Am nächsten Morgen erwartete Rude genau das Szenario, das er befürchtet hatte. Das Erste was er in Renos Zimmer machte, war das Fenster zu öffnen. Danach tippte er den Rothaarigen sachte an. "Reno, aufwachen." Ein elendes Gemurmel war die Antwort. "Reno, aufstehen!" Reno öffnete ein Auge halb und sah zu Rude hoch. "Was willst du? Ich hab nen Kater...." Rude räusperte sich. "Schon klar. Du hast ins Bett gekotzt." Reno sah auf sein Bett und verzog angeekelt das Gesicht. "Irgh. Warum hast du das nicht früher gesagt?" - "Hmpf." Damit verliess Rude das Zimmer um Kaffee aufzusetzen. Wenn Reno sich hoffnungslos betrinken musste, dann sollte er auch gefälligst für sich selbst Sorge tragen.
Inzwischen kämpfte Reno sich aus dem Bett und betrachtete sein "Werk". Er hätte nicht gedacht, dass er soviel gehabt hatte. Mit spitzen Fingern zog er das Bett ab und brachte Laken, Bettdecke und Kissenbezug ins Bad, wo er sie erstmal in die Waschmaschine steckte, dann stellte er sich selbst unter die Dusche. Insgeheim freute er sich schon, heute wieder mit Tseng zu arbeiten... nicht wegen der Arbeit - er hoffte, dass sie danach wieder einen trinken gehen würden. Es war schliesslich selten, dass jemand ihn so unter den Tisch trank.
Frisch geduscht und nur mit einem Handtuch bekleidet kam er nach draussen, wo Rude bereits Kaffee und zwei Brote hingestellt hatte. Er selbst war allerdings nicht zu sehen, wahrscheinlich war er in seinem Zimmer, sich anziehen. Reno setzte sich und nahm eines der Brote, sein Magen fühlte sich zwar an, als hätte jemand die Nacht über nichts anderes getan, als darauf herum zu springen, aber er wusste, dass nur ein ordentliches Essen ihn wieder einigermassen herstellen konnte. Nett wie er war, hatte Rude ihm sogar sein Brot überbacken. "Wir müssen in fünf Minuten los, Reno. Du solltest dich anziehen." Mit diesen Worten setzte sich Rude neben ihn. Im Gegensatz zu Reno war er bereits komplett angezogen, vom Anzug bis zur Sonnenbrille. "Ach... dann kommen wir eben später, was solls?" nuschelte Reno zwischen zwei Bissen, "Die werden uns schon nicht vermissen." Damit schluckte er den Rest des ersten Brotes runter, doch als er sich das zweite nehmen wollte, kam ihm Rude zuvor. "Du gehst dich jetzt anziehen, das kannst du auch noch unterwegs essen." Grummelnd erhob Reno sich. "Manchmal bist du echt ein Arsch." Rude grinste. "Zumindest bin ich keine Plage wie du." - "Ach, halt einfach die Klappe." Mit einem Lachen verschwand nun Reno in seinem Zimmer und warf sich seine Uniform über. Es gab keinen besseren Weg den Tag zu beginnen, als eine kleine Kabbelei mit Rude.
"Ihr seid zwei Minuten zu früh." stellte Tseng mit hochgezogener Augenbraue fest. Im Gegensatz zu Reno, der unübersehbare Augenringe hatte, sah Tseng aus, nun ja, wie immer eben. "Tut mir Leid, das nächste Mal werden wir draussen warten bis die Arbeitszeit angefangen hat." grummelte Reno und erntete dafür ein Lächeln von Tseng, der sich danach an Rude wandte. "Du wirst bereits gesucht." Rude rückte seine Brille zurecht. "Am Besten gehst du direkt zu den Laboratorien. Yakumoto ist bereits dort." Rude nickte und ging. Reno lehnte sich an die Wand. "Und was machen wir jetzt? Ich mein.. da draussen sind wir fertig, oder nicht?" Tseng sah ihn erstaunt an. "Hast du mich gerade indirekt um Arbeit gebeten? Nun, zu tun ist genug... wir haben die Motorräder der drei in der Forschungsabteilung, wir sollten versuchen herauszufinden, wo sie die gekauft haben - und mit welchem Geld. Es gibt Bankdateien, Forschungsakten und noch viel mehr, was wir durchsehen müssen." Ein Gähnen von Reno. "Was WIR durchsehen müssen, oder was IRGENDWER durchsehen muss?" Tseng zögerte kurz. "Irgendwer. Aber wer wäre besser dazu geeignet, als wir?" Der Rothaarige räusperte sich. "Jeder?" Tsengs Blick durchbohrte ihn fast mit seiner Missbilligung und so lenkte Reno ein. "Na gut.. dann gucken wir uns den Kram halt an." Der Dunkelhaarige ging voraus, in Richtung der Büros, doch bevor er deren Glastür öffnete, drehte er sich nochmal mit einem schiefen Grinse um. "Du hast einen Kater, nicht?"
