Survivors
von Dyce
übersetzt von Alcina vom Steinsberg
Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling. Die Autorin, Dyce, und ich haben es uns nur ausgeliehen. Die Geschichte und der Apotheker gehören Dyce, mir nur ein paar Formulierungen :o).
Ü/N Auch diesmal gebührt mein wärmster Dank The Virginian, die mir als Beta wie immer unschätzbare Dienste leistet!
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3. Kapitel
Es hatte ziemlich lange gedauert, bis Draco den Mut aufbrachte, um hierherzukommen. Dank seiner Mutter wußte er schon länger, wo Snapes Haus sich befand – nicht aber, ob er den Mann überhaupt wiedersehen wollte.
Snape hatte ihn von Anfang an belogen. Er hatte dem Tränkemeister vertraut, dessen Anerkennung und sein großzügiges Lob geschätzt. Erst als er seinen eigenen Auftrag bekommen hatte, unsicher, ob er ihn würde ausführen können, hatte er er sich gegen den älteren Mann gewandt - aus Furcht, die Chance auf Rehabilitierung seiner Familie zu verlieren. Und selbst dann war Snape noch zu seiner Rettung gekommen, hatte Dumbledore getötet und ihn beschützt. Aber er war ein Spion, war es die ganze Zeit gewesen.
Draco war Askaban nur um Haaresbreite entgangen. Obwohl technisch gesehen ein Todesser, hatte er wahrheitsgemäß schwören können, daß sein Leben und das seiner Familie bedroht worden waren. Immerhin hatte er zum Schluß Potter unterstützt, wenn auch mehr getragen von der Angst vor Voldemort als aus einem anderen Grund. Seine Mutter hatte Recht behalten – die Wahrheit konnte eine bessere Verteidigung sein als jede Lüge, wenn man sie klug anwandte. Auch sie, die noch weniger mit Voldemort zu schaffen gehabt hatte als er, war entlastet worden. Heute waren sie zwar verarmt und gesellschaftliche Außenseiter, der Großteil des Familienvermögens war beschlagnahmt. Aber er war frei und am Leben, nur das zählte.
Selbst jetzt wußte er nicht, welche Fragen er Snape eigentlich stellen wollte. Das heißt – er wüßte es schon.
Aber wie ein Kind zu ihm zu laufen, um Bestätigung bettelnd, daß Snape ihn wirklich gemocht hatte, ihn aus Liebe beschützt hatte und nicht, weil es ihm nützte... nein.
Er klopfte an die schmale, schäbige Tür. Wenn er vor ihm stand, würden ihm die Fragen, die er stellen sollte, vielleicht einfallen, dachte Draco stirnrunzelnd.
Die Tür ging auf.
„Was machst DU denn hier?" platzte er verblüfft heraus, als er sich Hermine Granger gegenübersah, die ihn stumm betrachtete. Sie sah verändert aus. Ihr Haar war zu einem festen Zopf geflochten, und sie machte einen müden, abgespannten Eindruck.
„Das könnte ich dich genauso fragen", gab sie zurück, wenig begeistert, ihn zu sehen. „Was willst du?"
„Ich wollte zu Professor Snape", anwortete Draco. „Er wohnt doch hier, oder?"
„Ja." Sie trat zurück und ließ ihn in das erbärmlich kleine, zellenähnliche Wohnzimmer eintreten.
„Hast du ihn von deinem Kommen unterrichtet?"
„Nein." Draco verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie finster. Sie hier anzutreffen, von allen Leuten...
„Was machst du hier, Granger?"
„Ich kümmere mich um ihn", erwiderte sie kühl, „irgend jemand muß es ja tun." Sie ignorierte Dracos Starren und trat vor einen der Bücherschränke. Dieser ließ sich öffnen und gab eine schmale Treppe frei.
„Ich sage ihm Bescheid, daß du hier bist. Wenn er dich sehen will, reg ihn bitte nicht auf, Draco. Das bekommt ihm nicht gut." Sie knallte den Bücherschrank hinter sich zu.
Draco starrte ihr überrascht hinterher. Hermine Granger? Hier? Die sich 'um ihn kümmerte'? Was hatte das verschlagene kleine Schlammblut im Sinn? Sie konnte doch wohl nicht glauben, daß sie Severus Snape austricksen oder ködern konnte... und auch wenn sie sich seit der Schulzeit zum Positiven verändert hatte, gab es an ihr nichts besonders Anziehendes. Warum also war sie hier? Warum hatte Snape sie nicht rausgeschmissen?
Er musterte die anderen Bücherschränke und überlegte, ob er nicht wieder gehen sollte, als die verborgene Tür aufging. Er drehte sich um, um Granger den Kopf zu waschen, und zuckte erschrocken zusammen.
