Kapitel 3
Sirius beobachtete, wie die Gruppe junger Leute aufbrach. Das stürzte ihn in gewisse Entscheidungsnöte. Einerseits hatte er das Gefühl, Severus brauche ihn jetzt, andererseits fühlte er sich zu seiner Tochter hingezogen und wollte sich nicht so schnell schon wieder von ihr trennen. Abgesehen davon war ein Besuch in den 'Drei Besen' genau nach seinem Geschmack. Vielleicht hatte er Glück und traf dort auf Harry, Ron und Hermine?
Er stand auf, leckte noch einmal dankbar über Severus' Hand und trabte dann hinter den Kindern her, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
„Guck mal, der läuft uns nach", rief einer der Jungen verwundert. Sirius beachtete ihn nicht, sondern lief zielstrebig auf Daniel zu. Hier war die Gelegenheit, als Vierbeiner in die 'Drei Besen' zu kommen. Haustiere wurden dort im Allgemeinen nicht besonders gerne gesehen, aber als Blindenhund würde man ihm kaum den Eintritt verweigern. Er berührte Daniels freie Hand mit der Nase. Der Junge blieb abrupt stehen.
„Was willst du, Hund? Ich hab' kein Eis mehr." Er kraulte Sirius den Hinterkopf. Dieser stellte sich ganz dicht an seine Seite. Er war so groß, dass Daniel ihm locker die Hand auf den Nacken legen konnte, ohne sich zu bücken.
„Ich weiß nicht … es sieht aus, als wolle er dich führen", sagte Asteria verwundert. „Komm, schauen wir mal, was er macht, wenn wir weitergehen."
Sie setzten sich wieder in Bewegung und Sirius passte sich ihrem Schritttempo an. Er lief so neben Daniel her, dass dieser seine Hand beim Gehen immer auf den Schultern des Hundes liegen lassen konnte.
„Meine Güte, ich glaube, der will dich wirklich führen", murmelte einer von den Ravenclaws anerkennend. „Der scheint doch ausgebildet zu sein."
Daniel wagte ein Experiment. Er lockerte den Griff um Asterias Arm und hielt sich mehr in den Haaren des Hundes fest. Sirius spürte es und freute sich über das ihm geschenkte Vertrauen. Sehr umsichtig geleitete er Daniel über die Straße, während die anderen Kinder zwar dicht genug, um im Notfall schnell zuzugreifen, aber ohne die beiden zu berühren neben ihnen her gingen. Severus und Georgia beobachteten die Szene.
Georgia hatte auch das Gespräch zwischen Asteria und Daniel mitbekommen, auch wenn sie sich nichts davon anmerken ließ. Es war schon rührend, wie mitfühlend und weitsichtig der Junge handelte. Und ... er hatte sich getraut, ein Mädchen ganz unauffällig aufzufordern – sozusagen. Die Frau hatte auch den Blick gesehen, mit dem Asteria ihr Gegenüber taxiert hatte, und ihre Zusage war als Erfolg zu verbuchen, den Georgia ihrem Schützling von ganzem Herzen gönnte.
Aber was hatte dieser Hund mit dem Mädel? Bei Gelegenheit würde sie ihn direkt danach fragen. Severus würde sie bestimmt nicht deswegen ansprechen, das war ihr jetzt zu heikel. Überhaupt war ihr nicht mehr nach Reden zumute, eine unbestimmbare Traurigkeit hatte sich in ihrem Bauch breit gemacht.
Es entwickelte sich ein starker Drang in ihr, im nächsten Laden einen ganz besonders guten Badezusatz zu kaufen, sich in einer Wanne heißen Wassers einzuweichen und ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Es war nicht leicht zu verdauen, wenn man erkennen musste, dass Wünsche sich nicht verwirklichen ließen und Fantasien für immer Träume blieben.
Ihre Augen verfolgten die Kinder und wie geschickt der Hund Daniel um die Hausecke lenkte. Er würde diese Aufgabe gut bewältigen, dessen war sie sich sicher.
Sie versank wieder in ihre Erinnerungen. Wie viele Nächte hatte sie wach gelegen und sich die verschiedensten Dinge ausgemalt. Wie diese Stimme, die ihr die Knie weich werden ließ, ihr auch mal nette Worte sagen oder zuflüstern würde.
Zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde war ihr aufgefallen, wie grazil seine Hände waren und wie elegant er sie zu benutzen verstand. Wenn er etwas vorführte, glichen die Bewegungen einem stillen Ballett mit Apparaturen und Reagenzgläsern. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, was diese schmalen Finger auf ihrer Haut anstellen könnten. Sie hatte einen Trick angewandt, damit er Gebärden lernte, aus dem einzigen Grund, weil es so schön aussah.
Wie sehr hatte sie sich danach verzehrt, die festen Muskeln an der schlanken Figur spüren zu dürfen. Seine Haut berühren, mit Energie und Wärme und Reizen zu überfluten, seinen Herzschlag, den Atemrhythmus fühlen zu können – nichts, nichts davon würde ihr vergönnt sein.
Sie hatte einfach das falsche Geschlecht. Ihre Größe, ihr breites Kreuz, ihr forsches, fast männliches Auftreten konnten nichts daran ändern, dass ihre Anatomie ein Defizit aufwies.
Aber ... diese Vorstellungen waren schön! Niemand wusste davon und niemand konnte ihr verbieten zu träumen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Doch auch die stärkste Vorstellungskraft konnte keine richtige Berührung und Zärtlichkeit ersetzen.
"Du lässt ihn einfach gehen?" Nur langsam drang die Frage zu Georgia durch.
"Das ist mein Job", erwiderte sie immer noch halb abwesend. Eigentlich hätte sie froh sein können, über den Fortschritt und einen halben Tag mit vollkommen freier Zeiteinteilung.
Severus war fast erschrocken über ihre Abwesenheit, er drehte sich zu ihr um und musterte sie eingehend.
"Erzähl keinen Blödsinn. Daniel ist weit mehr als ein Job für dich."
"Es ist mein Job, ihm das Gehen beizubringen und ihn gehen zu lassen, wenn er so weit ist."
"Aber ...", plötzlich fehlten ihm die Worte, um auszudrücken, wie schwierig er sich das Loslassen vorstellte, wenn man derartig intensiv miteinander arbeitete und sogar zusammen lebte.
"Es ist nicht so schwierig, ihnen den Umgang mit ihrer Behinderung beizubringen, es ist viel schwieriger, den richtigen Moment zu erkennen, an dem man sich selbst zurücknehmen muss. Einer dieser Momente ist jetzt!", erklärte die Trainerin nach wie vor recht monoton.
"Warum gerade jetzt?" Er versuchte Zeit zu gewinnen, um sich eine ausreichend starke Provokation auszudenken, mit der er sie aus diesem Zustand reißen konnte.
"Er hat Asteria ganz vorsichtig angegraben und ist bei ihr gelandet. Darum!"
Georgia schien immer noch vor sich hinzustarren, verzog aber wenigstens einen Mundwinkel. Snape die ganze Wahrheit zu berichten, war sie durchaus nicht bereit.
"Euch beide nicht als ein Paar zu betrachten, ist mittlerweile recht schwierig geworden", sagte er nachdenklich, meinte es aber provozierend und es wirkte.
"Wie meinst du das?", fragte sie viel lebhafter, als wäre sie gerade erwacht, mit einem geradezu drohenden Unterton. Auch hatte Georgia sich ruckartig zu ihm umgewandt und Severus spürte sehr deutlich, dass sie ihn sehr kritisch betrachtete.
"Überall sieht man euch zusammen, wie siamesische Zwillinge, und wenn ihr gar Arm in Arm durch die Gegend lauft ... erst recht seit er so gewachsen ist ... ihr seht einfach aus, als hättet ihr was miteinander."
Georgia schnappte nach Luft, für sie hörte sich das nach einer ungeheuerlichen Unterstellung an. Aber Severus hob die Hand und gebot ihr Einhalt.
"Am Morgen des Mittsommertages war ich auch auf dem Schulgelände unterwegs und ... ich habe euch gesehen, wie ihr auf dem Fels gesessen habt, habe eurem Gesang gelauscht..." 'Nein, der Ausdruck ist viel zu schwach, es ist mir durch und durch gegangen', dachte er bei sich, "Du willst mir doch nicht weismachen wollen, dass so etwas ohne Gefühl gehen kann?"
"Nein!"
"Was nein?"
"Das will ich dir nicht weismachen!"
