Titel: Den Krieg vergessen ('82-'90)
Autor: Noir13 / Se.Ka.Ya.
Disclaimer: Alle bekannten Personen, Namen, Orte und Begriffe sind Eigentum von J. K. Rowling. Severus' Großeltern, Barney und seine Freunde aus der Zaubertranklehre sind jedoch mein geistige Eigentum.
Hauptcharakter: Severus Snape
Rating: PG12
Warnung: Nach Deathly Hallows eindeutig AU. Bis HBP dürfte es jedoch noch weitestgehend Canon sein – zumindest hoffe ich das.
Anmerkung: siehe Kapitel 1
Kapitel: 3 / (genaue Anzahl steht noch nicht ganz fest)
Den Krieg vergessen ('82-'90)
Es ist 1982, und Severus steht gedankenverloren auf dem Astronomieturm. Sein schwarzer Umhang ist mit Schnee bedeckt und es ist kalt hier oben. Aber hier hat er Ruhe zum Nachdenken.
Es ist noch nicht lange her, die Geschehnisse von Halloween '81 sind noch immer in aller Munde. Severus ist davon genervt, aber er weiß auch nicht genau, was er von alldem halten soll. Alle haben gefeiert, das Harry Potter den Angriff des Dunklen Lords überlebt hat. Er nicht. Er hat nicht gefeiert und er wird auch nicht feiern. Da ist nichts, was er feiern will.
Der Krieg ist vorbei. Er hat eine Anhörung hinter sich. Er ist freigesprochen, weil Dumbledore für ihn gebürgt hat. Severus ist nicht besonders stolz darauf, auch wenn er nichts dagegen hat, nicht in Askaban zu sitzen.
Er hat einen Job, den er nicht wirklich leiden kann. Lehrer. Er wollte nie Lehrer werden. Er wollte Meister der Zaubertränke werden – ist er auch – und vielleicht auch die Ausbildung zum Auroren machen. Aber er ist ein Todesser. Ein Grund mehr, warum er nicht in einem Klassenraum stehen will. Er kennt noch ein paar der Gesichter aus seiner eigenen Schulzeit. Mehr fürchtet er jedoch etwas anderes: Die Kinder derer zu sehen, die er als Todesser auf dem Gewissen hat.
"Severus?", sagt eine Stimme hinter ihm.
Severus dreht sich langsam um und sieht den Schulleiter von Hogwarts schweigend an. Es ist nicht das erste Mal, dass Dumbledore ihn hier oben findet. Es wird auch nicht das letzte Mal sein. Dieser Ort hat etwas, was Severus hilft, seine Gedanken zu ordnen.
"Es ist ziemlich kalt hier draußen", bemerkt Dumbledore und tritt neben ihn.
"Nicht kälter als meine Seele", meint Severus kaum hörbar und geht hinein.
Es ist 1983, und Severus kommt sich ziemlich fehl am Platz vor. Er sitzt zwischen Leuten, die alle älter sind als er selbst. Viele von ihnen kennt er noch aus seiner Schulzeit. Er kommt sich wirklich fehl am Platz vor.
"Kommen wir zu Punkt eins der Tagesordnung", beginnt Dumbledore mit der Konferenz.
Severus passt nicht wirklich auf, einfach, weil er nicht viel zu sagen hat. Und meistens hört sowieso keiner auf ihn. Er ist gerade einmal dreiundzwanzig, gerade erst erwachsen, wenn man das Alter von den meisten Magiern betrachtet. Außerdem will er nicht unbedingt mit seinen alten Lehrern diskutieren. Er fühlt sich immer noch ein wenig wie ein Schüler.
"Die neuen Vertrauensschüler müssen bestimmt werden", erklärt Dumbledore. "Irgendwelche besonderen Vorschläge?"
"Nein", gibt Severus leise von sich.
Die anderen Hauslehrer sehen ihn ein wenig erstaunt an, wenden sich dann jedoch der Diskussion zu , welche Schüler Vertrauensschüler werden sollten. Severus hält sich wie die Jahre zuvor daraus, denn er kennt die Schüler einfach nicht genug, um etwas dazu sagen zu können. Er fragt sich immer noch, warum er den Posten als Hauslehrer von Slytherin bekommen hat. Vielleicht ist er der einzige Slytherin unter den Lehrern? Er beschließt, später einmal Dumbledore zu fragen. Aber wahrscheinlich bekommt er nur eine kryptische Antwort.
