DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Hogwarts
Am nächsten Morgen blieb Sirius noch liegen, statt gleich aufzustehen, nachdem er aufgewacht war. Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete er, was sich im Gryffindor-Schlafsaal abspielte. Lerne deine Feinde kennen, sagte Orion Black immer, studiere ihre Schwächen und Stärken. Und dann schlag zu. Und das tat Sirius.
Potter und Lupin erwachten zuerst. Remus Lupin war ein ruhiger Junge. Halbblut – also eigentlich überhaupt nicht Sirius' Beachtung wert.
Die beiden Gryffindors schienen sich gut zu verstehen, dafür dass sie sich gestern Abend erst kennen gelernt hatten. Potter war noch keine fünf Minuten wach, da redete er schon von Quidditch. Dass er unbedingt in die Hausmannschaft wolle. Dass es der beste Sport der Welt sei. Dass Fliegen überhaupt toll war. Dass er unbedingt den neusten Rennbesen brauche, weil sein alter langsam nicht mehr der schnellste sei.
„Und das geht mal gar nicht als Jäger", kommentierte er diese Feststellung.
„Als Jäger?", wiederholte Lupin zweifelnd. „So weit ich weiß dürfen Erstklässler noch nicht einmal einen Besen mitbringen. Und selbst wenn du einen hättest, wäre noch lange nicht sicher, dass du es auch in die Hausmannschaft schaffst."
Potter machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Aber wenn Erstklässler einen haben dürften, dann wäre ich Jäger. Diese Besenregel ist eh bescheuert. Ich beweis es dir in den Flugstunden."
„Ich glaube kaum, dass wir in den ersten Flugstunden schon Quidditch spielen", gab Lupin ruhig zurück. Potter grinste.
„Die anderen vielleicht nicht – ich schon."
Lupin ging nicht weiter darauf ein. Quidditch schien ihn nicht sonderlich zu interessieren.
„Was machen eigentlich Peter und Sirius?", fragte er stattdessen.
„Wahrscheinlich schlafen sie noch..."
Mit einem Schwung zog Potter die Vorhänge von Peter Pettigrews Himmelbett zurück und warf ihm ein Kissen an den Kopf.
„Hey, Pettigrew, aufstehen! Sonst verpasst du das Frühstück in der Großen Halle."
Der pummelige Junge fuhr erschrocken aus dem Schlaf.
„Oh nein, habe ich verschlafen? Wie spät ist es? Kommen wir zu spät?", wollte er aufgeregt wissen.
„Wenn du dich etwas beeilst, dann sind wir pünktlich", antwortete Lupin.
„Ja, beeil dich mal", stimmte Potter zu. „Sonst gehen wir ohne dich."
„Nein, wartet, ich beeil mich ja..."
Pettigrew sprang aus dem Bett, verhedderte sich in seinem Schlafanzug und flog auf die Nase. Potter lachte. Lupin half Pettigrew auf die Beine und warf Potter einen ärgerlichen Blick zu.
„Das ist nicht komisch", sagte er.
„Find ich schon!"
Trotzdem hörte Potter auf zu lachen.
„Wir müssen noch Sirius wecken", bemerkte Lupin, nachdem er sich vergewissert hatte, dass Pettigrew nichts passiert war.
„Pffhh..." Potter stieß die Luft durch die Zähne aus. „Der Idiot soll ruhig verschlafen. Den weck ich nicht."
„Er kann nichts dafür, dass er hier gelandet ist", meinte Lupin vernünftig. „Der Sprechende Hut hat entschieden. Er ist ein Gryffindor wie du und ich."
„Falsch!" Potters Stimme klang so scharf, dass Lupin unwillkürlich zurückfuhr. „Er ist ein Black. Schwarzmagisch, reinblütig. Deine Mutter ist doch Muggle, oder? Jemanden wie dich verachtet er! Er hält dich und deine Mutter für minderwertig! Wenn es nach ihm und seiner Familie ginge, dürftest du nicht mal zaubern lernen!"
Er hatte sich in Rage geredet und stand mit Zornes blitzenden Augen vor Lupin. Dessen Gesichtszüge hatten einen fast ängstlichen Ausdruck angenommen, doch sofort glätteten sie sich wieder und wurden so gefasst wie zuvor.
