Kapitel 3

„Ich bin in einem Harem aufgewachsen." June zuckte mit den Schultern und steckte eine der dünnen Haarsträhnen mit einer kleinen Klammer fest. „Da lernt man so das eine oder andere über den Umgang mit Männern."

„Kannst du... kannst du mir das beibringen? Ich meine..." Eden zog ihre Knie näher an ihren Körper und schlang ihre Arme darum „Ich würde gerne wissen wie man das macht."

„Du meinst einem Mann so den Kopf zu verdrehen, dass er dir blind aus der Hand frisst?" Die welterfahrene Kopfgeldjägerin grinste verschmitzt, während sie eine weitere Strähne in den komplizierten Zopf einflocht. Eden errötete und nickte. June schnalzte missbilligend mit der Zunge, als ihr die Strähne beinahe entglitt. „Halt still, Dummkopf."

„Zu aller erst solltest du dir darüber im Klaren sein, das alle Männer von einer Frau das selbe wollen. Das Alter oder die gesellschaftliche Stellung spielen hierbei keine Rolle - in diesem Punkt sind alle Männer gleich."

Eden runzelte angestrengt die Stirn. „Und das wäre?"

„Ha." June entschlüpfte ein derbes Lachen. „Unter deinen Rock zu schlüpfen natürlich." Eden lief knallrot an. „Die meisten Männer signalisieren dir ihre Absichten mit Blicken oder auch Gesten. Bei einigen benötigt es allerdings... gewisser Kunstfertigkeit, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. - Zumindest wenn du dich nicht nur mit dem nächstbesten Hafensäufer zufrieden geben willst." June betrachtete mit schiefgelegtem Kopf skeptisch ihr Werk und zupfte missmutig an dem locker aufgetürmten Flechtwerk herum, bis sie mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden war.

„Ich soll mich also hinstellen und mit meinen..." Eden errötete noch mehr „...meinen Brüsten und meinem Po arbeiten?"

June brach in schallendes Gelächter aus. „Schätzchen, bevor du auch nur mit dem Gedanken spielst deine schlagendsten Argumente auszuspielen, solltest du erst einmal lernen, wie du sie richtig ein zusetzten hast."

Eden drehte sich zu der jungen Kopfgeldjägerin um und schaute sie aus großen Augen verblüfft an. „Das muss man erst lernen?"

„In deinem Fall schon." June tippte der unschuldigen Piratin auf die Stirn während sie sich erhob und ausgiebig streckte.

„Wohin gehst du?" fragte Eden verblüfft, als die Kopfgeldjägerin einfach davon stapfte. Diese drehte sich um und hielt genervt ihre leere Whiskeyflasche in die Höhe. „Wonach sieht´s denn aus?"

Eden sprang auf und holte sie mit zügigen Schritten ein, während sie vorsichtig ihren Hinterkopf betastete. „Und du meinst... wenn ich das gelernt habe, kann ich jeden Mann bekommen den ich will?" versuchte sie das vorherige Gespräch wieder auf zu nehmen.

„Ja und nein." June seufzte resigniert, als sie den fragenden Blick spürte, der sich in ihren Nacken bohrte. „Wenn du einfach so deinen Charme um dich herum versprühst – vorausgesetzt du hast ihn – ohne, dass er auf ein gewisses Ergebnis abzielt, kannst du es auch gleich bleiben lassen und dir ein Schild mit entsprechender Aufschrift um den Hals hängen. Es gehört viel mehr dazu einen Mann zu erobern." Eden blinzelte verwirrt. „Das ist ganz schön kompliziert." "Darum heißt es ja auch Kunst der Verführung. Was glaubst du wäre, wenn jede x-beliebige Hafenschlampe nur mit dem kleinen Finger zu wackeln bräuchte? - Wie langweilig wäre das denn?" June schnaubte. „Du brauchst immer ein Ziel. Schau dich um, nimm dir Zeit. Wenn du gefunden hast, was du suchst und was dir gefällt, konzentriere all deine Bemühungen darauf es zu bekommen. Es hat noch niemandem gut getan, an zu vielen Teichen gleichzeitig zu Fischen. Verführe ihn, aber sei nicht zu aufdringlich. Locke ihn, vermittle ihm aber nicht das Gefühl, das er dich zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort haben könnte. Gib dich ruhig ein bisschen kühl und unnahbar - lass ihn ein wenig zappeln. Aber sorge dabei immer dafür, dass er nicht das Interesse verliert. Und unter keinen Umständen, niemals, verliere die Kontrolle darüber, was du tust. Du bist der Spieler, es ist dein Spiel, nach deinen Regeln. Merk dir das und vergiss es nie!"

