(3)
Ich blieb am nächsten Tag in Marcus' Räumen und in seiner Nähe. Ich saß die meiste Zeit auf dem alten Sofa, weinte oder schlief vor Erschöpfung, nur um wieder aufzuwachen und wieder zu weinen. Einmal, während ich schlief, musste er den roten Umhang gegen eine Decke ausgetauscht haben. Aber anstatt der roten Tracht trug Marcus nun eine schwarze Robe über seiner Kleidung.
Er blieb zwar, so weit ich bemerkte, ständig mit mir im Hauptraum, doch er ließ mich in Ruhe. Er sprach auch nicht mit mir, wenn es nicht unumgänglich war. Falls er mit mir sprach, benutzte er zumeist aus Höflichkeit Englisch, aber auch Italienisch und Französisch, einmal sogar Latein, ohne dass er es zu bemerken schien. Er erkundigte sich den Tag über exakt drei Mal im Abstand von je sechs Stunden, ob ich Hunger und Durst habe. Blut bot er mir nicht wieder an.
Er eskortierte mich abends ein weiteres Mal zu dem Badezimmer, damit ich duschen konnte.
Ich verließ das Bad, in ein neues schwarzes Designerkleid gehüllt, heute mit schwarzen Schnürsandalen von Hermès an den Füßen. Den Schmuck, den man mir diesmal in mehreren samtbezogenen Schatullen hergerichtet hatte, rührte ich nicht an. Mich mit Geschmeide zu ködern und zum Hierbleiben zu bewegen, würde nicht funktionieren. Ich dachte an die wuchtige Goldkette, die Aro meiner Mutter als Hochzeitsgeschenk übersandt hatte, und vermutete, dass der Schmuck auf seinen Befehl hin in das Bad gelangt war.
Marcus führte mich stumm in seine Gemächer zurück. Dort wartete im Vorraum ein dunkelhaariger Vampir, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Sein Mantel war von einem minimal helleren Grau als das der hochrangigen Wache. Er verneigte sich vor Marcus.
„Was gibt es, Afton?", fragte Marcus im Vorbeigehen und ohne dem Mann wirklich Interesse entgegen zu bringen.
„Die Herren Aro und Caius wünschen zu erfahren, ob Ihr später anwesend sein werdet, Herr."
„Nein, heute nicht.", beschied Marcus dem Boten, als er ihm schon den Rücken zukehrte.
Er öffnete mir die Tür des Hauptraumes. Als ich an ihm vorbei lief, überlegte ich, ob er soeben abgelehnt hatte, heute am täglichen Blutbad der Volturi teilzunehmen.
Wie am Vorabend setzte Marcus sich zu mir auf das Sofa, nachdem er die Pantoffeln am Schreibtisch abgestreift hatte. „Wenn du noch länger in Volterra bleiben möchtest, Renesmee, bietet es sich an, dass du in einen der für Menschen geeigneten Räume in der Nähe des Personals umziehst."
„Nein.", sagte ich hastig. Die Räume von Marcus waren mir seltsam vertraut geworden, auch wenn sie wenig Komfort boten. Die Vorstellung, allein irgendwo in der Burg sein zu müssen, jagte mir Angst ein.
Marcus verstand meine Reaktion offenbar falsch, denn er bot an: „Ich werde das Personal aus den Räumen abziehen lassen, so dass du den Gebäudeflügel für dich alleine hast."
„Nein!", lehnte ich bestürzt ab. Unvorstellbar, dass wegen mir Leute aus ihren Zimmern geworfen werden sollten.
„Dann bleib hier. Mir ist es gleich.", gab Marcus mit unbewegtem Gesicht zurück. Damit stand er auf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Marcus hat seine letzten beiden Sätze nicht gewählt, um unhöflich zu sein, sondern weil es ihm wirklich absolut egal war, wurde mir klar. Er war ständig von so vielen Leuten umgeben, deren Anwesenheit ihm nichts bedeutete, und die ihn in seiner Trauer um seine tote Frau Didyme störten, dass ich nur einer unter Vielen war.
