~~~Kapitel 03/06~~~
Nachdenklich saß James vor seinem Verwandlungsaufsatz. Das hießt, es hatte sein Verwandlungsaufsatz werden sollen. Doch stattdessen prangte eine Zahl mitten auf dem Blatt, zusammen mit noch anderem Gekritzel. Alles, nur nichts, was mit Verwandlung zu tun hatte.
Er malte Schnörkel um die Zahl und unterstrich sie mehrfach.
18 446 744 073 709 551 616 stand da. Sie bestand aus zwanzig Ziffern. Wenn man die Zahl als Wort aufschrieb, also Achtzehntrillionen vierhundertsechsundvierzigbi lliarden siebenhundertvierundvierzigb illionen dreiundsiebzigmilliarden siebenhundertneunmillionen fünfhunderteinundfünfzigtaus end sechshundertsechszehn, so hatte es 192 Buchstaben. Es war eine gewaltige Zahl, die eine noch gewaltigere Menge darstellte.
Mehr als er Sterne am Himmel sehen konnte.
Mehr, als er Zellen im Körper besaß.
Mehr als alle Sekunden, die er am Leben wär, selbst wenn er hundertfünfzig Jahre alt werden würde.
Mehr, als er Borsten an seinem Besen hatte.
Aber nicht genug, um Snapes Hass auf ihn auszudrücken.
James schaute zur Uhr. Gleich müsste er sich auf den Weg machen, um noch pünktlich bei Slughorn zu erscheinen. Obwohl er seine Freunde am gestrigen Tag hatte stehen lassen und noch nicht mit ihnen über seine Bewegründe gesprochen hatte, warfen sie ihm alle mitleidige Blicke zu und verteilten großzügig aufbauende Schulterklopfer.
„Lass dich nicht vergiften und komm in einem Stück wieder.", schärfte ihm Sirius ein und mit einem Grinsen verabschiedeten sie sich.
Vor Slughorns Bürotür angekommen, atmete James einmal tief durch und klopfte. Ein „Herein" ertönte und James betrat den Raum. „Guten Abend", grüßte er leise, doch höflich und trat näher zu Slughorns Schreibtisch.
Seine Augen weiteten sich, als er Snape erblickte, der neben dem Tränkelehrer saß und sich zusammen mit ihm über irgendwelche Notizen beugte. Der Gryffindor spürte einen Stich in seiner Brust und er vermutete dahinter sein Gewissen, welches es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihn permanent zu piesacken. Schlimmer als Remus, kam es ihm in den Sinn. Doch sein Gewissen schien sich keiner Schuld bewusst.
„Ah, Mister Potter. Pünktlich auf die Minute. Ich bin begeistert. Oder sollte ich eher besorgt sein?", scherzte der Professor gutmütig. „Wie Sie ja sicher wissen, werden Sie nun Ihre Hausaufgabe nachholen. Haben Sie das benötigte Material dabei?"
James hob seine Tasche an, um zu Bejahen. Slughorn nickte zufrieden. „Dann kann es ja losgehen. Leider bin ich zurzeit sehr beschäftigt. Ich werde mich also in mein Labor zurückziehen. Falls sie eine Frage haben, wenden Sie sich an Mister Snape. Er hat sich bereiterklärt, Ihr Nachsitzen zu überwachen, während ich abwesend bin."
Snape stand von seinem Stuhl auf, genauso wie Slughorn selbst. „Wenn Sie mich brauchen, Sie wissen wo Sie mich finden. Holen Sie mich, wenn Sie fertig mit I
hrem Aufsatz sind."
Angesprochener nickte mechanisch. Er ließ sich an dem Schreibtisch für Schüler, den der Zaubertranklehrer extra für Nachsitzer im Büro zu stehen hatte, fallen und kramte seine Materialen hervor. Pergament, eine Feder, ein Tintenfässchen, mehrere Bücher. Ein paar der Pergamente waren schon beschrieben, diese sortierte er aus und machte sich anschließend gleich an die Arbeit.
Snape setze sich wortlos neben ihn. So verging die erste halbe Stunde schweigend. In dieser Zeit brachte James…drei Sätze zu Stande. Wie sollte man sich denn auch bitteschön konzentrieren, wenn der Slytherin einem auf die Pelle rückte.
Ohne Widerstand zu leisten, ließ er zu, dass Snape ihm das Pergament aus den Händen nahm. Mit hochgezogener Augenbraue überflog er das Geschriebene. „Hey", empörte sich James nicht sonderlich überzeugend, als sein Mitschüler das Pergament einfach zuammenknüllte und hinter sich warf.
„Das", begann er mit emotionsloser Stimme, „ist definitiv der armsehnlichste Versuch einen Zaubertrankaufsatz zu schreiben, der mir je untergekommen ist."
Statt wütend zu werden, brachte er nur ein klägliches Lächeln zu Stande. „Ich weiß.", seufzte er niedergeschlagen. „Hast du denn vorher keine Stoffsammlung gemacht? Dir nicht einmal Stichpunkte rausgesucht?", fragte Snape fast schon entsetzt.
James zuckte mit den Schultern. „Nö, ich mach das mehr so nach Gefühl." Flüsternd wiederholte Snape seine Worte. „Er macht es nach Gefühl", etwas lauter: „Dass du dich noch nicht in die Luft gejagt hast, ist mir ein wahres Rätsel. Gib mir mal das Buch."
