Das verschwundene Jesuskind
Es war noch früh am Morgen, doch das blasse Licht der Sonne kitzelte den kleinen Schelm an der Nase und ließ ihn aufwachen. Gähnend reckte und streckte er sich und überlegte, ob es wohl sinnig wäre, sich noch einmal um zu drehen um noch für ein paar Minuten länger zu dösen. - Nicht, dass er noch besonders müde gewesen wäre, aber das Zimmer war frostig kalt, seine klobige Wärmflasche war unlängst am Fußende gelandet, wo er sie kaum noch mit seinen Füßen, die in einem paar bunter Bettsocken steckten, erreichen konnte und bei dieser Kälte machte Aufstehen einfach keinen Spaß.
Das Fenster was mit Eisblumen überwachsen und er war sich sicher, dass er im schummerigen Licht sehen konnte, wie sein Atem in der kalten Luft dampfte. Nur Emma hatte es warm des Nachts. Sie schlief ja auch in der Küche, wo der große Herd stand, der eigentlich nie ganz auskühlte. Wenn Mycroft erst einmal für die Weihnachtsferien zurück kam, dann konnten sie sich gegenseitig warm halten, so wie immer. Er freute sich schon darauf, denn die nächtliche Kälte gefiel ihm nicht besonders.
Es war der Gedanke an seinen großen Bruder, der den kleinen Sherlock Holmes aus dem Bett springen ließ. Wie konnte er bloß vergessen, dass er heute noch ankam?
Die eisige Luft ignorierend schnappte er rasch seinen abgewetzten Hausmantel, den er von seinem Bruder geerbt hatte und zog ihn sich über sein dickes Nachthemd aus Flanell, das ihn warm halten sollte. Er nahm seine Sachen von dem Stuhl unter dem kleinen Fenster und schlurfte hinunter in die Küche um sich dort vor dem warmen Ofen zu waschen und anzuziehen.
Sherlock fand die Küche verlassen vor, aber er konnte hören, wie die Magd in der Waschküche am werkeln war. Sicherlich heizte sie bereits den großen Waschkessel an damit sie, wenn sie nach Hause kamen ein heißes Bad nehmen konnten, so wie sie es seinem Onkel am Abend zuvor vorgeschlagen hatte.
„Wissen Sie, die Jungen werden es gebrauchen können, bei dem langen Marsch vom Bahnhof hierher und bei dieser Kälte." hatte Emma gesagt. Onkel Aldwin, der gerade dabei gewesen war ein Buch zu lesen hatte nur geistesabwesend genickt.
Das neue Mädchen was freundlich und umsichtig und in nur wenigen Wochen hatten sie sich alle an die neue gelassene Routine gewöhnt, die so völlig anders war, als die Zeit, in der Kitty noch bei ihnen gedient hatte.
Vorsichtig half er sich zu einer Tasse Tee und begann dann sich auszuziehen und zu waschen. Zugegeben, es war heute nur eine ziemliche Katzenwäsche, aber in Anbetracht dessen, dass ja später noch ein Bad auf sie wartete, müsste es doch sicherlich in Ordnung sein, sich nur einmal durchs Gesicht zu wischen, statt sich auch noch mit den Ohren und dem Hals abzumühen – Stellen seines Körpers, die dazu neigten erstaunlich dreckig zu werden.
Gedankenverloren warf er das Stückchen Seife in den Emaille-Waschkrug, der auf der Seite des Herdes stand um warm zu werden, damit sein Onkel sich nicht mit kaltem Wasser waschen und rasieren musste. Als Sherlock sah, wie der Krug auf der unebenen Fläche wackelte schob er ihn kurzentschlossen weiter zur Herdmitte und begann sich dann anzuziehen. Zuerst seine dicken Wollsocken, dann die dicken Unterhosen für den Winter, das dicke gestrickte Unterhemd, das gestreifte Flanellhemd, die robusten Cordhosen und die gestrickte Weste mit dem Zopfmuster. Zuletzt war es ihm zu warm so nah am Herd und so nahm der Steppke sich seinen Tee und setzte sich auf die Küchenbank direkt vor das etwas zugige Fenster.
Nur noch eine Woche bis Weihnachten, überlegte er, als er so da saß, den einen Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt und den Kopf darauf gelegt während er in der anderen Hand seine Teetasse hielt. Bis ins neue Jahr war Schulfrei und wenn das nicht schon angenehm genug wäre, so kamen ja noch die Festtage hinzu mit all den Süßigkeiten, auf die er sich besonders freute. - Auf die Mincepies, den Weihnachtspudding, den Lebkuchen und die Datteln und Rosinen und Orangen und Äpfel und Nüsse und… - das Wasser lief ihm im Munde zusammen, wenn er nur an all die Leckereien dachte. Für heute Abend hatte Onkel Aldwin sogar versprochen, dass es Bratäpfel geben würde, als kleine Überraschung für Mycroft. Die Vorfreude auf diese Nascherei machte ihn hungrig genug, um sich sogar auf seinen obligatorischen Teller Haferbrei zu freuen, den er im Winter jeden Morgen essen musste.
Von diesen Tagträumereien wurde der Junge durch ein scharfes Zischen geweckt und als er verwirrt auf sah erkannte er, dass das Wasser in dem Krug angefangen hatte zu kochen und nun schäumend über den Rand lief, so dass das Wasser auf der heißen Herdplatte verdampfte. Mehr und mehr heizte sich die Flüssigkeit auf und mehr und mehr Seifenwasser schwappte heraus und die Tröpfchen, die unter den glatten Boden des Waschkruges gelangten sorgten dafür, dass dieser begann sich aus sich selbst heraus zu bewegen. Mal in die eine mal in die andere Richtung tanzte der Krug, hin und wieder drehte er sich um die eigene Achse, dann wieder glitt er in einer geraden Linie über den Herd, und wieder zurück. Zuerst noch war Sherlock einfach nur verwirrt, dann aber fing er an zu lachen. Es sah aber auch zu komisch aus! Aber plötzlich war der Krug dann doch zu nah an den Rand des Herdes getanzt und rutschte schlussendlich ganz herunter. Zunächst sah es so aus, als ob nichts weiter passieren würde, denn das vermaledeite Ding hatte sich zwischen Herd und Wand verklemmt. Da aber der Krug am Boden breiter war als am Rand, und das Wasser darin immer noch hin und her schwappte, neigte sich der Krug langsam und leerte sich dann schließlich über den ordentlich gefliesten Küchenboden aus.
„Oh weia!" murmelte der kleine Unglücksrabe, seine Augen geweitet als er mit ansehen musste, wie sich die seifige Brühe allmählich immer weiter verteilte.
Es kam, wie es kommen musste, in genau dem Augenblick, Sherlock hatte noch nicht einmal angefangen nach einer Lösung für sein Problem zu suchen, kamen sowohl Onkel Aldwin als auch Emma in die Küche. Sein Onkel in seinem Hausmantel und im Nachthemd aus Richtung des Flurs, sicherlich um das warme Wasser abzuholen und Emma, Wangen vor Eifer gerötet, aus der Waschküche. Als sie Aldwin sah, eilte sie schnell um ihm eine Tasse für seinen Tee zu holen und dabei achtete sie nicht darauf, wohin sie trat. Plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Überraschung und sie schlitterte mit den Armen rudernd durch die Küche, ehe sie mit dem konfus dreinschauenden Aldwin Holmes zusammen stieß und beide unsanft auf dem Boden landeten.
Onkel Aldwin schaffte es als erstes, sich wieder zu besinnen und seine Augen verzweifelt auf seinen Neffen gerichtet um das Mädchen nicht noch mehr zu blamieren, zog er sich an der noch offenen Küchentür hoch, half dann Emma auf die Füße und schlitterte dann zu dem nächsten erreichbaren Stuhl um sich darauf fallen zu lassen.
Der junge Mann sah seinen Neffen vorwurfsvoll an. Sherlock konnte sich ein Kichern kaum verkneifen, aber es war ihm klar, dass es für seinen Onkel als auch für das Mädchen eine ziemlich unangenehme Situation gewesen war. Trotzdem hatte es komisch ausgesehen, wie die beiden in einem Haufen übereinander gelandet waren.
„Warst du das?" fragte Aldwin schließlich entnervt, seine Wangen immer noch gerötet.
„Es war ein Unfall..." lautete die gemurmelte Antwort.
„Ein Unfall, so so." Aldwin Holmes zog eine Augenbraue hoch und versuchte streng drein zu blicken, was ihm nicht ganz gelang.
Aus seinen Augenwinkeln konnte der kleine Strolch noch sehen, wie Emma weinend zurück in die Waschküche lief.
„Ja, ein Unfall. Ich mache den Fußboden gleich sauber, aber erst möchte ich mich bei Emma entschuldigen." erwiderte er zerknirscht und stand auf. Wäre es Kitty gewesen, hätte man ihn nur durch eine offene Drohung dazu gebracht sich zu entschuldigen, so viel war klar.
Auf sein Klopfen folgte eine zaghafte Antwort und da saß Emma, auf einer kleinen Fußbank, vorne über gebeugt und immer noch zutiefst beschämt und aufgewühlt.
"Weißt du, ich habe es wirklich satt!" sagte sie schließlich und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht, ehe sie auf ihre Kleid deutete. "Aber wirklich so was von satt!"
Der kleine Junge starrte sie mit großen Augen ängstlich an. Würde sie wirklich gehen? Ihn und Onkel Aldwin wirklich wieder alleine lassen? Jetzt wo sie sich gerade aneinander gewöhnt hatten? Was würde Onkel Aldwin sagen? Und was Mrs Nichols, die sie ja gewarnt hatte? Aber Emma hatte Recht, ihr Kleid war hinüber, daran bestand kein Zweifel.
"Es tut mir so Leid, Emma. Es ist einfach so passiert. Ich weiß nicht einmal genau wie… - Bitte geh nicht weg." flehte der kleine Knirps mit tränenerstickter Stimme.
"Aber wer redet denn vom Weggehen?" schluchzte nun auch Emma, gerührt von dem verzweifelten Kind. "Ich rede von diesen vermaledeiten Reifröcken!"
Überrascht sah der Knabe auf. "Aber trägst du die denn nicht gerne?"
"Das sind die umständlichsten Dinger die je erfunden wurden, ich sag's dir, Sherlock. Wer denkt sich bloß so einen Blödsinn aus?"
