Kälte, dieses unangenehme Gefühl war das Erste welches wieder zu Shuichi durchdrang, während sein Bewusstsein an die Oberfläche dämmerte. Benommen und verwirrt versuchte er seine Augen zu öffnen. Wieso war ihm so kalt? Es dauerte noch einmal eine kleine Ewigkeit bis noch etwas Anderes auffiel. Er konnte seine Hände nicht bewegen. Was war geschehen? Wo war er? Erst nach einigen erfolglosen Anläufen schaffte er es seine Augen zu öffnen und nachdem sein Blick auch nicht mehr verschwommen war, konnte er sich umsehen. Sein Kopf schmerzte und selbst das dämmrige Licht der Umgebung fühlte sich an, als würde jemand mit einer Nadel in seinen Kopf stechen. Ein leises Stöhnen entkam seinen Lippen.
Soweit er das beurteilen konnte, befand er sich in einem Keller, zumindest ließ das kleine, vergitterte Fenster und die kahlen, steinernen Wände darauf schließen. Nachdem er einen Blick über seinen Kopf geworfen hatte, wusste er auch was mit seinen Händen war. Sie waren mit starken, rauen Hanfseilen an einem der freiliegenden Roheren gebunden. Übelkeit kroch in ihm hoch und er versuchte sie mit tiefen Atemzügen und mehrmaligem Schlucken in den Griff zu bekommen. Er brauchte eine kleine Ewigkeit, ehe er glaubte es geschafft zu haben. Shuichi versuchte seine Gedanken zu klären und während dessen kam ihm irgendwann der Gedanke, dass es nicht gut war, an einem fremden Ort, in einem Keller, an einem Rohr gebunden zu sein. Als er diesen Gedanken schließlich vollendet hatte, begann er an seinen Fesseln zu zerren. Es dauerte nur wenige Sekunden ehe er feststellte, dass dies nichts bringen würde außer seine schon jetzt schmerzenden Handgelenke noch weiter aufzuscheuern. Ein erneutes Stöhnen entkam seinen trockenen Lippen. Sein Kopf fühlte sich so schwer an und schmerzte höllisch. Warum nur schaffte er es immer sich in solche Schwierigkeiten zu bringen? Er kniff seine Augen zusammen um sich zu konzentrieren. Sein Kopf dröhnte und seine Gedanken waren so zäh wie Sirup. Er befand sich also in einem Keller und war festgebunden. Das alles ließ nur einen Schluss zu, er war entführt worden.
Aber von wem und warum?
Er versuchte krampfhaft sich daran zu erinnern was geschehen war. Das Letzte das er mit Bestimmtheit sagen konnte, war das er im Park gewesen war und nach Hause gehen wollte. Wie lange war das nun her? Stunden? Er blickte zu dem kleinen Fenster. Es schien als würde es dämmern, aber sicher war er sich nicht. Im gleichen Moment schüttelte er seinen Kopf, eigentlich war das ganze ziemlich unwichtig. Wichtig war es, hier wieder raus zu kommen. Shuichis Blick lag immer noch auf dem kleinen, vergitterten Fenster. Würde man ihn hören, wenn er laut genug schreien würde? Unschlüssig biss er sich auf die Unterlippe. Er würde damit auch seinen Entführer darauf aufmerksam machen, dass er wach war. Noch einen langen Moment zögerte er, ehe er tief Luft holte und sein unglaubliches Stimmtalent dazu nutze, um auf sich aufmerksam zu machen.
„HIIIILLLLLFFFEEE!!!"