"Severus, haben Sie etwas dagegen einzuwenden?", will Professor McGonagall wissen.
Er schweigt, was die anderen als Zustimmung auffassen. Es ist wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr hat er nicht das Gefühl Lehrer zu sein. Nein, wenn er mit den anderen Lehrern im Lehrerzimmer sitzt, auf eine Lehrerkonferenz geht oder auch so einfach mit ihnen spricht, dann ist er ein Schüler.
Aber vielleicht kann er dieses Gefühl irgendwann abschütteln. Dann erst kann er wirklich von sich selbst als Lehrer denken.
Es ist 1984, und es ist eine regnerische Vollmondnacht. Severus kann aus verschiedenen Gründen nicht schlafen und steht an einem Fenster im fünften Stock. Es ist nicht die erste schlaflose Nacht in dieser Woche und es wird auch nicht die letzte sein.
Einer der Gründe für seine Schlaflosigkeit ist der Vollmond. Auch wenn Severus den Schock und die Angst überwunden hat, die ihn in der Zeit nach Blacks Mordversuch an der Heulenden Hütte verfolgt haben, kann er immer noch nicht ganz ruhig werden, wenn Vollmond ist. Inzwischen ist es jedoch besser. Er fürchtet nicht mehr hinter jeder Ecke des Kerkers einen ausgewachsenen Werwolf. Die Tatsache, dass er sich inzwischen auch besser verteidigen kann, hilft ihm auch.
Der Hauptgrund, warum er hier steht, ist, dass er noch im Krieg ist. Wenn er schläft, schläft er mit offenen Augen, den Zauberstab in der Hand. Wenn er wach ist, wandert er ruhelos durch das Schloss, immer wieder auf eventuelle Eindringlinge lauschend. Er erwartet fast jeden Augenblick einen Angriff aus dem Hinterhalt. Vielleicht Todesser, vielleicht Auroren. An manchen Tagen sind es beide. Die einen wollen ihn nur festnehmen, die andere ihn umbringen. Inzwischen macht das keinen großen Unterschied mehr, er behandelt alle gleich.
Peeves meidet ihn – Severus hat ihm einmal einen ziemlich üblen Fluch auf den Hals gehetzt, als er sich von hinten angeschlichen hat. Peeves konnte danach eine Woche lang keinen Ton mehr hervorbringen und hatte Probleme mit seiner Unsichtbarkeit. Der Poltergeist sucht sich nun lieber andere Opfer in diesen Nächten.
Severus ist froh, dass ihm bisher noch kein Schüler über den Weg gelaufen ist. Möglicherweise würde es ernsthafte Verletzungen geben. Nein, es wird ganz sicher ernsthafte Verletzungen geben. Wenn die anderen Lehrer davon erfahren, muss er wahrscheinlich Hogwarts verlassen. Zu gefährlich. Er gefährdet die Sicherheit der Schüler. Er ist eine Gefahr für die anderen und für sich selbst, zumindest nachts, wenn er im Krieg ist und er auf Angreifer wartet.
"Professor Snape?"
Severus wirbelt herum, den Zauberstab erhoben und einen Fluch auf den Lippen. Der erste, der ihm eingefallen ist. Sectumsempra. Nun, genützt hätte es nichts, wie er feststellt.
"Sir Nicholas", stellt er fest und zwingt sich selbst zur Ruhe. "Sie hätten mich nicht... erschrecken dürfen."
Er mag den Hausgeist von Gryffindor nicht besonders. Immer dieses ständige Lamentieren über sein fast-kopfloses Dasein. Und er ist ein Gryffindor, wenn auch ein Toter. Severus versucht jedes Mal, dem Geist klarzumachen, dass er mehr lächerlich als fürchterlich ist, aber dieses Mal hat er ihn wirklich kalt erwischt.
"Entschuldigen Sie, dass hatte ich nicht vor", sagt der Geist höflich.
Severus sagt dazu nichts. Ist es nicht die Aufgabe von Geistern, Sterbliche zu erschrecken? Nun, er steht dem Gryffindorgeist gegenüber. Er sollte nicht zuviel erwarten.
