Jack Sparrow ging am Hafen entlang und pfiff leise vor sich hin. Auf den ersten Blick wirkte er wie einer der unzähligen anderen Seeleute, die an diesem Abend auf die Tavernen und Bordelle zusteuerten, doch der Anschein trog. Hätte ihn einer der zahlreichen Passanten genauer beobachtet, so hätte er festgestellt, dass er sich von Zeit zu Zeit nervös umwandte oder stehen blieb, um die vorbeieilende Menge wachsam zu mustern. Ursprünglich hatte er gehofft, die Dinge würden einfacher werden, sobald er die Kinder nicht mehr bei sich hatte, doch so war es nicht. So wenig er sich diese Tatsache auch eingestehen wollte: Er machte sich Sorgen.

Es lag wohl nicht in James Norringtons Natur, vier unschuldige Kinder dem sicheren Tod oder einem noch schlimmeren Schicksal zu überlassen. Allerdings neigte er ebenso wie der Welpe zu unbedachten Aktionen und es stand zu befürchten, dass er etwas entsetzlich Dummes anstellen würde, noch ehe Sheza ihm den Brief übergeben konnte. Das Mädchen war für ihr Alter ausgesprochen scharfsinnig, doch mit den beiden Kleinen im Schlepptau waren sie und Momoh leichte Beute. Wer auch immer sie und die anderen verschleppt hatte würde nach ihnen suchen lassen und sie letztendlich auch finden. Deshalb bestand seine oberste Priorität auch darin, sie aus Port Royal fortzuschaffen.

Nur aus diesem Grund war er schließlich über seinen Schatten gesprungen und hatte die Kinder zu Norrington gebracht. Er war nicht nur Geschäftsführer der East India Trading Company, sondern auch ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft; kurzum: eine gute Wahl, wenn man auf der Suche nach einem unscheinbaren Versteck war. Natürlich hatte Jack die Geschichten um die Rettung des Admirals gehört, doch er kannte sich selbst gut genug um zu wissen, dass derartige Behauptungen mit Vorsicht zu genießen waren. So begnügte er sich zunächst mit dem Wissen, dass Norrington trotz seiner unglücklichen Verbindung zu Cutler Beckett weder ein Unmensch, noch ein Sadist war.

Für einen Augenblick war er so in Gedanken versunken, dass er nicht mehr auf seine Umgebung achtete. Erst ein unsanfter Stoß in die Rippen, der ihn beinahe über die Kaimauer befördert hätte brachte ihn zurück in die Gegenwart. Er stolperte einige Schritte seitwärts, bis sein Gleichgewichtssinn schließlich die Oberhand gewann.

„Hey, ist das hier vielleicht der Trampelpfad zum Wasserloch, du Nashorn?", rief er dem Übeltäter nach, doch dieser war entweder zu betrunken oder zu beschäftigt, um sich um sein Opfer zu kümmern. Frustriert stieß Jack noch einige unflätige Schimpfwörter aus, um seinem Ruf als furchterregender Pirat gerecht zu werden. Als sich niemand um ihn kümmerte, setzte er seinen Weg schließlich fort. Er verspürte die unbestimmte Lust, sich zu prügeln oder doch zumindest von seinem Degen Gebrauch zu machen. Nach allem, was er in den letzten Monaten gesehen hatte, erschien ihm diese Art roher Gewalt unter Männern normal, ja, beinahe tröstlich und es enttäuschte ihn ein wenig, dass niemand auf seine Provokationen einging.

Er drehte sich noch einmal um – eine völlig unnötige Vorsichtsmaßnahme, wie er sich selbst einzureden versuchte, dann bog er in eine dunkle Seitenstraße ein. Ein rostiges Schild schwang leise knarrend im Abendwind, darunter fiel ein schwacher Lichtschein nach draußen. Der vertraute Anblick entlockte Jack ein Lächeln, das nicht zuletzt durch die versöhnlich stimmende Aussicht auf Rum hervorgerufen wurde. Obwohl er es selbst kaum glauben konnte, hatte er seit Tagen keinen Tropfen mehr angerührt - und genauso fühlte er sich auch.