"Heißt das, dass du sie nicht freiwillig trägst?" ertönte die erstaunte Stimme ihres Arbeitgebers, der nun barfuß, damit er nicht so rutschte, in der Tür erschienen war.
Die junge Frau schüttelte resolut den Kopf.
"Mrs. Nichols..." begann sie und verdrehte die Augen. "Als sie mich kontaktierte sagte sie mir, dass ich aber nicht die ganze Zeit in meinen schwarzen Arbeitskleidern rumlaufen kann, nicht dass alle noch denken, man wäre hier vollkommen unzivilisiert mit so einem schluderigen Mädchen."
"Und was bitte ist so unzivilisiert an einer Magd, die Kleidung trägt in der sie ihre Arbeit problemlos verrichten kann?" erkundigte sich Aldwin mit einem breiten Lächeln.
Emma zuckte nur ihre Schultern und alle begannen amüsiert ob der Absurdität zu lachen.
"Oh, und Emma," sagte Aldwin schließlich. "Ich gestatte dir hiermit ausdrücklich das Tragen praktischer Arbeitskleidung."
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Den Boden auf zu wischen erwies sich indes als kniffeliger als es Sherlock erwartet hatte. Aber da er es sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte das wieder gut zu machen, was er angerichtet hatte, rackerte er sich ab, so gut es eben ging – und mit ein bisschen Hilfe von Emma, die ihm natürlich unlängst verziehen hatte. Wer konnte diesem kleinen Schussel denn auch lange böse sein? Es war kurz vor Mittag, als er und sein Onkel endlich Richtung Bahnhof aufbrachen und Sherlock hatte Glück, denn Aldwin erlaubte es ihm, es sich auf dem großen Schlitten, den er sich von Mr. Summers geliehen hatte, bequem zu machen, während er selbst bergauf zog und sich bergab mit auf den Schlitten setzte um mit viel Gelächter die schneebedeckten Straßen hinab zu sausen. Kurz vor dem Bahnhof gab es einen besonders langen und steilen Abhang und die Beiden nahmen ganz schön an Fahrt auf, so sehr, dass sie die Kurve am Ende des Hanges verpassten und in einem Berg Schnee landeten.
"Und da dachte ich, dass wir mittlerweile an die scharfen Kurven am Ende eines jeden Hanges gewöhnt sein müssten… " lachte Aldwin Holmes und klopfte sich den Schnee von der Kleidung. Auch er trug heute eher praktische Kleidung, statt seines obligatorischen Gehrocks und den gut geschnittenen Hosen. Mit seinem etwas zerdellten Filzhut, der Seemannsjacke, dem roten Wollschal und seinen abgewetzten Reitstiefeln sah er ziemlich rustikal und so gar nicht nach einem Lehrer aus. Warum aber ausgerechnet sein Onkel ein Paar Reitstiefel besaß, beschäftigte seinen Neffen schon ganz schön, denn auf einem Pferd hatte der den Onkel bisher noch nicht gesehen. Die Stiefel wären auch denkbar unpraktisch gewesen, hätte der junge Mann sich nicht ein paar genagelter Lederstriemen darum gebunden, um nicht auf den glatten Straßen auszurutschen.
Sie erreichten den Bahnhof etwas zu früh, ganz so, wie sie es geplant hatten und so warteten sie auf die Ankunft des Zuges, der ihnen Mycroft wieder bringen würde, indem sie es sich auf dem Schlitten gemütlich machten. Überhaupt war der Bahnhof ziemlich beschaulich, Es gab nicht viel mehr als einen Fahrkartenstand und einen kleinen Laden in dem man eine Tasse Tee und ein paar Kekse erwerben konnte. - Aber das reichte auch. In der Ferne ertönte schließlich das gewohnte Pfeifen der Dampflok, die ihnen so ihre baldige Ankunft anzeigte und nur wenige Minuten später kam der Zug in Sicht und hielt kurz darauf schnaufend an dem kleinen Dorfbahnhof an.
Sherlock mochte die großen Maschinen sehr, mit ihren geschwärzten Kesseln, den großen roten Speichenrädern und Gestängen. Nur einmal war er bisher mit einem Zug gefahren und daran konnte er sich kaum mehr erinnern. Es war an dem Tag gewesen, als Aldwin Holmes seine beiden verwaisten Neffen zu sich geholt hatte – da war er gerade einmal drei gewesen. Zu seiner Überraschung stellte Sherlock Holmes fest, dass er sich nun kaum noch an seine Eltern erinnern konnte. In den gut vier Jahren seit ihrem Tod hatte sich die Erinnerung verschleiert und war von der unkonditionellen Liebe und Fürsorge seines Onkel ersetzt worden. Alles was jetzt wichtig war, war dass Mycroft endlich Ferien hatte und sie besuchen kam.
Der ältere der beiden Brüder riss die Tür zu dem Wagen der dritten Klasse auf und ehe Sherlock sich versah, musste er zusehen, wie er sein Gleichgewicht hielt, als ihm nämlich die schwere Reisetasche unvermittelt in die Hände gedrückt wurde, während ihr Onkel den Koffer auf den Bahnsteig zerrte und Mycroft die zwei steilen Stufen mit seiner Büchertasche in den Armen hinab kletterte.
Als der Jüngste der Familie endlich wieder sich er auf den Füßen stand konnte er es sich nicht verkneifen seinen heiß geliebten Bruder wütend anzustarren – aber nur für einen kurzen Moment, denn dann wurde ihm die schwere Tasche von ihrem Vormund abgenommen und es blieb nichts als die Freude einander wieder zu sehen.
"Oh, es ist so wunderbar, wieder zu Hause zu sein!" rief Mycroft aus und langte nach dem anderen Griff des Koffers um ihn auf den Schlitten zu hieven.
"Es ist schön dich wieder hier zu haben." erwiderte sein Onkel lächelnd ehe er seinen Neffen herzlich umarmte. "Wir haben dich vermisst, mein Junge."
"Ja, und ich habe dich am meisten vermisst!" versicherte der kleinste Holmes und schlang, sobald sein Onkel ihn losgelassen hatte, seine Arme um den großen dreizehnjährigen Knaben. "Oh, und wir haben ein neues Dienstmädchen und sie ist wirklich nett. Und Onkel Aldwin und ich haben ein paar Regale über deinem Bett befestigt, so dass du alle deine Bücher dort drauf stellen kannst. Und Peter hat mir versprochen zu zeigen, wie man ein Pferd reitet – na gut, es ist nur ein Pony. Aber eigentlich sind Ponys ja kleine Pferde, also kommt das ja auf's gleiche raus. Und vor zwei Wochen hat mich Onkel Aldwin raus geschickt um einen Zweig von einem Apfelbaum abzuschneiden und stell dir vor, der steht jetzt in der Fensterbank in der Küche und hat schon Knospen. Ich glaube ja, dass wir bald Äpfel haben werden, meinst du nicht auch?" An dieser Stelle konnten sich weder Aldwin noch Mycroft noch länger ein Grinsen verkneifen, wie der kleine Schelm so munter vor sich hin plapperte ohne dabei auch nur einmal inne zuhalten um Luft zu holen. Aber der Drang alles auf einmal erzählen zu müssen, war einfach zu groß.
„Und Alfie und ich wollen uns selbst einen richtigen Schlitten bauen und vielleicht können wir Alfies Hund dazu bringen uns zu ziehen – du weißt ja, Bruno ist ziemlich groß und kräftig und..."
„Sherlock, vielleicht könntest du davon absehen, alles auf einmal zu erzählen und dir auch noch etwas Gesprächsstoff für später aufheben. - Wir müssen langsam los, oder es wird stockdunkel sein, ehe wir nach Hause kommen und du weißt, es sind fünf Meilen bis nach Langfield. Emma wartet auch auf uns, vergiss nicht." wurde er letztendlich von seinem Onkel unterbrochen, der ihn jedoch gutmütig anlächelte.
„Ach ja! Oh, Mycroft, weißt du was? Sie hat für uns ein Bad vorbereitet. Das ist doch nett, oder? Und du errätst nie, was es nach her noch leckeres zum naschen gibt. Es gibt..."
„Sherlock!" Lachten die anderen beiden Holmes' nun. Leicht errötend hielt die kleine Plaudertasche inne ehe auch er anfing mit zu lachen, bis schließlich Aldwin, etwas außer Atem und sich die Seite haltend, sie erneut daran erinnerte, dass sie noch weit zu laufen hatten.
Als sie endlich zu Hause ankamen, war es tatsächlich bereits dunkel geworden und ein kalter Wind heulte ihnen um die Ohren, besonders in der Dehne, die sich über ein und eine halbe Meile lang hinzog. Hier und dort schimmerten erleuchtete Fenster der verstreut liegenden Höfe aus der Ferne zu ihnen herüber und zu guter Letzt endlich auch die erleuchteten Fenster ihres eigenen kleinen Häuschens, das nach der langen Wanderung besonders einladend aussah. Kaum hatten sie die Gartenpforte aufgemacht, als auch schon die Haustür aufschwang und Emma in der Tür erschien – nun in einem schlichten schwarzen Arbeitskleid ganz ohne Reifen. Sie lächelte herzlich und obwohl er nun müde und völlig erschöpft war, rannte ihr kleiner Liebling ihr entgegen und warf sich ihr an den Hals, was ihre Lächeln noch breiter werden ließ.
„Ich habe schon angefangen mir Sorgen zu machen." gestand sie und richtete sich wieder auf. „Es wird mehr Schnee geben, ich kann es fühlen. Und sie haben so lange gebraucht."
„Jetzt sind wir ja da." lautete Aldwin Holmes' leicht beschämte Antwort. Aber das leichte Lächeln auf seinem Gesicht zeigte deutlich, dass er ihre Sorge zu schätzen wusste, sie nur nicht gewöhnt war. „Und dies hier, ist mein älterer Neffe, Mycroft." stellte er vor, während er sich die Schuhe an der flachen Steinstufe vor der Haustür abklopfte.
Mycroft lächelte höflich und zurückhaltend, aber die Magd ergriff schlicht seine ihr höflich entgegen gestreckte Hand und zog ihn zu sich heran. Ihre andere Hand auf seine Schulter legend sah sie ihn offen an und versicherte ihm warm: „Ich bin sehr froh, dich endlich kennen zu lernen, Master Mycroft Holmes."
