Kapitel 3: Das Tor zur Finsternis

Eragon pirschte nervös zwischen dem Lagerfeuer und Saphira hin und her. Seine Gedanken waren so voll mit den verschiedensten Problemen, dass er sie gar nicht zu ordnen vermochte. Inzwischen lag die Schlacht zwar schon ein paar Tage und die eine oder andere Flugmeile hinter ihm, doch er konnte sich nicht im Ansatz davon lösen. Dieses Ereignis hatte sich tief in seine Seele eingebrannt und würde Narben hinterlassen, wahrscheinlich für immer. Nach wie vor konnte er gar nicht glauben, Murtagh lebend wiedergesehen zu haben. Doch noch größer war der Schock über dessen Wandlung. Er hatte sich zum Albtraum des Widerstands entwickelt und Eragon tat sich schwer, ihm irgendetwas von dem, was er an diesem Tag gesagt und getan hatte, nachzusehen. Schwüre und wahrer Name hin und her. Er hatte den Zwergenkönig getötet und sich als Verräter entpuppt – auf die eine oder andere Weise.

Und doch hatte er die Lücke, die sich ihm bot, genutzt. Er hatte Eragon und Saphira nicht nach Urû'baen verschleppt sie damit vor Sklavendiensten unter Galbatorix bewahrt – denn nichts anderes wäre es gewesen. So sehr auch alles andere dagegen sprach, hielt dieses Tatsache in Eragon einen kleinen Schein von Hoffnung am Leben. Der Rest von ihm wehrte sich allerdings heftig dagegen.

Kleiner!, meldete sich Saphira resolut aber nicht wirklich verärgert.

Eragon drehte sich zu ihr um und blickte in zwei ihn erwartungsvoll beobachtenden Drachenaugen. Dann wandte er sich seinem zweiten Begleiter zu, der am Lagerfeuer saß und einen ungehaltenen Eindruck machte. Fast hatte Eragon Rorans Anwesenheit vergessen. Die Gedanken hatten ihn zu sehr beschäftigt.

„Entschuldige, was hattest du gesagt?", fragte er.

„Gar nichts", brummte Roran. „Aber hör endlich auf, rumzulaufen wie ein aufgescheuchtes Tier. Das macht mich wahnsinnig."

Eragon warf seinem Cousin einen entschuldigen Blick zu und ließ sich neben ihm am Lagerfeuer nieder. Es fiel ihm schwer, still zu sitzen. Da war noch diese eine Sache, die eigentlich raus wollte: Murtaghs Enthüllung, dass sie Brüder waren und Eragon damit ein Sohn von Morzan. Diese Erkenntnis hatte ihn schwer getroffen. Bisher hatte er es nicht übers Herz gebracht, irgendjemandem von diesem Detail der Begegnung zu erzählen. Was würde man von ihm halten? Die Verunsicherung unter den Varden und ihren Verbündeten war bereits groß genug. Außerdem wollte auf keinen Fall das Vertrauen von Nasuada, Arya oder sonst einem seiner Kampfgefährten verlieren. Auch Roran gegenüber hatte er nicht darüber gesprochen. Die Dinge zwischen den beiden hatten schwer genug gestanden. Nachdem Roran von ihm verlangt hatte, von Garrows Tod zu berichten, hatte Eragon schon befürchtet, das würde einen Keil zwischen sie treiben – etwas zerstören, das sich nicht wieder reparieren ließ. Doch die Dinge hatten sich besser entwickelt. Sie hatten sich zusammenraufen können und jetzt vereinten sie zwei Dinge: Der Wunsch, einen geliebten Menschen bzw. ein unschuldiges Leben zu retten und das Bedürfnis nach Vergeltung. Aus genau diesem Grund waren sie hier: Am Fuße des Helgrind. Es galt, Katrina aus den Fängen der Ra'zac zu retten. Ein gewagtes Unternehmen, ohne Zweifel. Die Zahl der Personen, die versucht hatten, es ihm auszureden, war groß gewesen. Besonders Nasuada und Arya hatten ihn mit allen Kräften davon abhalten wollen. Nur mit Mühe hatte er sich gegen die Vorwürfe, Warnungen und Erinnerungen an seine Pflichten durchsetzen können. Seinem Cousin zu helfen, gehörte zu seinen Pflichten. Wo würde diese Welt enden, wenn man sich in der Familie nicht mehr gegenseitig beistand?