*~*

Die Taverne sah noch immer so aus, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte: Eng, stickig und so überfüllt, dass man den zentimeterdicken Schmutz auf dem Boden nicht sehen konnte. Die meisten Gäste waren betrunken und Jack machte sich nicht die Mühe, sie einzeln in Augenschein zu nehmen. Je unauffälliger er sich verhielt, desto besser. Entschlossen steuerte er auf den Tresen zu, der einem schlafenden Piraten als Kopfkissen diente. Dahinter stand ein junger Mann und schenkte Rum in schmutzige Krüge.

„N'Abend, Ben", sagte Jack und klopfte zweimal auf das wurmzerfressene Holz.

„Jack Sparrow!" Ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht des Schankwirtes, als er eine halbleere Rumflasche sinken ließ, um den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen. „Mann, du musst echt Nerven haben, dass du dich noch hier blicken lässt!"

Oh Himmel, das konnte ja heiter werden. „Ist sie sehr wütend?"

„Oh ja! Sagte, sie würde dich in Stücke hacken und die guten Teile für einen Eintopf verwenden."

„Und die weniger guten?"

„Unten im Hafenbecken gibt es Haie." Damit stellte ihm Ben unaufgefordert einen großzügig gefüllten Krug mit Rum hin.

„Verlockende Aussichten." Jack nahm einen zögerlichen Schluck, nickte anerkennend und trank den halben Krug in einem Zug leer. „Was kannst du mir denn als Henkersmahlzeit empfehlen?"

„Eintopf!"

Jack verzog angewidert das Gesicht und beschloss, noch ein paar Tage länger zu fasten. Vielleicht hatte Anamaria ja etwas Genießbares in ihrem persönlichen Vorratsschrank – wenn sie ihn nicht vorher in sämtliche Einzelteile zerhackte, was ihr durchaus zuzutrauen war. In gewisser Weise, das musste er zugeben, hatte sie auch allen Grund, wütend zu sein. Bei seinem letzten Besuch hatte er sich eine beträchtliche Summe Geld von ihr geborgt, auf deren Rückzahlung sie bis zu diesem Tag wartete. Dass er die Münzen ungefragt bei seiner Abreise aus dem Schrank genommen hatte, machte die Sache nicht eben besser.

„Wo ist sie eigentlich?", fragte er Ben, nachdem er die gesamte Kneipe mit den Augen abgesucht hatte, ohne ein vertrautes Gesicht zu entdecken.

„Nimmt ein Bad."

„Denkst du, sie hätte etwas gegen ein wenig Gesellschaft einzuwenden?" Er grinste anzüglich und Ben verstand den Wink. Ein kurzes Nicken in Richtung einer hinter dem Tresen eingelassenen Tür war alles, was es zu sagen galt. Jack nahm einen letzten Schluck Rum, dann begab er sich in die Höhle der Löwin.

*~*

„Ben, was soll das? Ist es so wichtig?"

Gott, was für ein Anblick! Anamaria lag mit geschlossenen Augen in einem Waschzuber, den Körper von Schaum bedeckt. Nur ihr glänzend schwarzes Haar ergoss sich über den Rand der Wanne und fiel fast bis zum Boden. Es war eine Schande, dachte Jack, dass sie es für gewöhnlich unter einem überdimensionierten Hut versteckte.

„Aye, Liebes. Es geht um Leben und Tod."

Was in den nächsten Sekunden geschah, ging so schnell, dass Jacks überstrapaziertes Hirn mit der Reihenfolge der Ereignisse vollkommen überfordert war. War sie zuerst aus der Wanne gesprungen und hatte dann die Augen aufgerissen, oder war es umgekehrt gewesen? Und wie zum Teufel war sie an diese Pistole gekommen?

„Du", zischte sie in sein Ohr. „Dass du ein gottverdammter kleiner Gauner bist, wusste ich. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass du tatsächlich so dreist sein würdest, hier aufzutauchen."