Wie sie es versprochen hatte, wartete ein heißes Bad auf sie und ohne weitere Umstände sah Aldwin zu, dass seine beiden Mündel sich in der wohligen Wärme der Waschküche die nassen und teils gefrorenen Kleider auszogen und in die Wanne kamen. Während Mycroft selbst hinein kletterte, wurde das Nesthäkchen der Familie vom Onkel in das dampfende Bad gehoben.
„Auch die Haare waschen, hört ihr?" erinnerte er sie noch, ehe er in die Küche entschwand, vermutlich um sich mit einer Tasse Tee aufzuwärmen.
„Ach, ist das schön!" seufzte der ältere der beiden und räkelte sich.
„Ja, aber weißt du, was noch besser wäre? Wenn wir ein paar Walnußschalenboote um die Wette schwimmen lassen könnten." erwiderte der kleinere und einfallsreichere der beiden Brüder und sah sich um.
„In einer Badewanne?"
„Ja, warum nicht? Aber ich sehe hier nirgendwo Walnüsse..."
In der Hoffnung eine Alternative zu finden sah sich Sherlock Holmes weiter um und schließlich fiel sein Blick auf vier Streichholzschachteln, die auf einem Regal gerade so außer Reichweite lagen.
„Da kommst du nie dran!" zweifelte Mycroft, ohne sich zu rühren, obwohl er sicherlich an die Schachteln gereicht hätte – wenn er es hätte wollen. Ihm reichte es einfach nur so in dem warmen Wasser zu sitzen und sich zu entspannen. Aber wie meistens unterschätze er die Agilität seines Brüderchens, der sich über den Wannenrand geleiten ließ, dann auf einen Stuhl kletterte, zwei der Schachteln ausleerte und dann, mit Hilfe der Fußbank die Emma dazu nutzte besser an den Waschkessel zu kommen, wieder, wenn auch etwas umständlich, in die Wanne kletterte. Seine nassen Fußtapsen waren deutlich auf dem rauen Steinboden zu sehen.
„Du bist echt unmöglich, weißt du das, Sherlock?" lachte Mycroft als sie die Schachteln über die Wasserfläche pusteten. Allerdings war die weiche Pappe weniger dazu geeignet als Schiffchen zu dienen, als es eine Walnussschale gewesen wäre und so sanken beide Boot bei dem brüderlichen Wetteifern noch ehe sich ein Gewinner hatte feststellen lassen.
In ihrer Not, verlegten sich die Zwei – der Wetteifer war geweckt, daran bestand kein Zweifel – darauf zu gucken, wer länger unter Wasser bleiben konnte. Aber nach dem Sherlock zum dritten Mal hintereinander gewann kam ihm der Verdacht, dass ihn Mycroft absichtlich gewinnen ließ. Sofort wieder auftauchend um seine Theorie zu bestätigen, erkannte er aber, dass dieser wirklich so kurzatmig war und dann entdeckte er den riesigen blauen Fleck auf der Brust des Jungen.
„Was ist mit dir passiert? Wer hat das getan?" flüsterte Sherlock entsetzt, seine lebhaften grauen Augen voller Sorge.
Für einen Augenblick sah Mycroft verdutzt drein ehe er zu lachen anfing. „Ach, den blauen Fleck meinst du? Na das ist eine ganz schön abenteuerliche Geschichte, das kannst du mir glauben. Ich verspreche dir, sie dir zu erzählen, aber nicht jetzt, Kurzer, denn ich bin sicher Onkel Aldwin kommt gleich wieder und wir sollten glaube ich mal zusehen, dass wir uns mal richtig waschen, sonst gibt's Ärger."
Damit hatte sein Bruder natürlich Recht und kaum hatte er die Worte gesprochen und beide begonnen sich einzuseifen, als Aldwin auch schon in die Waschküche kam und sie aus der Badewanne scheuchte. Während sich die zwei Jungen also ihre dicken Nachthemden überzogen, stieg Aldwin in das noch warme Wasser uns schrubbte auch sich schnell.
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Die Bratäpfel waren so köstlich, wie er es erwartet hatte und nicht ein einziges Krümelchen blieb auf einem der vier Teller übrig. Nach dem Essen hatte alle ein wohliges Gefühl der Wärme und Geborgenheit überkommen und es wurde zunehmend schwerer, die Augen offen zu halten. Schlussendlich wurden die Jungen in ihre Betten gescheucht und alles weitere auf den folgenden Tag verschoben.
In der Nacht fing es tatsächlich wieder an zu schneien, wie Emma es vorausgesagt hatte – mit großen weißen Flocken, die ein bisschen an Daunenfedern erinnerten. Vielleicht schüttelte ja tatsächlich Frau Holle gerade die Betten aus, überlegte Sherlock, als er am nächsten Morgen dem Schneetreiben gewahr wurde.
Das Frühstück dauerte heute sehr viel länger, als sonst, denn wo die Jungen am Abend zuvor zu müde gewesen waren, so waren sie jetzt um so munterer und unter vielem Gelächter und Geschmunzel wurde nun von dem berichtet, was in der Zwischenzeit so alles passiert war.
„Du hast mir jetzt aber immer noch nicht erzählt, woher der große blaue Fleck auf deiner Brust kommt." erkundigte sich Sherlock, seinen Mund voller Haferbrei, was ihm einen Rüffel seines Onkel einbrachte.
Mycroft sah leicht bedröppelt drein, so als wäre er auf dem falschen Fuß erwischt worden, denn eine leichte Röte überzog nun sein Gesicht. Aber er begann zu erzählen, denn nun, wo sein Onkel Wind davon bekommen hatte, würde er eh nicht ungeschoren davon kommen.
„Na ja, ich habe mit James gewettet – und ja, ich soll so was eigentlich nicht – das ich den Widder, den die Schule hält, bei den Hörnern packen kann. Ich hatte ja schon mal erzählt, dass die Schule Schafe hält, damit sie den rasen kurz halten. Dieser Widder ist ein ziemlich pampiges Vieh, aber ich bin ziemlich nah an ihn heran gekommen. Peter hat mir mal den Rat gegeben, dass man nur ganz still stehen muss, damit die Tiere einen nicht als Menschen erkennen, und genau das habe ich dann auch gemacht. Ich habe mich nur dann bewegt, wenn der Bock mir den Rücken zugekehrt hat. Das hat alles ganz schön lange gedauert, das kann ich euch sagen!"
Er goss sich etwas mehr Tee in seine Tasse, ehe er fort fuhr: „James ist dann irgendwann ungeduldig geworden und ist dann auch auf die Weide rauf und ist dann genau auf den Widder zugegangen. Der Bock hat ihn natürlich gesehen und ist auf James los und hat ihn dann mit ziemlicher Wucht gegen die Mauer gerammt. Ich konnte das Vieh zum Glück noch zu fassen kriegen und James konnte humpelnd entkommen. Dummerweise ist der Widder dann auf mich los, ist ja klar. Aber der ganze Radau, den James gemacht hat – und der hat vielleicht rumgejault! - hat ihn dann doch lange genug abgelenkt, als das ich dann auch über die Mauer konnte und so haben wir außer ein paar Flecken und Quetschungen nicht viel abbekommen."
Mycroft versuchte so nonchalant auszusehen, wie es nur irgend ging, aber es wir ihm schon klar, das er ziemlich tief in der Tinte saß.
„Dir ist schon klar, dass das hätte tödlich enden können, oder?" fragte ihn der Onkel ziemlich verärgert. „Für euch beide. Für dich – und ich nehme mal an, dass James James Moriarty meint, habe ich Recht?"
Mycroft nickte zögerlich.
„Für einen Jungen von siebzehn Jahren, der im nächsten Sommer die Schule verlässt, benimmt er sich ziemlich dumm und unverantwortlich." wetterte Aldwin weiter, der einmal, jedoch an einer anderen Schule, Lehrer des besagten Knaben gewesen war und ihn deshalb kannte. - Im guten, wie im schlechten. „Worum ging es bei der Wette?"
Der ältere der beiden Brüder schluckte schwer ehe er antwortete: „Um eine kleine Dose Schnupftabak..."
Aldwins Faust landete mit Wucht auf dem Küchentisch und ließ die Teller und Löffel geräuschvoll scheppern. Beide, Mycroft und Sherlock sprangen auf und Emma sah erschrocken drein, denn bisher hatte sie Aldwin noch nie so außer sich erlebt. Und was für ein Anblick das war!
„Für eine kleine Dose Schnupftabak bist du also bereit, dein Leben zu riskieren, nur weil ein durch und durch durchtriebener Junge dich dazu verführt?" brüllte der Onkel außer sich vor Wut.
Sherlock konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihn je so zornig erlebt hatte. Mycroft hingegen stand nur da und ließ den Kopf beschämt hängen.
„Ich hätte dich wirklich für intelligenter gehalten."
„Es tut mir wirklich leid, Onkel Aldwin." murmelte der Missetäter und sah seinem Vormund endlich wieder in die Augen.
„Das solltest du auch." war die nun deutlich mildere Antwort. Nach seinem Wutausbruch war Aldwin Holmes aufgestanden und hatte begonnen in der Küche auf und ab zu gehen, seinen jüngeren Neffen ins Visier nehmend fügte er so schließlich hinzu: „Ach, Sherlock, nur um das gleich klar zu stellen, sollte ich dich je bei etwas ähnlichem erwischen, kannst du dich schon einmal darauf einstellen für die darauf folgende Woche nicht sitzen zu können. Haben wir uns verstanden?!"
Der kleine Strolch nickte und biss sich auf die Unterlippe. Wenn sein Onkel ihm Prügel androhte, war es schon was ernstes, so viel stand fest. Und er wusste aus Erfahrung, dass Aldwin die Drohung im Ernstfall auch wahr machen würde – ohne jeden Zweifel.
„Ich gehe dann mal und schippe den Schnee vom Weg." murmelte ein immer noch zerknirschter Mycroft und Aldwin, der nie sehr lange ärgerlich blieb nahm das Friedensangebot mit einem kleinen Lächeln an, ehe er sich wieder hinsetzte, nach seiner Pfeife langte und begann die Zeitung zu lesen.
"Sherlock, kannst du bitte Emma zur Hand gehen?" ergänzte der Onkel, die Zeitung leicht senkend.
Der Junge sprang auf seine Füße, stapelte die Schüsseln und brachte das benutzte Geschirr zum Spülstein herüber.
