Teil 3
Lily - Thoughts
Wenn ich verschwinden würde, einfach so, würde mich irgendjemand vermissen? Würde jemand nach mir suchen und sich Sorgen um mich machen? Ich kannte die Antwort auf diese Fragen. Es gab niemanden, der mir hinterher trauern würde.
Ich stand hier einsam am Steg des vom Mondlicht erleuchteten Sees und grübelte über das Leben nach, wie es hätte sein können, wenn es mich nie gegeben hätte. Meine Eltern hätten in Ruhe mit Petunia, ihrer einzigen Tochter, leben können, ohne die Zerrissenheit, die Petunia und ich mit unseren ständigen Auseinandersetzungen hervorriefen und welche letztendlich meine Eltern innerlich zerfressen hatte. Und das alles nur, weil ich eine Hexe war.
Sie würden noch leben, ohne mich. Mit Sicherheit würden sie sich freuen, wenn ich von der Bildfläche verschwinden würde, immerhin war ich Schuld an ihrem Tod. War das die Art von Gefallen, den ich ihnen noch schuldete, um mit dem Ganzen in Frieden abzuschließen? Mein Tod für ihren Seelenfrieden im Jenseits?
Was war denn schon mein Leben wert, im Vergleich zu den Schmerzen, die ich meinen Eltern bereitet hatte. Mich erwartete ohnehin keine sonderlich erfreuliche Zukunft, davon war ich überzeugt. Vor mir lagen nur Jahre voller Schmerzen, da könnte ich mit meinem Leben noch etwas Gutes anfangen, indem ich es beendete.
Ein starker Stoß gegen meinen Körper holte mich aus Gedanken und kaum, dass ich mich versah, spürte ich die Kälte des Wassers auf meiner Haut. Irgendetwas Hartes war gegen mich geknallt und hatte mich in den See geworfen. Welch glücklicher Zufall, ich denke über meinen Tod nach und werde gleich darauf in den See geworfen.
Das ist ein Zeichen, schoss es mir durch den Kopf. Das Schicksal gab mir zu verstehen, dass ich mit der Idee für meine Zukunft auf dem richtigen Weg war. Und da mir für den endgültigen Schritt der Mut gefehlt hätte, stupste mich wie von Geisterhand etwas mitten in den See hinein. Der zweite Schritt blieb jedoch allein mir überlassen. Ich durfte nur nicht an die Wasseroberfläche und meine Lungen mit Sauerstoff füllen. Nein... meinen letzten Atemzug hatte ich schon hinter mir. Ich hatte mich entschieden.
Einen Haken gab es aber an der Situation; meine Angst vor dem Ertrinken. Anscheinend konnte ich die Sünden, die ich in meinem Leben begangen hatte, nur auf dieser Weise begleichen.
Mit aller Kraft kämpfte ich gegen den Sog des Wassers an und drückte mich immer weiter in die Tiefe. Wo waren diese blöden Wasserwesen, wenn man sie mal brauchte? Könnte nicht einer auftauchen und mich runter ziehen? Doch es half nicht, meine Gebete wurden nicht erhört. Vom Himmel konnte ich mich also schon mal verabschieden. Hallo, Hölle.
Wenigsten war mein Ballkleid für etwas gut. Es saugte sich voll und half mir, meinen Kopf unter Wasser zu halten. Ich spürte, wie mein Körper atmen wollte und gegen die Wasserwand stieß. Durch die ganze Schwimmerei wollte ich genau dieser Situation entfliehen. Ich wollte stärker sein als das Wasser. Man sollte sich seiner Angst stellen, also schwamm ich so viel und so oft es ging. Zu wissen, dass man stärker war als sein Gegner, aber dennoch nachzugeben und damit ihn gewinnen zu lassen, war ein seltsames Gefühl.
Es dient einen höherem Zweck, sprach ich auf mich ein. Mein Ziel war das, was mich nach der Niederlage erwartete. Also gab ich nach.
Doch es schien, als sei mein Körper mit meinem Tun überhaupt nicht einverstanden. Schon wieder der innere Kampf zwischen Körper und Geist, allerdings war ich zuversichtlich, schließlich hatte ich schon mal gewonnen.