„Ich wecke ihn jedenfalls", sagte er ruhig. „Du kannst ja schon mal mit Peter vorgehen."
„Ja, ja, ich bin fertig", rief dieser atemlos und wäre fast wieder gefallen, so eilig hatte er es, hinter Potter herzukommen, der mit einem verächtlichen Schnauben den Schlafsaal verließ.
Sirius hatte genug gesehen. Bevor Lupin sein Bett erreicht hatte, hatte er schon die Vorhänge aufgerissen und war aufgesprungen.
„Oh, du bist schon wach...", setzte Lupin an.
„Komm mir nicht zu nahe, Halbblut!", fuhr Sirius ihn an. Wieder entgleisten Lupins Gesichtszüge für einen Augenblick. Er sah wirklich verletzt aus. Aber dann herrschte wieder die übliche ruhige Gelassenheit.
„Schön", bemerkte er nur. „Ganz wie du willst."
Und er marschierte den anderen hinterher aus dem Raum.
Sirius hatte das ungute Gefühl, dass er gerade seinen letzten möglichen Verbündeten verloren hatte. Er wusste selber nicht genau, warum er so gehandelt hatte. Potters Worte hatten ihn einfach wütend gemacht und dann... Und dann hatte er die Beherrschung verloren und Potters Anschuldigungen glaubhafter bestätigt als dieser es jemals fertig gebracht hätte. Dabei war es ihm doch im Grunde egal, dass Lupin ein Halbblut war...
Nein, ist es nicht! Sirius war so erstaunt über diesen Gedanken, dass er beinahe in der Wasserlache vor dem Mädchenklo im ersten Stock ausgerutscht wäre. Sie sind anders als wir, ihr Blut ist unrein, sie sind minderwertig, sie gefährden die Zauberergesellschaft... Aber statt Stolz auf seine Überlegenheit fühlte er nur eine zweifelhafte Leere. Vielleicht war das der Grund, warum er sich manchmal so unwohl im Grimmauldplatz gefühlt hatte und warum er seinen Lektionen und den feierlichen Familienzusammenkünfte zu Ehren des reinen Blutes nie den nötigen Ernst entgegengebracht hatte...
Als Sirius in die Große Halle trat, warfen ihm die Slytherins unheilverkündende Blicke zu; aber unter den Blicken der Lehrer, die auch in der Großen Halle frühstückten, wagte es niemand, ihn aufzuhalten.
Die Hufflepuffs und Ravenclaws verdrehten die Köpfe nach ihm und tuschelten. Zu seinem Leidwesen konnte Sirius Andromeda nirgends entdecken.
Die Gryffindors ignorierten ihn, drehten ihm den Rücken und deuteten an, dass alle Stühle besetzt waren. Irgendwo ergatterte er schließlich doch noch einen Platz und machte sich über einen Toast her. Er hatte kaum die Hälfte gegessen, als ein Rauschen die Große Halle erfüllte und die Eulen von oben herabflatterten. Sofort entdeckte er den großen schwarzen Familienkauz der Blacks und das, was er in den Krallen hielt: Es war ein knallroter Briefumschlag, der an den Ecken rauchte. Ein Heuler.
Sirius hatte nicht einmal Zeit, ihn in Empfang zu nehmen. Bevor er ihn auch nur berührt hatte, explodierte der Heuler und Walburga Blacks Stimme donnerte durch die Große Halle:
„SIRIUS BLACK, WIE KANNST DU ES WAGEN, NACH GRYFFINDOR ZU KOMMEN! DAS HAUS DER BLUTSVERRÄTER UND SCHLAMMBLUTFREUNDE! DU BRINGST SCHANDE ÜBER DEN NAMEN BLACK! WARTE NUR, BIS DU NACH HAUSE KOMMST, DANN KANNST DU WAS ERLEBEN...!"
Sirius sah zu, wie der Heuler verschrumpelte und langsam auf den Tisch sank. Die Slytherins warfen ihm schadenfrohe Blicke zu, die Ravenclaws und Hufflepuffs kicherten ungeniert; offensichtlich amüsierten sie sich prächtig. Und die Gryffindors, einer derer er ja angeblich sein sollte, was ihm den ganzen Ärger ja erst eingebrockt hatte, sie rückten noch weiter von ihm ab und warfen ihm drohende Blicke zu.