"Danke sehr.", lächelte Emma und strich ihm über den wirren Haarschopf ehe sie begann abzuwaschen.
Sherlock hatte gerade seinen Holzkreisel hervorgeholt und umwickelt, als Mycroft vom Schneeschaufeln zurück kam, nur um von seinem Onkel wieder heraus geschickt zu werden mit dem Auftrag auch gleich den schmalen Pfad zur Schule hin zu fegen.
"Ach, Sherlock? Kannst du bitte den Wassereimer wechseln. Ich habe gestern vergessen ihn mit zu bringen und wie ich Reverend Whitwater kenne, wird er die Tafel morgen für die Sonntagsschule brauchen. - Und wenn du schon mal da bist, kannst du auch ein paar Kohlen nachlegen."
Seufzend zog Sherlock sich Stiefel und Jacke und lief seinem Bruder nach um seinen Auftrag zu erfüllen und den Wassereimer zu leeren, den sein Onkel zum reinigen der Tafel benutzte. Als Sherlock endlich angezogen war, war Mycroft fast fertig, denn der jüngere hatte mit einem Knoten in seinen Schnürsenkel kämpfen müssen.
Rasch war der kleine Schlawiner in dem schlichten Schulhaus verschwunden und eilte hinüber zu dem kleinen Eisenofen der das einzige Klassenzimmer warm hielt um das Feuer in Gang zu halten, ein paar Kohlenstücke auf's Feuer legend, die mit der fast geschlossenen Luftklappe vor sich hin glühten. Er stellte sicher, dass er die Ofenklappe wieder fest verschloss, so wie es ihm eingebläut worden war und schnappte sich auf dem Weg nach draußen den Zinkeimer, der in der Ecke neben der Tür stand. Sein Bruder war unterdessen fertig geworden und auf dem Weg nach Hause und so leerte Sherlock, ohne groß darüber nachzudenken den halb vollen Eimer direkt vor der Schultüre aus, patschte durch die Pfütze und trollte sich.
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Es war am frühen Nachmittag, als Alfie Taylor an die Tür von The Meadows klopfte um zu fragen, ob Sherlock nicht mit zum Schlittenfahren kommen wollte, und natürlich wollte dieser, obwohl er sich, weil er keinen eigenen Schlitten hatte, mit einem Stück Wachstuch behelfen musste. Aber was machte das schon? Er rollte das Wachstuch zusammen, stopfte es sich unter seine Jacke und zusammen mit Mycroft, den Aldwin mit hinaus geschickt hatte, machten sie sich auf den Weg herüber zum Kerk Hill. Dem jüngeren der beiden Brüder war es indes nicht entgangen, dass es Mycroft gelungen war, unauffällig ein Buch in seine Jackentasche gleiten zu lassen. Die Augen rollend hopste Sherlock neben seinem besten Freund her, wenig ahnend das unterdessen zu Hause die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest anliefen und Emma Mince Pies, Makronen und Lebkuchen buk, den Teig unlängst vorbereitet und gut gereift, während Aldwin Holmes unauffällig hinter ihnen aus der Tür schlüpfte um den Reverend zu besuchen.
Als sie an dem Hügel ankamen waren bereits mehrere Kinder dort versammelt und rutschten fröhlich den steilen und glatten Abhang hinunter. Während Sherlock wenig Probleme hatte den Hang hinauf zu klettern, musste Alfie, der ein eingefettetes Brett mitgebracht hatte, sich ganz schön abmühen, denn in seiner Eile hatte es es doch glatt vergessen ein Seil daran zu befestigen was das Ganze erheblich einfacher gemacht hätte. Doch so musste er es umständlich vor sich her schieben, denn es zu tragen war noch schwieriger auf der rutschigen Fläche der sie allerdings oben angekommen waren zeigte sich, dass das Brett einem echten Schlitten in nichts nachstand und mit rasanter Geschwindigkeit rutschte Alfie den Kerk Hill hinab, Sherlock hinter sich lassend. Aber nach einigen Metern stellte sich heraus, dass das Wachstuch vielleicht doch nicht ganz so schlecht war, wie zunächst angenommen, denn immerhin ließ es sich ohne größere Schwierigkeiten lenken – anders als Alfies Brett.
Es kam wie es kommen musste. Alfie verlor die Kontrolle, verlor die Balance und rodelte mitten in einen Schneehaufen am Rande der Piste, wo er stecken blieb und sich mit einiger Wucht den Kopf an einem nahe der Oberfläche liegenden Stein stieß. Seine Mütze rutschte vom Kopf, glitt noch etwas weiter und blieb in einem Dornengestrüpp hängen. Sherlock kam ihm eilig zur Hilfe, als er jedoch die Mütze aus dem Schlehengestrüpp befreien wollte, ribbelte sie sich auf und zerfiel. Zerknirscht blickte der kleine Schlingel auf seinen benommenen Freund, der sich noch immer den verletzten Kopf hielt.
Keiner der beiden war sich sicher, wer der erste der Jungen gewesen war, der zu lachen angefangen hatte, aber Sherlock glaubte es müsse wohl Martin Riley gewesen sein, der Sohn des Apothekers. Aber bald darauf waren sie von einer Schar grölender Kinder umgeben und alle lachten Alfie wegen seiner Ungeschicklichkeit aus. Dieser saß mit vor Schmerz verzogenem Gesicht, sich den Kopf haltend da und sah dem vermaledeiten Brett nach, dass, wie um ihn weiter zu ärgern, weiter unverzagt den Hang herunter glitt.
Was Sherlock Holmes jedoch ganz sicher wusste war, wer die darauf folgende Schneeballschlacht anzettelte – nämlich er selber. Seinen Freund verteidigend forderte er jeden heraus der sich über Alfie lustig zu machen wagte – was so ziemlich alle waren, mit Ausnahme von ihm und Janet Brickley, die etwas abseits stand und den verletzten Jungen mitleidig ansah.
„Und, was willst du dann mit uns machen, du kleiner Pöps?" erkundigte sich George Dean gehässig, während er sich dem viel kleineren Jungen drohend näherte. Sherlock Holmes wusste warum der Knabe so wütend war, denn erst kürzlich hatte sein Onkel ihm eine Strafarbeit aufgedrückt nachdem er Rosalie Browns Zöpfe in ein Tintenfass getaucht hatte und es war George deutlich anzusehen, dass er sich nun diebisch darüber freute seinen Unmut an dem Neffen des Schulmeisters auslassen zu können.
„Das wirst du schon sehen." rief Sherlock ärgerlich aus, ehe er sich herab beugte und dem Aggressor eine Hand voll losen Schnee ins Gesicht des älteren Jungen warf. - George war nämlich bereits dreizehn.
Der darauf folgende Aufruhr rief Mycroft, der in aller Seelenruhe auf einem Gatter gesessen und gelesen hatte auf die Bildfläche und als er sah, wie die älteren Jungen die kleinen, sein Bruder mitten unter ihnen, koste es was es wolle, nun drohend umkreisten kam er diesen zur Hilfe.
„Was ist hier los?" verlangte er zu wissen, doch keiner der Streithähne beachtete ihn.
Immer schon die Unruhestifter befanden sich George, Martin und ihre wenigen Freunde auf der einen Seite während sich der Rest der Schar gegen sie formiert hatte. Bald schon erstreckte sich die Schlacht auf den gesamten Hang, von dem einer nach dem anderen jedoch bald hier und bald dort ein Stück weiter hinunter glitt, bis alle Kinder auf der schmalen Straße am Fuße des Hügels versammelt waren und der Kampf dort munter weiter ging. Nach und nach verloren die Kinder aber die Lust an dem Gemenge und eines nach dem anderen wandte sich nach Hause. Diejenigen die zurück blieben kämpften dafür aber um so verbitterter.
Zu seiner großen Verwunderung sah Sherlock das Janet als einziges Mädchen mitten unter ihnen war. Er brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass sie aus nichts als bloßer Verzweiflung weiter machte, so gut sie es eben konnte, denn drei der größten Jungen schnitten ihr den Weg nach Hause ab. Mycroft am Arm fassend zeigte er auf das weinende Mädchen und die beiden Brüder gingen gemeinsam auf die Rüpel los, Mycroft um sie abzulenken so dass Sherlock sie an der Hand nehmen und beiseite ziehen konnte. Erstaunt und dankbar sah Janet ihn an ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und davon lief.
Doch so war es nun, dass sich Mycroft anstelle von Janet in einer äußerst verzwickten Lage befand und mit dem zusätzlichen Nachteil, dass bei ihm die Jungen sich nicht länger zurück hielten. Den älteren Neffen ihres Lehrers umkreisend ergriff George ihn von hinten und Sherlock konnte sehen wie Mycroft zusammen zuckte als ihn der erste Schlag in den eh schon verletzten Brustkorb traf. Mit seinem scharfen Verstand und der ihm eigenen Wissbegierde war Mycroft schon immer eher unbeliebt gewesen. Er war das gute Beispiel das sie sich nehmen sollten und besonders Martin Riley verachtete ihn deshalb. Sein Vater als bloßer Apotheker hatte es sich in den Kopf gesetzt dass sein Sohn einmal Arzt werden sollte, doch seine Noten ließen eher zu wünschen übrig und die Privatschule auf die er hatte gehen sollen hatte ihn deshalb abgelehnt, abgesehen davon, dass sein Vater ihm vorhielt dass es eh reine Geldverschwendung sein würde. Nun machten sich die Jungen daran es Mycroft heimzuzahlen, all ihren aufgestauten Frust an ihm auslassend, egal wie ungerecht es eigentlich war des Schulmeisters älteren Neffen für ihre eigenen Verfehlungen zu bestrafen.
Sherlock, einfallsreich wie er nun einmal war, sah Alfies Brett vergessen an der Seite ganz in seiner Nähe liegen und es aufnehmend lieh flink etwas den Hügel hinauf ehe er die Planke in Richtung der kämpfenden Gruppe warf, wo es schmerzhaft mit Martins Knöchel kollidierte. In Schmerz aufschreiend ließ er Mycroft los, der ihm wiederum heftig gegen das Schienbein trat, es ausnutzend dass die anderen beiden Rowdys ihn immer noch bei den Armen hielten. Die beiden Brüder hielten tapfer durch und taten was sie konnten in Anbetracht dessen, dass die anderen zum einen älter als auch in der Überzahl waren.
