Maedhros war schon früh wach, blieb aber noch eine ganze Weile liegen und ließ seine Gedanken schweifen, wie er es oft tat, denn er brauchte nur wenig Schlaf. Er starrte an die Decke. Wie es wohl dem kleinen Elrond diesen Morgen ging? Er hoffte doch, dass der Arzt trotz seiner Abneigung gute Arbeit geleistet hatte, ansonsten würde er mit ihm ein paar Worte wechseln müssen.

Seine Gedanken drifteten zu der Zeit ab, wo Maglors Kleine gerade erst ins Haus gekommen waren. Zu seiner Schande musste er gestehen, dass er von dem Kindergeschrei mitten in der Nacht nicht selten die Nerven verloren hatte. Er hatte Maglor verflucht und geschimpft und getobt, doch sein Bruder war ihm mit stoischer Ruhe und einem steten Lächeln im Gesicht begegnet. Maedhros' Gemüt hatte sich rasch abgekühlt und schließlich hatte er die Kinder geduldet. Ihnen ging er trotzdem nach Kräften aus dem Weg, was nicht schwer war, denn wie kleine Kinder es an sich hatten, schliefen sie viel.

Er fragte sich, wie sie es geschafft hatten, sich in sein Herz zu schleichen, was er für unmöglich gehalten hatte. Er wusste die Antwort selbst nicht. Wenn er bedachte, wie sehr er sie gehasst hatte…

Ja, er hatte sie gehasst, denn mit jedem Atemzug, den sie taten, erinnerten sie ihn daran, was er verloren hatte. Durch seine eigene Verschuldung. Damals in Alqualonde, er hatte ja nicht gewusst, dass sein Vater so weit gehen würde. Doch in dem Moment, da er sein Schwert gezogen hatte, hatte die Kampfeswut ihn zum ersten und nicht letzten Mal gepackt, und er hatte sich nicht darum geschert, dass er sein Schwert in Elbenblut tauchte. Später hatte es ihn bitter gereut, noch wo sie auf den gestohlenen Schiffen waren und Losgar noch lange nicht erreicht hatten. Seine Reue hatte den Gefallenen jedoch nicht ihr Leben wiedergeben können.

Schlimmer in mancherlei Hinsicht war vielleicht Doriath. Warum nur hatte Thingol sich von diesem Wahnsinn verleiten lassen und hatte als Brautpreis einen Silmaril verlangt? Warum war Beren dieser Streich gelungen, warum bloß hatte er Celegorm und Curufin erniedrigen müssen? Selbst wenn er es versucht hätte, was er, o Schande, nicht getan hatte, er hätte seine Brüder nicht aufhalten können.

Gleich drei seiner Brüder, ebenjene hitzköpfigsten, waren bei diesem Angriff gefallen, und er hatte sie nicht retten können. Er hatte so viele in seinem Leben nicht retten können und am allerwenigsten sich selbst. Nach dem Tod seiner Brüder war er mehr oder weniger in einen Abgrund von Verzweiflung, Schmerz, Buße und bodenlosem Selbsthass versunken und darinnen verkümmert und innerlich zerfressen. Dies alles wurde noch verschlimmert, als er Diors Söhne Eluréd und Elurín nicht hatte finden können, denn in seinen schmerzumnachteten Gedanken war ihm die wahnwitzige Idee gekommen, durch ihre Rettung alles wieder gut machen zu können. Es hatte eine Weile gedauert, doch schließlich hatte er ernüchtert eingesehen, dass nichts besser werden würde, höchstens schlimmer. Denn was wollten diese jungen Elben schon bei ihm? Wahrscheinlich wären sie lieber tot, als bei dem Bruder der Mörder ihres Vaters zu leben, und auch so wäre ihm Hass von allen Seiten entgegengeschlagen, ähnlich wie bei Maglor.

Er war nicht wie sein Bruder, er hätte es niemals so gelassen ertragen können. Es hätte ihn zerstört und am Ende hätte er Diors Söhne dafür doch nur gehasst.

Gram nagte immer heftiger an ihm und fraß sich in seine Eingeweide. Das Schicksal seiner Brüder setzte ihm mehr und mehr zu, je mehr Zeit verging, um darüber nachzudenken. Der Gedanke an seinen Eid setzte sich immer mehr in seinem Kopf fest und wollte nicht weichen. Das Ewige Dunkel hatte er über seine Brüder heraufbeschworen, da er sie nicht errettet hatte. Seine lieben, armen kleinen Brüder! Tot! Denn er hatte sie Zeit ihres Lebens geliebt trotz all ihrer Hitzköpfigkeit und ihrer schwierigen Charaktere. Man musste nur wissen, wie man mit ihnen umzugehen hatte… Doch sie waren gefallen, verbannt und verflucht.

Vielleicht konnte er sie erretten, hatte er sich gedacht, während Elwings Silmaril – sein Silmaril! – immer mehr Platz in seinen Gedanken einnahm. Vielleicht, ja, vielleicht… Er musste nur Elwing und Morgoth bestehlen, dann wäre alles gerettet, all seine Brüder, tot wie lebend, sein Vater und vielleicht am Ende auch er.

Doch selbst daran scheiterte er auf ganzer Linie.

Arvernien war wohl mit Abstand der schlimmste aller drei Morde, denn erneut und umso fataler versagte Maedhros. Seine kleinen Zwillingsbrüder, die so aufgeweckten und trotz allem stets fröhlichen Zwillinge, fielen. Er gab sie durch seinen schändlichen Verlust des Silmarils dem Ewigen Dunkel preis und gleichzeitig hatte er durch seine erschreckende Kampfeslust so viel Verwirrung und Unheil gestiftet, dass sich nun sogar Freund gegen Freund wandte, dass sich seine eigenen Mannen mitten in der Schlacht gegenseitig anfielen. Neben der unbegleichbaren Schuld und Schande seiner Familie gegenüber kam nun auch die Schuld und Schande seinen Gefolgsleuten gegenüber dazu. Dass sie ihn damals nicht mit Spott und Hass davon gejagt hatten, wunderte ihn noch heute. Dabei hatte er ihnen und der ganzen Welt so viel Leid zugefügt, und das in einer Zeit, wo die Elben geschlossen hinter Gil-galad stehen müssten.