Nein, Lily, denk nicht an ihn, ermahnte ich mich, doch da war es schon zu spät. Vor meinem inneren Auge sah ich sein Gesicht, das mich liebevoll anlächelte, und mich überkam eine Ruhe, die nur er entfachen konnte. Meine Arme und Beine hörten auf sich zu bewegen, um diesen Augenblick in mich aufzunehmen. Sein Anblick tat mir so gut, dass ich sogar einen Moment die schrecklichen Schmerzen vergaß. Eine friedliche Stimmung setzte sich in mir frei und ich war so dankbar, dass ich ihn hatte kennen lernen dürften. Dankbar für die wenigen glücklichen Momente in meinem Leben, die ich mit ihm verbringen hatte können.
Ein seliges Lächeln schlich sich über meine Lippen, jetzt konnte ich in Frieden gehen. Ich schloss meine Augen und keine Sekunde später spürte ich einen plötzlichen Ruck an meinem Körper. Durch die Wasseroberfläche tauchte ich auf in eine neue Welt und atmete zunächst die frische Luft ein. Ganz zart nahm ich den vertrauten Duft von James wahr, es war nur ein kleiner Hauch, doch das genügte, mein Lächeln wurde noch breiter.
Wie konnte das nur möglich sein? Und als Antwort auf meine Frage füllten sich meine Lungen wieder mit Luft und immer wieder traf mich dieser wundervolle Duft, der allein ihm gehörte. Nein, ich konnte keinesfalls in der Hölle sein.
Ich vernahm eine Stimme, die ich unter allen anderen wieder erkannt hätte. Er rief meinen Namen und in meinen Ohren klang es wie Engelsgesang. War ich tatsächlich im Himmel? Ich konnte es kaum fassen, doch als ich erneut seine Stimme hörte, wusste ich, dass es stimmte. Vielleicht wurden mir meine Fehler aufgrund meines frühzeitigen Todes verziehen oder man befand, ich hatte in meinem Leben genug gelitten. Doch um ehrlich zu sein war es mir egal, denn die Hauptsache war, dass er bei mir war. James war bei mir und alles, was ich wollte, war ihm zu sagen, dass ich ihn liebte und nie aufhören würde ihn zu lieben.
"James", flüsterte ich leise.
Schon wieder seine Stimme, er rief nach mir. Ein Schmerz durchzuckte mich, doch dieses Mal war es anders. Es war ein süßer Schmerz. Ich müsste lediglich meine Augen öffnen und das Stechen würde augenblicklich aufhören, doch ich selbst zögerte den Moment absichtlich hinaus. Einerseits war es furchtbar masochistisch von mir, aber auf der anderen Seite gefiel mir dieses neue Gefühl.
James war noch nie ein geduldiger Mensch gewesen, das zeigte sich auch an diesem neuen Ort. Er rief unbarmherzig weiter. Es fiel mir schwer dagegen anzukämpfen doch seiner Stimme konnte ich unmöglich widerstehen.
"James, ich... ich -"
Ich öffnete meine Augen und das, was ich sah, glich nicht im Mindesten dem, was ich mir vorgestellt hatte. Meine Augen weiteten sich, als ich seinen panischen Blick bemerkte. Was war hier geschehen? Wo war mein Himmel? Ich atmete nochmals ein, doch ich konnte ihn nicht mehr wahrnehmen. Wo war sein Geruch geblieben?
"Ist bei dir alles in Ordnung?", fragte mich James. Seine nassen Haare klebten auf seiner Stirn, kleine Wassertropfen suchten sich den Weg in seine Augen. Ohne wirklich nachzudenken was ich tat, strich ich mit den Fingern durch sein feuchtes Haar und wanderte an seiner Stirn entlang, über sein ganzes Gesicht. Meine Augen fielen auf seine leicht geöffneten Lippen und meine Finger folgten meinen Blick. Zärtlich berührte ich seine zitternden Lippen, bis mir einfiel, was ich hier eigentlich tat. Mir stand es nicht mehr zu ihn so anzufassen, überhaupt zu berühren.
Erschrocken ließ ich sein Gesicht los, schaute schnell nach links und rechts und bemerkte schließlich, dass ich mich inmitten eines silbernen Meeres befand. Mir war nicht klar, wie ich hier her gekommen war. Erst als sich eine Gänsehaut über meinen ganzen Körper zog, fiel mir die Kälte des Wassers auf. Meine Beine und Arme bewegten sich wie gewohnt. Ich hatte kein Befehl gesendet, sie schwammen als wäre es das natürlichste auf der Welt.
