2. Kapitel: Wüste

Schlagartig war McCoy wach.

Er hatte einen furchtbaren Albtraum gehabt, in dem er zusammen mit Kirk und Spock in einem Shuttle abgestürzt war.

Der Doktor richtete seinen Oberkörper auf und stieß sich prompt den Kopf. Er setzt gerade zu einer langen Schimpftirade an, als ihm bewusst wurde, wo er war.

Trotz des Halbdunkels, das nur von dem einfallenden, gleißenden Sonnenlicht durchbrochen wurde, gab es keinen Zweifel, dass er zusammengekrümmt auf dem Boden eines völlig ramponierten Shuttles lag. „Dann war das also doch kein Traum.", dachte er voller Schrecken und sah sich vorsichtig nach den Anderen um.

Als erstes erspähte er einen roten Gegenstand, der leblos und auf unnatürliche Weise verdreht in der Ecke lag. Bei genauerer Betrachtung stellte es sich raus, dass der Gegenstand einer der beiden Sicherheitsoffiziere war. McCoy musste ihn gar nicht erst medizinisch untersuchen, er wusste auch so, dass er tot war. In einiger Entfernung rechts vom Doktor lag eine weitere Gestalt. McCoy kroch auf allen Vieren zu ihr und erkannte den Captain. „Jim! Jim! Verdammt noch mal, wach auf!" Erst nach mehrmaligem Rufen und Schütteln öffnete Kirk stöhnend die Augen.

„Pille, was ist passiert? Wo ist Spock?", fragte er noch leicht verwirrt und benommen, während er versuchte sich aufzurichten. „Hey, jetzt erst mal ganz ruhig. Wir mussten mit unserem Shuttle notlanden. Spock habe ich noch nicht gefunden, aber einer der Sicherheitsoffiziere ist tot. Er liegt dort drüben." Kirk schloss für einen Moment die Augen, um die Fakten zu verarbeiten. Als er sie wieder öffnete, blitzten diese vor Tatendrang.

Das Shuttle ähnelte einem Schlachtfeld. Aus mehreren Konsolen stieg schwarzer Rauch, der die Sicht verschlechterte und das Atmen behinderte. Ein Teil des Hecks fehlte einfach, als hätte ein wütender Riese das Stück mit Leichtigkeit abgerissen.

Kirk und McCoy sahen sich in die Augen, mit dem selben schlimmen Verdacht. Als sie ins Freie traten, waren sie im ersten Moment geblendet, doch als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannten sie, dass sich eine gigantische Wüste in alle Richtung erstreckte. Ein paar Meter von der Absturzstellen entfernt lag der zweite Sicherheitsoffizier alles Viere von sich gestreckt auf dem Boden. Kirk und McCoy eilten ohne zu zögern auf die Gestalt zu, doch wurde ihnen bald klar, obwohl sie die Strecke noch nicht vollständig zurückgelegt hatten, dass auch dieser Offizier keine medizinische Hilfe mehr benötigen würde. Der Aufprall hatte seine Knochen buchstäblich pulverisiert und geronnenes Blut bedeckte jeden Quadratzentimeter seines Körpers.

Lange Minuten des Schweigens verstrichen, während Kirk und McCoy auf die grässlich verstümmelte Leiche herunterblicken.

Solche Augenblicke sind keine Momente der Trauer, des Ekels oder Schocks, sondern Momente des Wahnsinns. Für wenige Sekunden scheint die Zeit stillzustehen und die Synapsen weigern sich elektrische Impulse weiterzuleiten. Alles Leben und Sein im Universum könnte durch eine gewaltige Supernova vernichtet werden, doch ich würde davon nichts wahrnehmen.

Dann bricht das Unwetter los und die Welt geht unter.