Ob Fingon ihm das je würde verzeihen können? Wohl kaum.

Und dann fand Maglor Earendils Söhne, die Söhne ihres Feindes.

Wenn er sich all dies nun durch den Kopf gehen ließ, dann war sein Hass auf Maglors kleine Zwillinge vielleicht berechtigt gewesen, denn all diese Dinge ließen sie in ihm aufleben. Warum also hatte er Maglor gestattet, sie mitzunehmen?

Weil er wollte, dass wenigstens sein Bruder glücklich werden konnte. Weil er wollte, dass zumindest einer aus seiner Familie wieder geliebt wurde von anderen. Und weil er erneut hoffte, seine Taten wenn schon nicht rein zu waschen, so doch wenigstens zu einem winzigen Teil auszugleichen. Weil er hoffte, damit der Welt zeigen zu können, dass seine Familie nicht nur aus kaltblütigen, herzlosen Mördern bestand, dass sie auch große Milde selbst ihrem Feind gegenüber walten lassen konnte. Doch wenn sich schon Celebrimbor von seinem Vater lossagte…

Ja, er hatte sie gehasst. Schon bald hatte er lernen müssen, sie zu ertragen und missbilligend zu dulden. Er hatte sie sogar um Maglors aufopferungsvolle Liebe beneidet. Zwei kleine Kinder, die gerade einmal krabbeln konnten, wurden von ihm beneidet! Denn Maglor widmete ihnen all seine Zeit und ließ viel Arbeit für sie liegen. Diese wurde zwar von seinen Stellvertretern entrichtet, bald aber erkannte Maedhros, dass diese zusätzliche Arbeit ihm hervorragend von seinen selbstzerstörerischen Gedanken ablenkte. Auch wenn Maglor es freilich nicht gern sah, dass sein Bruder sich so sehr mir Arbeit überhäufte. Die Kinder aber wurden von nun an bereitwilliger geduldet.

Bald begannen sie ihre ersten Wörter zu brabbeln, unternahmen kurz darauf ihre ersten Gehversuche und tapsten nur unbedeutend später durch das Haus und machten jeden nur erdenklichen Winkel unsicher. Vielleicht gab es einfach keine andere Möglichkeit, als dass Maedhros ihnen das Stücken Kuchen einfach hatte geben müssen.

Und nun liebte er Elrond und Elros zwar nicht wie sie eigen Fleisch und Blut, wie Maglor es tat (das wagte er auf Rücksicht auf seine zahllosen vergangenen Versuche und Niederlagen nicht), doch er liebte sie wie ein Onkel seine Neffen liebte. Denn ihr Onkel war er.

Insgeheim hatte ihn eines mit stummer, recht naiver Verwunderung aufmerken und sein so extrem negatives Selbstbild wanken lassen. Die Jungen hatten ihn von Anfang an kein einziges Mal gefürchtet oder gar gemieden. Tatsächlich gab es so manchen jungen Elb, in seiner Gefolgschaft, der ihm insbesondere dann mit furchtvollem Respekt begegnete, wenn sein Selbstmitleid wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt war und er mit finsterer Mine rastlos durch das Haus streifte und sich dann nicht selten für den Rest des Tages in seinen Räumen einschloss. Doch Elrond und Elros hatte das nie gekümmert, einmal waren sie sogar zu ihm gekommen, um ihn zu trösten. Doch auf ihre Fragen, was ihm denn fehle, hatte er nur mit Schweigen antworten können. Aber sie wären ja schließlich keine Familie, wenn sie nicht füreinander da wären.

Eine Familie. Etwas, das Maedhros schon vor geraumer Zeit verloren hatte.

Er vermisste seine Mutter Nerdanel und fragte sich noch im selben Moment, wie sie wohl fühlte, sie hatte es doch noch nie leicht gehabt mit ihrer Familie. Ihr Mann war unbändig gewesen, ihre Söhne allesamt mit einem eigenwilligen Kopf auf ihren Schulten geboren. Ob sie von all den Taten der Feanorer in Beleriand gehört hatte? Wusste sie, was das Schicksal mit ihnen angerichtet hatte? Doch mit Sicherheit wusste sie von Alqualonde und allein dafür schämte sie sich bestimmt für ihre Familie. Maedhros hoffte, dass man sie gut behandelte und nicht auch noch sie mit dem Schimpf und der Schande der Söhne belastete. Sie war doch unschuldig…

Er fragte sich, wie vielen Unschuldigen er Unrecht getan hatte. Wie konnte er da Gerechtigkeit für seine Mutter erhoffen? So weit war es schon gekommen. Wie viele Familien hatte er zerrissen? Wie viele Mütter hatte er in Verzweiflung gestürzt, weil er ihre Söhne und Töchter erschlug? Die letzte zerstörte Familie war die von Earendil gewesen. Auch wenn er ihn noch immer nicht mochte, seinen Söhnen konnte er an manchen Tagen nicht in die Augen sehen, ohne tiefe Schuld zu empfinden. Ohne ihn hätten sie ihre Heimat behalten können, ohne hin wären sie bei ihren Eltern aufgewachsen.

Anscheinend war es sein Schicksal, alles zu zerstören und jeden in Unglück zu stürzen.

Also war er eines Tages zu Maglor gegangen und hatte ihm ein Versprechen abgefordert. Er verlangte selten Versprechen und noch seltener gab er welche, denn er wusste aus eigener Erfahrung viel zu gut, wozu ein Versprechen oder gar ein Eid führen konnte. Er verlangte von Maglor das Versprechen, dass er seinen Ziehsöhnen eines Tages sagen würde, wer sie da wirklich groß zog. Dass die Feanorer auch eine völlig andere Seite hatten… Maglor gab ihm das Versprechen.

