2. Tag - Teil 1
Verschlafen blinzelte Ginny Weasley mit den Augen. Sie war von jeher ein Morgenmuffel, der sich am liebsten den ganzen Tag in sein gemütliches Kopfkissen gekuschelt hätte; deshalb mochte sie es gar nicht, wenn sie so unsanft wie an diesem Morgen aus ihren Träumen gerissen wurde.
„Hermine, was ist denn los?", schimpfte sie, „Du bewegst dich ja wie ein Riese im Porzellanladen!"
Ein derartiger Vergleich war noch untertrieben: Hermine stürmte mit Getöse von einer Ecke des Zimmers in die andere und warf Schulranzen, Hefte, Schuhe und was sonst noch seinen Weg auf dem Boden des Gryffindorschlafsaals fand, beiseite. Dabei murmelte sie fortwährend vor sich hin. Einzelne Wortfetzen wie „…Tribble…", „…wo..." und „weg…" drangen an Ginnys Ohr, die sich nicht die Mühe machte, in ihnen einen Sinn zu sehen.
Nun öffnete Hermine einen Schrank und steckte ihren Kopf so tief hinein, dass dieser zwischen den Kleidern verschwand. Enttäuscht wandte sie sich jedoch wieder ab, schloss die Schranktür mit einem lauten Knall, dass Ginny zusammenzuckte, nur, um weiter im Zimmer auf und ab zu gehen und beständig irgendwelche zusammenhanglosen Worte von sich zu geben.
„Vielleicht hat ihn jemand genommen.", nuschelte sie und dachte mit Schaudern an die neiderfüllten Blicke des gestrigen Abends. Doch bevor sie sich weitere schreckliche Möglichkeiten ausmalen konnte, hörte sie ein leises Schnurren. Abrupt hielt sie inne und suchte nach der Quelle dieses Geräusches.
„Ginny! Unter deinem Bett!", rief sie und stürzte zu ihrer Freundin. Diese sprang eilig auf, weil sie dachte, der Ghul würde unter ihrem Bett sitzen, denn sie hatte Hermines Ausführungen nicht die mindeste Beachtung geschenkt. Argwöhnisch baute sie sich hinter Hermine auf, um sie gegebenenfalls als Schutzschild zu verwenden. Sie mochte Ghule überhaupt nicht!
Hermine derweil bückte sich und schob vorsichtig die herunterhängende Bettdecke beiseite, und da waren sie: Sie lagen als kleiner bunter Haufen auf dem Boden, summten und brummten vor sich hin: Fünf Tribbles!
„War das nicht nur einer?", fragte Ginny, die allmählich wach wurde und begriff, was hier vor sich ging.
„Es war ein Weibchen!", kreischte Hermine vergnügt, „Sie hat Junge bekommen! Sie doch nur! Ist das nicht drollig?", vorsichtig nahm sie eines dieser Fellbündel in die Hand und streichelte es liebevoll, „Freu dich, Ginny, jetzt kannst du auch einen haben!"
~~O~~
„…Sieben, Acht, Neun. Das gibt es doch nicht!"
Hermine saß an der langen Tafel der Gryffindors in der großen Halle. An Frühstück war an diesem Morgen gar nicht zu denken, denn Ginnys Tribble, den sie heute geschenkt bekommen hatte, hatte ebenfalls Nachwuchs bekommen, und die Tatsache nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Nur Ron, den mal wieder nicht interessierte, was um ihn herum geschah, schaufelte eine beträchtliche Menge an Essen in sich hinein und schmatzte vergnüglich vor sich hin. Hermine gefiel eine derartige Missachtung der Manieren bei Tisch gar nicht und verzog deshalb leicht angeekelt das Gesicht. Fast um sie zu ärgern öffnete Ron nun in diesem Augenblick seinen mit Marmeladenbrötchen gefüllten Mund, um doch tatsächlich etwas zu sagen, sodass Hermine schleunigst in eine andere Richtung blickte.
„Dasch ischt doch echt'n Ding.", nuschelte er, „Jetzt hassu neun diescher Viecher und nur für einen beschahlt!"
„Ja, das nenne ich mal ein gutes Geschäft!", meldete sich nun auch George Weasley, der neben ihm saß und von seinem Zwillingsbruder, der ebenfalls den benachbarten Stuhl besetzt hatte, kaum zu unterscheiden war. Hermine musste jedes Mal überlegen, wer wer war, wenn sie die beiden sah. Sie war sich auch jetzt nicht sicher, wer gesprochen hatte; es könnte auch Fred gewesen sein.