Eden nickte nur und machte sich eine Notiz in einem kleinen Notizbuch, das sie aus ihrer Tasche hervorgeholt hatte. Als sie wieder aufblickte, musste sie entsetzt feststellen, dass ihre Freundin verschwunden war.

June saß mit überkreuzten Beinen auf dem Dach eines kleinen Gemüseladens und beobachtete amüsiert die Szene, welche sich unter ihr abspielte. Sie entkorkte eine neue Flasche geschickt mit den Zähnen und nahm einen großen Schluck von dem süßen Rum. Belustigt lachte sie in sich hinein, als sie sah, in welche Richtung die Situation abdriftet. Das war wirklich interessant. Die Kleine war ja doch zu irgendetwas zu gebrauchen, wenn auch nur zur Unterhaltung. Sie konnte ihr süßes Spielzeug also getrost noch ein wenig behalten. Gut. Zufrieden nahm sie einen weiteren Schluck und verschluckte sich beinahe, als sie sah, welche Wendung die Ereignisse genommen hatten. Hölle aber auch! Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet!

Eden blinzelte verwirrt, als sie feststellen musste, dass sie alleine war. „June? Juuune?" zaghaft rief sie nach ihrer Begleiterin, während sie sich nach allen Seiten umsah. Dabei übersah sie vollkommen, wie sich ein paar junge Männer ihr näherten und sie mit ihren Blicken beinahe auszogen. „Na Kleine?", sagt einer der drei betrunkenen Halbwüchsigen. „Tut mir leid. Keine Zeit." Weiter Ausschau nach der Kopfgeldjägerin haltend, beobachtete sie mit sinkender Stimmung, wie die besoffenen Kerle sich im Kreis um sie herum positionierten. „Aber, aber. Wer wird denn so zickig sein", lallten sie und griffen nach der jungen Frau, welche daraufhin allen Drei einmal kräftig in die Kronjuwelen trat und sie anschließend, wie auf der Moby Dick gelernt, vermöbelte

Zufrieden die Hände in die Hüfte stemmend, blickte Eden auf die sich vor Schmerz krümmenden Halbstarken, bevor auch sie durch einen schmerzhaften Tritt in den Allerwertesten in die Knie gezwungen wurde. Als sie sich mit tränenden Augen empört umschaute, fand sie June hinter sich, die sie böse von oben anblitzte. „Man tritt Männer nicht in ihre Kronjuwelen, ganz egal, was sie tun oder sagen, hast du das verstanden? Wer weiß, ob du ihre Funktionstüchtigkeit irgendwann einmal dringend benötigst!" June schaute streng auf die junge Piratin herab.

„Aber..."

„Nichts aber! Das heißt ja oder du brauchst mich gar nicht erst zu bitten, dir weiteres beizubringen!"

Schnippisch rümpfte Eden die Nase und verzog ihren Mund zu einer beleidigten Schnute. „Ja ja... meinetwegen." Setzte sich aber, als sie Junes vernichtenden Blick auf ihre unverschämte Antwort bemerkte, brav auf ihre Knie und hob eine Hand. „Ich hab da eine Frage..."

June seufzte nur. „Ein gezielter Tritt mit 9-cm Absätzen auf den Bereich zwischen Fußrücken und Zehen ist sowohl schmerzhafter, als auch effektiver. Außerdem erwartet er es weniger."

Eden verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Danke, Meister."