"Tatsächlich", sagt Severus nur. "Und was wollen Sie nun?"
"Sie wandern in letzter Zeit oft nachts durch die Gänge", erklärt Nicholas. "Ich wollte nur wissen, ob alles in Ordnung ist."
Severus' Blick verfinstert sich. "Wenn ich Hilfe brauche, oder einen Seelenklempner, dann werde ich mich schon melden, Sir Nicholas. Ich würde Ihnen raten, sich aus meinen Angelegenheiten herauszuhalten. Guten Abend."
Mit diesen Worten dreht er sich auf dem Absatz um und rauscht den Gang mit wehenden Roben entlang. Er braucht keine Hilfe. Nicht von einem Geist. Nicht von einem Gryffindor. Diese Nacht ist Krieg und er kann niemandem trauen. Nicht einmal sich selbst.
Es ist 1985, und Severus steht in einer Leichenhalle. Neben ihm steht ein Auror, der scheinbar keine Ahnung davon hat, wie man sich fühlt, wenn man zu einer Leichenidentifizierung gerufen wird. Severus findet, dass das keine Erfahrung ist, die er machen will.
"Sie müssen nicht so ein Gesicht machen", meint der Auror gutgelaunt. "Ist hier schon still genug. Sagen Sie doch mal was!"
Severus überlegt, ob er vielleicht eine kleine Ausnahme machen kann. Ein kurzes Avada Kedavra und es wäre ruhig. Still. Totenstill. Wie bei einer Beerdigung. In einer solchen Umgebung darf man einfach keine gute Laune haben. Severus wird der Auror mit jeder Sekunde unsympathischer. Nicht, dass er Auroren überhaupt sympathisch finden würde.
"Wie war noch Ihr Name? Ich hab den irgendwie wieder vergessen", sagt der Auror mit einem Lächeln, während er an den Bahren entlanggeht. "Er liegt irgendwo dahinten", fügt er an.
Ein Schnauben kommt von Severus, als er an dem Auroren vorbeigeht. Seine Lehrerroben, die er für diese Begegnung nicht ausgezogen hat, wirbeln hinter ihm durch die Luft. Er sieht imposant aus, das weiß er.
Nach außen hin ist da nichts weiter als diese kalte Fassade, die er jedem zeigt. Doch innerlich ist er nervös, ein wenig besorgt, vielleicht. Er ahnt, wen er identifizieren soll. Es ist nicht so, als wisse er nicht, dass er tot ist. Aber sein Herz möchte noch immer daran glauben, dass er lebt. Diese Begegnung wird es endgültig machen.
"Hey, Mister, Sie müssen mich hier nicht einfach so stehen lassen", beschwert sich der Auror, als er zu Severus hinüberkommt. "Hier, das ist er. Erkennen Sie ihn?"
Der Auror schlägt das Tuch zurück, unter welchem etwas zum Vorschein kommt, dass nicht mehr als ein Skelett zu sein scheint. Severus fragt sich eine Sekunde lang, wie er die Person identifizieren soll. Es gibt nichts mehr zu erkennen. Da ist dunkler Stoff, vermutlich von einer Robe. Aber viel mehr ist da auch nicht.
"Und?", will der Auror wissen.
Severus wirft ihm nur einen finsteren Blick zu und sieht dann wieder auf die Leiche. Kaum zu erkennen, befindet er. Aber er weiß, dass er es ist. Die Kette um seinen Hals ist Beweis genug. Er kennt sie. Es ist etwas, wie ein Medallion und eine Uhr in einem. Es war ein Geschenk an ihn, nach dem Ende ihrer Ausbildung. Severus hat ebenfalls eine solche Uhr. In seiner ist ein Bild von Dorcas, Jonathan und Lionel. Er weiß, dass, wenn er Jonathans öffnen würde, er darin ein Bild von Dorcas, Lionel und sich selbst finden würde. Jünger, lachend. Wie aus einem anderen Leben.
"Ja", meint er schließlich und wendet sich ab. "Das ist Jonathan Meadowes."
Es ist 1986, und es ist eine halbe Dekade seit dem offiziellen Kriegsende vergangen. Für Severus ist er noch nicht wirklich vorbei.