Langsam wandte er den Blick aus dem Fenster. Allmählich war die Sonne im Aufgehen begriffen. Zarte Wolken huschten über den Himmel und wurden in samtene Farben getaucht. Die Morgenluft war kühl und klar. Raureif glitzerte auf den Grashalmen und Blättern und bedeckte zahlreiche Blüten wie ein seidener Schleier, kaum mehr als ein Hauch. Ein sphärisches Bild von vergänglicher Schönheit bot sich ihm.

Plötzlich flammte eine alte, meist nur im Stillen ausgelebte Leidenschaft von ihm auf. Er sprang aus dem Bett, dann rückte er seinen Tisch vor das Fenster, wühlte in einigen Schubladen und holte seine Malwerkzeuge hervor. Hastig war alles aufgebaut und schon im nächsten Augenblick huschte der Pinsel über die Leinwand, um den Augenblick einzufangen. Denn Maedhros liebte es, zu malen und zu entwerfen, insbesondere letzteres.

Er warf einen flüchtigen Blick auf die Wand, die normalerweise vom Tisch verdeckt wurde. Kindermalereien prangten dort kunterbunt und kreuz und quer auf dem Putz. Wenn er malte, dann wollten seine Neffen das anscheinend auch. Also hatte er den Kleinen kurzerhand ein paar Kreiden gegeben, ihnen eingebläut, dass sie „ganz dollen Ärger" bekämen, wenn sie es woanders täten, und sie machen lassen. Sie hatten sich unter seinen Tisch verkrümelt und losgelegt. Das Ergebnis prangte nun stolz an seiner Wand.

Noch während er vertieft in seine Arbeit dasaß, klopfte es zaghaft an der Tür. Er runzelte die Stirn und fragte sich, wer so früh etwas von ihm wollte. „Herein!", rief er, nicht von seinem Bild aufblickend.

„Geht nicht, Klinke ist zu hoch", hörte er Elros' dumpfe Stimme.

Verwundert hob er eine Augenbraue und öffnete dem kleinen Jungen die Tür. Er kam hereingetapst, barfüßig (die Puschen hielt er immerhin in der Hand, wenn auch nicht an den Füßen, wo sie ja eigentlich hingehörten) und noch sein Nachthemd tragend. „Nanu, so früh munter?", wunderte er sich. „Schläfst du nicht sonst noch?"

„Na ja, Elrond muss wohl wieder Zahnaua bekommen haben", erklärte Elros. „Also ist er aufgestanden und ist zu Onkel Maglor gegangen. Und da bin ich heut früh ganz allein aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Aber allein ist doof und langweilig. Also bin ich zu dir gegangen, weil du immer schon früh auf bist und Onkel Maglor eben nicht."

„Aha, dem kleinen Herrn ist also langweilig", stellte Maedhros fest.

„Genau!", bekräftigte Elros und blickte groß zu Maedhros auf, in der Hoffnung unterhalten zu werden. Da entdeckte er den Tisch und einen der Pinsel, der beinahe von der Tischplatte rollte. „Ui toll!", rief er aus und klatschte in die Hände. „Du hast wieder gemalt! Darf ich's sehen? Darf ich's sehen?"

„Natürlich darfst du", sagte Maedhros und setzte den Jungen auf seinen Stuhl – oder besser: stellte, denn ansonsten konnte er ja nicht das ganze Bild überblicken. Neugierig reckte der Junge den Kopf.

„Das sieht toll aus! Wie machst du das, dass das so echt aussieht?", fragte er.

Maedhros stützte sich mit dem rechten Unterarm auf dem Tisch ab, um seine Hand frei zu haben. „Das ist eine ganz spezielle Maltechnik", erklärte er. „Man setzt schnell viele kleine Pinselstriche nebeneinander. Dabei werden größtenteils reine also nicht vermischte Farben verwendet. Dadurch entsteht diese atmosphärische Wirkung, falls du weißt, was ich damit meine."

„Dass es so aussieht wie echte Luft und echtes Wasser?", fragte Elros lieber nach.

„Ja, genau das."

„Ui, das ist aber spannend! Kannst du es mir beibringen?"

„Ich kann es versuchen, aber es ist schwer."

„Na und! Was hast du da eigentlich gemalt?"

Maedhros zeigte nacheinander auf die einzelnen Bildstellen. „So haben die Wolken soeben ausgesehen. Hübsch, nicht?"

„Au ja!", pflichtete Elros ihm bei. „Du kannst so etwas echt gut!"

„Danke, Kleiner. Das hier ist der Wald vor unserem Haus. Hier, siehst du, das ist der Baum, unter dem du und Elrond so gern spielen. Das da seid ihr."

„Oh!" Elros machte große Augen und einen runden Mund, dass sein Onkel ihn und seinen Bruder in seinem Gemälde verewigt hatte. „Aber wir sehen ja völlig gleich aus!", fiel ihm auf.

„Nein, nein, sieh mal ganz genau hin", wies Maedhros ihn auf den feinen Unterschied hin.

Elros kniff die Augen zusammen und beugte sich skeptisch über das Bild. Beinahe stieß er mit der Nase darauf. „Aber das ist ja nur ein ganz, ganz, ganz kleiner Unterschied."

„Ganz genau", stimmte Maedhros ihm zu. „Denn ihr seid ja auch Zwillinge, etwas ganz Seltenes."

„Wirklich?", Elros machte noch größere Augen.

„Ja, wirklich. Von meinen ganzen Brüdern waren auch nur meine jüngsten Zwillinge", sagte Maedhros.

„Wo sind sie denn jetzt? Können wir sie mal besuchen?", wollte Elros wissen.