Sirus lehnte sich zurück und fing lauthals an zu lachen, während der Heuler seiner Mutter zu einem Häufchen Asche zerfiel.
Als Sirius in das Klassenzimmer kam, in dem Verwandlung stattfinden sollte, waren Potter und seine Freunde schon da. Lupin beachtete ihn nicht und Pettigrew blickte ängstlich zur Seite, als er ihn bemerkte, aber Potters Gesicht wurde sogleich von einem hässlichen Grinsen überzogen.
„He, Black!", rief er. „Wie ist es denn so, in einem Haus voller Blutsverräter zu leben? Hast du Angst vor den Mugglekindern? Kann Mami dich nicht mehr beschützen? Ach jaaa..." Seine Stimme triefte vor falschem Bedauern. „Hab ich ja ganz vergessen, deine Mutter will ja nichts mehr von dir wissen!" Mit gekünstelt hoher Stimme zeterte er: „Warte, bis du nach Hause kommst..."
Pettigrew brach in schallendes Gelächter aus.
Sirius war nicht gerade für seine Gutmütigkeit bekannt und der Morgen war nicht gerade dazu gemacht gewesen, daran etwas zu ändern. Er zog seinen Zauberstab und schrie: „Relaschio!"
Potter und Pettigrew stolperten zurück, als brennendheiße Funken aus dem Stab sprühten. Doch während Pettigrew wimmerte und sein Gesicht in den Händen verbarg, zog Potter seinerseits seinen Zauberstab und brüllte: „Locomotor Mortis!"
Doch der Fluch ging daneben und traf stattdessen Mary MacDonald, weil Pettigrew, der immer noch seine Augen mit den Händen verdeckte, ihn in genau dem Augenblick anrempelte. Potter stieß ihn zur Seite und stürzte sich auf Sirius. Dieser kam nicht mehr dazu, seinen Zauberstab einzusetzen. Potters Schlag ließ seine Lippe aufplatzen und ihn zurücktaumeln, doch im nächsten Moment hatte er sich schon wieder gefangen und schlug zurück. Potters Nase blutete, dann rollten sie plötzlich beide über den Boden, mal der eine, mal der andere oben, rissen sich an den Haaren und zerfetzten ihre neuen Umhänge. Die restlichen Gryffindors hatten einen Ring um sie gebildet und feuerten sie begeistert an, sogar ein paar ältere Schüler und Mitglieder anderer Häuser waren hinzugekommen. Alle waren bester Stimmung bis auf Lupin, der sich aus allem heraushielt, Mary MacDonald, die heulend am Boden hockte und verzweifelt versuchte, ihre zusammengeklebten Beine auseinander zu kriegen, und Lily Evans, die sich um sie kümmerte.
„Was ist denn hier los?"
Prof. McGonagall stand in der Tür. Schlagartig war es still. Die Schüler machten sich eiligst auf den Weg in ihre eigenen Klassen oder verzogen sich auf ihre Plätze. Nur Sirius und James bekamen von all dem nichts kämpfend wälzten sie sich immer noch am Boden.
„Ich mach dich fertig, Arschloch", knurrte Potter, der zufällig gerade oben lag.
„Versuch's doch, Blutsverräter", fauchte Sirius zurück.
Plötzlich wurden beide auseinander gerissen und landeten auf zwei Stühlen. Prof. McGonagall war mit dem Zauberstab in der Hand zwischen sie getreten. Ihr Mund war so verkniffen, dass man nur noch eine dünne Linie sehen konnte.
„Erklären Sie mir auf der Stelle, was hier los ist!", fauchte sie. Keiner der beiden Jungen machte den Mund auf. Nur Marys Schluchzen war immer noch im Hintergrund zu hören.
„Nun, immerhin in der Beziehung scheinen Sie sich einig zu sein", stellte Prof. McGonagall trocken fest. „Namen? Ich höre", setzte sie hinzu, als keiner der beiden Anstalten machte zu antworten.
„James Potter", knurrte James.
„Sirius Black", stieß Sirius trotzig hervor.
„Potter, Black, Sie kommen nach dem Unterricht zu mir. 20 Punkte Abzug für Gryffindor. Sie sollten sich schämen, gleich am ersten Tag in eine Prügelei zu geraten und das auch noch mit einem Gryffindor!"
