Tom konnte nicht glauben, dass er sich wieder auf diesem verdammten Borgkubus befand. Dabei hatten er und Seven of Nine sich freiwillig gemeldet, den Captain auf ihrer Mission zu begleiten. Er spürte immer noch B'Elannas Umarmung und ihr stummes Einverständnis. Sie wusste, dass er den Captain unterstützen musste, während sie, Chakotay und Harry auf der Voyager zurückblieben. Sie würden dafür Sorge tragen, dass alles nach Plan lief, falls der Captain keinen Erfolg haben sollte. Für einen kurzen Moment fiel ihm auf, wie routiniert B'Elanna und er oder auch der Captain und Chakotay im Abschied nehmen geworden waren. Harry und Seven hatten sich dagegen kaum voneinander lösen können. Zum wiederholten Mal fragte er sich, ob er jemals so jung wie sein bester Freund gewesen war.

Tom sah seiner Kommandantin an, dass sie vollkommen übernächtigt war. Dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab und sie war unnatürlich blass. Trotzdem strahlte sie eine stählerne Energie aus, als sie ein weiteres Mal innerhalb von 24 Stunden auf die Borgkönigin zutrat. Bevor diese das Wort an sie richten konnte, hatte der Captain schon zu sprechen begonnen.

„Spezies 9983, die Tekaro", dozierte Janeway. Ihre Stimme war ruhig, aber mit zweifellos drohendem Unterton. „Begegnung mit der Voyager zu Sternzeit 54784.0. Beim Versuch ein Schiff dieser Spezies zu assimilieren, wurde der betreffende Kubus zerstört.

Spezies 3244, die Anneleskiii, Begegnung mit der Voyager zu Sternzeit 541000.0. Beim Versuch ein Schiff dieser Spezies zu assimilieren, wurde der betreffende Kubus zerstört.

Spezies 9074, die P'lum, Begegnung mit der Voyager zu Sternzeit 55170.0. Beim Versuch eine Kolonie dieser Spezies zu assimilieren, wurde der betreffende Kubus zerstört.

Sie haben eine Beziehung zwischen diesen Vorfällen hergestellt und fragen sich nun: Was ist es, das diese Zerstörung bewirkt hat und welche Spezies haben Kenntnis davon? Nach dem momentanen Stand der Dinge ist es für Sie unmöglich, weitere Assimilationen vorzunehmen ohne zumindest die Zerstörung des assimilierenden Kubus zu riskieren."

„Wir haben genug Spezies assimiliert", sagte die Borgköngin überheblich.

„Trotzdem machen Sie sich Sorgen. Große Sorgen sogar."

„Das ist lächerlich."

„Sie sind hier", sagte der Captain schlicht. „Die Borgkönigin persönlich gibt sich mit dem unbedeutenden kleinen Föderationsraumschiff Voyager ab." Tom sah, wie sein Captain kurz das Gesicht verzog und tief Luft holte. „Schlimmer noch, Sie wagen es nicht einmal, einfach in die Voyager einzudringen und sich zu nehmen, was sie möchten", presste sie heraus. „Stattdessen machen Sie uns ein Angebot, dass ich leider ablehnen muss."

„Sie lehnen ab?"

Unter der harten Schale der königlichen Überheblichkeit meinte Tom leises Entsetzen auszumachen. Ha, damit hast du nicht gerechnet.

„Ihnen ist klar, dass Sie sich damit für die Zerstörung Ihres Schiffes entschieden haben?", fuhr die Königin fort.

„Da wäre ich mir nicht so sicher", sagte der Captain kühl. „Ich glaube nicht, dass Sie es wagen werden, die Voyager zu zerstören ohne die Auswirkungen Ihrer Tat zu kennen. Sind Sie bereit, auch die Zerstörung Ihres Schiffes zu riskieren?"

„Sie bluffen."

„Vielleicht, aber vielleicht verfügt die Voyager auch über eine Waffe, wie Sie sie noch nie gesehen haben. Sie wissen nichts." Verachtung triefte aus jedem Wort des Captains. „Sie wissen nicht, ob wir diese Waffe haben, Sie wissen nicht, ob wir sie einsetzen werden, Sie wissen noch nicht einmal, wie sie beschaffen sein könnte."

„Würden Sie über so eine Waffe verfügen, hätten Sie sie schon längst eingesetzt."