Die Albträume werden langsam weniger, doch sie verschwinden nicht. Manchmal wünscht Severus sich, dass sie aufhören. Doch dann denkt er zurück und er findet, dass sie bleiben sollen. Sie erinnern ihn an das, was passiert ist, und an das, was er getan hat.
Seine Albträume sind nicht nur Träume, sie sind auch Erinnerungen. Erinnerungen, die er nicht vergessen will, und Erinnerungen, die er nicht vergessen darf. Sie sind ein Teil seiner Selbst. Und wenn er schon nicht in Askaban sitzt und sich mit ihnen auseinander setzen muss, dann wird er das wenigstens auf diese Art tun. Den Krieg kann man nicht so leicht vergessen. Der Kampf tobt noch immer in ihm.
Es ist wieder Nacht und Severus schleicht durch die dunklen Gänge des Schlosses. Den anderen Lehrern sagt er immer, dass er aufpasst, dass keine Schüler nach der Sperrstunde herumstreunen. In Wirklichkeit kann er nicht schlafen.
"Schon wieder zu so später Stunde unterwegs?"
Severus dreht sich um und sieht sich dem Blutigen Baron gegenüber. Das ist das erste Mal, dass der Hausgeist von Slytherin ihn anspricht. Zum ersten Mal in der gesamten Zeit, die er nun schon in Hogwarts verbracht hat, zuerst als Schüler des Hauses Slytherin und nun als Hauslehrer. Es ist irgendwie ein wenig verwirrend. Er hat ihn vorher nie sprechen hören.
"Scheinbar", meint er nur schlicht, den Geist immer noch anstarrend.
Der Blutige Baron lächelt. Es ist nicht wirklich warm und Severus denkt einen Moment, sein Inneres würde erfrieren. Aber er weiß, dass da schon zu viel Kälte in ihm ist. Viel mehr kann da nicht mehr erfrieren.
"Albträume?", will der Baron wissen, und er hat einen fast schon wissenden Ausdruck im Gesicht.
"Warum sollte ich ausgerechnet mit Ihnen darüber reden?"
"Jeder hat seine Geheimnisse", sagt der Baron nur. "Ich denke nur, dass Sie am ehesten mit einem anderen Slytherin darüber sprechen würden. Jemandem, der Sie versteht."
Severus schweigt. Es stimmt, er würde am ehesten mit jemandem darüber reden, der ihn auch verstehen kann. Einem Slytherin, wenn es geht. Natürlich kann er immer zu Dumbledore gehen, aber er ist zu sehr Gryffindor, als dass er die Problematik von Severus' Gedanken und Gefühlen versteht. Der Blutige Baron hat recht.
"Gibt es einen besonderen Grund, warum Sie mich ausgerechnet jetzt ansprechen? Sie reden nicht besonders viel", sagt Severus, um das Thema zu wechseln.
"Ich bin ein Slytherin. Ich habe Sie beobachtet." Der Geist schweigt für einen Moment. "Wenn Sie jemals darüber reden wollen. Ich kann schweigen."
"Das weiß ich", erwidert Severus nur und zeigt ein schmales Lächeln.
Vielleicht wird er mit dem Blutigen Baron darüber reden. Vielleicht auch nicht. Jeder hat seine Geheimnisse. Severus weiß das, genauso wie der Blutige Baron das weiß. Wenn er reden will, weiß er nun, mit wem er das tun kann.
"Gute Nacht, Baron", sagt Severus, als der Hausgeist von Slytherin davon schwebt.
"Gute Nacht, Professor", sagt der Baron, und Severus beschließt, dass er mit ihm sprechen wird, wenn er das nächste Mal mit dem Zauberstab in der Hand und einem Fluch auf den Lippen aufwacht. Vielleicht kann er dann den Krieg vergessen.
Es ist 1987, und Gryffindor ist um einen Rotschopf reicher. Percival Weasley, Percy. Natürlich ein Gryffindor. Wie seine Brüder. Wie seine Eltern. Scheinbar ist die Haarfarbe nicht nur ein Weasleyindikator.