Damit war auch schon fast alles gesagt, was ich überhaupt über Marcus wusste: Er war einer der drei Volturi-Könige; der, der sich am zurückhaltendsten verhielt und in dem Scheinprozess gegen meine Familie die Stimme der Vernunft gewesen war. Von Carlisle wusste ich, dass Marcus seit Jahrhunderten den Verlust von Didyme betrauerte, die bei einer der Auseinandersetzung mit den rumänischen Vampiren umgekommen war, irgendwann zu Beginn des Mittelalters um 500 n. Chr. Marcus war, wie Caius und Aro, um Christi Geburt bereits ein Jahrtausend alt gewesen. Didyme war Aros leibliche Schwester gewesen, also war sie vermutlich ebenso alt wie ihr Gefährte, auch wenn mir unbekannt war, ob sie bereits als junge Vampire ein Paar gewesen oder es erst im Lauf der Jahrhunderte geworden waren. Physisch hatte Marcus das Aussehen eines Mannes um die 35, auch wenn seine Trauer ihn noch älter wirken ließ. Zuletzt wusste ich noch, dass Marcus ein Talent besaß, das ihn befähigte, die Beziehungen zwischen Personen zu erkennen.
Er hatte sich nur deshalb für mich interessiert, weil er, wie er sich ausgedrückt hatte, gesehen hatte, dass meine Verbindung zu Jake durch seinen Tod gerissen war. Sein eigener, noch immer andauernder Kummer um Didyme hatte ihn veranlasst, einen kurzen Moment lang Sympathie für mich zu empfinden. Jetzt war ich ihm offenbar wieder egal.
Marcus wirkte auf mich wie ein freundlicher, zuvorkommender Mann, wenn er nicht gerade in seiner eigenen Gedankenwelt versunken war, aber ob diese Einschätzung auch zutraf, konnte ich nicht einmal mit annähernder Sicherheit sagen. Ich könnte mich ebenso gut in der Wohnung eines Psychopathen und brutalen Mörders befinden. Ich durfte nicht vergessen, dass ich mich in der Gegenwart eines menschenbluttrinkenden Vampirs und Volturi-Königs befand.
Ich zog die Sandalen aus und meine Beine unter der Decke an mich. Ich beobachtete Marcus in seiner Regungslosigkeit, ohne dass er mich zu bemerken schien.
Er arbeitete sehr ruhig und konzentriert an dem Laptop, den er von dem Tisch vor mir holte und später wieder vor mich zurückstellte. Er nahm ein Buch aus einem der vielen Regale und las im Stehen zwischen den Schatten. Gelegentlich seufzte er schwer, hob den Kopf und starrte ins Nichts, durch Bücher und Wände hindurch. Wenn er nicht arbeitete oder las, stand er irgendwo im Raum oder am Fenster, manchmal stundenlang in der gleichen Haltung. Natürlich konnte er nicht ermüden, aber es war auch seltsam, einen „echten" Vampir so zu sehen. Meine Familie war viel zu sehr daran gewohnt, ständig mit kleinen, für uns unnötigen Bewegungen und Gesten Menschlichkeit vorzutäuschen. Es befremdete mich ein wenig, einen Vampir zu sehen, der sich rein vampirisch verhielt.
Starr wie eine Statue brütete Marcus traurig vor sich hin.
Ich fragte mich, ob ich gerade nach außen hin ebenso wirkte. Nein, ich blinzelte und atmete im Unterschied zu ihm. Aber dieser Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und unendlicher Trauer in den Augen? Seine Augen waren rot, meine golden. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen, meine Lider waren vom Weinen gerötet und brannten.
Ich nahm an, dass ich im Unterschied zu ihm wohl nur menschlicher aussah, was meine Körperhaltung und meinen Umgang mit meiner Trauer anging. Würde ich im Lauf der Zeit genauso werden?
Marcus erinnerte mich an eine Szene aus „Der Herr der Ringe". Die unsterbliche Elbin Arwen trauerte am Grab ihres Mannes Aragorn. Jake war mein Aragorn, war mein Ritter und mein Beschützer gewesen. Er war gestorben, und ich war allein zurückgeblieben.