Keinen Meter von mir entfernt sah ich James im Wasser, der schwer atmend versuchte nicht unterzugehen. Doch das schien ihn nicht weiter zu interessieren. Statt sich auf sich selbst zu konzentrieren, schaute er mich besorgt an.
"Lily, sag doch was! Geht es dir gut? Hast du Schmerzen?"
Mir ging es ganz und gar nicht gut. Ich wollte zurück zu dem friedlichen Ort, dort ging es mir blendend. James war zwar hier, genauso wie auf der anderen Seite, aber hier gehörte er nicht mir. Völlig verzweifelt startete ich einen zweiten Versuch und ließ mich wieder ins tiefe Wasser sinken. Kaum war ich unter der Wasseroberfläche, schlossen sich zwei Arme grob um meine Hüften und zogen mich wieder hoch.
"Komm schon, Lily. Du musst schwimmen, das kannst du doch so gut", flehte James und mein Körper gehorchte ihm ohne Widerstand zu leisten. Er hatte sich immer noch nicht damit abgefunden, dass James und ich nicht mehr zusammen gehörten. Meine Arme und Beine bewegten sich, wohingegen es in meinem Kopf dampfte. Ich versuchte zu begreifen, was mit mir in den letzten Sekunden geschehen war, doch ich kam einfach nicht drauf, der neblige Dampf versperrte mir die Sicht auf die Antworten.
Mein Blick fiel wieder auf James.
"Deine Brille", sagte ich leise, als mir auffiel, dass etwas an James fehlte. Daraufhin strich er sich gedankenverloren mit der Hand über die Augen.
"Oh", gab er von sich. "Muss wohl beim Aufprall runter gerutscht sein."
"Was für ein Aufprall?" Wovon sprach dieser Junge?
James starrte mich für einen kurzen Moment etwas verwirrt an, und warf mir einen Das-fragst-du-noch-Blick zu. Ich wusste nicht, was er mir damit sagen wollte, und sah ihm weiterhin fragend in die Augen.
"Ich hab dich hier auf dem Steg gesehen und wollte mir dir reden über, du weißt schon... vorhin." Er lächelte mich gequält an. „Als ich dann bei dir ankam, konnte ich mich nicht mehr bremsen und bin geradewegs in dich reingerannt", erzählte er. "So sind wir dann hier gelandet, was, wie ich finde, auch seine gute Seite hat", murmelte er leise vor sich hin.
Die kleinen Elfen in meinem Kopf setzten sich in Bewegung, um mir das eben Gehörte verständlich zu machen. Es war also James gewesen, der mich den ersten Schritt machen ließ und nicht die Geisterhand, wie ich zuvor angenommen hatte. Bedeutete das etwa, dass meine Zeit noch nicht ganz abgelaufen war? Zufall, es war lediglich Zufall gewesen, dass ich im Wasser gelandet war, und kein Schicksal. Mir war es doch nicht vorherbestimmt zu sterben, nicht jetzt. Was aber ganz sicher in den Sternen zu lesen stand, war, dass ich schleunigst hier raus musste, ansonsten würde ich an seiner Nähe zu Grunde gehen.
"Gute Seite?", fragte ich mit schriller Stimme, fuhr jedoch fort, ohne auf seine Antwort zu warten. "James, wir sind hier in unserer Ballkleidung im See, falls du das noch nicht bemerkt hast. Lass und rausschwimmen."
Ich musste ihn aus den Augen bekommen. Der Schmerz wuchs mit jeden Blick noch weiter an. Ich drehte ihm meinen Rücken zu und begann zu schwimmen. Nach den ersten Zügen spürte ich einen Widerstand an meinen Beinen. Oh nein, bitte keine blöden nachtaktiven Viecher. Fehlt nur noch das, dachte ich.
"Nein, warte", forderte James mich auf und zog mich an den Beinen zurück. Er war das Vieh.
"Was soll das, James?", schnauzte ich ihn an.
"Wir müssen reden", sagte er entschlossen.
"Das können wir auch außerhalb des Wassers tun", gab ich bissig zurück und funkelte ihn böse an.
"Nein, du bleibst hier. So kannst du mir nicht entkommen."