Snape lächelte dünn. „Ich fürchte, du hast mich nicht gerade auf dem besten Fuß erwischt, Draco", meinte er trocken. In einer makabren, unbeabsichtigten Parodie seines typischen Gangs hinkte er zum Sessel und ließ sich ächzend nieder. „Was führt dich her?"
Beim Anblick des Mannes, den er von Kindheit an respektiert und bewundert hatte, blieben Draco die Worte im Hals stecken. Die tiefen, stark geröteten Narben, seine extreme Magerkeit und offensichtliche Schwäche... Er begriff nun, was Granger mit 'um ihn kümmern' meinte.
„Ich – ich wollte Sie sehen", begann er lahm und verfluchte sich dann selbst. Von allen Banalitäten, die er von sich geben konnte...
„Jetzt hast du mich ja gesehen." Snape lehnte sich zurück und musterte seinen früheren Schüler mit abschätzendem, einäugigem Blick. „Bist du nur zur Freakshow gekommen, Draco, oder wolltest du sonst noch etwas?"
„Ich – ich hatte keine Ahnung, daß es Ihnen so schlecht geht", gab dieser zu. „Sonst wäre ich eher gekommen." Das entsprach sogar der Wahrheit. Der Tränkemeister war auf eine zurückhaltende Weise stets freundlich zu ihm gewesen und hatte ihm kostbare Anerkennung und Zustimmung gewährt. Draco war sich nicht bewußt, daß es kaum einen Menschen gab, der ihm mehr bedeutete.
Snape starrte ihn durchdringend an und verzog dann den Mund zu einem kleinen Lächeln. „Außer Miss Granger weiß kaum jemand Bescheid", gab er zu, „und, wie dir sicher bekannt ist, ist sie sehr neugierig. Es war nicht beabsichtigt, daß sie es herausfinden sollte."
Draco nickte. „Ich verstehe. Aber Sir – WARUM ist sie hier?", wollte er verwundert wissen. „Warum haben Sie sie nicht einfach rausgeschmissen?"
Das Lächeln verschwand. Snape senkte den Blick. „Ich kann es nicht", gestand er grimmig ein. „Zu geschwächt durch die Verletzungen und eine schwere Erkältung kürzlich. Ich bin im Moment schlicht nicht in der Lage, das elende Gör aus meinem Haus zu entfernen. Sei versichert, daß ich sie eigenhändig hinauswerfen werde, sobald ich körperlich dazu fähig bin."
Draco schluckte. Snape eine Schwäche zugeben zu hören war so außergewöhnlich, daß es schon sehr ernst sein mußte.
„Ich verstehe." Er ließ sich auf die Ecke des schmalen Sofas nieder. Stirnrunzelnd fuhr er fort: „Das erklärt aber nicht, warum sie-"
„Draco, wenn dich Miss Grangers Gegenwart so interessiert, solltest du das besser mit ihr selbst besprechen. Im Gegensatz zu mir wird sie dir ihre Gründe sicher gerne erläutern."
Draco nickte betreten. „Ich – natürlich, Sir." Er betrachtete seine Hände. „Meine Mutter bat mich, sie zu entschuldigen", wich er aus. „Im Moment ist sie nicht in der Lage, einen Besuch zu machen, vielleicht später einmal. Sie bat mich, Ihnen dafür zu danken, daß Sie Ihr Wort hielten."
Snapes Ausdruck glättete sich ein wenig. „Grüße sie von mir. Und - beschönige bitte deinen Bericht über mich. Ich muß erst wieder zu Kräften kommen. Kein Grund, sie unnötig zu beunruhigen."
Draco nickte. „Das werde ich. Sie – sie regt sich im Moment so schnell auf, ich möchte es ihr nicht noch schwerer machen."
Snape nickte grimmig. „Ich nehme an, du willst wissen, wo während des Krieges meine Loyalitäten lagen."
Draco zuckte zusammen, und Snape verzog den Mund. „Man muß keine Gedanken lesen können für diese Frage. Ich an deiner Stelle wollte es wissen."
„Ja." Draco ballte die Hände in seinem Schoß. „Ich frage mich, warum – warum Sie so oft die Seite gewechselt haben."
„Das habe ich nicht", gab Snape kühl zur Antwort. „Ich habe nur ein einziges Mal die Seite gewechselt, Draco. Ich bereute meinen Treueschwur an den Dunklen Lord, kehrte mich ab und ging zu Dumbledore. Er nahm mich auf und hat mir vergeben. Von dem Moment an war ich nur ihm gegenüber loyal, ihm und meinem eigenen Gewissen."
Dracos überraschtes Starren ließ ihn eine Augenbraue heben. „Ich habe eines. Es mag verkümmert sein, aber es existiert."