Nun sind es schon drei. William, Charles und Percival – oder besser Bill, Charlie und Percy. So werden sie genannt, nicht mit ihren vollständigen Namen. Nun, Severus kann das egal sein, denn für ihn sind sie nur Mr. Weasley, Mr. Weasley und Mr. Weasley. Manchmal auch einfach nur Weasley. Wenn er sich darum kümmern würde, wie seine Schüler mit Vornamen heißen, müsste er wohl den ganzen Tag Spitznamen hinterher jagen.
Severus betrachtet nachdenklich die drei Rotschöpfe am Gryffindortisch. Er versucht sich daran zu erinnern, wie viele Weasleys es da gibt. Wenn er sich nicht irrt, dann ist es eine recht große Familie. Er weiß nicht, wie viele es genau sind, und er will auch nicht Dumbledore fragen, aber dazu ist es nicht wichtig genug.
Familie. Der Name Weasley ist inzwischen fast ein Synonym dafür. Zumindest für ihn. Wenn er jemals eine Familie haben wollte, dann wollte er den Namen Weasley. Auch wenn die Familie arm ist. Reichtum ist nicht alles, dass weiß er nur zu genau, denn er hat zehn Jahre in ärmlichen Verhältnissen gelebt. Er hat auch lang genug in einer reichen Familie gelebt. Er kann sich inzwischen wohl auch selbst als reich betiteln, aber es kümmert ihn nicht.
Er gibt nicht viel auf Reichtum, schon gar nicht, wenn er nichts dafür getan hat. Auch wenn er seine magische Verwandtschaft dafür, dass sie magisch ist, recht gut leiden kann. Sie haben ihn zwar nicht sonderlich gut behandelt, vor allem sein Großvater nicht, aber er empfindet keinen wirklichen Groll. Immerhin hat er dadurch viel gelernt. Außerdem heißt es, dass man über Tote nur Gutes sagen soll. Und in diesem Fall hält er sich daran.
"Severus, eine Galleone für Ihre Gedanken", sagt Dumbledore amüsiert.
Severus sieht ihn einen Augenblick lang irritiert an. Dann hebt er eine Augenbraue. "Eine Galleone? Sind Sie sicher, dass Sie soviel darin investieren wollen? Aber gut, geben Sie mir eine Galleone und ich sagen Ihnen, woran ich denke."
Er weiß, dass man normalerweise nicht auf dieses Angebot eingeht, aber er tut es trotzdem. Er will wissen, ob Dumbledore wirklich dazu bereit ist, eine Galleone zu zahlen, denn er weiß, dass seine Gedanken nichts Neues für den alten Magier enthalten werden. Vier Namen, vier Daten, mehr wird es nicht sein. Nun liegt es an Dumbledore.
"Wollen Sie einem alten Mann wirklich das Geld aus der Tasche ziehen?", gluckst er. "Nun, schön. Hier, ich habe gerade keine Galleone zur Hand, aber ich kann Ihnen einen Schuldschein schreiben."
Severus findet die Situation absurd, geradezu bizarr. Da sitzen sie beim Festessen in der Großen Halle, und Dumbledore schreibt ihm einen Schuldschein. Über eine Galleone. Severus mustert den Zettel einen Moment lang, dann steckt er ihn ein und sieht Dumbledore kurz schweigend an. Fairer Handel. Das hat er bei seiner Ausbildung gelernt. Eine Galleone für seine Gedanken. Fairer Handel. Gleichwertiges für gleichwertiges eintauschen.
"Schön", meint er schließlich. "Um es ein wenig zu verkürzen: Tobias Snape – 1975, Daray Prince – 1978, Keriann Prince – 1979, Eileen Snape – 1981. Das Ende der Princes und damit das sichere Aussterben eines weiteren Reinblutnamens."
Damit wendet er sich von Dumbledore ab und lässt seinen Blick wieder zu den drei Weasleys am Gryffindortisch schweifen. Der Krieg hat viele Familien ausgelöscht. Aber nicht alle. Nein, ganz sicher nicht alle.
Es ist 1988, und Severus sitzt in einer Eisdiele in der Winkelgasse. Es ist dieselbe Eisdiele, in der er vor einer Dekade mit Jonathan gesessen hat. Es ist viel Zeit vergangen, doch manche Dinge ändern sich einfach nicht.
"Es ist wirklich lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben", sagt Dorcas abwesend und rührt in ihrem Kaffee umher.