Als sie endlich in Begleitung ihres Onkels auf dem Weg nach Hause waren, war Sherlock übersät mit blauen Flecken, seine Hand war verstaucht und geschwollen und er war völlig durchnässt, weil er eine ordentliche Fuhre Schnee in den Kragen bekommen hatte. Mycroft wiederum hatte eine blutige Nase und humpelte so stark, dass er nur mit Hilfe seines Vormundes überhaupt laufen konnte. Zu behaupten dass Aldwin Holmes wütend war, wäre untertrieben gewesen er schäumte förmlich vor Zorn – allerdings war er nicht ärgerlich auf seine Neffen, sondern auf die Feiglinge die sich an ihnen vergangen hatten. Und er war heilfroh, dass er seinem Instinkt gefolgt war und auf dem Rückweg von Reverend Whitwater den Umweg über Kerk Hill Lane gegangen war um nach dem Rechten zu sehen. Erst ihm war es möglich gewesen den Streit, wenn nicht zu schlichten, doch immerhin die Streithähne voneinander zu trennen.
„Man gut dass morgen Sonntagsschule ist, grummelte er, als er sich den Schnee von den Stiefeln klopfte ehe er ins Haus trat. „Ich, als auch Reverend Whitwater werden ein paar Takte dazu sagen. Und eines sage ich euch, Martin und George werden die Konsequenzen für ihre Taten schon noch zu spüren bekommen!"
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Es war schon spät am Abend, als das schlechte Gewissen des kleinen Schelmes ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Sein Onkel hatte ihn früh zu Bett gebracht und warm eingemummelt, so dass er nach dem nachmittäglichen Abenteuer nicht krank werden würde und so lag er nun da, eingekuschelt in die Decke, die ihm seine Mutter gemacht hatte, als er noch ein Baby war, mit einer Wärmflasche zu seinen Füßen. Aus dem Wohnzimmer unten konnte er leise Musik hören. Mycroft und ihr Onkel übten schon für das Weihnachtssingen am zweiten Weihnachtstag. Sherlock war überhaupt der einzige in der Familie, der kein Instrument spielen konnte und irgendwie fühlte er sich ausgeschlossen, als ob er nicht richtig dazu gehören würde.
Dann wiederum hatte Mycroft schon vor langer Zeit angefangen Flöte zu spielen, so früh, dass Sherlock, der sieben Jahre jünger war, sich nicht an eine Zeit erinnern konnte, in der sein Bruder das Instrument nicht spielen konnte, und sogar sehr gut. Ob seine Eltern auch so musikalisch gewesen waren, wusste er nicht, aber sein Onkel war es auf jeden Fall, denn er spielte nicht nur Klavier und manchmal in der Kirche die Orgel, sondern auch Geige.
Seufzend schlüpfte Sherlock schließlich aus dem Bett und schlich sich nach unten. Es würde ja doch nichts nützen, und es war sicherlich besser dazu zu stehen, dass er es gewesen war, der den Streit angefangen hatte. Wenn nicht, würde er doch kein Stück besser sein als Martin oder George, oder? Nein, das war wirklich das Letzte das er wollte, so zu sein wie die beiden älteren Rüpel. Er würde beichten und bereuen. - Gut letzteres tat er bereits. Nun fehlte nur noch die Absolution seines Onkels.
Er wartete ungeduldig, bis sein Bruder und sein Vormund das Lied beendet hatten, dass sie gerade spielten ehe er zaghaft klopfte. Erstaunt rief sein Onkel ihn herein und er betrat das Wohnzimmer, seinen Kopf zerknirscht hängen lassend. Er schämte sich wirklich.
"Was ist denn mit dir los?" fragte ihn Onkel Aldwin erstaunt, den kleinen Strolch liebevoll anblickend.
Seine Geige beiseite legend rief er seinen Neffen näher zu sich heran und sich setzten nahm Aldwin die Händchen seines Neffen und sah ihm in die wachen grauen Augen.
"Onkel Aldwin, ich muss dir etwas beichten, fürchte ich... - Ich habe die Schneeballschlacht angefangen, nicht Marty oder George."
"Und jetzt fühlst du dich schlecht deswegen?" erkundigte sich der junge Mann sanft.
Das Kind nickte zögernd.
"Dann erzähl mir doch mal, warum du es dann gemacht hast?"
"Na ja, alle haben Alfie ausgelacht, obwohl er sich wirklich weh getan hatte und seine Mütze ist auch völlig hinüber und dafür wird er sicherlich großen ärger bekommen. Ich habe den anderen gesagt sie sollen aufhören zu lachen und dann George auf mich zu und hat mich gefragt was denn passieren würde, wenn nicht. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm das schon noch zeigen würde und dann habe ich eben eine Handvoll Schnee aufgehoben und sie ihm ins Gesicht geworfen und dann fing das alles halt einfach so an."
Einen Augenblick lang, war sein Onkel völlig ruhig da, während Mycroft seine Querflöte sauber machte und seinen kleinen Bruder voller Zuneigung anlächelte. Nach einer nachdenklichen Minute nahm Aldwin den kleinen Strolch endlich fest in seine Arme und lachte schließlich, wobei er dem Kind über den Kopf strich: "Ach, Sherlock, was du gemacht hast, war sehr mutig von dir und sehr nobel. Du hast dich für deinen Freund eingesetzt, so wie sich das gehört, und ich bin sehr stolz auf dich mein Junge. Eine Schneeballschlacht kann ja auch Spaß machen, wenn man sich an gewisse Regeln hält, und während du das auch getan hast, haben Martin, George und ihre Freunde das nicht und das ist es, was mich so ärgerlich gemacht – nicht die Schneeballschlacht an sich."
Damit hob er seinen Neffen auf seinen Schoß, zog seinen älteren Neffen dichter an seine Seite und begann ihnen eine Geschichte zu erzählen.
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Der Gottesdienst war, wie meistens, eine ziemlich langweilige Angelegenheit für den kleinen Sherlock Holmes. Eine ganze Stunde lang völlig still da zu sitzen und nur zuzuhören während es nichts wirkliches gab um sich geistig abzulenken, war wirklich nicht besonders schön. Aber irgendwann war die Kirche ja dann auch aus und während die Dienstboten sich zumeist schleunigst auf den Weg nach Hause machten um das Mittagessen vorzubereiten, stand der Rest der Gemeinde meistens in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielt sich munter über dies und das. Onkel Aldwin stand zusammen mit seinen beiden Neffen bei Mr Summers, seiner Frau und Peter deren Sohn, und unterhielt sich mit ihnen und mit Mr Perry, dem Eigentümer der kleinen Dorfpost, über Politik. Es kostete Sherlock einige Mühe, nicht zu offensichtlich zu gähnen und unauffällig schaute er sich um, während sein Bruder dem Gespräch interessiert zuhörte. Da, kaum acht Fuß von ihm entfernt, stand Martin Riley in seinen Sonntagsanzug und sah sehr respektabel aus, wenn man von seinem blauen Auge einmal absah. Sein Vater hatte sich demonstrativ zwischen ihn und seinen Freund George gestellt, der auch einiges abbekommen zu haben schien, und Sherlock wunderte sich ziemlich, woher die beiden die blauen Flecken hatten, denn sie stammten eindeutig nicht von ihrem Gerangel am Vortag.
Eine halbe Stunde, sowie unzählige unterdrückte Seufzer später, rief Reverend Whitwater die Kinder zu sich, so dass die ganze Gruppe den schmalen Fußpfad zur Schule nehmen konnten. George und Martin, die heute besonders bemüht waren sich zu benehmen, waren die ersten, die an der Tür ankamen. Oder viel eher angekommen wären, wäre es nicht zu folgendem Vorfall gekommen: plötzlich, nach einem überraschten Aufschrei, ruderten beide Jungen plötzlich wie wild mit den Armen ehe sie unsanft auf ihren Hosenböden landeten. Wieder aufzustehen erwies sich als eine ziemlich mühselige Angelegenheit , denn der gefrorene Boden war so glatt wie ein frisch gebohnerter Parkettfußboden – oder seifige Küchenfliesen. Aldwin Holmes, der der Gruppe in kurzem Abstand gefolgt war, konnte sich ein grinsen ob der Erinnerung an den besagten Vorfall kaum verkneifen. Sherlock, auf der anderen Seite starrte auf das geschehen mit einiger Verwirrung ehe es ihm wie Schuppen von den Augen fiel und er sich grinsend umdrehte, um seinen schadenfrohen Gesichtsausdruck vor den beiden Pechvögeln zu verbergen. Als seine Augen die des Onkels trafen, war es ein leichtes für den letzteren zu erraten, wer für die gefrorene Wasserlache vor der Schultür verantwortlich war. Wirklich überrascht war der junge Lehrer jedoch nicht, immerhin kannte er seinen jüngeren Neffen dafür zu gut.
„Oh je, oh je!" rief Mr Whitwater unterdessen aus, und rang sich die Hände. Er war ein nicht gerade praktischer Mensch, und stand nun hilflos neben den immer noch am Boden liegenden Jungen, die mit ihren glattsohligen Sonntagsschuhen immer wieder auf dem Eis ausglitten kaum dass sie glaubten etwas halt gefunden zu haben. „Was sollen wir denn jetzt nur machen?"
„Tja, also ich würde vorschlagen wir legen einen Sack oder Lumpen auf die gefrorene Pfütze," mischte sich Aldwin schließlich ein. „Sherlock, holst du bitte mal einen?"
Hurtig rannte der kleine Schlingel los und über die Straße nach Hause um besagten Sack zu holen, während Mycroft wohl oder übel den wieder einmal gedemütigten Jungen aus ihrer misslichen Lage zu helfen. - Was er allerdings, dies sei noch angemerkt, nicht ganz ohne Genugtuung tat.
Als der alte Lumpen endlich über die Pfütze gebreitet war traten die kichernde Kinderschar endlich in die Schule und setzten sich schließlich einigermaßen anständig auf ihre Plätze, so wie an jedem anderen Schultag auch. Sonntagsschule war jedoch eine viel ernstere Angelegenheit als ihre normaler Unterricht, und wiederholt hatte Reverend Whitwater darauf hingewiesen, dass es hier nicht um so weltliche Dinge ging wie ihre Bildung, sondern um ihrer aller Seelenheil. Seine Stunden waren entsprechend langweiliger und schwerer zu verdauen, anders als die normalen Unterrichtsstunden, und das schloss selbst Mathematik und Grammatik mit ein die zwei wohl unbeliebtesten Fächer.