„Sie haben mir beigebracht, daß ein Gewissen Schwäche bedeutet", warf er Snape mit finsterem Blick vor. Snape hatte ihn also angelogen.
Snape schloß sein Auge für einen Moment und dachte nach. „Soweit ich mich erinnere, brachte ich dir bei, daß nur die Schwachen ihrem Gewissen gestatten, sie zu plagen. Es gibt einen schlechten Herren ab, wie auch Wut, Angst und Stolz." Er öffnete sein Auge wieder und sah Draco voll an. „Man sagt, Stolz mache einen guten Diener, doch einen schlechten Herrn, wie du sicher weißt. Ich hatte versucht, dir indirekt den Nutzen aller dieser vier Eigenschaften begreiflich zu machen, vorausgesetzt, man hält sie unter Kontrolle. Nur wenn sie dich kontrollieren bedeuten sie Schwäche."
„Warum hast du mir das nicht einfach gesagt?" blaffte Draco. Wie sehr er sich geirrt hatte... Snape war nicht anders als sein Vater, erwartete von ihm, daß er nur durch geringste Andeutungen begriff, was er wissen mußte.
„Ich wagte es nicht!" Snape setzte sich wütend aufrechter hin. „Ich habe versucht, dich auf sicherere Wege zu führen als die, die deine Eltern für dich wählten, aber ich wagte nicht, das zu offensichtlich zu tun. Wenn ich ihr oder dein Vertrauen verloren hätte-"
„Ich hätte dir nicht vertrauen dürfen!" Es war Draco egal, daß er unvernünftig war. Zu wissen, daß noch jemand, dem er vertraut hatte, ihn angelogen, ihn wie ein dummes Kind behandelt hatte, dem man nicht vertrauen konnte, schmerzte zutiefst. „Du hast mich die ganze Zeit über belogen -"
„Ich wollte dich beschützen!", brüllte Snape zurück. Beide hatten sich erhoben und standen sich zornfunkelnd gegenüber. „Wenn dein Vater auch nur vermutet hätte, daß ich dich auf Abwege führe -"
„Ach, es war also zu meinem Besten? Und ich war nur zu dumm, um das zu verstehen?" Dracos Stimme, heiser vor Wut, wurde immer lauter.
„Natürlich, jetzt verstehe ich! Ich habe für dein Wohlwollen gefälligst dankbar zu sein, nicht wahr? Du hast mich blindlings in die Arme der Todesser rennen lassen, weil du um mein verdammtes Wohlergehen zu verdammt besorgt warst, um mich davor zu WARNEN!"
Snape holte tief Luft, um zurückzubrüllen – und rang nach Atem. Er taumelte, eine Hand vor die Brust gepreßt, und versuchte krampfhaft und vergeblich, Sauerstoff in die Lungen zu bekommen. Draco stand, zu Tode erschrocken, stocksteif da, ohne die geringste Ahnung, was er tun sollte oder konnte...
Hinter ihm wurde eine Tür aufgerissen, und ein schmaler, blaugekleideter Schatten flog an ihm vorbei. Hermine konnte den kreidebleichen Snape gerade noch auffangen, als er erneut taumelte und half ihm auf das Sofa.
„Mach Platz!", zischte sie Draco wutentbrannt zu. „Ich habe doch gesagt, du sollst ihn nicht aufregen!"
Sie fiel neben Snape auf die Knie, fischte eine kleine Phiole aus der Tasche und hielt sie ihm an die Lippen.
„Trinken Sie", sagte sie mit einer Stimme, die sanfter und wärmer war, als Draco sie sich je hätte vorstellen können. „Entspannen Sie sich. So ist's gut."
Die gespenstische Blässe ließ nach, und Snapes Atmen setzte mühsam wieder ein.
„Ja, gut so. Nicht sprechen", fügte sie hinzu, als er den Mund öffnete. „Bleiben Sie still liegen und entspannen Sie sich, bis Ihr Atem wieder gleichmäßig ist. Sie wissen, was der Heiler gesagt hat."
Hermine erhob sich und sah Draco stirnrunzelnd an. „Und du kommst mit mir", fuhr sie ihn zänkisch an, „und zwar sofort."
Sie griff nach seinem Arm und zog ihn durch die offene Tür, die, wie die andere auch hinter einem Bücherschrank verborgen gewesen war.
Immer noch fassungslos, ließ Draco sich durch einen dunklen, engen Flur in ein winziges Speisezimmer führen, das offenbar als hoffnungslos überfülltes Studierzimmer diente.
„Es ist doch schon Monate her", meinte er besorgt mit einem Blick Richtung Flur. „Wie lange wird es noch dauern, bis er wieder ganz gesund ist?"
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu. „Er wird nicht mehr ganz gesund", stellte sie fest. „Er wird sich noch weiter erholen, aber niemals vollständig."