"Aber...?"
"Natürlich liebe ich ihn, ... aber wie man sein Kind liebt."
"Er ist kein Kind mehr." Severus fand allmählich Gefallen an dem 'Gespräch'.
"Nein, er ist auf der Schwelle zum Mann-Sein. Wir sind etwas mehr als Freunde, das stimmt. Und das werden wir auch sein Leben lang bleiben. Aber das wird mich bestimmt nicht dazu verleiten, einen fatalen Fehler zu begehen."
Severus fiel die Formulierung auf und er grübelte einen Moment darüber nach, weshalb sie wohl diese Einschränkung gewählt hatte. Es war nicht ihre Art, sich ohne Grund so auszudrücken.
Georgia war indes der Meinung, dass er für einen Tag genug in ihr Privatleben eingedrungen war. Sie war nicht bereit zu einer Lebensbeichte, schon gar nicht, solange sie die davonschwimmenden Felle noch nicht verarbeitet hatte.
Deshalb holte sie zum Gegenschlag aus: "Du lässt ihn auch einfach gehen?"
"Wie bitte?"
Georgia wiederholte ihre Frage ganz ruhig.
'Wieso sollte ich damit Probleme haben?', fragte er sich. "Er ist dein Schützling."
"Ich meine deinen ... Hund."
Severus holte tief Luft. Jetzt hatte sie endlich Farbe bekannt. Und er hatte keine Lust darauf, entwürdigende Verleugnungen auch nur in Erwägung zu ziehen. Dazu kannte er sie zu gut und schätzte sie zu sehr.
„Dieser … Hund … bedeutet mir sehr viel, aber er ist nicht mein Hund. Ich meine, er gehört mir nicht. Er gehört niemandem und kann seine Wege selbst bestimmen. Es ist nicht immer leicht, das im Kopf zu behalten, aber ich kann ihn nicht an die Leine nehmen. Dazu liebt er seine Freiheit viel zu sehr. Auch kann ich mich nicht immer um ihn kümmern, deshalb wäre es nicht fair, ihn an mich zu binden, nicht wahr? Er ist klug genug, auf sich selbst aufzupassen, und wenn er neue Freunde findet, ist es sein gutes Recht, ein Stück des Weges mit ihnen zu gehen." Er räusperte sich. „Er knurrt auch nicht, wenn ich … einer anderen Person meine Aufmerksamkeit schenke."
Als er Luft holte, machte Georgia sich auf alles mögliche gefasst, aber bestimmt nicht darauf. Die Rede des Tränkemeisters war leise, die Worte wohl bedacht. Jeder Satz brachte sie immer mehr zum Staunen. Er wäre wohl der Letzte gewesen, dem sie eine offene Beziehung zugetraut hätte. Auf der anderen Seite – welche Wahl hatten denn das Personal in Hogwarts?
Mit einem Mal wurde ihr bewusst, das war keine Unterstellung, die er vorhin andeutete, vielmehr eine verschlüsselte Art zu fragen, wie sie es mit ihrem Privatleben hielt. Dabei hätte er um ein Haar einen Riesenkrach vom Zaun gebrochen, denn in diesem Punkt reagierte sie absolut überempfindlich. Eine große Welle von Erleichterung schwappte über sie hinweg und sie lächelte unwillkürlich. Auch über die ungewohnte Offenheit, die er an den Tag legte.
... einer anderen Person meine Aufmerksamkeit schenke. Ja, das tat er, mehr und offensichtlicher als je zuvor. Aber warum hatte ER vorhin so ... reagiert?
Am liebsten hätte Georgia sich mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen und laut ausgerufen: "Was bin ich nur für ein Rindvieh!" – sie beließ es lieber dabei, still mit dem Kopf zu schütteln. Alle Traurigkeit, die Verlustängste, alles war wie weggeblasen, von einer Sekunde auf die andere. Wie gerne wäre sie ihm um den Hals gefallen, aus reiner Dankbarkeit. Es war gar nicht so einfach, die Freudentränen zurückzuhalten. Doch es erschien ihr an der Zeit, Vertrauen mit Vertrauen zu belohnen.