Beim Eintreten hatte Aldwin Holmes den kleinen Schlawiner kurz zurück gehalten und ihm rasch ins Ohr geflüstert: „So sehr ich dieses Schauspiel gerade genossen habe, denn es geschah beiden wohl doch ganz recht, würde ich vorschlagen, Sherlock, dass du das nächste mal nachdenkst ehe du handelst und nicht so einfach das Wasser auf den Weg kippst. Es hätte schließlich auch eine ältere Dame oder der Reverend gewesen sein können, und die hätten sich sicherlich ganz schön verletzt, meinst du nicht?"
„Tut mit leid," war die zugegebenermaßen nicht besonders zerknirschte Antwort, die er daraufhin erhielt.
Nun ja, kosmische Gerechtigkeit war schon etwas ganz besonderes...
Hätte Sherlock in diesem Moment aufgesehen, wäre ihm sicherlich aufgefallen, dass sein Onkel irgendetwas in Schilde führte. Die Ähnlichkeit zwischen Onkel und Neffen was wieder einmal unverkennbar. Da der kleine Knirps aber nicht aufsah, entging ihm das verschwörerische grinsen und so war das was nun folgte wirklich eine ziemliche Überraschung.
„Die nächsten paart Tage, werden wir alle für ein Krippenspiel üben, dass wir dann an Heilig Abend in der Kirche aufführen werden," verkündete der Pastor feierlich, sobald alle endlich ruhig waren.
Die Kinder starrten ihn zunächst nur ungläubig an, denn solch etwas hatte es noch nie zuvor in Langfield gegeben und es dauerte einige Zeit, bis sich ihre Gemurmel wieder gelegt hatte.
Es war Aldwin der fortfuhr, besser darin für Ruhe und Ordnung unter seinen Schülern zu sorgen: „Reverend Whitwater und ich haben uns gestern zusammengesetzt und einen Plan ausgearbeitete wer wohl am besten welchen Part übernimmt. Bei der ganzen Kinderschar hier, gab es natürlich für jede Rolle mehrere Optionen, und konsequenter Weise werden wir nun erst einmal die Geschichte lesen und dann alle zusammen entscheiden, wer welche Rolle bekommt."
Die Lesung zog sich in die Länge, aber zu guter Letzt war es beschlossene Sache, dass Matt Rodgers Joseph sein würde, mit Rosalie Brown als Maria, Marty Riley, George Dean und Mycroft würden die heiligen drei Könige sein, Sherlock wurde der Wirt mit Janet als Frau des Wirtes, was ihn etwas ärgerte und seinem Onkel scheinbar diebisches Vergnügen bereitete, während alle anderen gleichmäßig als Herbergsgäste, Hirten und Engel aufgeteilt wurden, die letzteren natürlich diejenigen die am besten singen konnten. Die eigentlichen Proben wurden auf die folgenden Tage verschoben und so trotte eine Herde aufgeregter Kinder endlich heim um zu Mittag zu essen.
Früh am nächsten Morgen ging es also für die Kinder in die Schule, so wie an jedem anderen Schultag auch, jedoch war das was sie erwartete viel aufregender und interessanter. Alte Kleidungsstücke waren eilig von Müttern, Großmüttern und großen Schwestern umgenäht worden um als Kostüm zu dienen und Janet hatte ihre Stoffpuppe, welche sie selber gemacht hatte, und die auch so aussah, mitgebracht um sie als Jesuskind in die Krippe legen zu können. Diese Krippe war ein altes, sperriges Holzding, das der Reverend aus seinem eigenen Stall mitgebracht hatte und dass entsprechend wunderbar schäbig aussah.
Alle arbeiteten hart und waren mit ganzem Herzen bei der Sache, und selbst die drei Weisen aus dem Morgenland schafften es, trotz ihrer Veilchen einen Ausdruck auf ihre Gesicht zu bekommen, der dem von Würde und Weisheit ähnelte. Immerhin hatte Sherlock in der Zwischenzeit herausgefunden, dass auf dem Weg nach Hause von der Schneeballschlacht, sich die Jungen selber in die Haare gekriegt hatten und es zu einer weiteren Prügelei gekommen war, worum es gegangen war, wussten sie scheinbar aber selber nicht. Nun ja, er konnte sich auch keinen Reim darauf machen, warum Janet ihn die ganze Zeit so anhimmelte, aber es machte ihn ziemlich nervös. Seit er ihr so matschverschmiert entgegen gekommen war, hatten sie eigentlich nur das nötigste miteinander gesprochen, was eher wenig war, und er hatte sich eigentlich mit diesem Arrangement ziemlich wohl gefühlt. Dass sie nun quasi seine Frau war und dann auch noch so glücklich dabei schien, passte ihm so gar nicht in den Kram.
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„Sag mal, Onkel Aldwin," wunderte sich Sherlock am Abend, als sie alle zusammen um den Küchentisch saßen, „warum haben die drei Weisen dem Jesuskind eigentlich keine praktischeren Geschenke mitgebracht? Ich meine, Gold ist ja noch ganz vernünftig, davon kann man sich schließlich etwas zu Essen kaufen, aber was in aller Welt sollen denn Maria und Joseph mit Weihrauch und Myrrhe anfangen?"
„Nun ja, mein Junge, sie haben halt gedacht Jesus sei ein König, und das ist er ja auch, allerdings auf andere Weise als sie angenommen hatten. Sie haben beim besten Willen nicht damit gerechnet das Kind eines Zimmermanns und seiner jungen Frau in einem Stall zu finden, statt das Kind eines anderen Königs in einem prächtigen Palast. Aber Gottes Wege sind nun einmal unergründlich."
„Aber sie waren doch Weise und Zauberer die die Sterne gelesen haben. Wie konnten sie das dann nicht wissen?" gab wiederum der sechsjährige Querdenker zu bedenken.
Seufzend legte Aldwin sein Buch beiseite und starrte für einige Augenblicke gedankenverloren vor sich hin als ob ihm so die richtige Antwort einfallen würde. Endlich sah er wieder auf und lächelte: „Selbst die weisesten Männer können sich irren, Sherlock, es liegt in unserer Natur. Sie erwarteten einen König und deshalb haben sie die wertvollsten Geschenke mitgebracht, die sie nun einmal finden konnten, um sie einem Kind zu schenken, dass für solche Pracht keine Verwendung hatte, und welches als Mann solchen Pomp kategorisch ablehnte."
Seine Ellenbogen auf dem Tisch abstützend legte Sherlock sein spitzes kleine Kinn in seine gefalteten Hände und dachte über das nach, was sein Vormund ihm gerade gesagt hatte, bis ihm eine weitere Frage durch den Kopf schoss.
„Heißt das, dass du sich auch irren kannst?"
Lachend antwortete sein Onkel das das sogar ziemlich oft vorkam.
„Gibt es irgendeinen Weg, wie man es verhindern kann, sich zu irren?" erkundigte sich Sherlock in seiner kindlichen Unschuld.
„Ich fürchte nicht, mein Junge, Nur Frauen schaffen das, und nur nachdem sie geheiratet haben. Als Mann hast du nur die Möglichkeit unverheiratet zu bleiben, um zumindest nicht immer unrecht zu haben," erwiderte Aldwin grinsend und offensichtlich nicht im ernst.
Mit zusammengezogenen Brauen starrte Sherlock seinen Vormund an, unsicher ob er scherzte oder nicht, aber als das Gesicht des Mannes anfing sich zu einem Lachen zu verziehen und Aldwin Holmes in herzhaftes Lachen ausbrach, wusste er, dass dieser nur Spaß gemacht hatte. - Zumindest ein bisschen.
Als Sherlock in dieser Nacht im Bett lag, wie gewöhnlich an seinen Bruder geschmiegt, dachte er darüber nach, was überhaupt richtig und was falsch war, und so sehr war er mit dieser doch sehr philosophischen Frage beschäftigt, dass er einfach keinen Schlaf finden konnte. Wer sagte eigentlich was nicht richtig war, und umgekehrt? Und war was heute falsch war, schon immer falsch gewesen? Oder war es irgendwann zu etwas falschem geworden? Mit Mathematik war das einfach die richtige Antwort zu finden. Mathematik war logisch nachvollziehbar und leicht zu beweisen. Konnte man daraus nicht schließen, dass das was sich beweisen ließ richtig und was sich nicht beweisen ließ somit falsch war? Oder war dort die Antwort einfach schlichtweg nicht möglich? Mycroft, der selig schlummerte hielt seinen kleinen Bruder fest im Arm. Den anderen Tag hatte er von Algorithmen gesprochen, und Sherlock hatte fasziniert an jedem seiner Worte gehangen. Konnten vielleicht diese Algorithmen, oder viel eher Logik vielleicht auch auf alltägliche Dinge angewandt werden? Nun ja, er würde es zumindest versuchen.
Endlich übermannte ihn dann doch der Schlaf und in Sherlock Holmes' Fall hieß dass, dass zwar seine Augen zufielen, sein Kopf aber weiterhin schwer beschäftigt war. Selbst zu den besten Zeiten war Sherlock ein eher unruhiger Schläfer, wenn er aber über etwas nachgrübelte, wälzte er sich in seinem Bett herum wie ein kleiner Brummkreisel und selbst Mycrofts Umarmung konnte ihn nicht still liegen lassen. Das Ergebnis war, dass der leidgeprüfte und übermüdete Jugendliche mitten in der Nacht sich mitten in der Nacht in sein eigenes eiskaltes Bett schlich und den unruhigen Lümmel sich weiterhin um seine eigene Achse drehen ließ, mal auf dem Rücken liegen dann wieder auf dem Bauch, so wie er als Baby immer geschlafen hatte, seine Beinchen unter ihm angewinkelt und den Po gen Himmel gestreckt. Der einzige Unterschied heutzutage war lediglich, dass er nun nicht mehr an der Ecke seiner Decke nuckelte bis sie vollkommen durchnässt war. Im fahlen Mondlicht warf Mycroft seinem Bruder einen letzten liebevollen Blick zu ehe er sich mit einem Lächeln und einem Kopfschütteln in seinem eigenen Bett umdrehte und wieder einschlief.