„Er ist doch gar kein Gryffindor", murmelte James trotzig, aber glücklicherweise hörte ihn Prof. McGonagall nicht.
„Setzen Sie bitte auf ihre Plätze ich will mit dem Unterricht anfangen. Sie können jetzt aufhören zu weinen, es ist alles vorbei, Miss..."
„MacDonald", half Lily. „Sie hat einen Fluch abbekommen und kriegt ihre Beine nicht mehr auseinander."
Bei diesen Worten warf sie Potter einen bösen Blick zu.
„Verstehe", meinte Prof. McGonagall und schwenkte ihren Zauberstab. „Finite."
Endlich konnte Mary MacDonald wieder ihre Beine voneinander lösen. Sirius war der Meinung, dass sie spätestens jetzt aufhören könnte zu heulen, aber sie schluchzte immer noch, als sie sich auf ihren Platz setzte und Evans sich um sie kümmerte. Schwächliches Schlammblut.
Prof. McGonagall begann ihren Unterricht damit, die Namensliste durchzugehen. Bei Black und Potter machte sie jeweils eine Pause und warf ihnen einen strengen Blick zu. Dann erklärte sie ihnen, dass Verwandlung eine schwierige und gefährliche magische Kunst sei und verwandelte ihr Pult in einen Waschbären und wieder zurück. Danach mussten sie eine Menge langweiliger Theorie abschreiben und erst dann ging es endlich ans Zaubern.
Es hob Sirius' Laune nicht gerade, dass Potter es vor ihm schaffte, seinen Zahnstocher in eine Nadel zu verwandeln und kurz darauf seine Münze in einen Knopf. Und noch mehr ärgerte es ihn, dass Potter seinen Triumph offen auskostete, auch wenn Sirius wenige Minuten nach ihm die Verwandlung ebenfalls gelang.
Am Ende der Doppelstunde hatten vier Schüler die Verwandlung geschafft: James, Sirius, Remus – und Lily Evans. Dass Potter, ein Reinblüter, sich mit einem Black messen konnte (auch wenn ein Black einem Potter natürlich immer überlegen sein würde), war Sirius klar gewesen, aber dass zwei Schlammblüter ähnlich gute Leistungen vollbrachten, wollte ihm nicht in den Kopf.
„Die Stunde ist vorbei, Sie können gehen", beendete Prof. McGonagall den Unterricht. „Potter, Black, Sie bleiben hier."
Aufgeregt über ihre erste Stunde diskutierend machte sich die Klasse auf den Weg zu den Gewächshäusern.
„So etwas wie vorhin will ich nie wieder sehen", erklärte Prof. McGongall streng, nachdem alle gegangen waren. „Sie sind beide in Gryffindor und ich erwarte, dass sie sich wie Gryffindors benehmen. Damit meine ich auch sie, Potter!", fuhr sie den Jungen scharf, als dieser den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, und dabei auf Sirius zeigte. „Und für Sie gilt das genauso, Black!", fügte Prof. McGonagall prompt hinzu, als sich ein schadenfrohes Grinsen als Reaktion auf Potters empörten Gesichtsausdruck auf seinen Zügen zeigte. „Ihre Strafarbeit besteht darin, die Bettpfannen im Krankenflügel zu putzen."
Sie machte eine Pause, aber keiner der beiden Jungen schien sonderlich beeindruckt zu sein.
„Ist das alles?", wollte Potter wissen. „Dann können wir ja gehen..."
„Ohne zu zaubern", präzisierte Prof. McGonagall.
„Was?", entfuhr es Sirius. „Das mach ich nicht! Dafür gibt es Hauselfen."
„Es ist nicht an Ihnen, das zu entscheiden", erwiderte Prof. McGonagall kühl. „Sie werden die Bettpfannen putzen. Und nun machen Sie sich auf den Weg zu den Gewächshäusern, Sie kommen sonst zu spät zu Kräuterkunde."
„Und, bist du jetzt zufrieden, Potter?", knurrte Sirius.
„Du bist doch an allem Schuld!", fuhr Potter ihn an, während sie den Gang hinunterliefen. „Aber was ist schon so eine lächerliche Strafarbeit...", fügte er großspurig hinzu. „Die ist im Handumdrehen erledigt."