Riesengroße Alarmglocken erklangen laut in meinen Ohren. Mit James… ein Gespräch… im See? Ohne einen Ausweg? Das durfte auf keinen Fall passieren, ich musste mich da raus reden. Nie im Leben würde ich das überstehen. Außerdem machte ich mir auch allmählich Sorgen um James.
"Nicht hier. Du weißt doch, dass du kein guter Schwimmer bist. Also, raus!" Ich versuchte mich an meiner besten Professor-McGonagall-Imitation, doch der befehlende Ton wurde übertont von der verängstigten, unsicheren Stimme.
"Lily", knurrte James jetzt gefährlich, doch sogleich wurde seine Stimme ganz sanft. "Du antwortest mir hier und jetzt. Liebst du mich?"
Rasch drehte ich mich weg und presste die Lippen zusammen, um zu verhindern, dass ich ihm die Wahrheit sagte.
"James, bitte! Ich bin müde und erschöpft."
"Sag die Wahrheit! Liebst du mich?"
Er war so stur, doch das hinderte mich nicht daran ihn zu lieben. Nichts und niemand konnte mich davon, aber erfahren würde er es niemals. Belügen konnte ich ihn aber auch nicht, die Worte würden mir nicht über die Lippen gehen. Mir blieb also nichts anderes übrig als zu schweigen. Doch James ließ nicht locker, er hatte Recht und er würde warten, bis ich es zugeben würde.
„Du liebst mich", sagte er überzeugt und seine Stimme ließ keinen Zweifel zu.
Woher nahm er die Sicherheit zu wissen, dass ich ihn liebte? Hatte ich zuvor nicht denKopf geschüttelt? Hatte ich nicht mit ihm Schluss gemacht? War das kein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich ihn nicht liebte?
Was versuchte ich mir hier überhaupt einzureden? Lily Evans sollte James Potter nicht lieben? Niemand konnte mich im Selbstbelügen übertrumpfen, aber selbst das konnte ich als Meister aller Selbstbelüger nicht bewerkstelligen. Natürlich liebte ich ihn, was für eine Frage.
„Oder?", fragte er nun etwas vorsichtiger nach, nachdem ich auf seine Aussage nicht reagiert hatte. Als er wieder keine Antwort erhielt, sah sein Gesicht für einen kurzen Moment lang überraschend verletzlich aus, doch er riss sich schnell wieder zusammen. So leicht ließ sich James nicht beirren.
"Also ich für meinen Teil liebe dich", sagte er zärtlich, dann schoben sich seine Augenbrauen bedenklich zusammen. "Ich weiß nicht, was du dir da in den Kopf gesetzt hast, aber wenn es das ist, was dich zweifeln lässt, kannst du den Gedanken wegwerfen."
Oh, hör auf, James, wimmerte ich in Gedanken. Ich schloss meine Augen, um seinem durchdringenden Blick auszuweichen. Er lügt nur, redete ich auf mich ein. Glaub ihm kein einziges Wort. Aus Angst seinem Blick zu begegnen, öffnete ich meine Augen nur einen Spaltbreit und erstickte fast an meinem nächsten Herzschlag. James war verschwunden. Ich atmete zischend ein und aus, während ich versuchte, das Zittern in meinen Händen zu unterdrücken. Beruhig dich Lily, er taucht jeden Moment wieder auf. Ich zählte langsam bis drei, um mein wild pochendes Herz zu beruhigen. Doch als er immer noch nicht aufgetaucht war, beschleunigten sich die Schläge meines Herzens rasant. Ich atmete nochmals tief ein und tauchte dann unter. In meinen Ohren rauschte es, als hörte ich meinem Blut dabei zu, wie es viel zu schnell durch meine Adern lief. Denk ja nicht dran, untersagte ich mir, gleich ist alles wieder in Ordnung. Und schon sah ich ihn vor mir im finsteren Wasser, wie er leblos zu schweben schien. Sofort griff ihm unter die Achseln und zog ihn schnell wieder hinauf. Um eine Wiederholung des eben Geschehenen zu verhindern, drückte ich James näher an meinen Körper, sein Kopf lag auf meiner rechten Schulter. Er atmete tief ein und sprach weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.