2 Tage später

Eden ließ sich vollkommen fertig auf das weiche Bett plumpsen und blieb mit ausgestreckten Armen schwer Atmend liegen. Sie spürte Muskeln in ihrem Körper, von denen sie bis heute nicht einmal gewusst hatte, dass sie überhaupt existierten. Erschöpft massierte sie ihre schmerzende Schulter. Sie würde June eines Tages umbringen. Definitiv. Eden rollte sich auf die Seite, nur um sich gleich darauf mit schmerzendem Hinterteil auf dem kalten Holzboden wieder zu finden. „Runter von meinem Bett." June schleuderte ihre Stiefel achtlos in eine Ecke und tapste barfuß zu einem der Gästeschränke, um nachzusehen, was sich brauchbares darin befand. Sie zog zwei abgenutzte Decken hervor und schmiss sie Eden vor die Füße. „Du kannst da drüben schlafen." Eden blickte perplex auf die Stelle, auf die June undeutlich gedeutet hatte, während diese ihre Haare entwirrte, bis sie glänzend, wie ein Vorhang aus reiner Seide, über ihren Rücken fielen. „Fußboden?" brachte Eden ungläubig hervor, als sie ihre Sprache wieder gefunden hatte. Doch June hatte bereits die Tür zu dem kleinen Gästebad hinter sich zugeknallt und Eden starrte ungläubig auf die verschlossene Tür. „Danke fürs Gespräch." Murrte sie ärgerlich in sich hinein, bevor sie überrascht den Kopf schief legte und aufhorchte. Sie singt? Unter der Dusche? Eden musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut los zu lachen. Oh mein Gott, und wie falsch! Eden hielt sich den Bauch und wälzte sich kichernd auf dem Fußboden, bis sie davon Seitenstechen bekam. „Wenn du mich einweihst, lache ich mit." Eden hob überrascht den Kopf, als June, lediglich in ein kurzes Handtuch gehüllt, mit verschränkten Armen finster auf sie hinabblickte. Ihr offenes Haar fiel ihr breit gefächert über die Schulter und hinterließ kleine Pfützen auf dem Boden. Alles in einem sah sie aus wie eine tödliche Rachegöttin. Eine, die die Welt mit ihrem Gesang in den Abgrund reißt. Eden stand, ein breites Grinsen hinter ihrer Hand verbergend, auf, konnte jedoch, als sie an June vorbei ging, ein undeutliches Prusten nicht unterdrücken, was dazu führte, dass sie sich den Weg ins Badezimmer sparen konnte. June beförderte sie nämlich mit einem gezielten Fußtritt in selbiges hinein, sodass sie kopfüber in einem Korb mit frischer Wäsche landete. „Autsch." Eden rappelte sich, während sie einen vernichtenden Blick zu der Kopfgeldjägerin sandte, die es sich in einem weichen Kimono mit einer Sakeflasche auf dem Bett gemütlich gemacht hatte, mühsam auf. Weis der Geier, wo sie die jetzt wieder her hat. Hoffentlich verschluckt sie sich daran. Eden schälte sich vor sich hin schimpfend aus ihrer Kleidung und schlüpfte unter die Dusche. Kalt. Das konnte jetzt nicht wahr sein, oder? Eden drehte ungläubig an den Wasserrädern und starrte wütend auf die Duschbrause. Sie hatte schon wieder vergessen für warmes Wasser zu zahlen! Toll, danke auch June. Nicht jeder ist wie du ein notorischer Kaltduscher! Eden seufzte. Eigentlich durfte sie sich ja nicht beschweren, immerhin opferte die launische Kopfgeldjägerin ihr nicht nur ihre Zeit für sie, sondern hatte auch für die Kosten ihrer Komplettumwandlung gerade gestanden und lediglich dafür verlangt, ihr hin und wieder einen Sake auszugeben. Wobei, wenn sie so darüber nachdachte... June war was das an ging, ein Fass ohne Boden. Dann hatte wohl doch sie die schlechteren Karten gezogen. Eden stöhnte innerlich, als sie an das Loch dachte, das sich schon bald in ihren ohnehin nicht sehr üppigen Geldbeutel fressen würde.