„Ohne Zauberei, du Idiot!", erinnerte ihn Sirius.
„Hast du etwa Angst vor Dreck?", stichelte James. „Wird Mami böse, wenn deine Hose einen Fleck hat?"
„Nur weil du und deine Familie euch gerne im Dreck wälzt, muss das nicht für den Rest der Menschheit gelten", gab Sirius mit zusammengebissenen Zähnen zurück. James packte ihn am Umhang.
„Wag es nicht, noch ein Wort gegen meine Familie zu sagen, Black!"
„Was dann, Blutsverräter?"
Sie waren drauf und dran, sich wieder aufeinander zu stürzen, als Prof. Sprout aus Gewächshaus eins rief: „Potter, Black, da sind Sie ja endlich! Kommen Sie schnell rein, sonst verpassen Sie alles."
James zögerte einen Augenblick, dann ließ er Sirius los.
„Das klären wir noch, Black!", knurrte er und verschwand im Gewächshaus.
„Worauf du dich verlassen kannst, Potter!"
Als Sirius nach Kräuterkunde von den Ländereien zum Schloss zurückging, um zu Mittag zu essen, entdeckte er schon von weitem Andromeda. Sie hielt etwas in der Hand und winkte ihm zu. Für Sirius war sie der erste Lichtblick des Tages.
Sie gingen zusammen hinunter zum See. Andromeda hatte eine Decke und Essen aus der Großen Halle mitgebracht. Es war ein schöner Spätsommertag und während ihres Picknicks konnte Sirius tatsächlich vergessen, dass er ein Black war, den der Sprechende Hut aus irgendeiner verrückten Laune heraus nach Gryffindor gesteckt hatte zu dem unverschämtesten, arrogantesten, aufgeblasensten Blutsverräter schlechthin, James Potter.
Aber irgendwann gingen ihnen die Gesprächsthemen aus und es wurde ernst.
„Wie geht es dir, Sirius?", wollte Andromeda wissen. Sirius zuckte mit den Schultern.
„Gut", antwortete er mürrisch.
Andromeda sagte nichts dazu. Jemand anders hätte vielleicht nachgebohrt, aber nicht sie. Das war eines der Dinge, die Sirius so an Andromeda mochte: Sie behandelte ihn wie einen Erwachsenen und akzeptierte seinen Entscheidungen.
Es entstand eine lange Pause, in der sie einfach nur auf den See schauten und den kleinen Wellen zuhörten, die an das Ufer schlugen.
„Du weißt vermutlich, wie die Slytherins darauf reagieren werden."
Sirius nickte.
„Und deine...unsere Familie."
„Ich habe es mir nicht ausgesucht!", fuhr Sirius auf. „Es war der Sprechende Hut!" Und sein ganzer Ärger über diese Ungerechtigkeit brach aus ihm heraus. „Er hat mich in dieses Haus gesteckt! Er ist für all das verantwortlich! Ihn sollten sie fertigmachen und nicht mich!"
„So einfach ist das nicht, Sirius." Sirius warf seiner Cousine einen bösen Blick zu, doch sie fuhr ungerührt fort: „Der Hut hat dich nicht ohne Grund nach Gryffindor verwiesen. Er hat etwas in dir gesehen, das stärker wiegt als die Eigenschaften der Slytherins."
„Der Hut hat gesagt, ich würde Zweifel in mir tragen", sagte Sirius leise. Andromeda streifte ihn mit einem nachdenklichen Blick.
„Ich habe immer gehofft, dass du nicht nach Slytherin kommst, weißt du, Sirius? Ich habe es gehofft, wenn ich gesehen habe, wie du bei diesen endlosen Reinblut-Lektionen die Augen verdreht und dich zu Tode gelangweilt hast; ich habe es gehofft, wenn du Großvater Pollux nachgeäfft und mir die gleichen Lektionen danach noch einmal erteilt hast. Weißt du noch, wie wir damals gelacht haben?"
Sirius wusste es noch. Es schien ihm unvorstellbar lange her zu sein.
Wieder schwiegen sie und sahen den Wellen zu. Dann, nach endlosen Minuten, wagte Sirius endlich die Frage zu stellen, die ihn schon die ganze Zeit beschäftigte: „Wie war es damals, als du nach Ravenclaw gekommen bist?"