Yuki Eiri Usugi, begnadeter Schriftsteller und das Traumziel unzähliger Frauenherzen rieb sich noch leicht verschlafen über die Augen. Shuichi war nicht nach Hause gekommen. Diesen Umstand stellte er mit einem pragmatischen Blick auf die andere Betthälfte fest. Er hatte noch am vergangenen Abend lange auf das Geräusch einer sich öffnenden Haustüre gelauscht, doch vergebens. Missmutig verzog die Berühmtheit sein Gesicht. Na wenn der Jüngere meinte. Sicher war er wieder bei dem Gitarristen der Band, Hiro, untergekommen und würde bald schon wieder auftauchen. Es war schließlich nicht so als würde er sich Sorgen machen…, zumindest versuchte er sich dies mit wenig Erfolg einzureden. „Idiot!", gab er grummelnd von sich und stand schließlich auf, um sich für den Tag fertig zu machen. Wieso musste Shuichi auch für jede Kleinigkeit immer so ausrasten? Er trat unter die Dusche, wusch sich und zog sich anschließend an. Es war merkwürdig, immer wieder erwartete er den aufgedrehten Sänger zu sehen, zu hören, doch nichts. Shuichi war nicht da. Yuki machte der Umstand, dass er sich schon so sehr an die Anwesenheit des Jüngeren gewöhnt hatte Sorge. Er wollte das nicht!
Yuki saß gerade schlecht gelaunt am Küchentisch, als das Klingeln der Haustüre ihn aus seinen Gedanken riss. Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Züge. Shuichi hatte bei seinem übereilten Abgang sicher seinen Schlüssel vergessen und erbat nun Einlass. Yuki hatte doch gewusst das er wieder auftauchen würde. Mit langsamen Schritten ging er zur Haustüre, ließ dort angekommen noch weitere Sekunden verstreichen und öffnete schließlich die Türe. Nur um sich gleich darauf mit einer geladenen Waffe konfrontiert zu sehen. „Wo ist er?", schallte eine bedrohliche, amerikanisch klingende Stimme zu ihm rüber. Yuki runzelte seine Stirn. „Nimm das Ding runter! Shuichi ist nicht da!" Ohne weiter auf seinen ungeladenen Gast zu achten wandte er sich um und strebte wieder zur Küche. „Was soll das heißen: Er ist nicht da?" Kam auch gleich die erstaunte Stimme des nervigen Managers von ‚Bad Luck' hinter ihm her. „Na was schon, das er nicht da ist." Gab der Schriftsteller mit ausdrucksloser Stimme von sich. „Er ist mit Sicherheit bei Hiro. Also, wenn es dir nichts ausmacht, du weißt ja wo die Tür ist." Mit diesen Worten ergriff Yuki seine Tasse Kaffee und wollte sich auf den Weg in sein Schreibzimmer machen, als ihn die Worte des Amerikaners aufhielten. „Hiro ist bei NG, nur Shuichi glänzt mal wieder durch Abwesenheit." Yuki blieb mitten im Schritt stehen. Shuichi war nicht bei seinem Band Kollegen? Er trat wortlos an den Tisch zurück und setzte die Tasse wieder ab, daraufhin ging er zielstrebig in den Flur und nahm das schnurlose Telefon auf. Dies alles von den neugierigen Augen des Managers, Claude K. Winchester, verfolgt. Ohne einen erklärenden Kommentar von sich zu geben, wählte er Shuichis Handynummer und wartete auf das obligatorische Freizeichen. Gerade als dieses ertönte, nahmen seine Ohren die Melodie von Shuichis Klingelton wahr. Yuki legte wieder auf. Shuichi hatte sein Handy vergessen… „What' s up?", nervte wieder die amerikanisch Stimme und lenkte Yuki von seinen Gedanken ab, er machte sich allerdings nicht die Mühe zu antworten, sonder begann von neuem zu wählen. Kurze Zeit später war er auch schon mit Shuichis älteren Schwester, Maiko, verbunden. „Ist Shuichi bei euch?", fragte er gleich nachdem die Begrüßung abgeschlossen war. „Nicht. Nein…Ja, vielleicht. Sag ihm bitte, wenn er auftaucht, das er sich melden soll!" Kurz darauf wurde auch dieses Gespräch durch Yuki unterbrochen. Ob sie sich gestritten hatten? Ja, vielleicht konnte man das so sagen… „Du weißt also auch nicht where he is? Das ist really merkwürdig!" Gott wie sehr Yuki dieses japanisch-amerikanische Kauderwelsch doch hasste. „Nein, weiß ich nicht!" Gab er schließlich zu. Er weigerte sich, das ungute Gefühl im Bauch als Sorge um seinen Partner anzuerkennen. Shuichi trieb sich sicher nur irgendwo herum und hatte die Zeit vergessen. „Er ist gestern Abend abgehauen und war seit dem nicht wieder hier." Setzte er unwillig hinterher. „Habt ihr wieder gestritten?", fragte der Langhaarige gleich darauf. „Nicht wirklich!", erwiderte Yuki leise. Sie hatten nicht gestritten, er hatte Shuichi nur weggeschickt. Er ließ sich die vergangene Szene noch einmal durch den Kopf gehen, vielleicht war er doch zu grob gewesen? „Gehen wir ihn suchen!", richtete er noch einmal an den Ami, ehe er seine Wohnung verließ. Vielleicht machte er sich ja doch Sorgen?