„Also, wann geht es los?", wollte Roran nun doch wissen.

Seine Unruhe war deutlich zu spüren und Eragon litt mit ihm. Natürlich sorgte er sich um seine Katrina. Doch Eragon war ziemlich sicher, dass man ihr keinen großen Schaden zufügen würde, solange sie noch als Lock- oder Druckmittel zu gebrauchen war.

„Morgen früh, wenn wir ausgeschlafen sind und einen klareren Kopf haben", antwortete Eragon.

Roran brummte unzufrieden vor sich hin. Wenn es nach ihm ging, würden sie sofort losstürmen. Doch Eragon dachte gar nicht daran, in tiefster Nacht anzugreifen und es den Ra'zac unnötig leicht zu machen. Außerdem fühlte er sich erschöpft. Er brauchte diese eine Nacht zur Erholung noch und auch Saphira hatte Ruhe bitter nötig. Schließlich lag ein anstrengender Flug hinter ihnen.

Wir werden deine Gefährtin befreien. Sei unbesorgt, versicherte die Drachendame feierlich.

Sie ließ sich hinter den beiden nieder, sodass sie sich gegen sie lehnen und ein wenig wärmen konnten. Selbst die härtesten Drachenschuppen waren ein angenehmeres Nachtlager als der kalte, steinige Boden, fand Saphira. Eragon nahm das Angebot dankend an. Roran bevorzugte hingegen sein selbstgemachtes Nachtlager. So sehr ihn der blaue Drachen auch beeindruckte, er traute der Sache noch nicht ganz über den Weg. Für ihn waren Drachen gleich Gefahr und ein sprechender Drache schürte seine Angst umso mehr.

Die Nacht zog ohne Schwierigkeiten vorbei. Frustriert musste Eragon am Morgen feststellen, dass er sich weder richtig erholt noch wirklich bereit fühlte. Noch immer lagen ihm die Erinnerungen schwer im Magen und er konnte seinen Kräften nicht so recht trauen. Er lehnte dankend ab, als Roran ihm die Reste seines kalten Frühstücks anbot. Nichts ging über einen guten Braten, hatte sein Cousin am Vorabend festgestellt. In dieser Hinsicht war der junge Drachenreiter seit geraumer Zeit anderer Meinung.

„Du musst mir bei Gelegenheit erklären, was du neuerdings für ein Problem mit Fleisch hast", beschwerte sich Roran verständnislos und schluckte den letzten Bissen runter.

„Wenn du es auch in Zukunft weiterhin ungetrübt genießen willst, fragst du besser nicht", warnte Eragon ihn. „Ansonsten können wir das Thema im Auge behalten."

Er überprüfte noch einmal, ob alle Gurte an Saphiras Sattel fest genug saßen und die Drachendame trotzdem in ihrer Bewegungsfreiheit nicht zu sehr einschränkten.

„Du sprichst in Rätseln", entgegnete Roran nur.

Jetzt, da Katrinas Rettung in greifbare Nähe rückte, gab er sich nur zu bereitwillig mit solch kurzen, wenig aussagekräftigen Antworten zufrieden, denn es interessierte ihn nicht wirklich. Ungehalten stellte er fest, dass er wohl nicht umhin kommen würde, sich noch einmal auf Saphiras Rücken zu setzen. Auf einem Drachen zu fliegen war wirklich ganz und gar nichts für ihn. Trotzdem: Für seine geliebte Katrina würde er es tun ohne sich weiter zu beschweren. Also zog er sich hinter Eragon in den Sattel, nachdem er sein weniges Gepäck zusammengerafft hatte.