Maedhros sah ihn nur schweigend an und hoffte, dass der Junge nicht den Schmerz in seinen Augen erkannte, der dort für einen kurzen Moment aufflammte. „Sieh hier", sagte er ausweichend und deutete auf eine andere Stelle des Bildes. „Das ist die kleine Katze, die du so magst."

Doch Elros ließ sich nicht so leicht abspeisen. „Manchmal bist du komisch", stelle er fest. „Ich weiß grad mal, dass du noch andere Brüder hast, aber nicht mal ihre Namen. Und wenn ich Onkel Maglor frag, dann sagt er auch nichts mehr."

Maedhros seufzte schwer. Die Bengel waren zu pfiffig! Er richtete sich auf und fuhr sich durch das feuerrote Haar. „Das kann doch noch warten, oder, kleiner Elros?", versuchte er es halbherzig.

Elros sah ihn weiterhin erwartungsvoll an, um mehr über weitere potenzielle Onkel zu erfahren.

Maedhros ließ die Schultern hängen. Er hob Elros hoch, der auf Rücksicht auf die Behinderung die Arme um seinen Hals schlang, und setzte ihn auf sein Bett. Dann ließ er sich neben ihn nieder. „Du wirst es wohl nicht gern hören, doch für manches bist du noch zu jung."

Elros zog eine Schnute.

„Ach, Elros." Maedhros war kurz davor zu kapitulieren. Es war einfach zu lang her, dass seine eigenen Brüder Kinder waren. „Es gibt Dinge, die kann man nicht begreifen, die man niemals in seinem Leben begreifen kann", sagte er eigentlich schon mehr für sich selbst.

Elros war freilich irritiert. „Was meinst du?"

„Genau das…", sagte er nur.

„Oder willst du es mir einfach nicht sagen?", schlussfolgerte Elros skeptisch. „Hat es was damit zu tun, dass ich nicht ganz Elb bin?"

Jetzt war es an Maedhros, irritiert zu sein. „Was? Nein! Wie kommst du denn darauf?"

„Der Arzt mag uns doch auch nicht, aber andere mag er schon, und die sind alle Elben", erklärte Elros.

Maedhros runzelte die Stirn und versuchte, der Kinderlogik zu folgen. „Aber er hat nur ganz wenige Freunde", begann er, „weil viele wiederum ihn nicht mögen. Mögen oder nicht mögen hat nichts damit zu tun, ob deine Vorfahren Menschen waren oder nicht, sondern allein mit dir selbst. Und dich mögen wirklich viele hier und am allermeisten Maglor und ich, kleiner Spatz."

Wieder ein erstauntes „Wirklich?!" von Elros und schon umarmte er seinen Onkel stürmisch. „Hab dich lieb!", meinte er. „Also ist es nicht schlimm, dass mein Großpapa ein Mensch war?"

„Nein, absolut nicht", versicherte ihm Maedhros. „Du solltest sogar stolz sein auf das, was du bist, denn in dir sind gleich drei Völker vereint: das der Eldar, das der Edain und schließlich kein geringeres als das der Maiar. Denn die Mutter deiner Urgroßmutter ist Melian, eine Maia. Und Tuor ist freilich nicht minder bedeutend. Du wirst in diesem Haushalt einige finden, die Menschen nicht mögen und für schwach und fehlerhaft halten, aber glaub ihnen nicht, denn sie haben keine Ahnung und wollen sich nur nicht ihre eigenen Schwächen eingestehen. Menschen, weißt du, sind in mancherlei Sicht vielleicht sogar den Elben überlegen. Tuor heiratete Idril, Turgons Tochter, und beschützte sie tapfer vor Maeglin, als dieser Idril und deinen adar mitten in der Schlacht entführte. Außerdem war es Tuor, der die Fliehenden sicher aus Gondolin führte, wofür er weithin gerühmt ist. Siehst du, Menschen sind wirklich gute Leute und nichts, dessen man sich schämen müsste."

Elros hatte mit gespanntem Blick zugehört, und allmählich stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Also dann ist der doofe Arzt einer von den Blöden, die besser sein wollen als die anderen?", schlussfolgerte er.

„Genau", bestätigte Maedhros. „Aber mal unter uns: Ich mag Felaroth auch nicht. Er ist wirklich sehr überheblich. Wäre ich nur nicht auf sein exzellentes Können angewiesen, hätte ich ihn schon längst fortgeschickt. Es findet sich nur leider kein besserer, und für meine beiden Kleinen will ich freilich nur das Beste."

„Besser als andere sein zu wollen, ist aber nicht schön und auch nicht nett", sagte Elros. „Das macht man nicht. Man ist immer lieb und höflich und sagt bitte und danke. Das sagt Onkel Maglor immer und du auch."

Maedhros zerwuschelte ihm das Haar. „Schlauer kleiner Junge, so ist das."

„Lass das!", rief Elros aus, lachte aber dabei. „Du, Onkel, kannst du mir mehr über die Menschen erzählen? Find das spannend."

„Natürlich kann ich das", sagte Maedhros. „Geh doch mal in die Bibliothek und frag den Bibliothekar nach dem Buch über Finrod Felagund."

„Warum denn der?", wunderte sich Elros.

„Du wirst schon sehen", meinte Maedhros mit einem verschwörerischen Augenzwinkern und rang sich das erste Mal in dieser Unterhaltung zu einem Lächeln durch.

Daraufhin sprang Elros sogleich von dem Bett und eilte aus Maedhros' Gemächern. Er tapste barfuß durch die Flure, denn seine Puschen hatte er kurzerhand bei Maedhros gelassen. Er mochte Schuhe ohnehin nicht so sehr, wenn nicht gerade Schnee lag. Freilich hatte es da schon viele Diskussionen gegeben, aber in der Regel hatte er sich nie allzu bald dazu breit schlagen lassen, seine Schuhe doch anzulassen. Und jetzt blieb Maedhros wieder einmal nichts weiter über, als Elros hinterher zu rufen, er solle zurückkommen und die Puschen anziehen. Freilich hörte Elros nicht und flitzte um die Ecke. Maedhros verdrehte die Augen und stellte die Puschen vor seine Tür.

