hat er meinen Bruder auf dem Gewissen.

Ich löse mich von dem schmerzenden Gedanken und konzentriere mich wieder auf die Frau. Langsam gehe ich auf sie zu und ich habe das Gefühl, dass sie versucht, von den Kissen verschlungen zu werden. Anscheinend hat sie große Angst vor uns.

Seit Altair sie gestern herbrachte, war sie bewusstlos gewesen. Jetzt wo sie wach ist, kann ich ihre dunkle Augenfarbe erkennen. Zwei tiefschwarze Perlen werden immer wieder durch rasch blinzelnde Lider verdeckt. Ihr Gesicht ist gezeichnet von den letzten Ereignissen, doch kann ich trotzdem erkennen, dass sie zu den eher ansehnlichen Araberinnen hier in Jerusalem zählt. So langsam aber sicher schwant mir, welches Motiv Altair hier gehabt haben könnte…

Es könnte mir egal sein, wenn die Verantwortung am Ende nicht bei mir liegen würde. Warum musste Altair ausgerechnet hier und jetzt und in meinem Bezirk seine mitfühlende Seite erkennen? Ich schüttele diese Gedanken von mir ab. Helfen tun sie mir gerade nicht, zudem erkenne ich, wie unruhig die Frau auf einmal wird.

„Keine Angst", versuche ich sie zu beruhigen, „du bist hier in Sicherheit."

Sie blinzelt zwei Mal und lässt ihren Blick zu Altair wandern. Ich folge ihm und sehe wie Altair immer noch wie angewurzelt an der Tür steht.

Was macht er da bloß? Erst schleppt er dieses halb tote Weib hier an und dann führt er sich die ganze Zeit so komisch auf. Er war noch nicht mal großartig bei der Hilfe zu ihrer Genesung von Vorteil. Und jetzt steht er wieder einfach nur so da. Gedankenverloren.

Ich bin zwar Rafik, aber ein wenig Mitdenken und –arbeiten erwarte ich von meinen Brüdern.

Während ich mich auf die Bettkante setze, hat sie sich die Decke mittlerweile bis zur Nasenspitze hochgezogen. Innerlich muss ich leicht lächeln. Ich kann ihre Unsicherheit gut nachvollziehen. Doch haben wir noch nichts getan, was diese extreme Angst rechtfertigen könnte.

Ich versuche erneut, zu ihr durchzudringen: „Du bist verletzt. Wir müssen den Verband wechseln. Altair", ich ziehe seinen Namen extra etwas lang und in seine Richtung, um ihn aus seinem Trancezustand zu rütteln, „würdest du mir bitte dabei helfen?".

„Nein, bitte", ich vernehme kaum ihre Worte so leise geflüstert hat sie sie und obwohl ich sie verstanden habe, fahre ich ungeniert weiter mit meinem Vorhaben fort.

Während ich versuche, sie auf die Seite zu drehen, ist Altair an das Bett getreten und signalisiert mir seine Bereitschaft zu handeln. Der Verband muss gewechselt werden, sonst infiziert sich ihr Rücken. Anscheinend hat sie nur eine leichte Ahnung davon, wie sie von Majd Addins Wachen behandelt wurde.

Sie stöhnt und ich kann ihren Versuch erkennen, sich zu wehren, doch ihre Kräfte verlaufen im Sande.

Nachdem wir beide mit ihrem Rücken fertig sind und sie wieder in eine bequeme Position auf dem Bett gebracht haben, kann ich sehen, wie eine leise Träne ihren Weg auf ihrer Wange sucht. Obwohl ich weiß, dass Altair wohl kein guter Beistand für sie ist, habe ich fest vor, ihn mit ihr nun allein zu lassen.

Sie hat ihre Verletzungen überlebt, dafür habe ich gesorgt. Der Rest ist nicht mein Problem.

Mit diesen letzten, kühlen Gedanken verabschiede ich mich von den beiden und widme mich im Nebenraum meinen Aufgaben als Rafik.

POV Wechsel

„Warum habt Ihr mir geholfen?"

Ihre Frage hallt durch den Raum. Enthemmt von jeder Angst, die sie wohl noch vor wenigen Augenblicken hatte, stellt sie die erste Frage, die ihr in den Sinn kommt.

Furcht ist der Bestürzung gewichen. Sogar ein Funken Wut mischt sich nun in ihre Gefühle und der Ausbruch kann von ihr nicht mehr kontrolliert werden. Ihre Stirn legt sich in Falten, als sie keine Antwort von ihm bekommt. Er kniet noch immer neben dem Bett, die alten Leinen in der Hand, die zuvor noch ihre Wunden zusammenhielten. Er lässt sie durch seine Hände gleiten, den Blick immer von ihr abgewandt.

Plötzlich lässt er sie hitzig auf die Erde fallen und sie kann hören wie er einen leisen Schnaufer von sich gibt.

Frustriert über seine Ignoranz riskiert sie eine weitere Frage: „Ich bin nichts als eine Sklavin! Warum?"

„Eine Sklavin, deren Leben ich rettete, während ich mein eigenes für sie riskierte", donnert er ihr entgegen und fügt dann leiser hinzu, „es wäre eine Vergeudung, wenn du jetzt sterben würdest."

Damit ist für ihn scheinbar die Diskussion beendet, denn er dreht sich um und stolziert in Richtung Tür. Ihr ist derweil der Atem gestockt, so sehr hat sie sein Ausbruch paralysiert. Völlig verwirrt öffnet sich leicht ihr Mund, doch es kommt kein Ton hervor.

Kurz bevor Altair die Tür erreicht hat und hindurchgehen will, zögert er und greift mit der rechten Hand an die Türzarge, scheinbar um sich abzustützen. Nur wenige Grad dreht er sich erneut zu ihr hin, doch blickt er sie nicht an.

„Morgen bringe ich dich aus der Stadt. Ruh dich bis dahin noch gut aus. Der Weg wird beschwerlich."

In ihren Ohren klingt es, als ob er gerade verlangt hat, dass sie dankbar dafür sein soll. Doch ihre Gedanken sind ganz woanders. So hat sie sich das ganze nicht vorgestellt! Nein, so kann es nicht enden!

Geschürt von neuer Kraft kämpft sie sich in eine sitzende Position, dabei immer bedacht darauf, ihren Körper komplett von dem Laken zu bedecken.

Sie ächzt und hustet, was Altair stutzen lässt.

„Nein,…", keucht sie hervor, „wartet--", doch er ist schnell wieder an ihr Bett geschritten und lehnt nun drohend über ihr. Sie stößt sich den Kopf als sie dabei erschrocken an die Wand zurücklehnt.

„Weib, was willst du noch? Dir ist bewusst, dass du nicht in der Stadt bleiben kannst und hier", er schwenkt unterstützend mit dem Arm in den Raum, „kannst du auch nicht bleiben", während er spricht, gestikuliert er weiter wild und bedrohlich um sich, „nimm die Freiheit an, aber so, wie ich sie dir biete!"

Mit einer Anstrengung, die nur inmitten von Hoffnungslosigkeit zu finden ist, zieht sie sich in eine aufrechte Position und blickt ihn mit flehenden Augen an.

„Ich kann nicht gehen", flüstert sie leise.

„Und warum, beim Allmächtigen, geht das nicht?", entnervt verschränkt er die Arme vor seiner Brust.

Gestärkt allein durch ihre Gedanken erwidert sie: „Ich gehe nicht ohne meine Tochter."