Wut, Angst, Trauer, Depression, Manie, Freude über die eigene Unversehrtheit, Schock, Hass, Melancholie, Schuld, Gleichgültigkeit, Hysterie, Schmerz, Benommenheit, Egoismus, Abgestumpftheit, Ehrfurcht, Selbstekel – kurz Wahnsinn.

Stillstehen ist unmöglich. Es würde ein Gefühl auslösen, als ob man Stück für Stück zerfetzt werden würde. Man möchte schreien, aber wer würde es hören? Man möchte reden, aber was sollte man sagen? Laufen. Laufen ist gut. Es zieht dich vom Abgrund weg. Laufen gibt das Gefühl ein Ziel zu haben.

Langsam, schleichend beginnt sich der Geist dem Körper anzupassen, es scheint, als müsse er von Neuem lernen geradeaus zu laufen. Wenn ich stehenbleiben kann ohne zerfetzt zu werden, ist das Schlimmste überstanden. Aber die Idee des Wahnsinns bleibt, wie ein dumpfer Nachhall in dem Teil deiner Seele, der gerade gestorben ist.

„Captain? Ich denke, sie sollten aus der Sonne gehen."

Langsam löste sich Kirks Erstarrung. Verwundert drehte er sich um und erblickte seinen ersten Offizier, der ihn mit einem Hauch von Sorge in den Augen musterte. „Ich denke, sie sollten sich wirklich in den Schatten begeben.", wiederholte Spock mit etwas Nachdruck, da Kirk keine Anstalten machte sich zu bewegen.

Dieser zögerte einen Moment, beschloss dann aber doch Spocks Rat zu befolgen, da ihm plötzlich schwarz vor Augen wurde und er sich an dem Wissenschaftsoffizier festhalten musste, bis es vorüber war. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, wankte er in Richtung des Shuttles und ließ sich dort seufzend auf den heißen Sandboden sinken. McCoy und Spock waren ihm gefolgt und ließen sich ebenfalls im Schatten nieder.

Nach einiger Zeit ergriff der 1. Offizier das Wort: „ Ich habe die Zeit genutzt, um unserer Umgebung einigen Scans zu unterziehen und habe dabei herausgefunden, dass sich die Quelle, die sowohl das planetare Störfeld als auch die unerklärlichen Wetterphänomene verursacht, exakt 302,479 Kilometer von unserer Absturzstelle befindet" Kirk fragte mit rauher Stimme: „ Und von welcher Beschaffenheit ist diese Quelle? Ist sie natürlichen Ursprungs?"

„Diese Frage zu beantworten, bin ich außerstande, da die Quelle selbst von einem weiteren, kleinen Störfeld umgeben ist. Allerdings ergibt sich die Theorie, dass das Störfeld technischen Ursprungs ist, da es auf diesem Terra ähnlichen Planeten keine natürlichen Vorkommnisse geben dürfte, die in der Lage wären, so etwas zu erschaffen."

Bei diesen Worten klärten sich Kirks Gedanken ein weinig: „Sie meinen also, dass eine Maschine, zum Beispiel ein Computer für diesen ganzen Schlamassel verantwortlich sein könnte?"

„In der Tat, Captain. Daher bin ich auch der Meinung, dass unsere einzige Option darin besteht, diese Quelle aufzusuchen und abzuschalten, damit uns die Enterprise hochbeamen kann."

Darauf warf McCoy mit einem Hauch von Ironie ein:„ Wäre es nicht unkomplizierter das Shuttle zu reparieren?"

„Das Shuttle ist irreparabel beschädigt."

„Dann soll das also heißen, dass unsere einzige Möglichkeit von diesem gottverdammten Planeten runterzukommen darin besteht 300 endlose Kilometer zu dieser dämlichen Quelle zu laufen?"

„Natürlich nicht, Doktor."

„Gut, ich war schon besorgt."

„Es sind nämlich exakt 302,479 Kilometer."

Einen sehr, sehr langen Moment sah es so aus, als würde McCoy gleich auf den Vulkanier losgehen, entschied sich aber dagegen, aufgrund seine physischen und psychischen Erschöpfung.