Als sie endlich aus dem Badezimmer kam, war June schon eifrig dabei das üppige Festmahl zu genießen, das die Hausdame ihnen aufs Zimmer gebracht hatte. Oder besser gesagt, sie war fast fertig damit. Eden starrte ungläubig auf die Überbleibsel, die sich einmal ihr Abendessen genannt hatten. „Ich hab gedacht ich fang schon mal an, bedien dich." bemerkte June zwischen zwei Bissen und einem kräftigen Schluck Sake. Sollte das ein Witz sein? Und warum schaffte June es immer trotz vollem Mund einwandfrei zu sprechen? Eden schüttelte verständnislos den Kopf und setzte sich im Schneidersitz vor ihr karges Abendmahl. „Guten Appet... waah, June das ist MEINS!" Eden beugte sich heftig gestikulierend über das Essen und versuchte vergeblich, der lachenden Kopfgeldjägerin die letzte Tomate abzuluchsen.

„Bist du sicher? Momentan befindet es sich nämlich zwischen MEINEN Essstäbchen." June schwenkte das heißbegehrte Stück triumphierend vor der Nase der frustrierten Piratin hin und her, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte es zurückzuerobern. „Ju~une! Gib sie wieder her!" Doch diese lachte nur und hielt es sich vor den weit geöffneten Mund. „A~h " „Neiiiin." Eden wollte gerade zu einem letzten Rettungssprung ansetzten, als June mit einem unheilvollen Zwinkern innehielt. „Ho~? Du willst sie so sehr? Dann kannst du se haben." Eden traute ihren Ohren nicht. „Wirklich? Wirklichwirklich?" Ein sanfter Hoffnungsschimmer machte sich in ihr breit, als June ihre Stäbchen langsam senkte. „Wirklichwirklich." Antwortete diese mit einem fröhlichen Grinsen. „Aber..." Junes Grinsen wurde breiter, während Eden sich wünschte sie hätte nie um das Röllchen gebeten. Das musste ja so kommen. Die Piratin schluckte „Aber?" June kicherte belustigt in sich hinein. „Nichts. Du hättest nur mal dein Gesicht sehen sollen. Einfach köstlich." Die Schwarzhaarige klopfte sich johlend auf die Schenkel und fiel vor Lachen hinten über wobei sie sich den Kopf an einem der Bettpfosten anschlug. Daraufhin grölte sie noch mehr, bis sie sich mit Tränen in den Augen wieder aufsetzte. Eden hatte in der Zwischenzeit unschlüssig zwischen dem Schinken und der scheinbar vollkommen übergeschnappten Kopfgeldjägerin hin und her geschaut und währenddessen über die Bedeutung dieses kleinen und einfachen Wörtchen ´nichts` nachgedacht. Dabei war sie, egal wie sie es gedreht oder gewendet hatte, zu keiner angenehmen Schlussfolgerung gekommen. Ach Scheiß drauf, ich werd´s überleben, dachte Eden und stopfte sich mit einem gleichgültigen Schulterzucken genüsslich die Delikatesse in den Mund. Mm, Lecker. „Saf ma June, fieso kann´nu eigntlis mit pfollem Mund spfechen?" fragte Eden und legte konzentriert ihre Stirn in Falten, während sie angestrengt versuchte, eine kleine Gurke zu erwischen, die ihr immer wieder zwischen den Stäbchen hindurch rutschte. Blöde Gurke. Eden gab sich kurzerhand geschlagen, spießte sie auf und stopfte sie mit Genugtuung in ihre ohnehin schon völlig überfüllten Backen, während ihr Blick abwartend auf ihrem Gegenüber ruhte. Diese zwinkerte belustigt, während sie sich noch immer schwer Atmend ihre Seite hielt. Offenbar hatte sie Seitenstechen vom Lachen. Geschieht ihr ganz recht, dachte Eden befriedigt und schaufelte sich den Rest des Gemüsegratin auf ihren Teller. „Reine Übungssache." June nahm einen großen Schluck aus ihrer Flasche und wischte sich über den Mund, bevor sie anfing, das leere Geschirr zusammen zustapeln. „Haaalt! Das ist mein Teller!" Eden hechtete nach ihrem Abendessen „Na und? Ich räume auf, siehst du doch." June zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Aber der ist doch noch voll!" Eden angelte sich mit einem verzweifelten Aufschrei ihren Teller und zog sich, mit misstrauischen Blicken auf die geschäftige Kopfgeldjägerin, in die hinterste Ecke zurück, wo sie das inzwischen fast kalte Essen eilig in sich hineinschaufelte. Nachdem sie das dreckige Geschirr zur Abholung vor die Tür gestellt hatten, begann June damit, sämtlichen Inhalt ihrer Reisetasche auf dem Bett auszubreiten, während sie unschlüssig durch das Zimmer tigerte und sich dabei mal mit dem einen, dann dem anderen Kleidungsstück posierend vor den großen Wandspiegel stellte. „Verdammt! Ich hab schon wieder zugenommen." June starrte ihr Spiegelbild böse an, während sie das kleine schwarze Mini frustriert zurück auf das Bett schleuderte. Hättest ja nicht im Alleingang essen müssen, dachte Eden selbstgefällig, enthielt sich aber intelligenterweise eines weiteren Kommentars. Schließlich wollte sie sich nicht selbst von der Straße aufkratzen müssen. Mit einem frustrierten schnauben, stopfte June ihre Habseligkeiten wieder weg, und lies sich polternd auf das große Bett plumpsen bevor sie sich mit einem undeutlich gebrummelten „Nacht." in das weiche Bettzeug kuschelte. Eden stand hilflos mit ihrer Decke im Zimmer und schaute unschlüssig zwischen dem Bett und dem Boden hin und her. „Ju~une?" Eden trat unsicher von einem Bein aufs andere. „Hm?" Kam die unwillig geknurrte Antwort und Eden musste schlucken. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich June so schwungvoll in ihrem Bett auf, das Eden vor Schreck rückwärts stolperte und auf dem Boden landete. „Was?" June knurrte sichtlich wütend sodass Eden aus Angst die Tränen in die Augen traten. „Ni...nichts, ich dachte nur...ich..." Eden umklammerte ihre Decke fester und hielt sie schützend vor sich. „Nichts. Es ist nichts." Sagte sie leise. „Gut, dann stör mich nicht beim schlafen." June schlug sich geräuschvoll wieder die Decke über den Kopf und drehte ihr den Rücken zu. Eden schluchzte leise. „Meinetwegen." June knurrte unwillig und rückte ein Stück zur Seite. „Aber weck mich noch einmal auf und du fliegst aus dem Fenster, ist das Klar?!"