"Lily Evans, ich liebe dich. Verstehst du das nicht?", sagte er verärgert, während er keuchend um Luft rang. "Du wirst mich nicht los, ob du willst oder nicht. Und die Ausrede nach Hogwarts gilt auch nicht. Ich bin da, wo auch immer du bist, denn ohne dich kann ich nicht leben." Er drückte mich fest an sich, hob seinen Kopf und blickte mir liebevoll in die Augen.
Mein Herz weinte blutrote Tränen, denn es wollte James sagen, dass es mir genauso ging, doch ich durfte nicht. So war es besser für mich, und darüber hinaus hatte mein Herz ohnehin nichts mehr zu sagen.
Vielleicht sagt er die Wahrheit, flüsterte die optimistische Seite meines Seins leise in mein Ohr. Vielleicht liebt er dich wirklich.
Das sind mir zu viele vielleichts, gab die pessimistische Seite schroff zurück.
Es könnte aber ein Stück Wahrheit dahinter stecken, versuchte es die hoffnungsvolle Seite weiter.
Der Pessimist gab sich aber nicht so schnell geschlagen. Selbst wenn, lachte er böse auf, du weißt genau, dass seine Liebe noch nicht mal an der Oberfläche gekratzt hat, geschweige denn tief genug ist, um länger als ein paar Tage zu halten. Er will dich doch bloß für kurze Zeit weich kriegen und dich dann vollkommen zerstören. Deswegen sagt er all diese Sachen, glaub mir.
Aber, aber... doch das Böse gab mir und der Optimistin keine Gelegenheit den Satz zu beenden. Er hatte mich in der Hand, ich spürte, wie sich sein eiskalter Griff um mich legte und mir jegliche Hoffnung, die langsam aufgekeimt war, nahm.
"Du wirst es überleben", sagte ich, wieder zurück in meinem alten Verhaltensmuster.
"Du irrst dich." James senkte die Stimme, bis sie kaum mehr als ein Flüstern war. "Jetzt, wo ich weiß, wie es ist, mit dir zusammen zu sein, würde ich ohne dich sterben. Schau mich an", lachte er plötzlich bitter auf. „Eine Stunde ist vergangen, seitdem du mit mir Schluss gemacht hast. Eine einzige Stunde und ich bin durch die Hölle gegangen und ende als Wrack hier im See." Er schluckte und atmete laut ein und aus.
„Lily, du bist das Mädchen, das an meine Seite gehört. Du bist mein Herz. Was nutzt mir ein Körper aus Fleisch und Blut, wenn der Motor fehlt. Nichts, es nützt mir überhaupt nichts. Nur mit dir bin ich vollkommen und in der Lage zu leben."
Einen Moment lang kamen mir seine Worte so merkwürdig vor, dass ich keine Ahnung hatte, was er mir damit sagen wollte. Aber wie sollte ich denn auch denken, wenn ich ihn überall an meinem Körper spüren konnte. Er war eindeutig viel zu nah.
"Sei nicht so melodramatisch", entgegnete ich und schob ihn etwas von mir weg. Das kleine bisschen Platz zwischen uns gab mir die Möglichkeit, wieder in Ruhe ein und aus zu atmen und meinen Herzschlag halbwegs zu normalisieren.
Ich spürte seinen Blick auf mich gerichtet, erwiderte ihn und erwartete, dass er sofort wegschauen würde. Wieso ich das erwartete? Weil ich wusste, dass er log. Man könnte wirklich sagen, dass ich eine der wenigsten Menschen war, die James richtig kannte. Und wenn man jemanden kannte, wusste man auch über seine Schwächen bescheid. Sein Schwachpunkt waren seine Augen. Bei gewaltigen Lügen fühlte James sich unwohl und konnte dem Blickduell nicht standhalten. Aber auf das, was nun geschah, war ich nicht vorbereitet. Er kämpfte, sah mir weiter forschend in die Augen, mit einer Intensität, die es mir unmöglich machte, den Blick abzuwenden. Als meine Hände begannen zu zittern, zog ich sie schnell von seinen Schultern weg, die davor noch vorsichtshalber um seine lagen, um ihn zu stützen.