"Eure Freundschaft ... tut dir gut, vom ersten Tag, oder soll ich lieber sagen, von der ersten Nacht an. Am nächsten Morgen hatte der kleine Kerl da drin aufgehört zu weinen und zu schreien. Außerdem hab ich jede Menge fremder Aura an dir gespürt, helle, fast weiße, um es genau zu sagen. Es hat mich nur etwas erstaunt, die an einem Rüden wiederzufinden. Entschuldige bitte, ich versuche normalerweise auf Schubladendenken zu verzichten, anscheinend gelingt es mir nicht immer."
Severus erinnerte sich, dass sie an diesem Morgen merkwürdig still gewesen war, jetzt wusste er auch, wieso. Um Himmels Willen, so offensichtlich war das gewesen? Nun ja, er hatte gemogelt, er hatte es nicht ganz geschafft, die Erinnerungen an diese wunderbare Nacht vollständig in seinem Inneren zu verschließen. Und die weiße Magie, von der Sirius gesprochen hatte, war an ihm noch zu spüren gewesen.
Hoffentlich waren andere nicht genauso gut im Aufspüren fremder Auren, sonst brachte er mit dieser Beziehung tatsächlich alle in Gefahr. Sirius, sich selbst und natürlich auch Dumbledores Pläne.
„Ist es sehr aufgefallen?", fragte er nun, versuchte dabei ruhig zu klingen. „Denkst du, auch andere Leute haben davon was mitgekriegt?"
"Sehr unwahrscheinlich", meinte sie lächelnd, "die wenigsten Menschen verfügen über derartige sensorische Fähigkeiten. Kaum jemand kann die Aura seines Gegenüber wahrnehmen, die Spuren einer fremden Aura davon zu unterscheiden ist fast unmöglich und selbst wenn, fehlt ihnen die Erfahrung, diese Eindrücke richtig interpretieren zu können. Ich war am Anfang überrascht, wie hell deine ist, so ganz das Gegenteil deiner äußerlichen Erscheinung und deines Auftretens. Du bist ein verdammt guter Schauspieler. Mach dir keine Sorgen, dein ... euer kleines Geheimnis ist gut aufgehoben bei mir."
Georgia nahm ganz sachte ihre Hand von der Armlehne und näherte sich unauffällig seiner Hand. Mit der Spitze ihres kleinen Fingers tippte sie einmal kurz auf die Mitte seines Handrückens und schenkte ihm eine Portion Zuversicht.
"Ich hab dir das nicht erzählt, um dich in Unruhe zu versetzen! Du solltest wissen, dass ich mich mit dir freue ..."
Ein kurzes Lächeln huschte über Severus' Gesicht, aber in seinem Inneren kämpften unterschiedliche Gefühle miteinander. Es wäre schön, jemanden zu haben, dem man ganz und gar vertrauen konnte, aber er war immer noch im Zweifel, ob er das durfte. Ob er ihr ganz vertrauen durfte. Sie versprach hier, ein Geheimnis zu hüten, von dem nicht einmal Dumbledore etwas wusste - auch nichts wissen sollte.
Dieses Geheimnis machte ihn verwundbar. Er ärgerte sich ein wenig über seine eigene Dummheit, er hätte wissen müssen, dass sie den Animagus erkennen würde, oder zumindest hätte er es ahnen können. Warum hatte er sich auf dieses gefährliche Spiel eingelassen?
Andererseits hatte sie hier ebenfalls eine Menge preisgegeben, gerade eben. Er war nun absolut sicher, dass sie eine mächtige Magierin war, sie hatte es gerade gestanden - und ihm somit auch eine ordentliche Portion Vertrauen entgegen gebracht. Er beschloss, dieses entgegengebrachte Vertrauen als eine Art Pfand dafür zu betrachten, dass auch er ihr vertrauen konnte.
Zumindest konnte er jetzt sowieso nichts mehr daran ändern, dass sie Bescheid wusste. Ein Obliviate an ihr anzuwenden … das wäre vermutlich genauso zum Scheitern verurteilt, wie der Versuch, ihr heimlich Veritaserum zu verabreichen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als die Dinge so hinzunehmen, wie sie jetzt waren.
‚Lass es einfach zu', hörte er Sirius' dunkle Stimme in seinem Ohr, in diese Erinnerung mischte sich Georgias Stimme mit den gleichen Worten. Eine heftige Gänsehaut überlief ihn dabei, aber es war ein gutes Gefühl.
TBC