Draco fühlte seine Gesichtszüge entgleiten. „Niemals?" fragte er entsetzt. Snape hatte immer so stark gewirkt, beinahe unverwundbar...
„Nein, niemals. Die Verletzungen sind einfach zu schwer. Seine Lungen sind dauerhaft geschädigt. Er hat meistens keine Probleme damit, aber wenn er sich überanstrengt oder aufregt... du hast ja gesehen, was passiert." Sie wandte den Blick zur Seite. Draco bemerkte überrascht, daß sie das traurig machte, und nicht etwa froh, wie er angenommen hätte.
„Es ist hart für ihn, daß er so viel verloren hat. Nun hat er nicht einmal mehr seine Gesundheit."
Draco nickte langsam. „Warum bist du hier?" fragte er wieder, diesmal tatsächlich an der Antwort interessiert. Hermine zuckte die Achseln.
„Er braucht mich", meinte sie leise. „Naja, er braucht – irgend jemanden. Wenn man bedenkt, daß du der erste Besucher seit meiner Ankunft bist und daß er längst gestorben wäre, bevor du herkamst, wenn ich nicht aufgekreuzt wäre... ich bin sozusagen vom Schicksal beauftragt worden." Sie lächelte trocken.
„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin geradezu froh, daß du gekommen bist. Daß ihn jemand – irgend jemand – sehen will, kann für seine Gemütsverfassung nur gut sein."
„Aber du hast ihn doch immer gehaßt." Draco runzelte die Stirn. Selbst für eine alberne, oberflächlich edle und aufopfernde Gryffindor ergab ihr Verhalten keinen Sinn.
„Warum nur tust du das? Warum – keine Ahnung, aber warum hast du nicht mich oder einen der anderen Slytherins zu Hilfe geholt?"
„Ja, klar – sobald ich euch drauf aufmerksam gemacht hätte, hätte es euch auf einmal gekümmert", fuhr Hermine ihn an.
„Ich war die einzige, die sich die Mühe gemacht hat, nach ihm zu sehen. Ich hätte ihn niemandem anvertrauen können, den ich erst hierherschleppen muß."
„Warum sollte es DICH etwas kümmern?", gab er zurück. „Selbst für eine sentimentale Gryffindor -"
„Um Himmelswillen, hör bloß mit diesem Hausscheiß auf!", fauchte sie.
„Wir sind nicht mehr in der Schule, Draco. Ich hätte niemanden sich selbst überlassen, der so allein und hilflos ist. Nicht einmal dich, und im Gegensatz zu Snape habe ich keinen Funken Respekt für dich übrig."
Darauf wußte Draco keine Antwort. Sie hatte sich sehr verändert, war nicht mehr das dürre, lästige Mädchen, das er in der Schule gekannt hatte. Alles hatte sich seit damals verändert. Zu seiner Überraschung wurde ihm bewußt, daß auch er sich verändert hatte.
„Ich für dich auch nicht", gab er ohne jede Feindseligkeit zu, „das heißt, bisher. Jetzt aber – keine Ahnung. Ich bin froh, daß jemand hier ist und sich um ihn kümmert."
„Auch wenn ich das bin?", fragte sie mit einem feinen Lächeln. Ein hübsches Lächeln, stellte er fest.
„Auch wenn du das bist", antwortete er reumütig.
„Wird er – wird er wieder in Ordnung kommen? Nachdem ich ihn aufgeregt habe, meine ich."
Hermine nickte. „Das kam schon öfter vor. Wahrscheinlich ist er jetzt wieder in der Lage, zu sprechen, und wir sollten zurückgehen, bevor er sich auf die Suche nach uns macht. Er sollte nach so einem Anfall eigentlich ruhen, aber das verweigert er immer."
Der Klang ihrer Stimme wurde merklich weicher, wenn sie von Snape sprach. Das war eigenartig und ein wenig beunruhigend.
Draco folgte ihr zurück ins Wohnzimmer, wo Snape vornübergebeugt auf dem Sofa saß.
„Es tut mir leid", sagte er schuldbewußt beim Anblick von Snapes immer noch sehr blassem Gesicht.
Snape schnaubte ungeduldig. „Mach dich nicht lächerlich, Draco. Du kannst wohl kaum etwas dafür, daß meine Lungen Schrott sind."
Er lehnte sich in die Sofalehne zurück. „Ich bedauere es, Draco, daß ich dich nicht besser beschützen konnte." Snape ignorierte ihre überraschten Blicke.
„Wenn ich geahnt hätte, daß sie dich noch während deiner Schulzeit zu einem Todessern machen, wäre ich deutlicher geworden."
„Ich – danke." Draco glaubte ihm. Snape hätte sich vor anderen (und besonders nicht vor Granger) niemals die Blöße gegeben, einen Fehler einzugestehen, wenn es ihm nicht wirklich ernst damit wäre.
