Ein schrilles Klingeln riss Scully, für ihren Geschmack viel zu früh, aus ihren Träumen. Sie stöhnte genervt auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen bevor sie sich schlaftrunken über Mulder beugte um das Handy auf dem Nachttisch zu erreichen.
„G'morgen" murmelte dieser bevor er sich wieder in sein Kissen vergrub. Sie hatten beide nicht viel geschlafen an diesem Wochenende.
„Scully." Meldete sie sich ohne auf dem Display nach dem Anrufer zu gucken.
Am anderen Ende herrschte Schweigen.
„Hallo? Wer ist denn da?" fragte sie und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Andererseits sollte der Anrufer ruhig mitbekommen, dass er sie unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte.
„Direktor Skinner hier." Er klang etwas verwirrt.
„Guten Morgen Sir, was kann ich für Sie tun?"
„Agent Scully ich…eigentlich gar nichts." Es entstand eine kurze Pause bevor er weitersprach. „Entschuldigen Sie, aber ich bin ein bisschen irritiert. Ich habe versucht Mulder zu erreichen."
Wie ein Blitz durchfuhr es Scully und plötzlich saß sie aufrecht im Bett, von Müdigkeit keine Spur mehr.
Voller Horror sah sie auf das Handy in ihrer Hand. Mulders Handy.
Es hatte wohl neben ihrem auf dem Nachttisch gelegen und sie hatte abgenommen ohne ihren Fehler zu bemerken.
„Scully? Sind Sie noch dran?" hörte sie Skinners entfernte Stimme.
Sie atmete tief durch und versuchte ruhig zu klingen als sie antwortete.
„Sir ich habe fälschlicherweise angenommen es wäre mein Handy das klingelt. Das tut mir leid."
„Warum haben Sie Agent Mulders Handy bei sich?"
„Agent Mulder und ich haben gestern Abend einige Akten durchgesehen und da es spät wurde ist er hier geblieben."
Sie sah Mulder aus dem Augenwinkel an der inzwischen auch mitbekommen hatte was passiert war und ihre Hand in seine nahm um sie zu beruhigen. Leider bewirkte er damit das genaue Gegenteil. Sie durften nicht hier sein, ER durfte nicht hier sein. Vor allem aber durfte Skinner nicht mitbekommen was zwischen Ihnen passiert war. Sie wusste nicht wie der Direktor damit umgehen würde wenn sie erneut eine der Grundregeln des FBI brachen. Dieses Mal aus persönlichen Gründen, die wohl vor dem Ausschuss nicht zu verteidigen waren.
„Auf der Couch! Im Wohnzimmer." fügte sie hastig hinzu.
„Ich verstehe." Er klang wenig überzeugt, ließ das Thema jedoch zu ihrer Erleichterung fallen. „Ich habe heute Morgen einen Anruf aus Westbrook, Maine erhalten. Der ansässige Sherif verlangte ausdrücklich nach Mulder. Worum genau es geht wollt sie mir noch nicht mitteilen."
„Sherif Blair?" fragte Scully überrascht. Sie hatte diese X-Akte als abgeschlossen betrachtet.
„Ja das war ihr Name." Bestätigte er. „Es gab wohl einen erneuten Vorfall. Sie sagte Mulder wisse worum es ginge aber so wie es scheint, sind auch Sie im Bild. Vielleicht ist es das Beste wenn sie Mulder begleiten. Ich erwarte Sie beide in 2 Stunden in meinem Büro."
„Natürlich Sir." Sie zögerte „Ich…werde es Agent Mulder weitergeben. Bis in zwei Stunden Sir."
Sie legte auf, ließ sich auf den Rücken fallen und zog sich die Decke über den Kopf. Ihre Wangen brannten vor Scham und sie brauchte einige Sekunden um ihr Herzklopfen unter Kontrolle zu bringen.
„Scully komm schon. Alles halb so wild! Das kann passieren!" sagte er und lachte verständnisvoll.
Ein unverständliches nuscheln kam unter dem Kissen hervor.
