Die Sommeraffäre
Kapitel 3
„Mum, dürfen wir heute in die Winkelgasse?", fragte Albus, während er mit Scorpius, Lily, James und Ginny am Frühstückstisch saß.
„Warum? Was wollt ihr denn da? Ihr habt eure Schulsachen doch schon", wollte Ginny wissen.
„Ich wollte mir noch ein paar Sachen für das neue Schuljahr kaufen. Süßigkeiten, Bücher und so", sagte Albus.
„Kann ich auch mitkommen? Ich will Onkel George, Fred und Roxanne im Laden besuchen", fuhr James dazwischen.
„Ok, meinetwegen könnt ihr drei heute in die Winkelgasse. Aber ihr seid um sechs Uhr heute Abend wieder hier", willigte Ginny ein.
„Und was ist mit mir?", wollte nun auch Lily wissen.
„Tut mir Leid Lily, aber ich will nicht, dass du allein in der Winkelgasse herumläufst und deine großen Brüder haben wahrscheinlich keine Lust die ganze Zeit auf dich aufzupassen. Du wirst mit mir hier bleiben müssen", erklärte Ginny.
„Ich brauche keinen Aufpasser, ich kann selbst auf mich aufpassen", entgegnete Lily trotzig.
„Trotzdem. Du bleibst hier", sagte Ginny bestimmt.
Schmollend ging Lily auf ihr Zimmer. Sie wusste es hatte keinen Sinn ihre Mutter zu ärgern indem sie ihr widersprach. Nicht wenn sie in diesem Ton sprach. Wenn ihre Mutter wütend wurde ging normalerweise die ganze Familie in Deckung.
So machten sich Albus, Scorpius und James nach dem Frühstück auf den Weg in die Winkelgasse. Sie flohten zum ‚Tropfenden Kessel' und betraten von dort aus die Winkelgasse. James trennte sich sofort von Albus und Scorpius und ging zu ‚Weasleys Zauberhafte Zauberscherze'. Albus und Scorpius dagegen bummelten langsam durch die Straße und betraten nur hin und wieder einen Laden. Sie kauften einige Süßigkeiten, ein paar Romane und Zaubertrankbücher für Albus und auch ein paar zusätzliche Zaubertrankzutaten.
Albus mochte Zaubertränke und braute oft auch in seiner Freizeit – ohne das Wissen seiner Eltern, denn die hätten es ihm bestimmt verboten – und nicht nur Zaubertränke, die auf dem Lehrplan standen. Wenn er in einem Buch eine interessante Rezeptur fand und die nötigen Zutaten ergattern konnte, probierte er gerne auch mal andere Zaubertränke aus. Das war der Hauptgrund, warum er an diesem Tag in die Winkelgasse hatte gehen wollen.
James, der ebenfalls keine Ahnung hatte was sein Bruder in seiner Freizeit trieb, saß zur gleichen Zeit im Hinterzimmer von ‚Weasleys Zauberhafte Zauberscherze' und unterhielt sich mit Fred und Roxanne, die in den Ferien bei ihrem Vater im Laden aushalfen.
„Wie ist es so mit Malfoy unter einem Dach zu wohnen? Habt ihr euch noch nicht gegenseitig umgebracht?", fragte Fred scherzend.
„Wie du siehst lebe ich noch", gab James mit einem Grinsen zurück.
„Ja, ich bin erstaunt. Ich war mir sicher es würde Tote geben", meinte Fred.
„Noch sind die zwei Wochen ja nicht vorbei. Es waren ja erst zwei Tage", warf Roxanne ein.
„Danke für euer Vertrauen. Ihr glaubt also nicht, dass ich mich für ein paar Tage zusammenreißen kann?", meinte James Sarkastisch.
„James, wenn es um Malfoy ging, konntest du dich noch nie zusammenreißen. Gib zu, du liebst es mit ihm zu streiten und ihn zu provozieren", lachte Fred.
„Schuldig im Sinne der Anklage", gab James zu und grinste wieder.