„Das stimmt", stimmte der Captain ruhig zu. „Hätten wir vor 24 Stunden über eine ausgereifte Waffe verfügt, hätten wir diese ohne zu zögern gegen Sie eingesetzt. Damals hatten wir keine, aber Sie haben uns freundlicherweise einen ganzen Tag gegeben, um aus dem, was wir haben, eine Waffe zu bauen, provisorisch vielleicht; tödlich nicht nur für Sie, sondern auch für uns, aber effektiv. Ich bin bereit das Risiko einzugehen, mit meinem Schiff unterzugehen. Sind Sie das auch?"

Der Captain strahlte nun einen Fanatismus aus, dass Tom schwindelig wurde. Jawohl, sie ist bereit alles, wirklich alles zu opfern, um die Borg aufzuhalten.

„Sie sind so klein und nehmen sich so wichtig. Denken Sie wirklich, Sie könnten uns ernsthaft schaden?"

„Das denke ich – und Sie befürchten das auch. Sonst hätten Sie mittlerweile Ihre Drohung wahrgemacht und uns vernichtet. Unsere 24 Stunden-Frist ist zwischenzeitlich verstrichen und Sie haben nichts unternommen. Aber jetzt stelle ich Ihnen ein Ultimatum: Sie beamen uns unverzüglich auf die Voyager zurück und verlassen diesen Sektor. Ansonsten werden wir Sie vernichten."

„Das wagen Sie nicht."

„Wetten Sie Ihr Leben darauf? Heghlu'meH QaQ jajvam. Heute ist ein guter Tag zum Sterben."

Der Captain verschränkte die Arme über ihrem Bauch und lehnte sich scheinbar entspannt zurück. Tom schloss unwillkürlich die Augen, sicher, dass nun ihr Ende kommen würde. Doch statt des erwarteten Phaserstoßes oder dem Pieksen der Assimilationsnadeln spürte er das Kribbeln des Transporters.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er die vertrauten Konturen der Brücke der Voyager.

„Die Borg ziehen sich zurück", meldete Harry von der Ops. „Sie haben es tatsächlich geschafft, Captain." In der Stimme des jungen Fähnrichs schwang unangemessene Verwunderung mit.

„Wundert Sie das, Mr. Kim?", fragte Chakotay lächelnd, während er den Captain diesmal dann doch mitten auf der Brücke fest in die Arme nahm. „Haben wir nicht alle gelernt, dass nur eines aussichtsloser ist, als sich mit Kathryn Janeway anzulegen, nämlich sich mit einer schwangeren Kathryn Janeway anzulegen?"

„Ich befürchte nur, dass dieser Zustand nicht mehr lange anhalten wird", meldete Tom sich nun wieder zu Wort. „Captain, meiner Ansicht nach sollten wir die Krankstation aufsuchen."

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„Wie lange schon Kathryn?"

Erstaunlich bereitwillig – Müdigkeit? Vernunft? – hatte sich der Captain von Tom und Chakotay in den Turbolift komplementieren lassen und befand sich nun tatsächlich mit ihnen auf dem Weg zur Krankenstation.

„Noch nicht lange", grummelte sie.

„Nach meiner Beobachtung mindestens seit Sternzeit 56820.5. Kurz bevor sie der Borgkönigin mitgeteilt hat, dass sie ihr Angebot ablehnt. Sie hätten sie sehen sollen, Chakotay. Es war eine fabelhafte Vorstellung. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie kaltschnäuzig Sie uns aus dieser Situation herausgeblufft haben, Captain."

„Nun, für dieses Mal wird das reichen", bemerkte sie. „Aber das nächste Mal müssen wir besser vorbereitet sein. Ich möchte, dass jedes Bit an Information in unserer Datenbank durchgegangen wird und ich möchte, dass die Informationen, die wir aus dem Borgkubus gezogen haben, genutzt werden, um weitere Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Außerdem möchte ich, dass ein detaillierter Bericht und so viel Daten wie möglich bei nächster Gelegenheit an das Sternenflotten-Oberkommando übertragen werden. Tragen Sie dafür Sorge, , sobald Sie wieder auf der Brücke sind. Im Notfall müssen wir die private Sprechzeit der Crew dafür aussetzen. Es hat höchste Priorität, dass wir unseren taktischen Vorteil so weit wie möglich ausbauen."

„Aye, Captain"

„Und, Tom…" Es fühlte sich immer gut an, wenn sie ihn beim Vornamen nannte.

Deshalb wusste er auch nicht, warum er gerade in diesem Moment mit: „Ja, Ma'am?", antwortete.