Die blaue Drachendame stieß sich vom Boden ab und stieg in die Luft. Vor ihnen erhob sich der Helgrind wie eine steinerne Bastion der Verdammnis. Genau das musste er auch sein und trotzdem verstümmelten und opferten sich die Menschen für das, was sich darin verbarg. Am Vorabend hatten sie eine solche Zeremonie beobachtete und die Erinnerung ließ Eragon immer noch das Blut in den Adern gefrieren. Doch das Problem war ein ganz anderes. Wie sollten sie diese Festung des Bösen stürmen? Saphira zog Kreise um den Berg, doch es war nichts zu sehen als Stein, so glatt, dass sich nichts und niemand daran halten konnte. Währenddessen tastete Eragon geistig nach Spuren von Leben welcher Art auch immer im Berg. Es blieb zu hoffen, dass hier keine Falle auf ihn wartete, zu der unter anderem talentierte Magier gehörten. Er gab sehr viel mehr von seinem Schutz auf, als vernünftig war. Doch sie mussten wissen, was auf sie zu kam.

„Also, was ist da?", fragte Roran nervös.

Das Ganze dauerte für seinen Geschmack deutlich zu lange.

„Nichts", antworteten Eragon und Saphira gleichzeitig.

„Ich kann nichts spüren", erläuterte Eragon zuerst. „Das muss nichts heißen. Da drin kann irgendetwas sein, das die Wahrheit vor mir verbirgt. Aber es beunruhigt mich, nicht zu wissen, was auf uns zu kommt."

„Wir müssen trotzdem da rein", drängte Roran nervös.

„Ja, aber ...", begann Eragon.

...ich habe keine Ahnung wie, beendete Saphira den Satz frustriert. Es gibt hier nichts. Keinen Vorsprung, keine Spalte, keine Unebenheit.

Die Drachendame nahm sich eine letzten mehr oder weniger verzweifelten Versuch vor. Vorsichtig flog sie auf den Fels zu und streckte die Beine aus, um sich vielleicht mit den Krallen daran festhalten zu können. Um so größer war der Schreck, als ihr kein Widerstand entgegenschlug. Stattdessen glitt der Drache samt Reitern durch die Bergwand, als würde sie nicht existieren.

„Was bedeutet das?", wollte Roran wissen und sah sich besorgt um.

„Das bedeutet, dass der äußere Schein wieder einmal trügt", antwortete Eragon. „Es war nur eine Illusion, eine Täuschung."

Sie befanden sich in einem großen Gewölbe mit bedrückender Atmosphäre. Saphira landete dicht hinter der Wand und ließ die beiden absteigen.

Das gefällt mir nicht, raunte sie und sah sich hastig nach allen Seiten um.

Mir auch nicht, stimmte Eragon ihr zu. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn es zu ruhig ist.

Noch einmal schickte er seinen Geist auf der Suche nach Lebenszeichen aus. Zu seiner Verwunderung konnte er das Leben spüren, das sich außerhalb des Berges regte. Eigentlich hatte er erwartet, dass er mit der Illusion auch einen Zauber hinter sich gelassen hatte, der Eindrücke von der anderen Seite abschirmte. Doch so war es nicht und seine Wahrnehmung brachte keine neuen Erkenntnisse.

„Hier scheint absolut nichts zu sein", teilte er Roran und Saphira mit.

Er wollte noch mehr sagen, kam er nicht mehr dazu, als ihn eine Welle magischer Energie von den Füßen warf. Ein lautes Poltern und wütendes Drachengebrüll ließ ihn vermuten, dass es Saphira ähnlich ergangen war. Eragon schlitterte ein Stück über den Boden und blieb dann benommen liegen. Was war geschehen? Hatte er den Schutz des Helgrinds so sehr unterschätzt, dass er nicht einmal so eine massive Attacke hatte wahrnehmen können? Offenbar war es so gewesen. Wütend konzentrierte er sich darauf, wieder auf die Beine zu kommen. Der Versuch wurde jedoch unsanft unterbrochen als ihn etwas Scharfes, Spitzes, das sich ein Stück in seinen Rücken bohrte, zurück auf den Boden drückte. Eragon konnte nicht sehen, was über ihm vor sich ging, aber es war sich sicher, dass es sich um eine Waffe handelte. Ganz offenbar waren sie direkt in eine raffiniert geplante Falle geraten. Er kam jedoch nicht mehr dazu, dieser Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und er verlor langsam das Bewusstsein. Das Einzige, was er vorher noch wahrnahm, war das wütenden Fauchen seines Drachens.