Sie widmete sich wieder dem farbenreichen Haufen, der auf dem Tisch lag und von dem hin und wieder sanfte Töne kamen. Angelockt durch diese Melodien kamen nun auch andere Schüler an den Gryffindortisch und betrachteten neugierig die kleinen Fellkugeln, die sich allmählich anschickten, auseinander zu stoben und die Tafel entlang zu kriechen, um auch noch etwas von dem restlichen Frühstück zu sich zu nehmen – ehe Ron das tat. Dabei viel ein hellbrauner Tribble besonders ins Auge, da er etwas größer als die anderen war. Dieser wollte sich gerade auf die Kuchenplatte stürzen, als ihn eine Hand unsanft packte und in die Höhe hob.
„Das ist, glaube ich, meiner.", sagte Hermine und schon wurde das hellbraune Wesen an ihre Brust gedrückt und lange Fingernägel in sein Fell gebohrt. Ärgerlich, da an seinem Vorhaben gehindert, stieß der Tribble einen sehr unschönen brummig-kratzigen Laut aus, um seine Meinung kundzutun. Doch Hermine interpretierte diese Geräusche ganz anders. „Wie er sich freut! Er scheint mich sehr zu mögen!", sprach sie entzückt und fuhr fort, ihn zu kraulen.
„Oh, die sind ja drollig. Was sind das für Wesen?", fragte eines der Mädchen, das vom benachbarten Ravenclaw-Tisch herübergekommen war. Neben ihr stand Luna Lovegood, die ihr langes blondes Haar zu einer merkwürdigen Frisur aufgetürmt hatte, die stark an ein Sahnehäubchen erinnerte. Ihre großen runden Augen, mit denen sie jetzt die Tierchen anstarrte, vermochten es nicht, ihr verrücktes Erscheinungsbild zu mildern.
„Ich glaube, ich kenne diese Wesen. Sie tragen den Namen Polygemini grecis.", dozierte sie, „Mein Dad hatte glaube ich mal was im Klitterer darüber veröffentlicht."
„Das sind Tribbles.", sprach nun Ron, der Luna gar nicht zugehört hatte – dies tat er allerdings wieder mit vollem Mund, was Hermine erneut dazu veranlasste, das Gesicht zu verziehen und den Kopf in eine andere Richtung zu drehen. Dadurch wurde sie gewahr, wie viele Leute sich schon um die kleine Gruppe von Gryffindor-Schülern versammelt hatten. Hauptsächlich Mädchen von Hufflepuff und Ravenclaw, aber auch einige Schülerinnen aus ihrem eigenen Haus, die am gestrigen Abend nicht anwesend waren, als sie mit Harry und Ron den Turm betreten hatte. Nur die Slytherins blieben beharrlich auf ihren Plätzen auf der gegenüberliegenden Seite der Halle sitzen. Nie, aber auch NIE würden sie zugeben, dass das, was am Tisch ihres meist verhassten Hauses geschah, sie neugierig stimmen könnte. Sie blieben stur bei ihrer Philosophie: „Was der Feind für Tränke braut, das mich nicht von Hocker haut!"
Dagegen wurden allerdings einige Lehrer auf das bunte Treiben am Gryffindor-Tisch aufmerksam. Einen solchen Aufruhr hatte es nämlich noch nie gegeben! Ganz besonders Professor Flitwick, der kleinste der Lehrkräfte, musste sich auf seinen Stuhl stellen, um etwas sehen zu können, da die Rücken vieler Schülerinnen und Schüler, die Sicht auf das, was auf dem Gryffindor-Tisch lag, versperrten. McGonagall reckte den Hals und schob sich interessiert die Brille zurecht, während Hagrid sich – an Flitwick ein Beispiel nehmend – ebenfalls erhob, dabei aber mit seiner großen Pranke die Kaffeekanne umschmiss. Mit einem Wink, den Dumbledore mit seinem Zauberstab vollführte, konnte jedoch verhindert werden, dass das glühend heiße Gebräu auf Professor Trelawneys Schoß landete, die neben Hagrid saß. Dumbledore, als wäre dieser überhaupt nicht unterbrochen worden, setzte das Gespräch mit Professor Snape, das er bis eben geführt hatte, fort. Dieser schien ihn aber gar nicht mehr zu beachten, weil er ebenfalls auf die Schülerschar, die sich um das „Potterbalg und seine nervigen Freunde", gebildet hatte, aufmerksam geworden war. Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe, sodass sie fast mit seinem fettigen Haaransatz in Berührung kam.