Der Skandal passierte drei Tage später. Die Kinder hatten mittlerweile ihre Proben in die Kirche verlegt und mit nur noch zwei Tagen Zeit bis zu ihrer Aufführung und sie wurden immer besser im Aufsagen ihres Textes, obwohl natürlich die allgemeine Aufregung auch mit jedem Tag der verging zunahm. Es war Mycroft, der plötzlich bemerkte, dass die Puppe, die eigentlich ordentlich in Tücher gewickelt in der Krippe hätte liegen sollen nicht mehr dort war. Die Krippe war leer. Oder zumindest so leer wie eine Krippe voller Heu nun einmal sein konnte. Sie suchten die Kirche ab und auch das Schulhaus, aber das Jesuskind war und blieb verschwunden.
"Nun, ich würde vorschlagen, wir machen erst einmal ohne Puppe weiter und sehen dann, dass wir sie nach der Probe finden," schlug Aldwin vor, nachdem es nun mittlerweile stark auf die Mittagszeit zuging.
Reverend Whitwater, unpraktisch wie immer, nickte nur, sein gutmütiges Gesicht zeigte einige Enttäuschung ob der unerwarteten Entwicklung seines Projekts. Aber die Kinder waren wie immer mit Feuereifer dabei und in Anbetracht der fast fehlerfreien Aufführung die dem Schlamassel folgte, hatte er bis zu seinem Mittagessen das fehlende Requisit fast wieder vergessen.
Nun ja, Reverend Whitwater hatte es vergessen, nicht aber Sherlock Holmes, und auch nicht Janet. Sherlock saß in einer der Kirchenbänke und kaute abwesend an seinem Keks, den er hin und wieder in seinen Tee tunkte. Beides hatte Emma den Kindern vorbeigebracht. Es erstaunte ihn ein bisschen, dass Janet keinen Aufstand machte, denn er wusste sehr wohl, wie sehr sie an ihrer etwas schäbig aussehenden Puppe hing, und er konnte es ihr nicht einmal verdenken, sie war halt ein Mädchen. Aber alles was sie nun tat war sich ihm und Alfie gegenüber zu setzten und ihn wie nebenbei zu fragen: „Ehrlich, wer würde schon das Jesuskind einfach so mitnehmen? Denkt ihr wir finden den Missetäter?"
„Kann schon sein," murmelte Alfie und sah das hübsche Mädchen bewundernd an, was wiederum seinem grinsenden Freund nicht entging.
„Wenn jemand meine Puppe finden kann, bist das sicherlich du, oder?" fuhr sie fort und sah Sherlock nun direkt an.
„Nun ja..." antwortete dieser ausweichend, gleichwohl er schon längst beschlossen hatte das Rätsel zu lösen, was ihn allerdings etwas irritierte war, dass sie zu glauben schien er würde sie mitmachen lassen.
„Und was schlägst du vor, was wir machen?" erkundigte sich Janet mit einem Enthusiasmus den sie sonst selten an den Tag legte.
„Wir warten bis die Proben zu ende sind und dann suchen wir nach Hinweisen." lautete die Antwort des kleinen Detektivs. „Mycroft und Rosalie sagen, dass sie das Kind in der Krippe gelassen haben und dass es folglich dort sein sollte, was es ganz offensichtlich aber eben nicht ist. Eins ist aber schon mal sicher, eine Puppe kann sich schlecht selbst von irgendwo fort bewegen, also muss sie jemand genommen haben. Und es ist gut möglich, dass dieser Jemand Spuren hinterlassen hat, und genau die müssen wir finden."
Und so, als alle anderen nach Hause gingen, schlichen sich Alfie, Janet und Sherlock wieder in die kleine Kirche und sahen sich ungestört um. Es war Aldwin Holmes, der die drei aus den Augenwinkeln heraus beobachtet hatte, zu verdanken, dass Mr Brown, der Küster, sie nicht aus versehen dort einschloss.
„Wo suchen wir zuerst?" fragte Alfie, der sich in der leeren Kirche sichtlich unwohl fühlte.
„Die Krippe genau unter die Lupe nehmen, natürlich!" war Sherlocks ungeduldige Antwort, als er sich der Krippe zuwandte.
Gleichwohl Mycroft und Rosalie die Krippe angeblich gründlich durchsucht hatten, hatten sie nichts zutage gebracht, und dennoch konnte es sich der kleine Lümmel nicht verkneifen, sie noch einmal genaustens zu untersuchen, denn schließlich hatten die anderen ja nur nach der Puppe selbst gesucht, und nicht nach irgendwelchen Hinweisen. Zunächst untersuchte er also das grobe Tuch, dass ordentlich gefaltet als Laken diente und obenauf lag. Nachdem er es fertig studiert hatte reichte er es an Janet weiter, die es nicht weniger interessiert inspizierte, während Alfie nervös von einem Bein auf das andere trat.
Als nächstes leerte Sherlock das gesamte Heu und Stroh aus der Krippe und verteilte es über den Kirchenfußboden, was in einem ziemlichen Chaos endete, aber auch dort war definitiv keine Puppe, aber gerade als er dachte dass all seine Bemühungen umsonst gewesen waren, sah er es – eine kleine, hellrosa Schleife aus Satin, die einem Mädchen aus den Haaren gefallen sein musste. Er versuchte sich zu erinnern welche der Mädchen eine solche Schleife im Haar gehabt hatte, musste aber schließlich Janet fragen.
Sie nahm sie in die Hand und sah sie sich nicht minder genau an, wie er es getan hatte, doch auch sie schüttelte nur den Kopf.
„Viele tragen diese Schleifen, ich habe auch so eine. Mr Perry hatte vor ein paar Wochen im Angebot, weil er zu viel von dem Band bestellt hatte und fast alle haben welche gekauft weil die Farbe so hübsch ist."
Darüber konnte man zwar Sherlocks Meinung nach streiten, aber er hatte das ungute Gefühl dass satt sie der Lösung näher zu bringen, die Schleife die Zahl der Verdächtigen nicht unerheblich erweitert hatte. - Zumindest bis ihm einfiel, dass er zumindest die Jungen ausschließen konnte, denn die würden sich nie und nimmer mit einer solchen Schleife in der Öffentlichkeit zeigen.
Sie sammelten das Stroh wieder ein und packten es mit einiger Mühe zurück in die Krippe und noch einmal sah Sherlock sich gründlich in der Kirche um. Wo hatten sie denn vielleicht noch nicht nachgesehen? Im Taufbecken? Niemand war bisher auf die Idee gekommen dort nachzusehen, aber es war mit einem hölzernen Deckel verschlossen, auf dem eine bestickte Decke lag auf welchem wiederum ein Armleuchter stand. Den Leuchter drückte er kurzer Hand Alfie in die Hände und zog dann die Decke weg um den Deckel zu heben. Er hatte zugegebener Weise nicht damit gerechnet, dass sich tatsächlich Wasser in dem Taufbecken befand, aber es war etwa bis zur Hälfte gefüllt und so musste er wohl oder übel in das kalte Nass greifen um zumindest sicher sein zu können, dass das vermisste Jesuskind nicht doch auf dem Grund des Taufbeckens lag.
Zuletzt durchsuchten sie noch die Sakristei, das während ihres Krippenspiels als Wirtschaft diente. Dort gab es viele Truhen und Schränke, Kisten und Kartons mit den verschiedensten Inhalten, was die kleinen Spürnasen etwas verwirrte, denn wozu bitte brauchte man in einer Kirche denn eine Gartenschere? Oder Besteck? Aber bei Erwachsenen konnte man nie so genau wissen, und so räumten sie alles wieder ordentlich dorthin, wo sie es gefunden hatten. Und noch immer war die rosa Schleife der einzige Hinweis den sie in Bezug auf diese skandalöse Entführung gefunden hatten.
Als die drei endlich aus der Kirche traten, wobei sie der amüsierte Pastor kopfschüttelnd beobachtet, wurde es bereits dunkel und es hatte wieder angefangen zu schneien. Alfie erklärte sich dazu bereit Janet nach Hause zu bringen, und sich verabschiedend drehte Sherlock sich stürmisch um und stieß unvermittelt mit seinem Onkel zusammen.
„Ich sehe du hast einen neuen Fall," lächelte dieser.
Sein Neffe nickte nur. Er war zugegebener Weise ganz schön auf den Geschmack gekommen Rätsel zu lösen, und je kniffeliger, desto besser.
„Und, hast du schon irgendetwas erreicht?"
„Nicht so wirklich, Onkel Aldwin," lautete die zerknirschte Antwort. „Aber immerhin haben wir das hier gefunden."
Er hielt die Schleife hoch.
„Weißt du, Sherlock, das ist mehr als die anderen gefunden haben."
„Ja, aber es kann doch auch jemand während der Suche verloren haben, oder?"
Dieser eher entmutigende Gedanke war ihm eben erst gekommen.
„Das ist natürlich möglich," stimmte Aldwin ihm mit einem stolzen Lächeln zu. „Aber weißt du was? Wir gehen jetzt rüber zur Schule und holen mein Vergrößerungsglas und dann kannst du dir die Schleife zu Hause noch mal genau ansehen. Du weißt doch, wie es ist, es ist immer eine Überraschung, wie anders etwas mit etwas Vergrößerung aussieht, und wie viele Details mehr man sehen kann."
Gesagt, getan, und so, sobald sie mit dem Abendessen fertig waren und der Tisch abgeräumt war, saß die ganze Familie um den Tisch herum und versuchte herauszufinden, was sie mit der Schleife anfangen konnten und welche Antworten sie vielleicht preisgab.
Mycroft bestand darauf, dass sie zumindest nicht von Rosalie sein konnte, denn mit ihren rötlichen Haaren waren ihre Schleifen blau und nicht rosa. Janet wiederum wurde von Sherlock entlastet, denn es machte nicht sehr viel Sinn, dass sie zuerst ihre Puppe zur Verfügung gestellt hatte, nur um sie dann verschwinden zu lassen, denn alles was sie hätte tun müssen, war die Puppe ganz offiziell wieder mit nach Hause zu nehmen um sie am nächsten Tag wieder mitzubringen und alles wäre gut gewesen. Ihre eigene Puppe zu stehlen war somit blödsinnig.
Seufzend sah sich Sherlock die Schleife noch einmal an. Die Schlaufe welche den Zopf gehalten hatte, war eher klein, er konnte noch nicht einmal seinen kleinen Finger hindurch stecken, und sich eine von Emmas Stricknadeln ausborgend erkannte er immerhin, dass nur eine winzige Strähne von ihr hätte gehalten werden können, aber kaum ein richtiger Zopf.