„Also, was hast du die letzen zwei Tage gemacht um ihn in den Wahnsinn zu treiben?", fragte Roxanne und verdrehte die Augen.
James Grinsen wurde noch breiter und Fred und Roxanne tauschten besorgte Blicke.
„James?", fragte Roxanne vorsichtig.
„Was hast du getan?", fügte Fred ebenso vorsichtig an.
„Es scheint als wäre Malfoy ein wenig verknallt in mich, jedenfalls wird er immer so schön Rot, wenn ich es drauf anlege", sagte James immer noch breit Grinsend.
„Wenn du es drauf anlegst?", hakte Roxanne nach.
„Es ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als ich morgens nach dem Duschen nur mit einem Handtuch um aus dem Bad gekommen bin und ihn im Gang getroffen habe. Er ist ganz Rot geworden und dann an mir vorbei ins Bad geflüchtet", erzählte James.
„Echt? Das hätte ich zu gern gesehen", lachte Fred.
„Jedenfalls wollte ich testen, ob er wirklich wegen mir so reagiert hat und habe mich nur in Boxershorts raus in die Sonne gelegt" fuhr James fort.
„Und? Hat es funktioniert?", fragte Fred neugierig.
„Ja, hat es. Danach habe ich dann getestet, wie er auf Berührung reagiert."
„Was für Berührungen?", fragte Roxanne. Sie klang nicht halb so belustigt wie ihr Zwillingsbruder.
„Ganz unschuldige, scheinbar zufällige Berührungen, wie zum Beispiel eine Berührung an der Hand im Vorbeigehen", erklärte James.
„Und das hat funktioniert?", fragte Fred ungläubig.
„Ja, du hättest sehen müssen, wie Rot er beim Abendessen geworden ist. Mum dachte er wäre krank", gluckste James.
„James, ich weiß, dass du Malfoy nicht leiden kannst, aber musst du deshalb gleich so mit seinen Gefühlen spielen?", fragte Roxanne missbilligend.
„Ich spiele nicht mit seinen Gefühlen. Ich habe ihm schließlich nie vorgemacht er hätte eine Chance bei mir", verteidigte sich James.
„Und die ganzen Berührungen geben ihm nicht das Gefühl, dass da etwas sein könnte?", fragte sie scharf.
„Och komm Roxy, wir reden hier von Malfoy. Er findet mich vielleicht heiß, aber er ist ganz sicher kein verliebtes Schulmädchen, er kommt damit schon klar", sagte James.
„Ok, du musst wissen, was du tust, aber treib es bitte nicht zu weit", bat ihn Roxanne.
„Krieg dich wieder ein Roxanne, es ist doch nur ein bisschen Spaß", schlug sich Fred auf James Seite.
Roxanne gab auf und wechselte das Thema.
„Kommst du uns denn trotzdem noch für ein paar Tage besuchen?" fragte sie.
„Natürlich. Ich würde euch doch nicht wegen Malfoy hängen lassen, egal wie viel Spaß es macht ihn zu ärgern", versicherte ihr James.
„Weißt du schon wann?" wollte Fred wissen.
„Meint ihr ich könnte heute direkt hier bleiben?", fragte James.
„Klar, wenn Tante Ginny nichts dagegen hat", meinte Roxanne.
„Ok, ich frag sie gleich mal. Kann ich sie von der Wohnung über dem Laden aus Flohen?"
„Klar. Du weißt, dass im Moment niemand dort wohnt", erinnerte ihn Fred.
„Und ihr seid euch sicher, dass eure Eltern nichts dagegen haben, wenn ich für ein, zwei Tage bei euch bleibe?"
„Quatsch, du kennst doch Mum und Dad. Die haben so gut wie nie was dagegen. Aber wenn es dich beruhigt, kann ich Dad schnell fragen", bot Roxanne an.
„Ok, Fred und ich gehen hoch und flohen Mum und du fragst Onkel George, einverstanden?", schlug James vor.