Zu schnell, zu unerwartet, wie sich im Nachhinein herausstellte. Er hatte sich zu sehr auf meine Hände verlassen. Blitzartig schlüpfte er durch meinen Griff hindurch und verschwand in den Tiefen des dunklen Wassers. Mein Magen schien sich von innen nach außen zu krempeln. Nicht schon wieder. Ich konnte kaum atmen, so heftig schlug mein Herz. Die Panik ergriff mich und für eine Weile hatte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren. Hunderte Bilder stächen plötzlich wie scharfe Messerstiche auf mich ein, zeigten mir eine Welt, in der James nicht mehr existierte. Die wachsende Sorge um James jagte die entsetzliche Panik mit ihren grauenhaften Visionen davon. Stattdessen erfüllte mich ein Adrenalinstoß mit neuer Energie und befreite mich aus meiner körperlichen Starre.
Unverzüglich schossen meine Hände dahin ins kalte Wasser, wo er untergegangen war. Meine Rechte erwischte eine von James' Händen. Mühsam zerrte ich ihn hoch und schlang seine Arme um meinen Hals. Die Sorge um James drohte mich zu überwältigen, ihm durfte nichts passieren.
"Nicht loslassen", flüsterte ich ihm zu. In dem Moment sah er so schwach und verletzlich aus, dass ich ihn vor allem beschützt hätte. Um nichts auf der Welt durfte ich zulassen, dass sein Herz aufhörte zu schlagen, denn allein dieser Gedanke, dass James irgendwo auf der Welt lebte, würde mein eigenes Herz in Zukunft weiter schlagen lassen.
Ich ließ mich von dem Wasser auf den Rücken tragen und schwamm langsam auf das Ufer zu. James lag mit seinem Kopf auf meiner Brust und hielt sich schwach an meinen Schultern fest. Immer wieder strich ich prüfend mit einer Hand um seine, um seinen Griff zu verstärken.
Während ich schwamm, richtete sich mein Blick automatisch zum Himmel hinauf. Keine einzige Wolke war zu sehen, nur die Dunkelheit der Nacht, erhellt von dem strahlend hellen Halbmond.
James flüsterte etwas, allerdings hatte er so leise gesprochen, dass ich ihn nicht verstanden hatte. Ich blickte zu ihm herab, und selbst in dem mitgenommenen Zustand, wusste ich, dass er bei vollem Verstand war. Eine kleine, senkrechte Falte war auf seiner Stirn erschienen, sein Blick war ernst.
"Heirate mich, Lily", sagte er leise.
Ich vergaß zu atmen, unfähig zu begreifen, welche Wörter aus seinem Mund entschlüpft waren. Fassungslos sah ich ihn an. Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme zitterte.
"Psst, wir sind gleich raus", erwiderte ich vorsichtig. Sie zitterte wegen der Kälte, wir waren immer noch im Wasser. Erneut schaute ich hoch zum Mond, ignorierte seine Worte und tat so, als hätte ich ihn nicht verstanden. Ich horchte in mich hinein, als könnte ich dort die Antwort finden, aber die Angst um James, dass ihm etwas zustoßen könnte, war das Einzige, wovon mein Herzschlag erzählte.
"Lily?", murmelte James. Sein heißer Atem traf auf meinen entblößten nassen Hals und bereitete mir eine angenehme Gänsehaut. Ohne auf eine Reaktion zu warten, sprach er weiter und dieses Mal laut und unmissverständlich. "Willst du meine Frau werden?"
Meine vor Schock weit aufgerissenen Augen richteten sich wieder auf die von James, als wären sie magnetisch von seinen angezogen worden. Für eine Weile konnte ich vergessen, wo ich mich befand. Ich vergaß zu atmen und vergaß zu schwimmen. Nur noch er war wichtig. James sah so müde aus, ganz im Gegensatz zu der Art, wie er die letzten Worte gesprochen hatte. Ich konnte den inneren Kampf gegen die Müdigkeit sehen, den er krampfhaft versuchte zu gewinnen. Es schien, als hätte er seine letzten Kräfte gesammelt, um mir diese eine Frage zu stellen. Doch mir blieb keine Möglichkeit ihm zu antworten. Er schaute mir nochmals tief in die Augen und kurz darauf gewann die Müdigkeit den Kampf gegen die Lider. Nach mehrmaligem Rufen, die ohne jegliche Reaktion von ihm ablief, machte sich eine Panik in mir breit, die mich zu ersticken drohte. Die beängstigende Wirklichkeit strömte mit aller Gewalt auf mich ein und ich war unfähig, mich dagegen zu wehren.