Er zerbrach sich schier den Kopf darüber, wer dieses mysteriöse Mädchen wohl sein mochte, und zollte seiner Umgebung kaum Aufmerksamkeit. Aber es musste sie geben, und sie musste die Gelegenheit gehabt haben, in einem unbeobachteten Moment die Puppe zu nehmen.
„Sherlock, könntest du bitte damit aufhören noch mehr Löcher in die Tischplatte zu machen?" durchdrang endlich die Stimme seines Onkels seine Gedankengänge. Der Mann schaffte es tatsächlich zugleich verärgert und amüsiert zu klingen.
Aus seinen Tagträumen erwachend bemerkte Sherlock, dass er die Stricknadel, die er immer noch in der Hand hielt, immer wider in die polierte Oberfläche des Tisches gedrückt hatte, und das Ergebnis war ein kurioses Muster aus kleinen Löchern, die fast wie eine Sternenkarte aussahen. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass er noch kein Geschenk für Alfie hatte und mit nur zwei Tagen bis Weihnachten, wurde es allerhöchste Zeit.
„Emma, kannst du mir vielleicht zeigen, wie man strickt? Ich würde Alfie gerne eine neue Mütze machen."
Diese Bitte wurde von einer erstaunten Pause gefolgt, denn gleichwohl alle Männer im Haushalt sehr wohl wussten, wie man Knöpfe annäht oder Strümpfe stopfte, hatte keiner der drei auch nur ansatzweise je versucht selbst etwas zu erschaffen. Mit einem Lächeln, packte Emma ihr Spinnrad beiseite zog ein rotes und ein grünes Wollknäuel aus ihrem Korb, reichte sie ihrem kleinen Schatz, zusammen mit einem Nadelspiel. Der kleine Knirps sah etwas verwirrt auf die fünf Stricknadeln in seinen Händen.
Aber mit viel Geduld schaffte Sherlock es dann seine ersten Reihen zu stricken und je mehr er strickte, desto schneller wurde er, bis er am Ende des Abends, dank seiner geschickten Hände und seiner schnellen Auffassungsgabe, und nicht ohne Stolz, tatsächlich eine dicke rote Mütze mit grünen Kringeln in den Händen hielt. Das Mädchen half ihm noch eine Bommel zu machen und zusammen mit einem Glöckchen, das eigentlich für eine Maitanz-Schärpe gedacht gewesen war, befestigten sie beides an der fröhlichen Kopfbedeckung.
Als er seine beiden Freunde am nächsten Tag wieder traf, berichtete er, was er bisher heraus gefunden hatte.
„Dann weiß ich, wer der Entführer ist!" rief Janet zu seiner Überraschung aus.
„Ehrlich?" Alfie sah ziemlich verdutzt drein, so als könne er sich gar keine Reim auf all das machen, was die anderen gerade gesagt hatten.
„Ja, die kleine Mary Brown. Rosalies Schwester."
„Na hör mal, die ist doch erst vier!"
„Ja, das schon, aber Mr Brown ist doch Küster, und macht die Kirche sauber, schaut nach den Blumen und so weiter. - Ich weiß das, weil mein Vater ja im Kirchenvorstand ist, und er sagt er ist mit Mr Brown wirklich sehr zufrieden, weil er so zuverlässig ist und obwohl er doch sonst noch so viel zu tun hat, mit seiner Schneiderei und allem."
„Ach komm, es ist doch allgemein bekannt, dass es Mrs Brown ist, die die Sachen näht und nicht ihr Mann," rief Alfie entrüstet aus. Mr Brown war Langfields Schneider, der wegen seiner grüßen Kinderzahl froh gewesen war, den Posten als Küster zu bekommen, um ein paar Schilling extra zu verdienen.
Janet verdrehte nur die Augen, so als ob sie sagen wollte, dass das nun wirklich jeder wusste.
„Nun ja, wenn das so ist, sollten wir zu ihr gehen und sie fragen, oder?"
„Aber die Probe fängt doch in zehn Minuten an."
„Ja, weiß ich, wir sollten uns also beeilen. Die Browns wohnen doch gleich auf der anderen Seite des Kirchhofs, es ist ja nicht so, als ob wir ewig bräuchten um da hin zu kommen," war Sherlocks ungeduldige Antwort.
Sie fanden Mrs Brown beschäftigt mit ihrem Jüngsten, ein vier Monate altes Baby mit Namen Robin, während Rosalie, Peter, Carol, Anna und Jack gerade das Haus verlassen wollten um zur Kirche hinüber zu gehen.
Die kleine Mary saß am Küchenherd und spielte mit der Katze der Familie.
„Mary, sag mal, hast du die Puppe aus der Krippe in der Kirche genommen?" fragte Alfie sie, ohne sie weiter zu grüßen -
Ihr kleines Gesicht, welches zuvor fröhlich drein geschaut hatte, verzog sich verärgert und sie stand hastig auf und stampfte in indigniertem Protest mit dem Fuß auf.
§Ich mag dich nicht!" rief sie aus und streckte Alfie die Zunge heraus.
Der junge Master Taylor war ziemlich peinlich berührt und sah verlegen von Janet zu Sherlock. Es war Sherlock, der seelenruhig fortfuhr: „Er hat es nicht so gemeint, Mary, und es tut ihm leid, aber es ist so, dass Jesuskind ist verschwunden und wir versuchen es wieder zu finden. Ich habe das hier in der Krippe gefunden, und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies deine Schleife ist, oder?"
Das kleine Mädchen sah sich die Schleife an und nickte schließlich.
„Ja, ich habe sie verloren."
„Und die Puppe?"
Für einen Moment schien sie verwirrt, bis sie mit Hilfe von Janet realisierte dass sie die Puppe meinten, die Jesus darstellen sollte.
„Ach, die Puppe, ja, die war toll. Ich habe sie kurz hoch genommen um sie mir genauer anzusehen. Ich wünschte ich hätte auch so eine, aber vielleicht bring mir der Weihnachtsmann ja eine."
„Und was hast du danach mit der Puppe gemacht?"
„Papa wollte nach Hause und ich habe sie zurück in die Krippe gepackt. Obwohl ich glaube ich habe die Decke etwas in Unordnung gebracht..."
„Glaubst du sie sagt die Wahrheit?" flüsterte Alfie Sherlock ins Ohr. Zu seiner offensichtlichen Überraschung nickte dieser bestimmt.
„Mary, sag mal, war da noch jemand in der Kirche?"
Sich auf die Unterlippe beißend dachte das Kind einen Augenblick lang angestrengt nach ehe sie antwortete: Ja, Papa hat mit einem Mann gesprochen. Er hat sich die Vorbereitungen angesehen und ist dann mit uns hinaus gegangen. Ich glaube das war dein Papa."
Mary zeigte mit dem Finger auf Janet, die sie überrascht anstarrte.
Der junge Sherlock Holmes allerdings dachte bei sich, dass nun endlich alles absolut Sinn machte und war sich sicher, dass das Rätsel gelöst war, was er jedoch nicht seinen Freunden mitteilte. Nein, er zog es vor, seine Vermutung erst beweisen zu können, ehe er damit heraus rückte.
Und so, als sie alle zum Mittag nach Hause gegangen waren, folgte er Janet unauffällig, beobachtete, wie sie das Haus betrat, wartete ein paar Minuten, bis er sicher sein konnte, dass sie am Tisch sitzen würde und klopfte dann an die Tür. Er hatte Glück, denn diese wurde nicht von einem Dienstmädchen geöffnet, sondern von Mr Brickley.
„Guten Tag, Mr Brickley, es tut mir Leid, dass ich sie störe, aber ich habe mich gefragt, ob sie nicht vielleicht die Puppe aus der Krippe genommen und mit nach Hause gebracht haben?"
Zuerst sah der Mann etwas perplex drein, doch dann lachte er: „Und was interessiert dich das, junger Mann?"
„Na ja, jemand hat unser Jesuskind entführt und wir suchen jetzt danach, konnten es aber bisher nicht finden."
„Ach, natürlich!" George Brickley grinste verlegen und beugte sich dann zu Sherlock herunter um ihm verschwörerisch zuzuraunen: „Ich werde dafür sorgen, dass nach dem Mittag, das Jesuskind wieder dort ist, wo es sein sollte, nämlich in der Krippe. Wir brauchten sie – die Puppe ist eigentlich ein Mädchen, weißt du? - um ihr ein neues Kleid zu machen, und als ich die Puppe meiner Tochter da so liegen sah, habe ich sie einfach mit nach Hause genommen und habe völlig vergessen, dass sie vermutlich am nächsten Tag vermisste werden würde. Versprichst du mir, junger Mann, dass du nichts verrätst?"
„Selbstverständlich, Sir."
Das Krippenspiel war ein voller Erfolg, und als Aldwin es endlich geschafft hatte seine beiden aufgedrehten Neffen ins Bett zu bringen, setzte er sich zu Emma in die Küche, und genoss die Behaglichkeit, die mit ihre Einzug gehalten hatte. Seit sie zu ihnen gezogen war, hatte er nur selten den Drang verspürt, sich alleine in das Wohnzimmer zu setzten, oder sich auf sein eigenes Zimmer zurück zuziehen, so wie er immer getan hatte, als Kitty noch bei ihnen diente.
„Ist alles vorbereitet?" erkundigte er sich bei der fleißig spinnenden Frau.
„Aber natürlich, Sir. Ich warte nur darauf, das die beiden Racker auch wirklich schlafen, ehe ich die Zimmer dekoriere und den Tisch decke." erwiderte sie lachend.
„Gut, da hast du natürlich Recht, es würde mich nicht wundern, wenn gleich die Tür aufgeht und Sherlock davor steht um sich etwas zu trinken zu holen nur um zu sehen, ob der Weihnachtsmann schon da war – oder gar um auf ihn zu warten."
Und tatsächlich, kaum hatte er die Worte gesprochen, lugte der kleine Strolch ins Zimmer ehe er sie ganz öffnete.
„Kann ich bitte etwas zu trinken haben?" erkundigte er sich gähnend.
Mit einem resignierten Grinsen reichte ihm sein Onkel ein Glas Wasser und schickte ihn zurück ins Bett.