Eden nickte lächelnd und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, bevor sie sich ganz vorsichtig an den Rand des Bettes kuschelte. „Nacht, June."

Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne am Horizont zu sehen war, setzte June sich gähnend auf und streckte sich ausgiebig. „Mm~. Morgen ." Gut gelaunt hüpfte sie aus dem Bett und fing sofort an, einhändig Liegestützen zu machen. Als ihr nach einer Weile auffiel, dass sie bisher noch keine Antwort auf ihren fröhlich geträllerten Morgengruß bekommen hatte, schaute sie verwirrt auf, bevor sie ungläubig in schallendes Gelächter ausbrach. Eden lag, einen Fuß noch immer auf der Bettkante, mit ausgestreckten Armen kopfüber auf dem Boden und schnarchte leise vor sich hin. June setzte sich amüsiert auf und betrachtete die schlafende Piratin. So süß und unschuldig, schoss es ihr durch den Kopf und sie machte sich gedanklich eine Notiz, dass sie diesen Teil von Edens Wesenszügen auf jeden Fall beschützen musste. Sie seufzte resigniert und stand auf. Da hatte sie sich ja einen schönen Berg an Arbeit aufgebrummt. Noch immer leise vor sich hin lachend, schlüpfte sie lautlos aus dem Zimmer, um der Hausverwalterin Dampf unterm Hintern zu machen. Sie hatte nämlich Hunger und wenn sie nicht schleunigst was zu essen bekam, konnte die werte Dame am eigenen Leib erfahren, was sich da bei ihr untergemietet hatte.