Als Rude am Labor ankam, erwartete ihn Yakumoto tatsächlich bereits. "Da bist du ja, Rude. Guten Morgen. Ich bin schon etwas früher gekommen, ich dachte, ich gehe dann schonmal hierher, nachsehen, ob Miss Elena was gefunden hat." Rude nickte ihm nur zu. Wie konnte man nur so viel reden wie dieser Kerl? "Gehen wir rein. Miss Elena ist schon da, aber sie wollte mir noch nichts über die Ergebnisse sagen. Sie meinte, dass sie lieber wartet bis du da bist, damit sie es nicht zweimal berichten muss. Sie ist schon eine klasse Frau, nicht?" - "Ja." bestätigte Rude, nur, damit Yakumoto nicht auch noch anfing, ihm die Vorzüge von Elena aufzulisten. Sie betraten das Labor, wo ein Assistent sie in Empfang nahm und zu Elena brachte. "Ah, guten Morgen." sie lächelte die beiden an. "Jetzt seid ihr beide da, dann kann ich euch ja schonmal die Ergebnisse sagen. Allerdings jetzt zunächst inoffiziell, den Bericht habe ich nämlich noch nicht verfasst." Rude ging näher zu ihr und stellte sich halb vor Yakumoto. "Also...?" Mit einer Pinzette hob Elena die Kugel hoch. "Wir haben ja schon gesehen, dass die Kugel verfärbt ist. Die Verfärbung kommt von einer aussergewöhnlichen Belastung durch Mako und schwarzer Materia. Und was fällt uns dazu ein?" Rude sah auf die Kugel. "Sephiroth." Elena nickte. "Genau. Mit dieser Kugel habe ich einen von diesen drei Typen getroffen -nur ein Streifschuss, aber immerhin - aber obwohl ich ihn getroffen habe, fanden sich keine Rückstände von Gewebe oder Blut daran. Und das ist ungewöhnlich." - "Und was denkst du, worauf das schliessen lässt?". Elena legt die Kugel zurück in den Beutel. "Ich würde fast sagen, dass es sich bei diesen dreien nicht um Menschen gehandelt hat. Auch nicht um Hybriden wie Sephiroth einer war. Ich kann nur vermuten, aber sie scheinen mir eine Art... Manifestierung zu sein. Ein Zwischending aus Geist und Monster, vielleicht Experimente von Dr. Hojo, vielleicht sind sie aber auch in einer spontanen Reaktion entstanden. Zumindest lässt sich die Ähnlichkeit mit Sephiroth nicht leugnen...". Rude seufzte. "Wir wissen also im Grunde nichts über sie, ausser, dass sie keine Menschen waren." Elena strich sich eine Haarsträhne hinter Ohr. "Naja, ganz so würde ich das jetzt nicht sagen. Aber genaueres wird wohl erst die biologische Abteilung herausfinden können..." Sie dachte kurz nach. "Es sei denn, ihr würdet vielleicht mit Cloud Strife reden. Er hat immerhin gegen sie gekämpft und sie wohl auch besiegt. Vielleicht kann er uns ja etwas weiterhelfen?"
