3. Kapitel
Harry sah sich neugierig um, als er durch die vertrauten Passagen und Korridore schritt, die voll von fremden Schülern waren. Sein Herz machte einen Hüpfer: Waren das da vorne die roten Haare eines Weasleys? –Nein, das Gesicht hatte keinerlei Ähnlichkeit.
Sie sind mir alle fremd… Nein, ich bin hier wohl eher der Fremde.
Viele der Schüler warfen ihm im Vorbeigehen neugierige Blicke zu. Ein paar Mädchen drehten sich nach ihm um und er fing einige Gesprächsfetzen auf, die sich seltsamerweise um die Attraktivität seiner zerzausten Haare drehten. Tatsächlich fiel er unter den Schülern mit perfekt gescheiteltem Haar ein wenig auf, die in dieser Zeit das Schloss bevölkerten. Tante Petunia hätten all diese glatten, ordentlichen Scheitel sicher sehr gefallen.
Am Ende des von Fackeln warm beleuchteten Korridors traf er auf eine Gruppe Mädchen, Erstklässler, schätzte er, die einem Mädchen mit Brille und Zöpfen schwer zuzusetzen schienen. Meine Güte, waren diese Mädchen bösartig! Das bebrillte Mädchen hatte sich an der Wand zusammengekauert und Schluchzer schüttelten ihren kleinen Körper, was eine ihrer Widersacherin (sie war recht hübsch, dunkelhaarig) jedoch nicht davon abhielt, sie weiter erbarmungslos zu striezen: „Mit dieser lächerlichen Brille siehst zu aus wie eine beschränkte Eule… Wenn ich du wäre, könnte ich meinen Anblick nicht mehr ertragen!"
Eines der anderen Mädchen murmelte: „Lass es gut sein, Olive. Myrte weint doch so schon. Sie kann einfach nichts dafür, dass sie hässlich ist, oder?"
Myrte? Das war dann wohl…
Harry ging auf die kleine Gruppe zu: „Was macht ihr mit ihr?" Olive zuckte beim Klang der Stimme zusammen. Als sie des älteren Jungen ansichtig wurde, nahm ihr Gesicht einen ziemlich unschuldigen Ausdruck an, der Harry, soweit möglich, noch mehr erzürnte.
Er sah Myrte ein bisschen mitleidig an. Arme, kleine Myrte, du hasst dich selbst wohl mehr, als sie es je könnten, oder? Was könnte ich sagen, um dir zu helfen? Was könnte ich sagen, um dich davon abzuhalten, allein im Bad zu weinen, bis ein Monster aus dem Abgrund zu dir kommt?
Er räusperte sich: „Ihr Mädchen seid von allen guten Geistern verlassen. Ihr nennt sie hässlich! Sie ist schöner, als jede einzelne von euch Gören." Der Schock, der angesichts Harrys strafendem Ton über ihre Gesichter glitt, war fast greifbar. Er wandte sich Myrte zu: „Du bist wundervoll. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden."
Olives Gesicht war vor totalem Unverständnis wie eingeschlafen. Myrte allerdings wischte sich ihre Tränen am Umhang ihrer Schuluniform ab und starrte Harry fassungslos an. Plötzlich erschien ein Glitzern in den grünen Augen des Mädchens und ihre Wangen färbten sich rosa, sie sah völlig anders aus, wenn sie lächelte! Harry erkannte vollkommen verblüfft, dass Myrte sich gerade in eine Schönheit verwandelt hatte. Wie durch Magie, schien es, warf sie ihm ein weiteres errötetes Lächeln zu, ehe sie den Korridor entlang lief, ohne auf ihre versteinerten Peinigerinnen zu achten.
Wie kann sie auf einmal so wunderschön werden, nur weil ich ihr gesagt habe, dass sie es ist? Ich werde das Geheimnis der Frauen und ihrer Schönheit wohl nie verstehen. Offensichtlich habe ich gerade gezaubert, nur weiß ich nicht wie und was…
Endlich erreichte er den Kerker. Ein paar Trödler betraten mit ihm gemeinsam den Klassensaal. Professor Slughorn stand vorn am Pult, ausladend und anmaßend wie eh und je, in Roben von gecrushtem, vanilleblumenfarbigem, Samt gehüllt. Seine Haare und Koteletten wirkten um einiges voller, ein bisschen rötlicher dazu; ansonsten jedoch sah er genauso aus, wie Harry ihn kennengelernt hatte. Als der Professor seinen Blick auffing, fühlte Harry sein Herz rasen: Lassen Sie mich nicht auffliegen, Professor, ich bitte Sie! Lassen Sie sich nicht anmerken, dass Sie mich kennen…
Natürlich war der Gedanke unsinnig; Slughorn kannte ihn noch gar nicht. Wie kann ich Sie so gut kennen, wenn sie mich noch nie gesehen haben? Sicher erkennen Sie mich, wenn Sie meine Narbe sehen? Gibt es keinen Teil des Gehirns, der sich an Dinge erinnert, die erst noch geschehen werden?
Offensichtlich nicht. Slughorn besah den neuen Schüler lediglich anerkennend und nickte ihm dann freundlich zu. „Sie sind der neue Schüler, Harry Black, ja? Sind Sie vielleicht mit dem äußerst talentierten Tränkemeister Arcturus Black verwandt?"
Ja, ich bin der Patensohn seines ungeborenen Enkels.
„Ja, Sir, allerdings ein anderer Zweig der Familie." Der gesunde Zweig, der vom verseuchten Reinblutbaum gefallen ist…
„Ah…" Slughorn war äußerst erfreut über diese Information, „eine sehr alte Familie, die Blacks, alt und sehr edel, wirklich…"
Harry, dem bei Slughorns verzweifelter Gier nach Macht und Reichtum ein wenig schlecht wurde, sah sich im Klassensaal um. Fremde, die auf vertrauten Stühlen im vertrauten Kerker saßen.
Wo war nur Riddle? Da! Da hinten, in der letzten Reihe… Harrys Atem stockte kurz in seiner Brust, als er das vertraute Gesicht erblickte. Er hatte den jungen Tom Riddle natürlich schon einmal gesehen, allerdings war er da nur eine dunstige Erinnerung im Denkarium oder ein lang verblasster Schatten seines Tagebuches gewesen.
Doch niemals so, ein Junge, ganz aus Fleisch und Blut, mit dunklen Locken und wirklich bemerkenswert schönen grauen Augen.
Harry fühlte in seiner Umhangtasche nach seinem Zauberstab, als Toms Blick ihn traf. Die grauen Augen auf sich spürend, durchfuhr ihn eine plötzliche Salve der Wut. Er kennt mich. Ich sehe es in seinen Augen, ein Abglanz des Erkennens.
Natürlich kennt er mich. Wir sind für immer aneinander gebunden, Voldemort und ich. Slughorn mochte sich vielleicht nicht an das noch kommende erinnern, aber du, zukünftiger dunkler Lord, du kannst es sicher…