Als die ersten Vögel anfingen zu zwitschern und die Sonnenstrahlen ihre Nasenspitze kitzelten, wachte Eden blinzelnd aus ihrem tiefen Schlummer auf und rieb sich verschlafen die Augen. „Morgen." Gähnend setzte sie sich auf und schaute sich verwirrt um. Letztendlich hatte sie die Nacht doch noch auf dem Boden verbracht. Kopfüber noch dazu, stellte sie mürrisch fest, als ihr auffiel, wo sie sich befand. „June?" rief die junge Frau schlaftrunken nach der Kopfgeldjägerin, während sie mit halb geöffneten Augen ins Bad tapste.

„Dummerchen, das ist Shampoo." June nahm ihr kopfschüttelnd die Tube weg, deren Inhalt Eden sich gerade auf ihre Zahnbürste hatte schmieren wollen. „Hm." Eden brummte verschlafen und gähnte. „Wen juckt´s?"

„Iss das." June drückte ihr ein üppig belegtes Brot in die Hand, bevor sie die überrumpelte Piratin am Handgelenk packte und unsanft aus dem Zimmer zog. „Wofin geen wir?" brachte Eden undeutlich zwischen zwei Bissen hervor, während sie der Kopfgeldjägerin mühsam hinterher stolperte. Das war gut! Eden schaute verblüfft auf das Brot in ihren Händen. Sie musste sich unbedingt das Rezept geben lassen. „Wir checken aus." Eden blinzelte verdattert und blieb stehen. „Eeh? Warum das denn?" June zuckte gereizt mit den Schultern und grummelte ungehalten vor sich hin. „Der Service hier ist unter aller Sau." Langsam dämmerte Eden, worin das Problem lag. „Du wolltest nicht zufälligerweise schon wieder morgens um halb vier Frühstück, oder? Ju~une! Normale Leute schlafen da no..." Eden wäre fast gegen den Rücken der Kopfgeldjägerin geknallt, die ohne Vorwarnung stehen geblieben war und sich langsam mit einem unheimlichen Lächeln umdrehte. „Hast du etwa ein Problem mit meinen Essgewohnheiten?" säuselte die Kopfgeldjägerin mit süßer Stimme und Eden schüttelte eilig mit vollen Backen den Kopf. "N...nein. Nie." „Gut. Braves Mädchen." June tätschelte der erstarrten Piratin lächelnd den Kopf. Gott, konnte die Frau vielleicht unheimlich sein! Eden schluckte schwer und ein spitzer Schrei riss sie aus ihrer Erstarrung. „June! Was hast du jetzt wieder angestellt?" Eden verdrehte entnervt die Augen, als ihr Blick auf den umgestürzten Wäschekorb fiel und die dazugehörige Frau, die sich außer sich vor Angst hinter einer Schiebetür versteckt hatte und vollkommen aufgelöst dahinter hervor spähte.

„Ni~hichts " trällerte die schwarzhaarige Schönheit unschuldig, bevor sie fröhlich pfeifend um die Ecke bog und auf die menschenleere Straße trat. Klar, seh ich... Eden blickte mitleidig auf die ältere Frau, bevor sie der Kopfgeldjägerin eilig ins Freie folgte und dabei ein resigniertes „Unverbesserlich." vor sich her murmelte.

„Du musst mehr an deiner Balance arbeiten." Kopfschüttelnd reichte June der stöhnenden Piratin die Hand, um ihr aufzuhelfen. Als Eden wieder mehr oder weniger wackelig auf den Beinen stand, rieb sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Wade, auf der sich ein weiterer hässlicher roter Striemen abzuzeichnen begann.