„Ich sollte besser gehen. Darf ich – darf ich wiederkommen, um zu sehen, wie es dir geht?"
Snape sah überrascht auf und schenkte Draco ein seltenes, kostbares Lächeln, das nur wenige an ihm kannten.
„Das – würde mich freuen", gab er verlegen und auch ein wenig erfreut zu. „Danke, Draco."
Schmerz behinderte den Schlaf, doch Severus widerstrebte es, auf Schlaftränke zurückzugreifen. Hin und wieder bestand Hermine allerdings darauf, immer, wenn er mehr als zwei schlechte Nächte hintereinander gehabt hatte, ließ ihn sonst aber damit in Frieden. Sie war eine ausgezeichnete Pflegerin, wie er sich eingestehen mußte. Sie achtete seine Privatspähre und seine Würde, scheute sich aber gleichzeitig nicht davor, ihn anzutreiben, wenn es nötig war. Es grauste ihm bei dem Gedanken an Poppy Pomfrey, wenn er in Hogwarts geblieben wäre... auf ihre Weise war sie eine gute Krankenschwester, aber sie machte um alles ein endloses, riesengroßes Aufhebens. Er wäre mit Sicherheit schon nach Tagen aus dem Fenster gesprungen, nur um dem zu entkommen.
Er war wach, als ein leiser Schrei aus dem Nebenraum kam. Durch die Wand gedämpft, war er sich erst nicht sicher, bis er ihn erneut hörte. Hermine. Nun, bei diesem peinlichen Zwischenfall neulich hatte sie ja gesagt, daß er sich würde revanchieren können mit dem Aufwecken...
Er schlüpfte aus dem Bett, warf sich einen schweren, schwarzen Morgenmantel über und hinkte zur Tür. Mittlerweile schuldete er ihr diesen Dienst schon mehrfach, das eine Mal eingeschlossen, an das er sich dank des Fiebers nur vage erinnern konnte... aber die Erinnerung an sanfte, schützende Arme, die ihn hielten, während sie beruhigend summte, war klar und deutlich. Auch wenn er das ihr gegenüber nicht zugegeben hätte.
Seine Vermutung bestätigte sich, als er ihre Tür öffnete. Im Mondlicht sah er sie gegen die Decken kämpfen, die sich um ihre Beine gewickelt hatten, wimmernd und weinend protestierend.
„Nein... nein, bitte, nicht..." schluchzte sie, mit schlaftrunkenen Händen nach der Decke greifend. „Ich kann nicht... nein... „
„Miss Granger..." - nein. Das hatte keinen Sinn. Er begriff jetzt, warum sie das angefangen hatte. „Hermine", rief er leise und hinkte zum Bett, „Hermine, wach auf. Es ist nur ein Traum."
Er beugte sich vor und schüttelte sie sanft an der Schulter.
„Hermine?"
Sie setzte sich so abrupt auf, daß sie fast mit seinem Gesicht zusammenstieß. Zitternd starrte sie ihn mit weitaufgerissenen Augen an.
„Was... ich... nein!", schluchzte sie, seine Hand wegstoßend und versuchte krampfhaft, von ihm fort zur Bettkante zu rutschen. Dann wurde sie vollständig wach und kam zu sich. Mit zitternden Händen rieb sie sich das Gesicht.
„Oh Gott", flüsterte sie heiser, „es ist Wochen her, seit ich diesen Traum hatte."
Sie sah zu ihm hoch. Er fragte sich, ob ihre gespenstische Blässe vom Mondlicht kam oder von ihrem Alptraum.
„Danke, daß Sie mich aufgeweckt haben, bevor..." Ihre Lippen zitterte.
Ihre Proteste, die Art, wie sie auf seine Berührung reagiert hatte... er konnte sich nur zu gut vorstellen, was das für ein Alptraum war. Was sollte er jetzt tun? Ob Berührung sie nun noch mehr verunsichern würde? Oder tat sie gut, wie sie ihm gutgetan hatte? Unsicher nahm er auf der äußersten Bettkante Platz und versuchte, zwischen sicherem Abstand und tröstender Nähe einen Mittelweg zu finden. Verdammt, er hatte keine Ahnung, wie man jemanden tröstete!
„Sie deuteten ja an, daß das nötig sein könnte", sagte er. „Sie haben dasselbe für mich getan, mehr als einmal. Das ist das Mindeste, was ich tun kann."
Hermine nickte und schlang die Arme um ihren Oberkörper.
„Das ist – danke", sagte sie leise und machte zitternde, tiefe Atemzüge, um sich zu beruhigen. Er kannte diesen Zustand gut, er hatte ihn selbst öfter erlebt, als er zählen konnte.