"Man... bin ich Turk geworden um irgendwelche Zahlen zu analysieren? Da hätte ich ja glatt Buchhalter werden können." Reno erhob sich vom Rechner und stand auf. "Daten gut und schön, aber bei der Hälfte der Sachen weiß ich ja noch nichtmal, WAS es eigentlich darstellen soll. Was ist das hier zum Beispiel?" Tseng sah kurz auf. "Die durchschnittliche Bearbeitungsrate bezogen auf die letzten zwölf Monate im Verhältnis zur gegebenen Durchschnittsrate im Bezug auf diesen Sektor." Reno liess sich zurück auf den Stuhl fallen. "Was um alles in der Welt soll das heissen? Komplizierter gings nicht, oder?" Tseng grinste. " Die Koeffizienz de-" - "Halt, halt, halt. Du brauchst nicht mit so nem Kram anfangen." Reno hob beide Hände. "Du hast gewonnen. Gibts vielleicht auch noch ne Arbeit, die ein bisschen weniger mit diesem Gedöns zu tun hat? Irgendwas zum Draufhauen?" Der Andere lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Ein Turk, Reno, sollte mehr können als nur "Draufhauen", findest du nicht?" Reno kramte in seinem Jacket nach Zigaretten. "Wenn du das sagst. Vielleicht kann ich auch mehr... nur nicht unbedingt das. Und jetzt gehe ich rauchen, wenns dir nichts ausmacht." Tseng erhob sich ebenfalls. "Aber nicht doch, ich werde mitkommen." Er öffnete eine Schublade und holte zwei Dinge heraus, die er schnell in seine Tasche wandern liess. "Gehen wir auf den Balkon." Reno blinzelte. "Den Balkon?" Mit einer Hand deutete Tseng auf die Blende. "Hinter dir." Reno hatte dem Fenster noch keine Beachtung geschenkt und bemerkte daher erst jetzt, dass sich hinter der Blende eine Tü befand, die auf einen schmalen Balkon führte. "Du hast vielleicht Privilege, Tseng...". Reno pfiff leise. "Wie bist du denn an das Büro gekommen? Ich mein.. was muss man tun, um so einen Luxus zu bekommen?" Der Angesprochene öffnete die Tür. "Pünktlich sein, gut arbeiten, Befehlen gehorchen und Ambitionen zeigen diese Firma zu repräsentieren und weiterzubringen." Der Rothaarige lachte. "Und ich dachte schon, du hättest dem Boss einen geblasen." "Das ganz sicher nicht." stellte Tseng mit leiser und sehr deutlicher Stimme klar. "Weder habe ich, noch hat der Präsident - zumindest meines Wissens nach - derartige... Neigungen." Reno zündete sich seien Zigarette an. "Schon gut, kein Grund sich aufzuregen. War nur ein Scherz." Tseng holte eine kleine Flasche aus seinem Jacket und nahm einen Schluck. "Das war aber ein verdammt schlechter." Nach dem gestrigen Abend wunderte Reno nicht mehr, dass Tseng auch in der Arbeitszeit trank. Jeder, wie er es verträgt, dachte er seltsam belustigt.
"Cloud? Der ist grade oben, soll ich ihn für euch runterholen?" Tifa hatte den beiden Turks etwas zu trinken hingestellt, doch da ertönte es auch schon von hinter ihr. "Das wird nicht nötig sein, Tifa. Ich bin schon da." Rude nippte an seinem Getränk. "Also, was wollt ihr von mir?" Man erkannte sofort das Misstrauen Clouds. "Es geht um den Zwischenfall mit diesen drei Typ, die die Stadt angegriffen haben. Da du nun derjenige warst, der gegen sie gekämpft hat, hatten wir gehofft, dass du uns vielleicht ein paar Informationen geben könntest. Wir versuchen grade herauszufinden, was diese Kerle waren." Unverwandt starrte Yakumoto Cloud an, doch der verzog keine Miene."Und da kommt ihr zu mir?" Yakumoto wollte weiterreden, doch Rude bedeutete ihm zu schweigen. "Wir sind mit der Aufklärung beauftragt worden und du bist unser einziger wirklicher Zeuge. Wir benötigen nur ein paar Infos." - "ich habe jetzt keine Zeit mich mit euch zu unterhalten. Ich habe eine Arbeit zu tun." Mit einem Nicken wies er zu einem Paket, dass auf einem der Tische stand. "Kommt später wieder, wenn ihr mich unbedingt befragen wollt." Damit nahm Cloud das Paket und verliess die Bar. Yakumoto sah ihm nach, Rude lächelte Tifa zu, die sich sofort entschuldigte. "Es tut mir Leid, dass er so unhöflich ist." Rude winkte ab. "Du brauchst dich deswegen nicht zu entschuldigen. Er mag uns einfach nicht." Tifa seufzte. "Ja..." - "Das ist schon ok, ich kann ihn verstehen." Rude blickte auf die Theke und sah daher nicht Tifas Lächeln, das zum Teil dankbar, zum Teil bedauernd aussah. "Er wird in spätestens einer Stunde zurück ein, wenn ihr wollt, könnt ihr so lange hier warten. Wenn ihr was trinken wollt, dann sagt mir einfach Bescheid." Yakumoto lächelte sie an. "Danke, Miss Tifa." Doch Tifa sah nur nach unten und erhaschte einen Blick von Rude, der sie mit unverhohlener Bewunderung betrachtete. Nein, Tifa hatte absolut nichts dagegen, wenn er noch etwas bei ihr in der Bar blieb.