Fred und Roxanne nickten zustimmend. Fred und James gingen die Treppe, die sich im Hinterzimmer befand, hinauf und betraten die kleine Wohnung in der George vor so vielen Jahren mit seinem Zwilling Fred gewohnt hatte. Sie stand schon seit vielen Jahren leer und war daher entsprechend staubig, aber der Kamin war immer noch ans Floh-Netzwerk angeschlossen.
Sie gingen zum Kamin, der sich in der Wohnküche befand. Außer der Wohnküche, bestand die Wohnung nur noch aus zwei Schlafzimmern und einem Badezimmer. Fred und Roxanne hatten vor nach ihrem letzten Jahr in Hogwarts hier einzuziehen, bis sie sich von ihrem Gehalt etwas Besseres leisten konnten.
James nahm sich ein wenig Flohpulver und warf es in den Kamin. Er streckte seinen Kopf in die grünen Flammen und rief: „Potter Cottage". Glücklicherweise war seine Mutter gerade in der Küche und bemerkte ihn sofort.
„James, was gibt es? Ist etwas passiert?", fragte sie.
„Nein, nein, Mum. Alles in Ordnung. Ich wollte nur fragen, ob ich für ein oder zwei Tage bei Roxy und Fred bleiben kann", sagte James.
„Meinetwegen. Wenn George und Angelina nichts dagegen haben, kannst du für ein, zwei Tage da bleiben, aber nicht länger", willigte Ginny ein.
„Danke Mum", sagte James und strahlte sie breit grinsend an. Dann zog er den Kopf aus den Flammen und beendete das Gespräch.
Albus und Scorpius kehrten pünktlich nach Potter Cottage zurück. Scorpius war froh, als er erfuhr, dass James für ein paar Tage weg sein würde, er brauchte die Zeit, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Natürlich war ihm aufgefallen, wie oft James ihn wie zufällig berührt hatte. Ihm war klar, dass James das mit Absicht gemacht haben musste, er war ja nicht auf den Kopf gefallen. Die Frage war aber immer noch, warum James das tun würde.
Aber noch mehr beunruhigte ihn, wie sehr er auf dessen Berührungen reagierte. Er hatte am Abend zuvor beschlossen, James in Zukunft einfach zu ignorieren, aber das war leichter gesagt, als getan. Noch schlimmer war, dass er niemanden hatte, mit dem er darüber reden konnte. Niemand wusste auch nur, dass er schwul war, er hatte es ja selbst gerade erst herausgefunden. Es viel ihm immer noch schwer es sich selbst einzugestehen, geschweige denn anderen, aber es ließ sich nicht länger leugnen.
Außerdem, wem würde er es denn erzählen? Der einzige, der im Moment greifbar war, war Albus. Aber Albus konnte er ja schlecht erzählen, dass er plötzlich schwul war und auf seinen Bruder stand, den er bis vor kurzem – eigentlich immer noch – nicht ausstehen konnte. Nein, keine gute Idee.
Wem dann? Sein anderer bester Freund und Cousin, Lucas? Nein, der konnte den Gryffindor fast genauso wenig leiden wie Scorpius und würde das ganz sicher nicht verstehen.
Seine Eltern? Ha! Denen war es schwer genug gefallen seine Freundschaft mit Albus zu akzeptieren. Wenn sie ihn nicht gleich enterben würden, weil er auf einen Jungen, statt auf ein Mädchen stand, dann vielleicht dafür, dass dieser Junge James Potter war. Nein, zu riskant.
Er musste allein damit klar kommen, und das würde er auch. Er würde James Potter einfach ignorieren und dann würden die Gefühle hoffentlich ganz schnell von selbst wieder verschwinden. Nur noch eineinhalb Wochen, dann wäre er wieder sicher in Hogwarts und konnte sich in die Kerker der Slytherins flüchten. Dort wäre er vor James sicher.