„Dieser Alptraum... den möchte ich lieber nicht noch einmal durchleben."
Er nickte. „Ich kenne das Gefühl", erwiderte er trocken. „Ich - kann ich irgend etwas für Sie tun? Vielleicht eine Tasse Tee?"
Sie schluckte krampfhaft und schüttelte den Kopf. „Nein, danke, sonst wird mir nur schlecht. Aber – bitte reden Sie einfach für einen Moment mit mir, ja? Wenn ich nicht eine Zeitlang richtig wach bin, kommt der Traum wieder."
Severus nickte. Auch dieses Gefühl kannte er gut. Meistens las er, um darüber wegzukommen, aber Hermines irritierende Gegenwart hatte auch überraschend gut funktioniert.
„Man sagte früher, daß der Vollmond Alpträume bringt", begann er und sah aus dem Fenster in die mondhelle Nacht, „und Wahnsinn. Manchmal sogar Weisheit..."
Er brach ab, da Hermine plötzlich weinte. Hilflose, abgehackte Schluchzer, die ihren schmalen Körper erschütterten.
„Es tut mir leid, ich weiß nicht... habe ich etwas Falsches gesagt?"
„Nein", keuchte sie, „nein, Sie haben nur so vollkommen normal gesprochen, das wirkte so surreal, und ich-"
Sie wandte sich blindlings zu ihm, und seine Arme schlossen sich von alleine um sie, als sie sich an ihn klammerte und weinte, ihr Gesicht an seiner Schulter vergraben.
Er hatte wenig Erfahrungen mit Tränen und noch weniger mit Trost, versuchte aber, das nachzumachen, was sie für ihn getan hatte... hielt sie behutsam im Arm und wiegte sie sanft. Er wagte nicht, sich an den beruhigenden Tönen zu versuchen, aber nicht, weil er sie nicht trösten wollte, sondern schlicht weil er keine Ahnung hatte, wie das ging.
Offenbar machte er es richtig. Sie klammerte sich an ihn, erst heftig weinend, doch ihre Schluchzer wurden langsam ruhiger und leiser, und sie entspannte sich in seiner fürsorglichen Umarmung.
„Tut mir leid", murmelte Hermine schließlich, hob den Kopf und schniefte.
„Ich hätte mich vor Ihnen nicht so gehenlassen dürfen."
In dem vom Mondlicht erhellten Zimmer war es viel einfacher, ehrlich zu ihr zu sein. Und zu sich selbst.
„Wenn nicht ich, wer dann?", fragte er leise. Sie sah überrascht auf, die Augen noch tränennaß, und er schenkte ihr ein kleines, aber ehrliches Lächeln.
„Sie haben für mich dasselbe getan. Nun bin ich an der Reihe."
„Stimmt, das habe ich." Hermine wischte sich mit dem Nachthemdärmel übers Gesicht, kein knappes Seidenfähnchen diesmal, sondern ein schlichtes, weiches Baumwollnachthemd.
„Ich wußte nicht, daß Sie sich daran erinnern."
„Nicht mehr sehr deutlich", gab Severus zu, „aber doch, ich erinnere mich. Ich hatte nur keinen Grund, es zu erwähnen."
Sie lachte schwach. „Das kann ich mir denken".
Sie schaute zu ihm hoch und hob die Hand. Kühle Fingerspitzen berührten sanft seine Wange.
„Wir sind beide reichlich mitgenommen, nicht wahr? Es ist leichter, das vor jemandem zuzugeben, dem das auch so geht."
„Das ist es", stimmte er zu. Die Berührung löste einen seltsamen Schock in ihm aus. Normalerweise ließ er sich nicht gerne berühren... das brachte zu viele schlimme Erinnerungen mit sich. Aber das hier war – fast schon angenehm.
„Und es ist eine gute Beschreibung, finde ich. Wir sind beide reichlich mitgenommen."
„Mitgenommen, aber aufrecht", fügte Hermine mit einem kleinen Lächeln hinzu.
„Wir sind beide dickköpfig. Keine jämmerlichen Memmen."
Zerbrochen, aber aufrecht... der Gedanke gefiel ihm. Es beschrieb ihn gut, und sie auch, wenn er darüber nachdachte.
„Dickköpfigkeit wird unterschätzt. Ich fand sie immer recht nützlich."
„Ich auch."
Hermine schnüffelte. Sie langte nach seiner Hand und drückte sie kurz.
„Steht das Angebot mit dem Tee noch? Jetzt könnte ich eine Tasse vertragen."