„Autsch." Mühsam kletterte sie wieder auf den schmalen Holzpfosten und konzentrierte sich darauf, auf einem Bein ihre Balance zu finden. „Also noch mal: Was sind die Grundregeln des Flirtens?" Eden sprang in die Höhe, um dem peitschenden Weidenstock auszuweichen, den June knapp über dem Holzblock hin und her schwenkte. „Blickkontakt...ha...viel Geduld und... wenn...ha...möglich ein anregendes Gespräch... aber nicht zu dominant oder tiefgründig... ha... auf das nonverbale Achten...ha...Kreativität und Einfallsreichtu...Au!" Eden zuckte schmerzhaft zusammen, als der Stock die empfindliche Haut an ihrer Ferse streifte. Dennoch landete sie sicher auf der Holzfläche um sofort zum nächsten Sprung anzusetzen. „...sich aber nicht verstellen...ha...sondern ganz natürlich...Interesse wecken, aber etwas...ha...zappeln uiiiik!" Eden rutschte nach hinten weg und ruderte wild mit den Armen, um nicht schon wieder auf den harten Boden zu fallen, was sie aber letztendlich dennoch nicht vermeiden konnte. Mit einem unsanften plumpsen landete sie auf ihrem Hinterteil und zog missmutig eine Schnute. „Warum muss ich nebenher auch noch diesen Mist aufzählen... es ist schon schwer genug auf das Timing beim Springen zu achten! Ich hab keine Lust mehr... mir tut alles weh!" Jammerte sie weinerlich und rappelte sich, vorsichtig ihren schmerzenden Hintern betastend, auf. Das würde bestimmt einen riesigen blauen Fleck geben. Toll, noch einen, dachte Eden sarkastisch während sie ihre Hand in den Rücken stützte.

„Ho~?" June grinste unheilvoll. „Soll ich mir lieber was anderes überlegen?" Eden schüttelte rasch den Kopf, und humpelte schwerfällig auf den schmalen Holzpfosten zu. Bloß nicht. Ich will gar nicht erst wissen, was dabei herauskommen würde, dachte die junge Frau zerknirscht, während sie fluchend versuchte wieder auf den Pfosten zu kraxeln. June feuerte unterdessen die sich redlich abmühende Piratin mit kuriosen Ratschlägen an, die ihr, als diese endlich auf dem Pfosten stand, lediglich ein verärgertes „SCHNAUZE!" einbrachten. Daraufhin grinste die Kopfgeldjägerin noch breiter und schlug ein solch hartes und ungnädiges Tempo mit dem Weidenstock an, dass Eden nur wenig später total verschwitzt und außer Atem keuchend auf dem Boden saß. „Das...ha...gemein!" Völlig Fertig ließ sie sich mit ausgebreiteten Armen auf den Rücken fallen und starrte erschöpft auf die kleinen Schäfchenwolken, die langsam über den Himmel zogen. „Hier." June hatte sich neben sie gesetzt und hielt ihr eine gekühlte Wasserflasche unter die Nase. „Trink." Dankbar nahm Eden das Dargebotene entgegen und seufzte erleichtert auf, als sie ihren Durst endlich gestillt hatte.