„Also gut 302,479 Kilometer. Wie in aller Welt sollen wir diese Strecke, denn schaffen, bevor wir hier eingegangen sind? Das dauert doch mindestens einen Monat."

„Das ist nicht korrekt, Doktor. Laut Statistik bewegt sich Humanoide mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 3,6 Kilometern pro Stunde. Von der Annahme ausgehend, dass wir 12 Stunden pro Tag unserem Ziel entgegenlaufen, müssten wir es nach annährend 7 Tagen erreichen."

Eine Ader begann an McCoys Stirn verdächtig zu pochen, doch ehe er ausrasten (oder einen Hirnschlag bekommen) konnte, wurde seine Aufmerksamkeit von einem gequälten Laut abgelenkt.

Kirk hatte nicht wie üblich das Wortgefecht unterbrochen, sondern saß lediglich blass da und nun vergrub er den Kopf in den Händen, leise stöhnend mit schmerzverzehrter Miene.

Sofort vergaß McCoy sämtlichen Ärger und fragte besorgt, während er nach seinem medizinischen Trikorder angelte: „Jim, was ist los?"

„Mein Schädel fühlt sich an, als würde er gleich explodieren."

Nickend, mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, murmelte McCoy, den Trikorder um Kirks Kopf schwenkend: „ Und das kommt auch nicht von der Besserwisserei des Spitzohrs. Tut mir leid, Jim, aber du hast eine ziemlich üble Gehirnerschütterung, da werden die Kopfschmerzen noch eine ganze Weile anhalten. Wo ich gerade dabei bin, sind sie auch verletzt, Spock?"

Wäre Spock ein kleines, menschliches Mädchen gewesen, hätte er jetzt wahrscheinlich verlegen eine Locke um den Finger gewickelt, stattdessen antwortete er mit bemüht neutralem Ton: „ Aufgrund des Absturz hat mein Körper einige geringfügige Schäden davongetragen, was mich aber eindeutig nicht in meiner Diensttüchtigkeit einschränkt."

McCoy musterte den Vulkanier das erste Mal etwas eindringlicher und entdeckte, dass er um einiges blasser wirkte als sonst und leicht zitterte. „Großartig, wenn sie schon zugeben verletzt zu sein, dann sind sie vermutlich schon halbtot." Gründlich scannte er den Körper des Wissenschaftsoffiziers und je mehr Daten er sammelte, desto tiefer wurden die Falten auf seiner Stirn.

Kirk, der sich einigermaßen wieder gefangen hatte, fragte nun mit echter Sorge in der Stimme: „Wie sieht´s aus, Pille?" „Ich bin erstaunt, dass er überhaupt aufstehen konnte. Die 5. Rippe links ist gebrochen, die Bänder am linken Fuß sind gerissen und von den ganzen Prellungen möchte ich gar nicht erst anfangen," dann wandte er sich wieder an Spock, „ Geben sie zu, dass sie auch bei dem Absturz aus dem Shuttle geschleudert worden sind." „Es hätte keinen Sinn das zu leugnen."

Schockiert von dem Gehörten, mischte sich Kirk ein: „ Warum haben sie das denn nicht vorher gesagt?" „Glauben sie mir, Captain, ich habe die Verletzungen im Griff und unsere oberste Priorität sollte darin bestehen, diese Quelle zu erreichen. Daher schlage ich vor, dass wir das Shuttle und die nähere Umgebung nach nützlichen Dingen absuchen und dann aufbrechen sollten." Wiederwillig stimmte Kirk zu und die drei erhoben sich.

Auch wenn er es nie zugegeben hätte, war Spock über alle Maßen erleichtert einer Aufgabe nachgehen zu können, da er sich nicht sicher war, wie lange seine Selbstbeherrschung noch die körperliche Schwäche verbergen könne.