Von da an wurde es besser. Severus war zwar manchmal nicht weniger boshaft, doch deutlich umgänglicher als zuvor. Er war entspannter in ihrer Gegenwart, und sie brachten sogar das eine oder andere interessante Gespräch zustande, meistens über Zaubertränke... über deren Braukunst, Erfindung, über rätselhafte Beschreibungen in Büchern... Er besaß hunderte von Büchern über das Thema, und als klares Zeichen für zumindest ein überwundenes Hindernis zwischen ihnen gestattete er ihr nun, diese zu lesen.
Winky bestätigte Hermines Vermutung: der kleine, stabile Schuppen hinten im überwucherten Garten war tatsächlich ein kleines Laboratorium, innen deutlich größer als außen. Nun, da sie sich halbwegs verstanden und er langsam seinen Widerstand aufgab, könnte sie doch...
Innen war es unglaublich schmutzig. Winky hatte ein so nachdrückliches Verbot erhalten, den Schuppen zu betreten, daß sie nicht einmal wagte, einen Blick hineinzuwerfen, freigelassen oder nicht.
Ein Großteil der Ingredienzen in den Flaschen und Gläsern war eingetrocknet, verschrumpelt oder geronnen, die Konservierungszauber längst wirkungslos. Snape war schon lange nicht mehr hier gewesen.
Winky weigerte sich noch immer, einzutreten, doch kaum hatte Hermine begonnen, Kessel, Meßbecher, Flakons und diverse andere Gegenstände draußen aufzustapeln, als diese auch schon verschwanden, um aufs Gründlichste geschrubbt zu werden. Hermine schlang unterdessen ein Tuch um ihre strubbeligen Haare, öffnete die Tür und beide Fenster und erklärte Staub, Schmutz und winzigen Krabbelviechern, toten wie lebendigen, den Krieg.
Sie hatte Severus nichts von ihrem Vorhaben erzählt. Bei all den Staubwolken und der Geschäftigkeit im Haus würde er es früher oder später von alleine herausfinden. So war sie bereits eine gute Stunde zugange, als plötzlich ein Schatten die Tür verdunkelte. Hermine sah von ihren Ausgrabungen unter einem Arbeitstisch auf – Berge von Staub und Schmutz, Glasscherben und ein mumifizierter Mäusekadaver, den sie hastig mit Staub bedeckt und wegkehrt hatte. Severus starrte auf sie herab.
„Hallo", begrüßte sie ihn strahlend.
Sein Auge verfinsterte sich. „Was wird das, wenn es fertig ist?", fragte er eisig.
„Sauber", lächelte sie tugendhaft. „Hier war es unglaublich schmutzig. Ich habe einen Haufen wegschmeißen müssen."
„Wegschmei-" Er lief violett an, und Hermine kramte hastig nach dem Atembefreiungstrank in ihrer Tasche.
„Hermine Granger, wie können Sie es WAGEN, hier herumzuschleichen und mir ins Gesicht zu sagen, daß Sie meine Besitztümer wegschmeißen!"
„Besitztümer nun nicht gerade", meinte sie und erhob sich. Sie trug Muggelkleidung. So sehr sie den weiten, schwingenden Komfort von Roben mochte, zum Putzen taugten sie nicht besonders. Bequeme Jeans und ein langärmeliges T-Shirt waren viel praktischer.
„Zutaten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie eine gefühlsmäßige Bindung zu vertrockneten Maßliebchenwurzeln haben oder zu eingetrocknetem Froschlaich, der von innen am Glas klebt."
Die violette Farbe ließ nach. Hermine atmete aus. Ihn zu mehr Aktivität anzuspornen war in Ordnung, einen erneuten Anfall zu provozieren jedoch nicht.
„Das – äh, das ist richtig", räumte er widerwillig ein. „Wenn die Konservierungszauber nachgelassen haben..."
„Das haben sie." Hermine rümpfte die Nase. „Es roch wie ein komplettes Inventar an magischen Kreaturen, die sich hier zum Sterben verkrochen hatten."
„Und das hätte Ihnen einen Hinweis darauf geben können, daß ich diesen Ort hier unter Verschluß halten wollte", grummelte er und schaute sich beleidigt um, „anstelle hier im Dreck herumzukriechen und von Hand sauberzumachen..." Seine Einstellung zu diesem unappetitlichen Muggelbrauch wurde aus seinem bissigen Tonfall deutlich.
„Ja, von Hand." Sie hob eine Augenbraue. „Severus Snape, wenn SIE denken, es sei eine gute Idee, in einem kleinen, maroden Gebäude irgendwelche Zaubersprüche loszulassen, in dem eine Sammlung an sehr magischen Substanzen seit wer weiß wie lange vor sich hinrottet, sind Sie nicht halb so intelligent wie ich Sie eingeschätzt habe."
Er öffnete den Mund, schloß ihn wieder und bedachte sie mit einem Blick, den sie aus dem Zaubertrankunterricht nur zu gut kannte: Mädchen, du magst mich argumentativ ausmanövriert haben, aber das werde ich NIEMALS zugeben!