Elros hatte es eilig, da er unbedingt eine Geschichte von seinem Onkel hören wollte. Onkel Maedhros erzählte sonst so wenig, dabei konnte er es doch so gut! Onkel Maglor schmückte zu gern aus und packte seine Worte noch lieber in Versform. Das war manchmal nicht leicht zuzuhören, aber wenn er sang, machte das nichts. Da war das auch so schön. Elrond würde groß gucken, wenn er erfuhr, dass er, Elros, Onkel Maedhros dazu gebracht hatte, etwas zu erzählen! Zwar immer noch nichts von seinen Brüdern, aber das würde er vielleicht schon noch irgendwann mal tun.

Manchmal erzählte Onkel Maedhros durchaus Geschichten, wenn sie ihn danach fragten. Was recht selten war, da Onkel Maedhros das irgendwie nicht zu mögen schien. Aber wenn er erzählte, dann immer von zwei Freunden, die Maitimo und Findecáno hießen. Sie mussten wirklich gut befreundet gewesen sein, sagte immer Onkel Maedhros, denn fast wie Brüder hätten sie alles füreinander getan. Immer, wenn Onkel Maedhros von ihnen erzählte, starrte er abwechselnd versonnen in die Ferne oder nachdenklich auf seinen „schlimmen Arm", wie Elros und sein Bruder Maedhros' verletzten Arm bezeichneten. Dabei sah er irgendwie… traurig aus. Na gut, das tat er oft, aber insbesondere da war es Elros danach, ihn am liebsten in den Arm zu nehmen und zu trösten, auch wenn er nicht wusste, wofür. Allgemein war das bei seinen Onkeln manchmal so. An manchen Tagen des Jahres war es ganz besonders schlimm, da traute er sich hin und wieder kaum, sie anzusprechen aus Angst, etwas Falsches sagen zu können, was sie verletzten könnte. Aber sie während ja nicht seine Onkel, wenn er sich nicht mit Elrond bemühen würde, sie wieder aufzuheitern.

Derlei Gedanken nachhängend, eilte Elros durch das Herrenhaus auf dem Amon Ereb. Dabei jedoch bemerkte er nicht, wie auf einmal der Boden glatt wurde, da erst vor kurzem ein Diener hier gewischt hatte, bevor das geschäftige Tagestreiben begann. Der kleine Junge strauchelte, ruderte mit wenig Erfolg mit den Armen und landete auf dem Hosenboden. Ein boshafter Stich durchfuhr seinen Hintern. Er zog das Näschen kraus, kniff die Augen zusammen und schluchzte los.

Just in diesem Augenblick und sehr zu Elros' Leidwesen kam der von ihm verhasste Arzt um die Ecke gebogen. Der Elb blickte ohne mit der Wimper zu zucken auf dem am Boden liegenden und heulenden Jungen hinab. „Da hat man's nun", sagte er. „Ach so großartige Vorfahren, und dann taugt deren Erbe kein bisschen, weil es menschlich ist."

Elros zog die Mundwinkel so weit nach unten, wie es nur irgend ging, guckte wehleidig aus der Wäsche und verkniff sich seine Tränen. Bloß keine Blöße geben! Dennoch zitterte seine Unterlippe verdächtig. „Gar nich' war!", konterte er und hoffte, dass es schlagkräftig war. „Onkel Maedhros hat gesagt, dass es böse und doof ist, so was zu sagen. Menschen sind gar nicht so schlecht."

„Dein …Onkel", und hier legte Felaroth besonders viel Ironie in seine Stimme, „kann viel erzählen, doch ob es wahr ist, ist eine andere Fragen. Oder ob es gar die ganze Wahrheit ist…"

Elros sah verwirrt zu ihm auf. „Was meinst du?", fragte er kleinlaut. „Onkel Maglor und Onkel Maedhros würden mich und Elrond nie belügen…"

„Es ist Lüge, etwas Falsches zu sagen", versprühte der Elb weiterhin sein Gift. „Es ist ebenso Lüge, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Und glaub mir, kleiner Elros, du weißt vieles nicht über deine Onkel, und dieses Wissen würde dich vor Abscheu erschaudern lassen."

Nun fasste Elros all seinen Mut zusammen und sprang auf. „Gar nicht wahr!", rief er aus.

Wohl zu seinem Glück kam in diesem Moment ein weiterer Elb dazu. Es war derjenige, der in der vergangenen Nacht vor Elronds Tür Wache gestanden hatte. „Was geht hier vor sich?", fragte er den Arzt scharf.

„Ah, guten Morgen, Ceomon!", wünschte dieser scheinheilig. „Ich habe dem kleinen Herrn lediglich ein paar Dinge aufgezeigt."

Ceomon kniff misstrauisch die Augen zusammen und beugte sich herab, um Elros hochzuheben. Der kleine Junge streckte ihm die Arme entgegen und drückte sich dann fest an ihn. Er wusste, dass Ceomon ein guter Elb war, eigentlich schon sein Freund.

„Der da ist böse!", schluchzte er. „Der sagt ganz schreckliche Dinge über Onkel Maglor und Onkel Maedhros, die gar nicht stimmen!"

„Schsch", machte Ceomon und wiegte ihn. Dabei sah er Felaroth scharf an. „Dass du es auch nicht lassen kannst! Ein Jammer, dass Herr Maedhros dich nicht schon längst vor die Tür gesetzt hat. Aber wahrscheinlich hat er zu viel Mitleid mit den Laiquendi, dass sie sich dann mit dir ärgern müssen."

„Ganz Recht, Mitleid", konterte Felaroth. „Herr Maedhros weiß, dass ich – dass wir alle – nirgends mehr hin können, als bei ihm zu bleiben. Überall würde man uns mit Schimpf und Schande davon jagen."