Die nächsten zwei Tage vergingen wie im Flug. Albus und Scorpius verbrachten die Tage mit fliegen, Schach und Karten spielen, schwimmen im Teich, der sich auf dem Grundstück der Potters befand und dem heimlichen brauen von Zaubertränken. Wobei Scorpius beim brauen meistens nur zuschaute, während Albus seinen Spaß daran hatte. Niemand wusste so genau, von wem Albus diese Leidenschaft für das Brauen von Zaubertränken hatte. Harry sagte oft, er müsse es von seiner Großmutter Lily geerbt haben.
Dann war James wieder da und Scorpius Entschluss wurde auf die Probe gestellt. James schien in den zwei Tagen seiner Abwesenheit noch aggressiver geworden zu sein und dass Scorpius versuchte ihn zu ignorieren, stachelte ihn nur noch mehr an. Seine Berührungen waren nicht mehr so unschuldig wie am Anfang und schienen auch nicht mehr so zufällig. Trotzdem achtete er immer noch darauf, dass seine Familie nichts davon mitbekam. Deshalb wich Scorpius Albus auch kaum noch von der Seite.
Trotzdem schaffte es James immer wieder Scorpius allein zu erwischen. Albus konnte schließlich nicht ständig an seiner Seite sein. So auch eines Abends, als Albus ihn gebeten hatte die Besen in den Schuppen zu bringen, während er seiner Mutter in der Küche half.
Er wollte gerade den Schuppen verlassen, als James in der Tür erschien und den Ausgang blockierte. Er trat auf Scorpius zu und drängte den zurückweichenden Jungen an die Wand. James hob die Hand und berührte Scorpius Wangen, die sich schon wieder rot gefärbt hatten.
„So oft, wie du in letzter Zeit in meiner Gegenwart errötest, könnte man glatt glauben, du hättest etwas für mich übrig", stichelte James.
„So oft, wie du mich in den letzten Tagen berührt hast, könnte man meinen du stehst auf mich", gab Scorpius wütend zurück.
„Und wenn es so wäre?", fragte James mit heiserer Stimme und trat noch näher auf Scorpius zu.
Scorpius suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus seiner Lage, fand jedoch keinen. James hatte seine Hände links und rechts von seinem Kopf an der Wand platziert und ließ ihm keine Fluchtmöglichkeit. Noch ehe Scorpius etwas erwidern konnte, beugte James sich vor und küsste ihn.
Scorpius erstarrte geschockt. Tatsächlich, war er so geschockt, dass er nicht einmal daran dachte James weg zu schubsen. James küsste ihn einfach weiter und immer noch benommen, erwiderte Scorpius schließlich den Kuss. Wie lange sie so dastanden und sich küssten, konnte keiner von beiden sagen.
„Scorpius! Wo bleibst du? Es gibt Abendessen!", ertönte plötzlich Albus Stimme.
Erschrocken fuhren die beiden auseinander. Schnell drehte sich James um und verließ den Schuppen. Scorpius stand immer noch benommen da und bewegte sich keinen Zentimeter. Seine Gedanken rasten. Warum habe ich seinen Kuss erwidert? Warum habe ich ihn nicht einfach von mir gestoßen? Ich wollte ihn doch ignorieren! Ich wollte mich doch nicht auf ihn einlassen! Er spielt doch nur mit mir!
Immer noch tief in Gedanken versunken machte er sich schließlich auf den Weg ins Haus. Als er in die Küche kam, saßen die anderen schon alle am Tisch.
„Wo warst du so lange? Du solltest doch nur unsere Besen in den Schuppen bringen. Das kann doch unmöglich so lange gedauert haben", fragte Albus neugierig.
„Tut mir leid, dass ihr auf mich warten musstet. Ich bin draußen einfach noch ein bisschen rumgelaufen", selbst in seinen Ohren klang die Ausrede lahm, aber niemand fragte genauer nach.
Das Essen verlief wie immer, auch wenn Scorpius und James beide ruhiger waren als sonst, was aber niemandem aufzufallen schien. Nur noch eine Woche, versuchte sich Scorpius selbst Mut zu machen. Dann bin ich James wieder los.