„Danke", sagte der Captain schlicht. „Sie waren eine große Unterstützung da draußen. Und bevor ich nun da reingehe" Der Captain gestikulierte in Richtung Krankstation. „und vermutlich so schnell nicht wieder rausgelassen werde, haben Chakotay und ich noch eine Bitte an Sie: Möchten Sie Julias Patenonkel werden?"

„Es wäre mir eine Ehre Captain." Tom warf Chakotay einen unsicheren Blick zu. Natürlich hatte sich zwischen ihnen beiden in den letzten Jahren viel geändert, aber ob sein Erster Offizier ihn sich tatsächlich als Paten für seine Tochter wünschte? Chakotay schien die unausgesprochene Frage zu verstehen.

„Es würde uns viel bedeuten, Tom. Wenn uns etwas zustoßen sollte, könnten wir uns niemand besseren als dich und B'Elanna vorstellen, um sich um unsere Tochter zu kümmern", sagte er warm.

Toms Gesicht schmerzte schon fast vor glückseligem Grinsen als sich die Tür der Krankenstation hinter seinen beiden kommandierenden Offizieren schloss. Und obwohl es physiologisch eigentlich gar nicht mehr möglich sein sollte, wurde dieses Grinsen noch breiter, als ihm die ganze Tragweite der Offenbarung des Captains aufging: Julia war es also. Ob er seinen Wetttip noch ändern konnte?

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Selten war es der Besatzung der Voyager so schwer gefallen, ihre Pflicht zu erfüllen, wie in den folgenden Stunden. Wer wollte sich schon durch Terraquad von Borgdaten wühlen, wenn der Captain gerade ihr Kind zur Welt brachte? In den ersten Stunden nach ihrer Rückkehr hatte der Captain die Crew noch mit Berichtsanforderungen und Anweisungen von der Krankenstation aus auf Trapp gehalten. Doch irgendwann war diese Flut abgeebbt, dann zu einem Rinnsal verkommen und schließlich ganz versiegt. Der Effekt auf die Moral der Besatzung war verheerend. Immer mehr Besatzungsmitgliedern fielen unaufschiebbare Aufgaben ein, die sie rein zufällig in die Nähe der Krankstation führten, wie Lieutenant Commander Tuvok bei einem ungeplanten – aber selbstverständlich vollkommen logischen – Sicherheitscheck auf Deck 5 feststellen musste.

Die Qual hatte ein Ende, als sich der Doktor endlich über die Conn meldete: „Krankenstation an alle. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass seit Sternzeit 56087.67 unser neuestes Crewmitglied, Julia Janeway, unter uns weilt. Mutter und Kind – und erstaunlicherweise auch der Vater – sind wohlauf."

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An diesem Abend fand sich jeder, der nicht das Pech hatte, Dienst zu haben, im Kasino zu Neelix wir-haben-ein-Baby-und-die-Borg-besiegt-Party ein. Nur zwei Paare blieben dem fröhlichen Treiben fern.

Auf der Krankenstation hatten Kathryn und Chakotay ihre neugeborene Tochter zwischen sich gebettet.

„Sie ist wunderschön – wie ihre Mutter", stellte Chakotay fest und es war ihm egal, wie viele Väter vor ihm genau diesen Satz schon gesagt hatten, denn bei seiner Tochter war es wahr.

„Das ist sie", bestätigte Kathryn. „Es gab Momente, da hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, dass wir es auch diesmal schaffen. Ich hatte solche Angst, dass sie ihren Geburtstag nicht mehr erlebt. Und dann hat sie protestiert." Kathryn lächelte auf ihre Tochter hinab. „Da wusste ich, sie würde sich um keinen Preis der Welt davon abhalten lassen, zu leben. Und dass die Borgkönigin die Letzte wäre, die unser kleines Mädchen beeindruckt."

„Ich sagte doch, wie ihre Mutter", lachte Chakotay. „Vermutlich können wir froh sein, dass sie sich nicht dazu entschieden hat, gleich dort drüben auf die Welt zu kommen."

„Das denke ich auch." Jetzt musste auch Kathryn lachen. „Aber anderseits wäre uns dort das Wissen von Million von Geburtshelfern aus tausenden Spezies zur Verfügung gestanden."

„Ich bin froh, dass ihr alles gut überstanden habt", flüsterte Chakotay.

Kathryn sah zu ihm auf und strich ihm zärtlich über die Wange. „Alles wird gut."

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In der Privatheit ihres Quartiers feierten Tom und B'Elanna ihr eigenes kleines Wunder – 1470 Replikatorrationen.