Nun musste er endgültig Lachen. Vorsichtig hob er eine Ecke des Kissens an um ihr ins Gesicht sehen zu können.
„Willst du nicht wieder rauskommen?" fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und schob schmollend die Unterlippe nach vorne.
„Du bist mir keine große Hilfe. Ich schäme mich in Grund und Boden und du lachst."
„Was soll ich tun, so bin ich nun mal." Er beugte sich vor und küsste sie auf die Wange. „So sehr ich deinen Schmollmund auch mag, wir sollten aufstehen. Wir wollen doch nicht zu spät kommen."
Sie seufzte doch ihr blieb nichts als ihm rechtzugeben. Der Verkehr würde die Hölle sein um diese Zeit und sie wollte auf gar keinen Fall weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
„Ich gehe als erstes duschen." Damit küsste sie ihn kurz auf den Mund und verschwand in Richtung Badezimmer.
Skinner sah kurz von seinen Papieren auf als seine beiden Agenten das Büro betraten.
„Ah Sie sind da. Bitte nehmen Sie Platz." Er deutete auf die beiden leeren Stühle im Gegenüber. „Ich habe sofort Zeit für Sie."
Sie traten an den Schreibtisch und nahmen ihre üblichen Plätze ein. Scully nestelte ein wenig nervös an den Knöpfen ihres Blazers. Sie hoffe inständig, dass Skinner den Handy-Vorfall übergehen würde. Mulder sah zu ihr herüber und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, dann nickte er kaum merklich mit dem Kopf um ihr zu bedeuten, dass alles gut werden würde. Dankbar erwiderte sie seine Geste mit einem Lächeln ihrerseits. Plötzlich hatte sie das brennende Bedürfnis ihn zu berühren, wünschte sich, er würde ihre Hand halten um ihr klopfendes Herz zu beruhigen.
Ein Räuspern brachte sie zurück in die Realität und peinlich berührt stellte sie fest, dass die Augen ihres Direktors auf sie fixiert waren.
„Agent Scully. Fühlen Sie sich nicht wohl heute Morgen?" fragte er, doch sie war sich sicher, dass dies nur eine rhetorische Frage war.
„Doch Sir. Es ist alles in Ordnung."
„Gut. Sie wirkten ein wenig zerstreut am Telefon."
Sie brauchte all ihre Willenskraft um nicht zu erröten.
„Ich denke das war meine Schuld." Warf Mulder ein und zog somit die Aufmerksamkeit auf sich. „Scully hat bis spät in die Nacht Obduktionsberichte für mich geprüft."
„Soweit ich informiert bin bearbeiten Sie aktuell keinen Fall."
„Es sind alte offene Fälle gewesen. Ich vermutete einen Zusammenhang den Agent Scully jedoch widerlegen konnte."
Skinner nickte anerkennend in ihre Richtung.
„Dann haben Sie ja Zeit um ihre volle Aufmerksamkeit einem neuen Fall zu widmen."
Er reichte beiden Agenten eine überraschend dünne Mappe.
„Wie ich bereits sage wurde ich heute Morgen von Sheriff Blair kontaktiert. Sie berichtete mir, dass sie schon zu einem früheren Zeitpunkt ihre Hilfe in Anspruch genommen hat...inoffiziell."
„Sir wir…" begann Mulder doch Skinner schüttelte den Kopf.
„Was sie in Ihrer Freizeit tun geht mich nichts an, und wenn es gegen die Regeln verstößt wäre es mir wohler wenn ich nicht in Kenntnis gesetzt werde. Je weniger ich weiß desto weniger kann ich verraten." Er blickt beiden lange in die Augen.
Wieder keimte in Scully der Gedanke auf, dass er mehr wusste.
Oder hatte er es tatsächlich nur auf die Hilfestellung für Sheriff Blair bezogen?
Es war ein offenes Geheimnis, dass sie beide auch außerhalb der offiziellen Ermittlungen Hinweisen nachgingen.