„Oh, ich glaube, in Angband würde man dich mit offenen Armen empfangen, so einen verdorbenen Charakter, wie du hast. Nicht einmal vor kleinen Kindern kannst du Halt machen!" Drohend trat Ceomon einen Schritt auf ihn zu. Elros machte sich ganz klein und drückte sich ängstlich an seine Schulter. Er fühlte sich ganz und gar nicht wohl in seiner Haut.

„Du meinst vor diesen kleinen Kindern", konkretisierte Felaroth. „Warum sollte ich? Earendil ist ein Dieb, er ist der Feind unserer Herren. Warum sollte ich Nachsicht mit dessen Brut haben? Arvernien ist zu Recht gefallen und sie hätten gleich dort bleiben können!"

„Die Nachsicht ist ganz und gar nicht fehl am Platz, ganz einfach, weil unser Herr Maedhros nicht nur Nahsicht mit ihnen hatte sondern Mitleid, also etwas, das du anscheinend nicht kennst", sagte Ceomon. „Und gerade Herr Maedhros hatte die meisten Gründe, dieses Mitleid nicht zu haben. Du solltest dir einmal in deinem Leben ein Beispiel an ihm nehmen."

„Will geh'n", flüsterte Elros kleinlaut und verängstigt. Er hatte es noch nie erlebt, dass Erwachsene sich so sehr stritten. Und dabei war auch noch sein Onkel Objekt des Streits! Irgendwie erschien es ihm falsch, dass Erwachsene so etwas taten.

„Ja, wir gehen sofort", versicherte Ceomon ihm sogleich und strich ihm beruhigend über den Rücken. Dabei warf er Felaroth einen letzten, scharfen Blick zu und wandte sich dann wortlos ab.

Elros schniefte. „Mag den nicht", eröffnete er. „Du, ist das in Ordnung, dass ich den nicht mag?"

„Wieso fragst du das denn?", wunderte sich der Elb.

„Weil Onkel Maedhros gerade gesagt hat, dass es von einem selbst abhängt, ob man gemocht wird oder nicht", erklärte Elros.

„Bestimmt hat dir da auch dein Onkel gesagt, dass Felaroth der vielleicht unbeliebteste Elb weit und breit ist", sagte Ceomon.

„So was in der Art", stimmte Elros ihm zu. „Also ist es in Ordnung?"

„Freilich!", beteuerte Ceomon. „Mach dir da keine Gedanken. Vertrau bei so etwas einfach auf dein Bauchgefühl, das ist meistens richtig."

„Dich mag ich, du bist nett!", beteuerte Elros.

Ceomon lächelte breit. „Danke!"

„Aber… aber der böse Elb hat gesagt, Onkel Maglor und Onkel Maedhros haben auch böse Dinge getan", fuhr Elros vorsichtig fort. „Das haben sie doch nicht, oder?"

Nun sah Ceomon sich in der Klemme. Freilich konnte er dem Jungen von keinem einzigen der drei Sippenmorde berichten, doch allein das wäre die Wahrheit. „Manche würden das vielleicht sagen", begann er, „aber ich sage, es kommt auf den Blickwinkel an."

„Und das heißt?", wollte Elros wissen.

Ceomon biss sich auf die Unterlippe und überlegte fieberhaft. „Ich glaube, das ist eine Sache, wo du besser deine Onkel fragst. Sie wissen besser Bescheid als ich. Aber wenn sie nicht antworten wollen, warum auch immer… nun, manchmal gehört es eben dazu, das Schweigen des anderen anzuerkennen."

„Also ist es gar nicht lügen, nicht alles zu sagen?", fragte Elros.

„Hat das Felaroth gesagt?", wollte Ceomon wissen. Elros nickte. „Du darfst ihm kein Wort glauben, hast du das verstanden? Felaroth mag dich und deinen Bruder nicht, wenn du ihm Glauben schenken würdest, dann würdest du ihm damit nur einen Gefallen tun. Und das wollen wir schließlich nicht, das wäre nicht gut für dich."

„Danke." Elros schlang ihm seine Arme um den Hals. „Du, wie heißt du eigentlich?" Ja, nach all den Jahren kannte er den Namen von Maglors wohl treuestem und ergebenstem Diener immer noch nicht.

„Ceomon", meinte dieser lächelnd.

Inzwischen waren sie bei Maedhros' Räumlichkeiten angekommen. Ceomon hatte zwischenzeitlich überlegt, Elros auch zu Maglor zu bringen, doch diese Frage erübrigte sich, als in diese Moment Maedhros aus der Tür trat. Er war freilich erstaunt und erst recht besorgt, als er Elros offensichtlich verängstigt an Ceomon geklammert sah.

„Was ist denn passiert?", fragte er besorgt und nahm den Jungen entgegen, den Ceomon ihm reichte.

„Felaroth", sagte Ceomon nur. „Er hat wieder einmal sein Gift versprüht und feige, wie er ist, sich dazu ein wehrloses Opfer gesucht."

Maedhros starrte ihn nur schweigend an. Ein Muskel unter seinem Auge zuckte verdächtig. Dann reichte er Elros zurück. „Pass auf ihn auf", befahl er. „Ich habe etwas zu regeln." Das alte Feuer in seinen Augen war wieder aufgeflammt, etwas, das seit Arvernien nicht mehr geschehen war. Er war sehr wütend, und das zu Recht.

Ceomon fragte sich, ob unter „aufpassen" auch fiel, einfach Herrn Maedhros' Gemächer zu betreten. Schlussendlich entschied er sich dafür, er sollte schließlich lieber schleunigst dafür sorgen, dass er Elros die Ohren zuhalten konnte. Da er auf die Schnelle keine bessere Sitzgelegenheit fand, ließ er sich auf dem Bett nieder und setzte sich Elros auf die Knie.