Währenddessen wurde die Traube von Schülern immer größer. Und als Fred Weasley beobachtete, wie die sich auf dem Tisch befindlichen Tribbles von allen Seiten gemustert wurden und wie die Mädchen anfingen zu glucksen und zu kichern, wenn sie mit den Fingerspitzen vorsichtig das weiche Fell berührten und daraufhin ein sanftes Schnurren erklang, kam ihm eine Idee. Eine schlichtweg geniale Idee, fand er.
„Hey, dürfen wir die hier haben?", sprach er leise zu Hermine und deutete dabei auf sieben Tribbles, die sich vor ihm auf dem Tisch über den Honig-Joghurt hermachten.
Hermine zuckte nur mit den Achseln. Sie wusste ohnehin nicht, was sie mit all diesen Tierchen anfangen sollte; das, welches sie auf dem Arm trug und unentwegt streichelte, reichte ihr vollkommen aus. „Klar.", sagte sie, „Nehmt sie euch nur."
„Wunderbar.", murmelte Fred, umfasste mit beiden Armen den Haufen Tribbles und zog ihn näher zu sich heran. Dann wandte er sich leise an seinen Bruder: „Wir könnten sie jeweils für drei Galleonen verscherbeln – nein, warte.", er drehte sich nochmals zu Hermine um und flüsterte ihr ins Ohr: „Wie viel hast du ausgegeben?"
„Fünf Galleonen.", zischte diese zurück.
„Nun, gut.", Fred wandte sich erneut an seinen Zwilling. „Wir verkaufen sie für sechs Galleonen das Stück. Bei deren Vermehrungsrate sind wie in einer Woche reiche Männer!"
Da Ron unmittelbar neben seinen älteren Brüdern saß, hatte er jedes Wort, das gewechselt wurde, verstanden. Normalerweise fing er an, sobald es Essen gab, alles in sich hineinzustopfen als würde es kein Morgen mehr geben. Umso erstaunlicher war es, dass er nun mitten in seiner Kaubewegung innehielt und wie doof seinen Bruder anstarrte. „Ihr wollt sie verkaufen?" Ron wusste nicht, was er davon halten sollte; einerseits bereitete es ihm eine Freude, dass Fred und George eine Möglichkeit gefunden hatten, diese Viecher loszuwerden, und er mit ihnen nicht mehr belästigt wurde; andererseits dachte er auch an Hermine, die gegen Verschenken nichts einzuwenden hatte, aber die Methode, mit den „niedlichen Tieren" schnelles Geld zu machen, bestimmt nicht gutheißen würde.
„Hey.", gab Fred zurück, der die Gedanken des Jüngeren erahnte, „Geschenkt ist geschenkt und mit unseren Tribbles können wir schließlich machen, was wir wollen!"
Da sprang George auch schon von seinem Stuhl auf und rief wie ein Marktschreier beim Käseverkauf: „Also, Mädels, sechs Galleonen für diese liebenswerten Haustiere! Wenn ihr zwei kauft, bezahlt ihr nur zehn Galleonen! Schlagt zu! Das ist ein einmaliges Angebot!"
Spätestens jetzt wusste die ganze Schule, was es mit dem merkwürdigen Vorgehen am Gryffindor-Tisch auf sich hatte. Trelawney ließ von ihrem Mandelhörnchen, auf dem sie die ganze Zeit herumgekaut hatte, ab; Flitwick plumpste zurück auf seinen Stuhl; Dumbledore, der sein Gespräch mit Snape weitergeführt hatte und gar nicht registriert hatte, dass dieser ihm schon gar nicht mehr zuhörte, verstummte und drehte sich langsam zu den Gryffindors um.
Selbst die Slytherins schienen ihr Vorhaben, den Feind um jeden Preis zu ignorieren, völlig vergessen zu haben. Allmählich erhoben sie sich und liefen, neugierig geworden, zu den Gryffindors hinüber.
Das war es also: Ein neues Haustier hatte in Hogwarts Einzug erhalten!