Andromeda sah ihn mit ihren schönen, braunen Augen ernst an.
„Ravenclaw ist nicht Gryffindor, Sirius."
Es waren nur vier Worte, aber Sirius verstand sie. Es würde nicht leicht werden. Und nichts mehr würde so sein, wie es vorher gewesen war.
Der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Prof. Garth, war ein junger Auror. Er war bei einem seiner ersten Einsätze ernsthaft verletzt worden und zog es nun vor zu unterrichten. Potter schnaubte verächtlich, als er die Geschichte hörte, aber der Rest der Klasse war begeistert: Unterricht bei einem echten Auroren!
„Normalerweise beginnt man den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste mit dem Studium magischer Kreaturen und wie man sich gegen sie zur Wehr setzt", erklärte Prof. Garth. „Die Flüche und Defensivzauber sind den höheren Klassen vorbehalten, in denen die Grundlagen der Zauberei bereits erlernt wurden. In Anbetracht...gewisser Umstände halte ich es jedoch für angebrachter, Ihnen ein paar einfache Flüche schon jetzt beizubringen."
In der Klasse hätte man eine Stecknadel fallen hören. Es war mucksmäuschenstill. Alle Blicke waren gebannt auf Prof. Garth gerichtet.
„Ich erwarte nicht, dass Sie die Flüche sofort beherrschen", fuhr der ehemalige Auror fort. „Da dies Ihr erster Tag in Hogwarts ist, werden wir wahrscheinlich einige Unterrichtsstunden brauchen. Aber das soll uns nicht abhalten. Der erste Zauber, den ich Ihnen beibringen will, entwaffnet Ihren Gegner, was Ihnen, wie verzweifelt Ihre Situation auch sein mag, auf jeden Fall erst mal Zeit verschafft. Der Spruch lautet 'Expelliarmus'. Sprechen Sie nach!"
„Expelliarmus", echote die Klasse.
„Sehr gut. Wenn Sie ihren Gegner entwaffnen wollen, richten Sie ihren Zauberstab auf ihn und rufen Sie Expelliarmus! Ich werde den Zauber zuerst an einem von Ihnen demonstrieren. Wer von Ihnen meldet sich freiwillig? Mr. Black, wie wäre es mit Ihnen?"
Sirius stand auf und ging nach vorne.
„Mr. Black, haben Sie Ihren Zauberstab? Sehr gut. Ich werde Sie nun entwaffnen, damit Ihre Klasse sieht, wie der Zauber funktioniert. Bereit?"
Sirius nickte.
„Expelliarmus!"
Der Zauberstab wurde Sirius aus der Hand gerissen und geschickt von Prof. Garth aufgefangen. Die Klasse klatschte begeistert Beifall, während Prof. Garth Sirius seinen Stab zurückgab.
„Hat jeder gesehen, wie es abläuft?", fragte Prof. Garth. „Dann finden Sie sich jetzt bitte zu Paaren zusammen und versuchen Sie, sich gegenseitig zu entwaffnen. Mr. Potter bitte zu Mr. Black."
James, der mit Remus hatte üben wollen, ging nach vorne zu Sirius. Auf seinem Gesicht lag sein übliches arrogantes Grinsen.
„Angst, Black?"
„Vor wem denn?", gab Sirius knapp zurück.
„Wetten, das ist was ganz Neues für dich", fuhr Potter stichelnd fort. „Verteidigung gegen die dunklen Künste."
„Du redest zu viel, Potter. Hast du etwa Angst?"
„Vor einem schwarzmagischen Idioten wie dir bestimmt nicht!"
Beide richteten gleichzeitig den Zauberstab auf den jeweils anderen und brüllten: „Expelliarmus!"
Sirius' Zauberstab zuckte, aber er blieb, wo er war. Potters Stab hingegen flog ihm im hohen Bogen aus der Hand.
„Glänzend, Mr. Black!", erschallte Prof. Garths Stimme. „Zehn Punkte für Gryffindor!"
Potter sah aus, als hätte man ihn gerade gezwungen, Bublotubler-Eiter zu trinken.
„Das wirst du noch bereuen, Black!"