In nicht einmal mehr fünf Minuten hatte dieses schwarzhaarige, giftsprühende Genie eine Stichpunktsammlung von eineinhalb Seiten vollgeschrieben, mit der man sich wirklich blicken lassen konnte. „Hier" Snape reichte sie ihm. „wenn du daraus einen zusammenhängenden Text machst, wird es sicher eine gute Note."
James seufzte und verschränkte die Arme. „Da hätte ich ja genauso gut den Aufsatz, den du mir komplett geschrieben hast, abgeben können.", murrte er.
Snape rollte mit den Augen. „Ich weiß doch sowieso, dass du das alles nur gemacht hast, um Lily zu beeindrucken. Das schlechte Gewissen kaufe ich dir nicht ab."
„Wenn es doch nur so wäre.", seufzte James kläglich. Sekundenlang starrten sie sich einfach nur an. Ohne Emotionen, einfach neutral und ruhig. Doch das gehörte nicht gerade zu James´ Stärken und es dauerte nicht lange, bis ihm der Kragen platzte.
„Du bist so nett.", warf er Snape aufgebracht vor.
„Ist das jetzt ein Verbrechen, oder was?", gab dieser nur ruhig zurück.
„Wie kannst du nur so nett zu mir sein, wenn du so für mich empfindest."
„Wenn ich wie für dich empfinde? Drück dich bitte klarer aus, du bist nicht zu verstehen, Potter."
James schrie auf und griff nach dem Pergament, auf dem eigentlich sein Verwandlungsaufsatz hätte stehen sollen. Mit einer aggressiven Geste deutete er auf die vermaledeite Zahl, die ihm einfach keine Ruhe ließ.
„Da!", machte er. „Hasst du mich wirklich so sehr?"
„Du nicht?"
„Nein. Ich hasse dich nicht. Nicht im Geringsten. Das heißt, früher schon. Du warst für mich ein Niemand, bei dem es egal ist, wie man ihn behandelt. Kennst du den Spruch: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu?" Niemals würde ich wollen, das man mir das antäte, was ich dir angetan habe, doch du… du warst ja nur Snivelus, mit dem kann man es ja machen. Aber wer eine so große Zahl kennt, der ist groß genug jemand zu sein. Und nun bist du jemand für mich und ich werde dir niemals wieder etwas antun, was ich nicht will, was man mir antut. Darum hasse ich dich nicht. Weil ich nicht will, dass du mich hasst."
James holte nach dieser Ansprache ersteinmal tief Luft. Er war ganz außer Atem. Das also war es, was sein Unterbewusstsein ihm mitteilen wollte. Das, was die ganze Zeit an die Luft wollte. James fühlte sich richtig befreit, es endlich ausgesprochen zu haben.
„Ich hätte nie gedacht, dich mit meiner Aussage so durcheinander zu bringen.", sagte Snape überrascht und mit undeutbarem Funkeln in den Augen.
Der Löwe fuhr sich aufgebracht durch die unbezwingbare Mähne. „Ich auch nicht. Aber damit hast du mich zum Nachdenken gebracht. Mir ist aufgefallen, dass du nie von dir aus angegriffen hast, dich höchstens mal verteidigen wolltest und das war´s. Ich schäme mich dafür, dass du mit so großem Hass auf mich so respektvoll mit mir umgehst, während ich dir aus einer kleinen Eifersucht heraus das Leben zur Hölle mache."
Sein Gegenüber runzelte die Stirn. „DU warst eifersüchtig auf MICH? Weswegen? Lily?" James nickte niedergeschlagen, während er zusehen konnte, wie in Snape der Zorn wuchs.
„Du hast haufenweise Freunde, bist ein begnadeter Quiddichspieler, du hast Eltern die dich lieben, bist wohlhabend, gutaussehend und dir fällt so gut wie alles einfach so in den Schoß. Ich habe nichts davon. Das einzig Schöne in meinem Leben war Lily. Und sie wolltest du mir wegnehmen, obwohl du sonst alles hast? Jetzt habe ich noch nicht mal mehr meine beste Freundin."
Schuld traf ihm mit einer Wucht in den Magen, wie es eine Armada von Klatschern nicht geschafft hätte, als sich in Snapes Augen Tränen bildeten.
„Ich habe nie gewusst, warum du so ungerecht zu mir bist, noch ungerechter als zu den anderen Slytherins, versteht sich. Die ganze Zeit dachte ich, du bist wie alle anderen, die mich wegen meiner…nun ja, Skurrilität hassen. Dabei war es die ganze Zeit nur wegen Lily. Diese Schlussfolgerung liegt eigentlich ziemlich nahe, aber ich wäre nie darauf gekommen, da ich für Lily nicht so empfinde, wie du. Allgemein halte ich…äh, nicht viel von Mädchen in DEM Sinne, wenn du verstehst."
Aufgelöst saß er da, und zu den rotgeweinten Augen gesellten sich rote Flecken der Scham in seinem Gesicht. Er atmete zitternd ein, und schaute dann mit herzzerreißendem Blick zu James.
„W-wenn ich nicht mit Lily befreundet gewesen wäre, und du damit keinen Grund gehabt hättest, auf mich eifersüchtig zu sein…meinst du, wir wären…wären vielleicht Freunde geworden?"
James antwortete nicht. Entweder würde er sich jetzt übergeben, oder Snape einfach in seine Arme ziehen. Er hatte sich noch nicht ganz zu einer Entscheidung durchgerungen, da fällte sein Körper sie schon ganz von alleine für ihn.