„Was macht jetzt Onkel Maedhros mit dem bösen Elb?", wollte Elros wissen und sah ihn groß an.

„Er schimpft jetzt mit ihm und sagt ihm, dass er so etwas nicht machen darf, und bestraft ihn", sagte Ceomon. Als Maedhros sodann zu besagter Schimpftirade anhub, als er auf den Arzt traf, hielt Ceomon dem Jungen die Ohren zu. Vieles von dem, was durch das Haus hallte, war nicht für so junge Ohren bestimmt. Maedhros war in seinem Zorn nicht zu unterschätzen, schon viele hatten damit Erfahrungen machen müssen. Aber der Arzt hatte es verdient, dass er soeben verbal in Stücke gerissen wurde.

Maedhros bemerkte mit einiger Verwunderung, dass er die Hand zur Faust geballt hatte. Er entspannte sie wieder und sah immer noch mit einiger Wut im Blick dem davonschleichenden Arzt nach. Dieser verdammte Elb! Maedhros hatte ihn als Strafe bis auf weiteres aus seinem Haus verbannt, er durfte nur noch für kurze Augenblicke wiederkehren, wenn Maedhros es ausdrücklich befahl. Er hätte diese Maßnahme schon viel früher ergreifen sollen. Armer Elros!

Es war eine Schande, dass manche die Zwillinge immer noch nicht leiden konnten…

Seufzend schloss Maedhros die Augen und lehnte sich gegen die Wand. Einige Elben blickten verwundert um die Ecke und fragten sich, was geschehen war, dass Maedhros so wütend wie schon seit Jahren nicht mehr geworden war. Manche schüttelten über Felaroths Dummheit, in Maedhros' alten Wunden herumzubohren, nur den Kopf und waren froh, dass er aus dem Haus war und so schnell nicht wieder kommen würde.

Maedhros beschloss, sich doch umzuhören, wo ein guter Arzt für die Kleinen zu finden sei. Wenn es nötig war, dann würde er auch bei den Laiquendi anfragen. Diese konnten sich wenigstens etwas für die Kinder abgewinnen, auch wenn sie ihnen mit Sicherheit liebend gern allerlei über ihn und seinen Bruder ins Ohr flüstern würden.

Er löste sich und ging zu seinem Bruder, denn plötzlich hatte er das dringende Gefühl, sich mitteilen zu müssen. Selten genug kam es vor… Maglor hatte ihm schon oft gesagt, er solle seinen Groll nicht in sich hineinfressen, sondern sich mitteilen. Und wenn es nur die Wand war. Vielleicht sollte er hin und wieder dem Rat seines Bruders folgen.

Vorsichtig klopfte er an, da er schon befürchtete, sein Bruder schliefe noch. Doch dem war nicht so (wahrscheinlich schlief sowieso niemand mehr im Haus nach seiner Schimpftirade). Auf Maglors Ruf hin trat er ein. Maglor war noch im Bett beziehungsweise saß auf der Bettkante und sah Elrond beim Spielen mit dessen neuem Bären zu.

„Guten Morgen", wünschte Maglor seinem Bruder.

„Guck mal, Onkel Maedhros!", rief der Junge enthusiastisch und streckte ihm seinen Bären entgegen.

Maedhros tat ihm den Gefallen, kniete sich vor ihm hin und betrachtete das Stofftier. „Hübsch ist er", meinte er. „Hat er denn auch schon einen Namen?"

„Weiß noch nicht", sagte Elrond. „Aber ich werd mir einen überlegen. Wird ein ganz schöner!"

„Elrond, hast du etwas dagegen, wenn du uns für einen kurzen Moment allein lässt?", fragte er. „Es dauert nicht lang."

Elrond verzog ein wenig missmutig das Gesicht und stand auf. „Na gut." Er ging aus dem Raum.

Maedhros richtete sich wieder auf und sah, dass sein Bruder ihn besorgt musterte. Maglor wies neben sich auf das Bett, und Maedhros setzte sich.

„Was ist soeben vorgefallen?", wollte Maglor wissen.

„Felaroth", sagte Maedhros nur. „Er muss wohl in einem unbeobachteten Moment auf Elros gestoßen sein. Ich hatte ihn losgeschickt, damit er in der Bibliothek das Buch über Finrod holt; er wollte etwas über Menschen erfahren, sie scheinen es ihm angetan zu haben. Und da ist er eben unglücklicher Weise dem Arzt über den Weg gelaufen. Er muss dem Kleinen wohl allerhand nicht so freundliche Dinge über uns erzählt haben, da war etwas in Elros' Blick, das mir nicht behagen wollte. Ich hoffe nur, Felaroth hat sich mit Andeutungen begnügt. Ich habe Ceomon beauftragt, auf Elros Acht zu geben und habe den Arzt gemaßregelt."

„Und jetzt?", fragte Maglor weiter.

„Er ist verbannt", war Maedhros' schlichte Antwort.

„Bei aller Unfreundlichkeit und seiner Abneigung den Kleinen gegenüber, aber er ist immer noch der fähigste Heiler im Haus", gab Maglor zu bedenken.

„Ja, ich weiß", seufzte Maedhros. „Deswegen darf er nur auf meinen ausdrücklichen Befehl hin kurzfristig wiederkehren. Dennoch werde ich mich nach anderen umsehen, die ihn ersetzen können. Ich hätte es schon viel früher tun sollen…"

„Du machst dir schon wieder Vorwürfe", sagte Maglor sanft und legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. „Du machst dir viel zu viele Vorwürfe. Dabei trägst du für vieles, was geschehen ist, nicht einmal die Schuld. Nimm es dir doch nicht zu sehr zu Herzen. Niemand hätte Felaroth vor dieser Stunde fortgeschickt, viele nicht einmal jetzt."