„Es gibt Wege, mit denen man – Probleme - vermeiden kann", erklärte er von oben herab.
Er sah sich um, und seine Miene entspannte sich etwas. „Es ist schon so lange her, seit ich hier gearbeitet habe, ich habe fast vergessen, daß der Schuppen existiert", gab er zu.
„Da der Schuppen nun einmal da ist, dachte ich mir, es sei Blödsinn, weiterhin in der Küche Tränke zu brauen. Sehr hygienisch ist es auch nicht gerade", erklärte Hermine und folgte seinem Blick.
Einmal saubergemacht, war das ein guter Arbeitsraum. Zwar für einen größeren Menschen gebaut, aber praktisch und durchdacht eingerichtet. Sie haßte unaufgeräumte Arbeitsflächen und wußte, von seinem beständigen Triezen im Zaubertrankunterricht, daß es ihm genauso ging. „Wir haben fast nichts mehr von der Narbensalbe."
Severus blinzelte. „Ich hatte angenommen, daß die von einem Heiler stammt", meinte er mißtrauisch. „Die haben Sie gemacht?"
„Und sie ein wenig verbessert." Sie verdrehte die Augen bei seinem ungläubigen Blick. „Severus, ich war Ihre beste Schülern in Zaubertränken, schon vergessen?" Sie bog den Kopf zurück und zeigte auf ihren Hals. „Ich wünschte nur, ich hätte die Salbe bei Ihnen schon früher anwenden können."
Überrascht beugte er sich vor, um besser zu sehen. Sie spürte schwielige Fingerspitzen zögernd die stark verblassten Brandnarben nachfahren. „Das habe ich bisher nicht bemerkt", sagte er leise.
„Die Narben waren nicht so schlimm wie Ihre, aber die Salbe hat viel gebracht." Hermine verzog das Gesicht. „Ich habe noch ein paar mehr davon."
Und die meisten davon an Stellen, wo man sie nicht sah, was er auch ohne ihre ausdrückliche Erwähnung verstand.
„Aber mit Ihren natürlich nicht zu vergleichen."
Severus nickte und lächelte ironisch. „Ich werde mit der Salbe weitermachen", gab er nach. „Sie ist sehr wirksam." Er zögerte und gab dann seiner Neugier nach. „Was genau verwenden Sie darin?"
Ah. Er war interessiert. Hermine lächelte. „Sobald ich hier saubergemacht habe, zeige ich es Ihnen", bot sie an. „Ich werde brauen, und Sie können zuschauen und meckern, wie in alten Zeiten."
Severus dachte nach und schüttelte dann, ebenfalls lächelnd, den Kopf. „Nein, nicht wie in alten Zeiten. Ich bin kein Lehrer mehr, der sich mit Dutzenden von widerwilligen, schwachköpfigen Schülern abplagen muß. Aber wir könnten vielleicht zusammenarbeiten."
Er musterte sie kritisch. „Aber denken Sie bitte nicht, Sie hätten nichts mehr zu lernen. Ich kann Ihnen versichern, daß das nicht der Fall ist."
Hermine kicherte erfreut. „Ich weiß. Ich bin nichts als eine bescheidene Anfängerin." Sie versuchte, möglichst demütig auszusehen. „Immerhin eine brilliante, begabte und erfindungsreiche Anfängerin."
Severus lachte, und Hermine fiel fast um vor Erstaunen. Sie hatte ihn noch nie aus echtem Vergnügen heraus lachen gehört, kannte nur seine bosahfte, ironische Atemgymnastik. „Und so bescheiden noch dazu", kommentierte er trocken. „Machen Sie besser mit dem Putzen weiter."
„Wie wärs mit etwas Hilfe?" erkundigte sie sich.
„Auf keinen Fall."
Er schlang seine untadelige Robe um sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Ich bin ein kranker Mann", sagte er ernst, „und der Staub ist nicht gut für mich. Machen Sie das besser alleine."
Er rauschte zurück zum Haus, und Hermine schwankte zwischen dem Drang zu lachen und dem Wunsch, ihm die tote Maus nachzuwerfen. Er hatte tatsächlich gelacht und über seinen Zustand gewitzelt, und das war so wunderbar, daß sie am liebsten einen Freudentanz aufgeführt hätte.
Auf der anderen Seite hatte er sie mit der ganzen Putzerei alleingelassen, und DAFÜR hätte er die tote Maus im Genick wirklich verdient.
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Herzlichen Dank allen Reviewern! Ich freue mich auch sehr darüber, daß die Story es bei einigen in die favourites bzw. alerts geschafft hat. Auch weiterhin sind eure Meinungen natürlich hochwillkommen und motivieren um so mehr, weiterzuübersetzen. :o)