Taki Aizawa schlug seine Augen auf. Der Alkohol, welchen er bis mitten in die Nacht hinein konsumiert hatte, machte sich mit dröhnenden Kopfschmerzen bemerkbar und der ehemalige Sänger von ‚ASK', verfluchte den Umstand wach geworden zu sein. Blinzelnd ließ er seinen Blick zu dem kleinen, verdreckten Fenster schweifen. Dem einfallenden Licht zufolge konnte es noch nicht besonders spät sein, da gerade Mal die Dämmerung einsetzte. Taki fluchte unfein, wo er schon mal wach war konnte er sich schließlich auch zu dem kleinen, stinkenden Badezimmer begeben und erleichtern.
Während er schließlich seine Hose wieder schloss, dachte er darüber nach was ihn geweckt hatte. Es war in den letzten Monaten nie vorgekommen, das er um diese unmenschliche Zeit wach geworden war. Gerade als er sein verhärmtes Gesicht im Spiegel betrachtet und wieder einmal seiner verblassenden Schönheit nachtrauerte, riss ihn ein Hilferuf aus seiner Versunkenheit. Warum sollte in dieser Gegend jemand um Hilfe rufen? Sie befanden sich außerhalb der Stadt in einem beinahe verlassenen Indusriegebiet. Niemand würde sich darum kümmern. Doch mit einem Mal kam ihm die Erinnerung an den vergangenen Abend und die vergangene Nacht in den Sinn. Er hatte einen Gast. Als Taki erneut seinem Blick im Spiel begegnete, glitzerten seine trüben Augen boshaft und seine Lippen waren zu einem dunklen Grinsen verzogen. Vielleicht sollte er seinem unfreiwilligem Gast einen Besuch abstatten?
Taki verließ das Bad und schlurfte zu den Raum, welcher ihm als Küche diente. Die unzähligen Bier- und Alkoholflaschen, welche auf den Boden verteilt lagen, ignorierend. Nachdem seine Kariere, durch den Sänger von ‚Bad Luck' zerstört worden war, hatte er sich mit den falschen Leuten eingelassen und schneller als er es je für möglich gehalten hatte, war von seinem beträchtlichen Vermögen nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben. Er hatte sich außerhalb der Stadt eine kleine Lagerhalle gemietet und dort begonnen seine Rache zu planen und Heute schien es, als wäre es endlich so weit. Sie würden alle Bluten, allen voran diese kleine Made, welche sich zur Zeit in seinem Keller eingenistet hatte. Taki, in der Küche angelangt, riss eine Schublade nach der Anderen heraus, bis er eines seiner Messer gefunden hatte. Sein Blick lag auf dem blanken Stahl und sein Griff festigte sich um den schmalen Griff. Ja, bluten…
Shuichis Kopfschmerzen hatten sich durch das laute Rufen nicht gerade zum Besseren verändert, so dass er es fürs Erste aufgab und erschöpft seine Augen schloss. Ob Yuki sich wohl sorgen machte? Wahrscheinlich nicht, er würde denken er, Shuichi, wäre bei Hiro und sich nicht weiter wundern, außerdem nach ihrem Streit am vergangenen Abend…
Shuichi wurde durch ein Geräusch aus seinen düsteren Gedanken gerissen. Waren das Schritte? Hatte man ihn gehört? War es Hilfe, oder war das derjenige dem er seine Lage zu verdanken hatte? Je lauter das Geräusch der sich nähernden Schritte wurde, desto mehr wuchs die Anspannung des gefesselten. Was würde geschehen? Als sich die Türe schließlich öffnete und er nach nur wenigen Sekunden erkannte wen er dort vor sich hatte, riss er erstaunt seine Augen auf. „Du?", er konnte es nicht glauben, Taki Aizawa.
