Kapitel 3 : Träume

„03.40 Uhr, Regenerationszyklus unvollständig", ertönte die Stimme des Schiffscomputers. Seven öffnete die Augen und empfand einen Moment der Disorientierung. Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie ließ den Blick durch den Frachtraum schweifen, nichts. Vielleicht ein Komkontakt von Brücke, mutmaßte sie und tippte auf ihren Kommunikator.

„Seven of Nine an die Brücke. Ist meine Anwesenheit erforderlich?"
„Hier Fähnrich Kim. Nein, wir brauchen Sie nicht. Gibt es ein Problem, Seven?"
„Nein, kein Problem. Seven of Nine aus."

Sie verharrte, unsicher, was sie geweckt haben mochte. Äußere Einflüsse schienen auszuscheiden, es musste also ein Problem mit ihr selbst sein.

Als sie damals auf das Borgsignal von der Raven reagiert hatte, war sie mitunter von Alpträumen geweckt worden. Vielleicht handelte es sich hierbei um etwas ähnliches. Sie überprüfte ihre internen Transceiver, ob ein Borgabstandssignal empfangen worden war. Nichts.

Irritiert hob sie die Brauen und versuchte, sich an ihre Träume zu erinnern. Nachdenklich starrte sie ins Leere, während sie versuchte, sich genauer an die verschwommenen Traumbilder zu erinnern.

Janeway.

Sie hatte vom Captain geträumt.

Sie versuchte, sich an weitere Einzelheiten zu erinnern.

Die Hand des Captains an ihrer Wange. Die Augen des Captains, die sie wissend ansahen. Die Lippen des Captains, zu einem sanften Lächeln verzogen. Diese Lippen näherten sich ihr und - küssten sie?

Seven fand dieses Bild mehr als unangemessen, aber dennoch... Irgendetwas daran gefiel ihr. Sie drehte und wendete diesen neuen Gedanken, doch der widersetzte sich hartnäckig einer Analyse.

Seven seufzte und speicherte diesen widerspenstigen Gedanken mit niedriger Priorität in ihrem kortikalen Knoten ab, wo er nicht weiter störte, bevor sie wieder in ihren Alkoven stieg und den Computer anwies, die unterbrochene Regenerationssequenz fortzusetzen.

Am nächsten Morgen begann sie ihren Tag mit ihrer üblichen Routine – ein kurzer dienstlicher Eintrag ins Logbuch und ihr üblicher kurzer Abstecher ins Casino, bevor sie den Turbolift betrat, der sie zur Astrometrie bringen sollte.

Auf halbem Weg hielt der Lift und der Captain stieg ein.

„Guten Morgen, Captain."
„Guten Morgen, Seven."

Sie schwiegen für einen Moment.

„Computer, halt den Lift an", unterbrach Janeway plötzlich das schweigen.

Der Lift hielt gehorsam an und Seven sah den Captain fragend an.

„Ich habe gehört, Sie hatten eine unruhige Nacht?", fragte Janeway.

„Inwiefern?"

„Harry hat erwähnt, dass Sie morgens um Viertel vor Vier auf der Brücke angerufen haben, ob Ihre Anwesenheit erforderlich wäre. Was ist passiert, Seven?"

„Nichts ist passiert. Mein Regenerationszyklus ist unterbrochen worden und ich dachte, dass meine Anwesenheit auf der Brücke erforderlich gewesen wäre. War sie jedoch nicht. Abhängig davon, in welcher Phase der Regeneration ich mich befinde, werde ich zwar von einem Kom-Signal geweckt, weiß dann aber nicht, warum ich wach geworden bin", erklärte Seven.

„Also, die Brücke war es nicht", erklärte Janeway entschieden und fasste Seven fest ins Auge. „Haben Sie Ihre Implantate überprüft, ob es womöglich daran lag? Ihr Abstandstranceiver?"

„Ja, Captain, meine Implantate arbeiten innerhalb der vorgesehenen Parameter. So etwas wie mit der 'Raven' wird sich nicht wiederholen."

„Gut. Hatten Sie schlechte Träume?"

„Nein", beantwortete Seven die Frage wahrheitsgemäß. Ihre Träume waren nicht schlecht gewesen, nur sehr verwirrend.

„Vielleicht sollten Sie die Krankenstation aufsuchen und den Doktor konsultieren."

„Das wird nicht nötig sein, Captain. Mir geht es gut. Ich habe meine Regenerationssequenz anschließend fortgesetzt."

„Na schön. Computer, weiterfahren!"

Sie verließen den Turbolift und betraten gemeinsam das astrometrische Labor.

„Dann wollen wir doch mal sehen, was unser Quadrupelsystem heute morgen so macht", sagte Janeway fröhlich, stellte sich an eine Konsole und begann, einige Befehle einzutippen. Seven stand für einen Moment unschlüssig da, dann gab sie sich einen Ruck, stellte sich neben Janeway und begann nun ihrerseits auch damit, etwas in ihre Konsole zu tippen.

Sie war sich der Nähe des Captains nur zu bewusst und die noch nicht gelösten Probleme in ihrem Kortikalknoten ließen sich nun nicht mehr so einfach abspeichern und zur Seite schieben wie in der letzten Nacht.

Seven stellte sich der unangenehmen Wahrheit, dass sie sich von Kathryn Janeway angezogen fühlte. Was sie mit dieser Wahrheit anfangen würde, wusste sie noch nicht. Sie beschloss, das Problem erst einmal zu ignorieren und sich später damit zu beschäftigen. Gegebenenfalls konnte sie sicher den Doktor konsultieren, sollte sie zu keiner Lösung kommen.

Zufrieden mit dieser Vorgehensweise widmete sie sich mit neuer Konzentration ihrer Arbeit.

Gelegentlich berührten sich ihre Ellbogen und jedes Mal war durchzuckte es Seven wie ein elektrischer Impuls, ein irritierendes, aber nicht unangenehmes Gefühl, dass ihr immer wieder aufs Neue die Anwesenheit des Captains bewusst machte. Ebenso wie der lästige Gedanke, was sie mit dieser Attraktion denn nun anfangen würde. Ungewöhnlicherweise drängte sich dieser Gedanke immer wieder in den Vordergrund und ließ sich nicht mit der gewohntenEffizienz ignorieren.

Sie runzelte die Stirn. Janeway bemerkte das.

„Gibt es ein Problem, Seven?", fragte sie, trat einen Schritt näher, um auf Sevens Konsole zu sehen und lehnte sich dabei eng an Seven. Seven wurde etwas schwindlig bei dieser unvermuteten Nähe und griff Halt suchend nach der Konsole.

„Sie gehen wohl besser doch zur Krankenstation", bemerkte Janeway. „Anscheinend geht es Ihnen nicht annähernd so gut, wie Sie behaupten."

„Captain, ich..."

„Keine Widerrede, Seven. Oder muss ich einen Befehl daraus machen?"

„Das wird nicht notwendig sein", erwiderte Seven, straffte ihre Gestalt und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.