„Zu vieles ist geschehen", sagte Maedhros leise und lies den Kopf hängen. „Vielleicht mag ich nicht für alles die Schuld tragen, aber für vieles. Es… es…" Er suchte nach Worten. „Früher konnte auch ich die Zwillinge nicht ausstehen. Aber jetzt… jetzt gehören sie zur Familie. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemandem aus meiner Familie Unrecht getan wird. Nur leider verdammt uns der Großteil der Welt dafür, dass wir die Zwillinge von Arvernien mitnahmen, und die, die wiederum uns folgen, verdammen die Zwillinge allein dafür, dass sie Earendils Söhne sind. Es ist diese Ungerechtigkeit in der Welt, die mir zu schaffen macht. Und noch mehr der Gedanke, dass gerade ich schon vor langer Zeit diese Ungerechtigkeit hätte eindämmen können. Ich hätte Curufinwe, Carnistir und Tyelkormo von ihren Angriffsgedanken auf Doriath abbringen sollen. Ich selbst hätte Arvernien nicht zu Fall bringen dürfen."

„Nun ja, zumindest ein Gutes hat Arvernien doch an sich. Zumindest für uns", warf Maglor ein.

Maedhros sah ihn erstaunt und auch ein klein wenig entsetzt an.

„Wir hätten keine kleinen Kinder im Haus", kommentierte der jüngere der Brüder. „Ganz ehrlich: Nach allem, was man so hört, wäre Earendil ein guter Vater gewesen? An Elwing zweifle ich nicht, doch schlussendlich hat auch sie ihre Söhne für einen Stein im Stich gelassen. Aber Earendil… Früher oder später hätte er sicherlich auch ohne unser Zutun Aman erreicht, und Elwing wäre ihm unter Umständen irgendwie nachgefolgt. Und wo wären Elrond und Elros dann? Elternlos in Arvernien! Hier haben sie eine Familie und eine vernünftige Kindheit, wie es sein sollte."

Maedhros ließ sich rücklings auf das Bett fallen, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte zur Decke. Maglor tat es ihm gleich. Über ihnen prangte ein großes Gemälde einer Jagdszene.

„Weißt du noch, wie du wochenlang mein Bett okkupiert hattest?", erinnerte sich Maglor. „Nur um das Bild so perfektionistisch wie irgend möglich zu vollenden. Du warst der einzige, der groß genug war, um es zu malen, ohne dass wir großartig räumen mussten." Ein leises Lachen entfloh sich ihm, als er sich daran entsann, wie sich Maedhros kurzerhand auf sein Bett gestellt und hochkonzentriert gearbeitet hatte. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie sein Hals steif wurde. Er hatte noch Wochen danach darüber geklagt, dass ihm alles wehtat. Aber wenn Maedhros sich nun einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog er es auch konsequent durch.

„Dafür ist es doch halbwegs gelungen", meinte Maedhros. „Mein armer Hals…" Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens griff er das vorige Thema wieder auf. „Es macht mir zu schaffen, dass ich nichts dagegen unternehmen kann, dass es noch immer Elben wie Felaroth gibt, die unsere Kleinen nicht leiden können. Nach dem Tod unseres Vaters bin ich Oberhaupt des Hauses Feanáro, und auch wenn ich mein Anrecht auf die Königswürde an Fingolfin abgetreten hatte, so hatte ich doch noch immer Befehlsgewalt inne. Jetzt auf diesem Weg nicht mehr weiterzukommen, ist… ungewohnt. Ich kann nicht befehlen, dass sie gemocht werden, auch wenn es zu schön wäre. Es würde die Sache um ein Vielfaches leichter machen."

„Früher warst immer du es, der deinen sechs kleinen Brüdern Lektionen erteilt hat, aber seit einigen Jahren hat sich diese Rolle verkehrt", sagte Maglor. „Ich mag das nicht sonderlich, Maitimo."

„Maitimo, was für ein Name!", wiederholte Maedhros ironisch. Er hob seinen Armstumpf und starre ihn verbittert an. Äußerlich erinnerte allein er an seine qualvolle Gefangenschaft auf dem Thangorodrim, alle anderen Narben waren schon vor langen Jahren verblasst. Die Narben an seiner Seele würden es niemals tun… „Wie Gil-galad mich nur so einfach hatte ziehen lassen können, wo ich mich in Arvernien doch gegen ihn gewandt hatte?"

„Du hast dich nicht gegen ihn gewandt! Keiner von uns hat das getan!", fuhr Maglor heftig dazwischen. „Hör doch nicht auf das Gequassel alter Waschweiber, was wissen die denn schon? Und würde Gil-galad das ebenso sehen, dann hätte er uns mehr als eine einfache Abmahnung zukommen lassen. Ihm bedeutet deine alte Freundschaft zu Findecáno sehr viel. Nicht alle in der Welt sehen dich in so einem schlechten Licht, wie du vielleicht denken magst, und du dich auch selbst siehst. Du bist ein guter Elb, Maitimo, sieh das doch endlich ein. Und mir bist du der beste Bruder, den ich mir wünschen kann."

Maedhros richtete sich auf und sah seinen Bruder lange schweigend an. Dann nahm er ihn fest in den Arm. „Und du bist es auch", flüsterte er. „Doch wenn ich daran glauben soll, dann erinnere ich dich an die Bedingung, an das Versprechen, das du mir einst gegeben hattest. Ich kann den Kleinen an manchen Tagen kaum in die Augen sehen vor lauter Schuld. Mein Gewissen plagt mich. Wenn sie nur wüssten… Können sie es überhaupt jemals begreifen, was wir taten? Ich kann es ja selbst nicht."

Maglor nickte langsam. „Ja, versprochen habe ich es", sagte er. „Eines Tages werden sie alles erfahren. Ich werde ihnen von unseren Brüdern berichten und unseren Taten. Sie werden alles erfahren, doch erst, wenn sie alt genug sind, es zu verstehen."


Das erwähnte Versprechen wurde in meinem TwoShot In the End a Song of Myself eingelöst.