Taki ignorierte den Jüngeren und schritt einfach auf diesen zu. Etwa einen Meter von ihm entfernt blieb er schließlich stehen, um sich seinen Fang in Ruhe zu betrachten. Der Junge war blass, noch immer gefesselt und blitzte ihn aus unterschatteten Augen an. Taki wusste nicht was es war, doch dieser Blick brachte ihn zur Weißglut. Ohne lange zu zögern holte er aus und schlug seinem Gefangenen seine Faust ins Gesicht. „Du redest nur, wenn du gefragt wirst!" Taki fühlte sich machtvoll und überlegen. Er ging noch einen Schritt vorwärts, so dass er neben Shuichi stand und ließ sich dort langsam in die Hocke sinken. Was sollte er nun tun? Gerade bei diesem Gedanken erinnerte er sich wieder an das Messer, welches er noch immer in seiner linken Hand trug. Wie schon zuvor stahl sich ein dunkles Grinsen auf seine Gesichtszüge. Er hatte Zeit…
Shuichi bekam es eindeutig mit der Angst zu tun. Nicht wegen der Kaltblütigkeit mit der sein Häscher ihn geschlagen hatte, sondern weil er das Messer bemerkt hatte, welches dieser in seiner anderen Hand hielt. Innerlich versuchte er ruhig zu bleiben, er war sich nur all zu bewusst wie gefährlich diese Situation für ihn war und so schluckte er jeden Kommentar hinunter, welche zuvor noch auf seiner Zunge gelegen hatte, nur um den Schwarzhaarigen nicht zu einer vorschnellen Tat zu verleiten.
Taki hob das Messer und führte es an Shuichis Körper entlang. Genugtuung erfüllte ihn, als er das Zurückzucken seines Opfers registrierte. „Still, du solltest still liegen!" Seine Stimme, die vor langer Zeit Millionen Mädchenherzen höher schlagen ließ, klang abwesend. Das Messer hatte nun Shuichis Hals erreicht und war dort zum Stillstand gekommen. Shuichi atmete nur flach und abgehackt. Sein Kopf war leicht zurückgelegt. Seine Augen blickten Taki nicht an, zum Einen weil er Angst vor dem hatte, was er sehen würde und zum Anderen. würde dieser das sicher als Provokation auffassen. Ekel kam in ihm auf, als die Hand welche ihn zuvor noch geschlagen hatte, nun sanft seine Wange entlang streichelte. Shuichi wimmerte.
Dieser Laut schien für Taki Aizawa schon genug, um ihn zum Handeln zu bewegen. Das Messer löste sich mit hoher Geschwindigkeit von seinem, Shuichis, Halsansatz, glitt zu dem Saum seines T-Shirts und fuhr mit der Schneide von Shuichis Körper abgewandt nach unten. Ob beabsichtigt oder nicht, dabei verletzte es Shuichi am Bauch und zerschnitt das Shirt, was ein erneutes Wimmern hervorrief. Tränen rannen nun an dem jungen Gesicht entlang und fielen unbeachtet auf den staubigen Boden. „Du bist das selber schuld! Du solltest still sein, hab ich gesagt! Aber DAS konntest du noch nie nicht wahr? Schon als ich dich zum ersten Mal gesehen habe wusste ich, dass du Ärger bedeuten würdest." Taki schrie aufgebracht und warf das Messer zur Seite. Ohne Rücksicht griffe er in Shuichis Pinke Haarmähne und riss diesen dann ganz nahe an sich ran. „Du wirst leiden und wenn ich mit dir fertig bin sind die Anderen dran!" Von seinem weinenden Gefangenen angewidert, stand er schließlich auf, spuckte neben Shuichi auf den Boden und wandte sich um. „Glaub mir, das war erst der Anfang!" Mit dieser dunklen Drohung verließ er endgültig den Kellerraum und ließ einen verzweifelten Shuichi zurück. Nur wenn man ganz genau hinhörte konnte man zwischen den leisen Schluchzern einen Namen heraushören: Yuki.