Jake hatte die „Herr der Ringe"-Trilogie geliebt. Er musste die Filme mit Emmet, unseren Kindern und mir über fünfzig Mal gesehen haben.
Marcus erinnerte mich an das Aussehen der Statue auf dem Marmorsarkophag des Aragorn. Schneeweiße Haut, leicht gewelltes, dunkelbraunes, schulterlanges Haar, dessen Enden sich in den Falten seines Umhangs versteckten. Ein edel geschnittenes, anmutiges Gesicht, eine fast greifbare Aura von Altehrwürdigkeit, die ihn umgab. Sogar der lange Mantel, den er trug, erinnerte mich an die Statue. Wenn Marcus sich auf den Boden legen würde, war ich mir sicher, irgendwo in seinen Räumen ein antikes Schwert auftreiben zu können, dass ich ihm auf die regungslose Brust betten könnte.
„Renesmee…", begann Marcus und drehte sich von seinem Platz zu mir um. Es waren Minuten vergangen, ehe er überhaupt realisiert hatte, dass ich aufgewacht war. Draußen war es hell, also war schon wieder ein neuer Tag angebrochen. Irgendwie hatte ich mein Gefühl für Zeit verloren.
„Die meisten Leute nennen mich nur Nessie."
„Dann werde ich das ebenfalls tun, wenn du es bevorzugst." Er kehrte mir den Rücken zu und starrte wieder zum Fenster hinaus. Mir war schon aufgefallen, dass das Fenster nach Norden zeigte, so dass niemals Sonnenlicht herein schien. Ewiger Schatten.
Was auch immer Marcus wohl zu mir hatte sagen wollen, er hatte es offenbar wieder vergessen.
Ich öffnete das Notebook, um zu sehen, ob meine Eltern mir geantwortet hatten.
Marcus seufzte schwer.
Noch ein Tag verging in Trauer, Schmerz, Erschöpfung, Rastlosigkeit, schließlich Langeweile. Marcus begleitete mich wie zuvor zum Bad und wieder in seine Gemächer. Ich tat mehr oder weniger das Gleiche wie er. Ich brütete vor mich hin, dachte an Jake, weinte, holte das ein oder andere Buch aus einem Regal, sah eine Nachrichtensendung.
Wir – falls man überhaupt von einem Wir sprechen konnte – redeten noch weniger als zuvor.
Ich war ins Inventar des Raumes übergegangen.
Mir war klar, dass es für mich außerhalb von Marcus' Wohnung zu gefährlich war, mich unter den anderen Volturi und der Wache zu bewegen. Aro würde nichts unversucht lassen, mich zu rekrutieren; Caius wäre ebenso sehr darauf bestrebt, mich loszuwerden. So lange ich bei Marcus blieb, war ich vor dem Zugriff seiner Brüder geschützt.
Ich war niedergeschlagen, aber gleichzeitig war ich so ausgelaugt von meiner Trauer, dass ich den Drang verspürte, etwas anderes, aufregenderes zu tun. Meine Erinnerungen an Jake waren nicht ausschließlich traurig, sondern ich erinnerte mich auch gern und voller Liebe an die glücklichen Jahre, die wir zusammen verbracht hatten.
Ich war mit Jake als meinem besten Freund und in der Rolle meines großen Bruders aufgewachsen. Als Kind hatte ich ihn regelrecht verehrt. Als Teenager war er für mich der Einzige, der mein Gefühlschaos verstand, während ich all das, was meine Eltern und meine Familie taten, als einengend und frustrierend empfand. Jake war meine erste große Liebe – meine einzige Liebe – der Junge, von dem ich meinen ersten Kuss bekam und der Mann, mit dem ich zum ersten Mal Sex hatte. Als wir ein Liebespaar wurden, veränderten sich unsere Gefühle für einander radikal und wurden noch intensiver als zuvor. Wir mussten niemals aufgeben, der beste Freund des Anderen zu sein.
Ich fühlte mich verloren ohne meinen besten Freund und Ehemann.