Harry war froh, diesmal nicht selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Seit Beginn des Schuljahres wurde er schließlich von all seinen Mitschülern verachtend gemustert und als Lügner abgestempelt, da niemand seinen Worten, der mächtigste Schwarzmagier wäre letzten Sommer bei einem Spaziergang durch das Labyrinth des trimagischen Turniers zurückgekehrt, glauben schenkte. Tribbles waren doch im Moment ein weitaus angenehmeres Thema, um das man sich scheren konnte.
Draco hatte sich ebenfalls zusammen mit seinen übergroßen Kumpanen Crabbe und Goyle, die Harry immer noch mit Primaten verglich, hinübergewagt, und fing prompt an, über die Gryffindors seine Witze zu machen.
„Hey, Granger!", feixte er, „Das nenne ich mal ein passendes Haustier für dich! Genauso strubbelig-braun…" – hier deutete er auf ihre Haare – „…klein und langweilig wie du!"
Ron musste unwillkürlich kichern, als er das Bild von Hermine sah, wie sie verdutzt dreinblickte. Er musste dabei tatsächlich feststellen, dass das buschige Fellknäuel, welches sie auf ihrem Arm trug und ununterbrochen zwangsgestreichelt wurde, in der Tat starke Ähnlichkeit mit ihrem Aussehen hatte. Dann besann er sich doch eines besseren. Immerhin hatte dieser Blondie vor ihm gerade seine Freundin beleidigt. So schnappte er sich einen der herumliegenden Tribbles, das den geschäftlichen Aktionen der Weasley-Zwillinge noch nicht zum Opfer gefallen war, um es dann in hohem Bogen Malfoy entgegenzuschleudern.
Hermine konnte das jedoch gerade noch verhindern. „Ron, nicht!" rief sie, „Das arme Ding!"
Da sie Rons Arm hinunterdrücken musste, um ihn davon abzuhalten, den Tribble zu malträtieren, achtete sie nicht mehr auf ihr eigenes kleines Haustier. So kroch ein hellbrauner Tribble, überglücklich, dass er seiner Folter endlich entkommen war, von ihrem Arm, um in aller Ruhe sein Frühstück zu sich zu nehmen.
Draco hatte die Szene um Ron und Hermine beobachtet und wollte gerade den Mund aufmachen, um noch etwas bösartiges zu sagen, was beide garantiert noch mehr auf die Palme gebracht hätte, als sich hinter ihm jemand räusperte. Er drehte sich um und starrte in das strenge Gesicht von Minerva McGonagall, die ihn mit hochgezogener Braue ansah und abwartete. Draco, der einsah, dass er seiner Lieblingsbeschäftigung, alle außer Slytherins nach Strich und Faden zu beleidigen, nicht mehr nachgehen konnte, presste die Lippen aufeinander, drehte sich um und verließ mit Crabbe und Goyle die große Halle.
Harry blickte ihm wütend hinterher und bedauerte es, dass er unter Beobachtung seiner Hauslehrerin seinen Erzfeind nicht mehr verhexen konnte (McGonagall schien wie aus dem nichts materialisiert zu sein!) Ach, könnte er doch bloß wieder Quidditsch spielen, dann würde er es diesem Frettchen schon zeigen!
McGonagall indes beugte sich vor, um einen Blick auf die Gryffindor-Tafel zu erhaschen. Sie musste stutzen, denn so etwas wie diese kugeligen Wesen, die die Weasley-Zwillinge da anpriesen, sah sie zum ersten Mal.
„Sie nennen sich Tribbles.", erklärte ihr Hermine, „Ich habe gestern einen in Hogsmeade gekauft."
„Einen?", jetzt blickte McGonagall ihre Schülerin an, wobei ihre Augenbrauen über den Rand ihrer Brillengläser hinauszuwachsen schienen.
„Ja.", antwortete Hermine und fühlte sich ertappt, „Anscheinend hat er – ich meine sie – Junge bekommen."
Harry, der sich von seinem Erzfeind Draco Malfoy hatte ablenken wollen, hatte in der Zwischenzeit angefangen, die kleinen Fellknäuels, die durch George an die Schüler verteilt wurden, während Fred das Geld entgegennahm, zu zählen.
„Ich glaube, jetzt sind es schon zwölf.", sagte er schließlich.
„Wenn das mal nicht zu einem Problem wird.", entgegnete McGonagall nüchtern.
Hermine kaute auf ihrer Unterlippe herum – wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte – und nahm sich fest vor, in die Bibliothek zu gehen und genaue Nachforschungen über diese Wesen anzustellen.
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