Severus schweigt und auch Lionel schweigt. Einer fehlt und es ist nicht, weil er einfach keine Zeit hat. Jonathan ist tot. Er wird nie mehr kommen. Severus starrt auf seine Tasse und greift abwesend nach der Kette um seinen Hals.
"Du trägst sie immer noch?", fragt Lionel leise.
Severus nickt nur. "Ich habe ihm versprochen, sie nie abzunehmen. Er hat seine auch nicht abgenommen..."
Seine Stimme verliert sich und sie schweigen wieder. Selbst Lionel findet nichts, um die Stimmung aufzuheitern. Früher konnte er das immer, aber inzwischen ist ihm das Lachen vergangen. Severus fragt sich, ob sie jemals wieder so unbeschwert sein können, wie sie es damals waren. Er erinnert sich noch genau an die Zeit seiner Ausbildung, die Zeit mit Jonathan.
"Wisst ihr noch, wie Ptolemäus ihn erwischt hat, wie er in einem Kessel eine Gemüsesuppe angerührt hat?", fragt Lionel schließlich mit einem schmalen Lächeln.
"Jaah", sagt Dorcas. "Er war so wütend auf Jonathan..."
"Und Jonathan hat nur gemeint, dass zwischen Zaubertränken und Gemüsesuppe nur ein Unterschied entscheidend wäre: der Geschmack", stimmt Severus schließlich zu.
Seine Stimme klingt wehmütig, doch Lionel hat ein wenig Recht: Statt darüber zu trauern, was sie nicht mit Jonathan teilen können, sollten sie besser daran denken, was sie geteilt haben. Die Zeit in der Lehre war sehr schön und auch wenn Jonathans Tod alle Erinnerungen überschattet: Sie leben und können sich erinnern. Das wird Jonathan in ihren Herzen lebendig halten.
Er lächelt, traurig, aber es ist ein Lächeln. Es ist ein Anfang.
Es ist 1989, und ein Kessel explodiert. Nichts, womit Severus nicht gerechnet hat, denn es sind Erstklässler. Und es sind Slytherins und Gryffindors. Eine hochexplosive Mischung, die seiner Meinung nach eigentlich verboten gehört.
Was ihn jedoch an der Sache stört, ist, dass eigentlich kein Trank explodieren dürfte, denn er hat erst vor einer Minute alle Kessel kontrolliert. Nichts von dem, was die Schüler da zusammengemischt haben, ist explosiv. Bleibt nur noch die pure Absicht, die dahintersteckt.
Der Trank hat keinen Schaden verursacht und der Schüler, dem der Kessel gehört, ist nur leicht angeschwärzt, wegen der Explosion. Nichts ernstes, nichts, worum Severus sich kümmert. Sorgen macht er sich sowieso nur selten. Er betrachtet die Reste des Kessels und das, was von dem Trank übrig ist. Da ist auch etwas, was definitiv nicht in einen Zaubertrank gehört.
"Feuerwerkskörper?", will Severus gefährlich leise von der Klasse wissen und sieht sich jeden einzelnen seiner Schüler genau an. "Nun gut... zwanzig Punkte Abzug für Gryffindor."
Er weiß, dass es ein Gryffindor war. Der Kessel gehört einem Slytherin – außerdem würden die Schüler seines Hauses ganz sicher nicht ausgerechnet in seinem Unterricht solchen Unsinn anstellen. Die Gryffindors sehen diese Logik nicht, wagen es aber bei seinem Blick nicht wirklich, etwas dazu zu sagen. Es sind schließlich nur Erstklässler.
"Wer war das?", fragt Severus, während er zu seinem Pult zurückkehrt. "Wenn der- oder diejenige sich nicht meldet, gibt es Strafarbeiten für jeden – natürlich nur Gryffindors – und noch einmal zwanzig Punkte Abzug." Kurze Zeit herrscht einfach nur Schweigen. "Für jeden."
Er weiß, dass diese Drohung Wirkung zeigen wird. Die Erstklässler würden niemals solch einen Punktverlust riskieren, schon gar nicht in einer der ersten Stunden, die sie haben. Außerdem wird man sie gewarnt haben, denkt Severus sich, denn eigentlich wissen alle Schüler, dass er keine Störungen duldet und dementsprechend handelt.