Ein warmer Windstoß wirbelte hellrosa Kirschblüten durcheinander und lies sie anmutig durch die Luft tanzen, während er sanft durch ihre Haare fuhr. June atmete tief ein und genoss den friedlichen Augenblick, während sie beide einfach still beieinander saßen und die warme Sonne des Frühlings genossen. Schließlich sprang sie wieder auf die Füße und zog eine verblüffte Eden mit sich, während sie mit einem vergnügten Jauchzen zu einem kleinen Felsvorsprung rannte und lachend in den darunter liegenden See hüpfte. Eden kreischte laut, als sie von June mit in die Luft gezogen wurde und schließlich mit einem lauten platschen in dem noch eisigen Wasser landete. Prustend kam sie wieder an die Oberfläche, nur um gleich darauf wieder von der Kopfgeldjägerin an den Füßen unter Wasser gezogen zu werden. „Hey!" Eden paddelte hustend mit den Armen, während June sich lachend auf den Rücken legte und sich auf dem klaren Wasser treiben lies. Ihre Haare bildeten dabei einen dunklen Fächer um ihren Kopf und vermischten sich mit den zarten Blüten der Seerosen, die einen Großteil der Wasseroberfläche bedeckten. Eden schwamm zitternd zum Ufer und hievte sich an Land. „Fuck ist das kalt!" Zähneklappernd hüpfte sie von einem Bein auf das andere, während sie ihre Haare auswrang und der fröhlich planschenden June, der die Kälte überhaupt nichts auszumachen schien, böse Seitenblicke zuwarf. Hoffentlich ersäuft sie, dachte Eden verärgert und begann in der angenehm warmen Sonne bibbernd auf und ab zu gehen. Als June endlich ebenfalls aus dem See stieg, schüttelte sie lachend ihre lange Mähne und spritzte dabei Eden, die beinahe trocken war, wieder nass. „Ju~une!" Eden machte kreischend einen Satz Rückwärts. „Hör auf damit!" „Sonst was?" June zwinkerte der mürrischen Piratin schelmisch zu, ehe sie mit ausgebreiteten Armen grinsend auf sie zugerannt kam. „Iiiiks." Hackenschlagend nahm Eden vor der triefnassen Kopfgeldjägerin Reißaus, die sie mit ebenso unerbittlicher Hartnäckigkeit lachend verfolgte. Mit einem kräftigen Satz sprang Eden vom Boden ab und schwang sich auf einen niedrigen Ast, von dem aus sie wiederum zum nächsten Baum sprang. Als sie sich endlich in Sicherheit glaubte, hielt sie atemlos nach ihrer Verfolgerin Ausschau. „Du bist immer noch zu langsam." Eden drehte sich erschrocken um und wäre beinahe von ihrem Ast gepurzelt, als sie June entdeckte, die mit verschränkten Armen kopfüber vom nächsthöheren Ast baumelte. Die Kopfgeldjägerin seufzte. „Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall. Da gibt man dir absichtlich einen kleinen Vorsprung und du denkst nicht einmal darüber nach, ihn auszubauen." Resigniert schüttelte sie den Kopf und tippte der verdatterten Piratin mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Du hast deinen hübschen Kopf doch nicht nur zum Tragen von Hüten! Man kann ihn auch gut und gerne zum denken benutzen!" „Ich weiß!", beschwerte sich Eden kleinlaut über die ungerechtfertigte Standpauke. Sie hatte sich schließlich alle Mühe gegeben! „Dann tue es auch!" June schwang sich zu ihr hinunter und setzte sich mit verschränkten Armen neben sie. „Du musst geschickter werden... Und schneller. Viel schneller. Denk nicht so viel darüber nach, was du als nächstes tun musst, sonder mach dir lieber Gedanken, was dein Gegner als nächstes tun könnte und versuche ihm zuvor zu kommen. Du hältst dich viel zu sehr damit auf, deine Sprünge zu berechnen oder abzuwägen, welche Risiken du eingehen solltest. So etwas musst du Instinktiv wissen und anwenden können." Eden senkte ihren Blick und seufzte. „Ich weis... aber..." „Nichts aber. Wir üben das so lange, bis du es blind kannst. Und zwar um drei Uhr nachts nach 36 Stunden Schlafentzug." Wie zur Bestätigung nickte June gedankenverloren vor sich hin. „Und wie willst du das üben? Mich tagtäglich Bäume rauf und runter jagen?" Überrascht blickte June auf und ihre Lippen erzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Das wäre doch mal ein guter Anfang." Eden stöhnte innerlich. Na toll. Hätte sie mal lieber ihre Klappe gehalten!

Als es schließlich dämmerte, machte sich June auf den Weg in das kleine Dorf, das sich verschlafen in der kleinen Bucht unter ihnen ausbreitete. Eden war nach dem langen und anstrengenden Training so erschöpft gewesen, dass sie auf der Stelle eingeschlafen war. Mit einem amüsierten Lächeln schielte die Kopfgeldjägerin auf die junge Frau die sie auf ihrem Rücken trug. Sie musste noch einen langen Weg gehen. June seufzte und lächelte still in sich hinein. Und es würde ihr eine Freude sein, du junge Piratin dabei zu begleiten. Leise lachend stapfte sie den abschüssigen Steilweg hinunter. Oh ja, das würde es.