„Du dagegen entsprichst noch immer ganz meinen Erwartungen." Jack verzog das Gesicht und hoffte, dass ein entwaffnendes Grinsen dabei herauskam. Trotz des kalten Metalls an seiner Schläfe kam er nicht umhin, den Blick zu senken und auf ihre nackten Brüste zu starren. Sie hatte sich tatsächlich nicht verändert. Ihr Körper war noch immer schmal und drahtig, ihre Schenkel fest und ihre Haut dunkel und geschmeidig. Dabei musste sie fast in seinem Alter sein.

„Spar dir dein Gesülze. Jedes Wort, das über deine Lippen kommt, ist eine verdammte Lüge." Ihre Stimme war schneidend kalt und Jack musste einsehen, dass es schwerer werden würde als geplant.

„Willst du nicht erst einmal die Waffe von der Stirn eines Mannes nehmen, um besagten Mann zu fragen, ob er dir das gebracht hat, was du von ihm haben möchtest?"

„Na gut", sagte Anamaria und nahm die Waffe herunter. „Und? Hast du mein Geld?"

„Ehrlich gesagt und unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände – nein."

Sekundenbruchteile später war der Pistolenlauf an seinen angestammten Platz zurückgekehrt – in die beunruhigende Nähe seines Gehirns.

„Anamaria, Teuerste", begann er aufs Neue. „Meinst du nicht, wir sollten das hier regeln wie zivilisierte Menschen?"

„Ich sehe hier nur einen zivilisierten Menschen, und das bist ganz sicher nicht du."

„Hör zu, es tut mir leid." Hatte er das wirklich gesagt? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er selbst nicht gewusst, wie verzweifelt er eigentlich war – aber er meinte es tatsächlich. Es tat ihm leid, dass er ihr das Geld nicht zurückzahlen konnte, insbesondere da er hierher gekommen war, um sie um einen Gefallen zu bitten.

„Darf ich das noch einmal hören?" Die Pistole bewegte sich um keinen Millimeter, doch er glaubte so etwas wie Amüsement aus ihrer Stimme herauszuhören.

„Es könnte sein, dass ich vielleicht ein klitzekleines bisschen Reue zeige, was das Geld angeht, das ich mir von dir geborgt habe."

Anamaria schien für eine Weile nachzudenken, dann senkte sie ihre Waffe und trat einen Schritt zurück. „Und was verschafft mir die Ehre, von einem reumütigen Jack Sparrow heimgesucht zu werden? Ich nehme nicht an, dass du hier bist, um dich bei mir zu entschuldigen."

Jack schluckte schwer. Er wusste, dass der Augenblick geradezu nach einer schlagfertigen Antwort schrie, doch er konnte beim besten Willen keinen klaren Gedanken fassen, solange sie so vor ihm stand: Völlig nackt.

„Du siehst das völlig falsch, Liebes", stammelte er. „Ich verbinde nur das Angenehme mit dem Nützlichen, sozusagen …"

Sie schien seine Blicke bemerkt zu haben, denn sie grinste, wackelte verführerisch mit den Hüften und griff schließlich nach einem Handtuch. Er verstand ihr Friedensangebot und stellte überrascht fest, dass er ihr vor lauter Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen wäre.

„Können wir reden?", fragte er, während er ihren Hintern bewunderte.

„Siehst du hier jemanden, der uns belauschen könnte?"

Jack fühlte leises Bedauern in sich aufsteigen, als sie nach ihren Hosen angelte und Anstalten machte, sich ein Hemd überzuziehen. ‚Es ist besser so, alter Junge', hielt eine warnende Stimme in seinem Kopf dagegen, und er musste ihr grummelnd zustimmen. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, war ein Neuaufguss einer schon mehrfach gescheiterten Beziehung.

„Dann werde ich dir jetzt eine Geschichte erzählen", sagte er schließlich, „und du wirst mir sagen, was du davon hältst."