"Keiner hat den Mut, offen zuzugeben, dass er der Schuldige ist?", sagt Severus. "Was ist nur aus dem stolzen Haus Gryffindor geworden..."
"Wir waren es, Sir", melden sich zwei Stimmen synchron.
Severus sieht die beiden Jungen an. Schweigt. Sie gleichen sich wie einem Ei dem anderen, und selbst Severus hat Probleme, die beiden auseinander zu halten. Er ruft sich kurz ihre Namen in Erinnerung, Fred und George Weasley, Gryffindors wie alle Weasleys und ebenso mit feuerrotem Haar ausgestattet. Es ist nicht genau zu sagen, ob sie es von ihrer Mutter oder ihrem Vater haben.
Ein wenig hat Severus das Gefühl, ihm stehen Geister gegenüber. Geister der Vergangenheit. Ob die Namen daherrühren? Severus weiß, dass die Mutter der beiden mit Mädchennamen Prewett hieß und er kannte auch die Prewett-Zwillinge, Gideon und Fabian. Die Verbindung scheint unübersehbar, wenn man sie einmal gefunden hat. Ob die beiden wissen, dass sie den Prewetts ähneln? Ihre Mutter weiß es sicher, immerhin waren es ihre Brüder.
"Strafarbeit, alle beide", sagt Severus mit einem angedeuteten Lächeln. "Und jeweils fünf Punkte Abzug. Ich seh die Herren Weasley heute Abend in meinem Büro."
Damit beendet er die Stunde.
Es ist 1990, und Severus sitzt zusammen mit Dorcas in einem Muggelcafé nahe der Winkelgasse. Er bevorzugt zuweilen eine unmagische Atmosphäre, vor allem, wenn er schlechte Laune hat. Daran ist der neue Minister schuld.
"Die Inkompetenz in Menschengestalt", schnaubt er. "Ich frage mich immer noch, wie er es geschafft hat."
Sein Blick ist dabei auf die Zeitung geheftet, die auf dem Tisch liegt. Eigentlich ist es verboten, den Tagespropheten so offen liegen zu lassen, denn es ist eine magische Zeitung und sie sitzen in einem Muggelcafé, aber Severus und Dorcas kümmert das nicht. Die Muggel trauen sich nicht wirklich zu ihnen beiden hinüber. Vor allem Severus scheint eine finstere Aura zu verstrahlen.
"Severus, vielleicht solltest du deine dunkle Aura ein wenig weniger offensichtlich zeigen", grinst Dorcas. "Heb dir das für den Herren Minister auf."
Er schnaubt erneut. "Ich war nie besonders begeistert von der Bagnold. Ich hatte nichts gegen Neuwahlen. Aber warum müssen wir mit so einer Pfeife gestraft werden?"
Severus hat das Bedürfnis, sich die Haare aus Verzweiflung zu raufen, doch er unterdrückt es. Für gewöhnlich macht er nichts, was auf irgendeine Weise Aufmerksamkeit auf sich zieht oder peinlich erscheint. Dorcas lächelt leicht, da sie weiß, wie er sich fühlt. Ihr geht es genauso. Severus weiß es, weil er sie kennt. Deshalb weiß er, was sie weiß, und er weiß auch, was sie denkt.
"Hättest dich ja selbst zur Wahl stellen können", meint sie. "Außerdem, Fudge ist besser als jemand wie Crouch."
Severus seufzt leicht. "Alles ist besser als Crouch, huh...?"
Dorcas zuckt die Schultern. Severus starrt nachdenklich wieder auf das Bild eines lächelnden Ministers, Cornelius Oswald Fudge. Natürlich ist es besser, einen Fudge als Minister zu haben, wenn die Alternative Bartemius Crouch senior ist.
"Solange es keine Krise gibt, kann ich mit ihm leben, schätze ich", beschließt Severus schließlich. "Aber bei den ersten Problemen, bei der kleinsten Katastrophe – schließen wir eine Wette auf sein Versagen ab?"
"Das macht keinen Spaß, wenn beide auf dasselbe wetten..."
"Das stimmt natürlich", stimmt Severus zu. "Wäre zwar eine todsichere Wette, aber da kann man nichts machen."
Fudge war ein Versager – das war so sicher wie eins plus eins zwei war.
