Magie

Sonea folgte Akkarin in die unüberschaubare Dunkelheit der der geheimen Gänge der Gilde. Alles war noch genauso, wie damals, als die Gänge das erste Mal betreten hatte und sie verspürte unwillkürlich Triumph darüber, dass sie sich noch an alle Wege, die sie dort vor so langer Zeit beschritten hatte, erinnern konnte. Die nasskalte, modrige Luft, welche ihr entgegenschlug, fühlte sich auch nach den vielen Jahren sofort vertraut und sogar seltsam tröstlich an.

Akkarin übernahm die Führung, er eilte durch das Labyrinth der unzähligen Biegungen und Abzweigungen auch dann noch traumwandlerischer Sicherheit, nachdem Sonea schon lange jegliche Orientierung gänzlich verloren hatte. Sie wanderten eine schier endlose Zeitspanne durch das Gewirr der Geheimgänge und Sonea begann sich bereits zu wundern, ob sie sich nicht vielleicht doch verlaufen hatten.

Akkarins Erinnerungen an die Gänge konnten gar nicht so gut sein. Vielleicht hatte er sich tatsächlich verirrt und war nun nur zu stolz, um es zuzugeben. Solche und ähnliche Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als er so plötzlich stehen blieb, dass Sonea unwillkürlich in ihn hineinrennen würde. Eine Hand schoss hervor und hielt sie fest und sie gewann ihre Balance wieder.

‚‚Sind wir da?'', fragte sie. ‚‚Noch nicht ganz, aber fast. Siehst du diese Falltür?'', Akkarin zeigte zu Boden. Im Schein ihrer beider Lichtkugeln konnte sie ein Quadrat aus dunklem Holz erkennen. ‚‚Ich fand sie eines Tages, als ich dabei war, die Geheimgänge zu erforschen. Ich bin darüber gestolpert.'' Sonea sah auf und war überrascht, eine Andeutung von Amüsement und Verlegenheit in seinen sonst so ausdruckslosen Gesichtszügen zu entdecken.

Sonea sah unwillkürlich zur Seite, als hätte sie etwas Verbotenes gesehen. Sie war von ihm nicht an eine Zurschaustellung solcher –irgendwelcher – Gefühle gewohnt. Als sie ihn dann ansah, war sein Gesicht wieder zu der üblichen gleichgültigen Maske geworden, die er immer trug. Er hatte bereits damit begonnen, die Falltür zu heben. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis das Viereck aus morschem Holz quietschend aufschwang.

Sichtbar wurde eine dunkle Öffnung von ungefähr einem Meter Durchmesser. ‚‚Nach dir!'', kam es von Akkarin. Sonea sah ihn argwöhnisch an. Es kam ihr alles ziemlich verdächtig vor. Was konnte das für ein Ort sein? Und was, zu tief hinab ging? Sie würde sich etwas brechen. Es schien, als ob Akkarin ihr Zögern verstehen würde. Er trat an den Rand der Öffnung. ‚‚Dann gehe ich zuerst.'' Und schon war er verschwunden.

Sonea hielt unfreiwillig den Atem an, doch dann machte sie am Grund des Lochs einen schwachen Lichtschimmer aus. Also war es nicht zu tief…er musste es überlebt haben. Unwillkürlich musste sie grinsen. Sonea schloss ihre Augen, holte noch ein Mal tief Luft und ging dann direkt auf die Öffnung zu, bevor sie der Mut verlassen konnte. Sie ließ sich ohne nachzudenken einfach hineinfallen.

Der Fall dauerte länger, als sie es erwartet hatte und für einen schrecklichen Moment dachte sie, sie würde den Grund nie erreichen. Dann jedoch prallte sie mit voller Wucht gegen irgendetwas Weiches und kam darauf zu liegen. Der Aufprall hatte nicht wehgetan, und kurz war sie desorientiert. Sie hatte erwartet, schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Steinboden zu machen, doch dem war nicht so.

Blinzelnd öffnete Sonea ihre Augen und ihr wurde klar, dass sie auf Akkarin lag, welcher sie geistesgegenwärtig aufgefangen hatte. Peinlich berührt versteifte sich und rappelte sich eiligst auf. Sie war nicht an diese Art von Kontakt gewohnt und es schien ihr mehr intim, als es ihr gefiel. ‚‚Du hättest schweben können.'', kam es missbilligend von dem nun ebenfalls aufgestandenen Akkarin. Sonea zuckte zusammen, merkend, wie unglaublich dumm sie sich verhalten hatte.

Hah, auf so eine Idee konnte nur sie kommen – hinunter zu springen, wenn sie doch einfach schweben hätte können. ‚‚Es tut mir leid.'', murmelte sie undeutlich. Akkarin seufzte. ‚‚Dabei hatte ich nachdem, was gestern geschehen ist, gedacht, du wärst nicht so ungeschickt wie die anderen Novizen. Jetzt weiß ich, dass du nicht nur ungeschickt sondern auch noch hoffnungslos selbstmordgefährdet bist.''

Er klang zwar ernst, doch ein mit aller Macht unterdrückter Anflug Amüsement in seiner Stimme war nicht zu überhören. Sie straffte sich und entgegnete: ‚‚Ich bin noch immer weniger ungeschickt als sie anderen Novizen und bei Weitem gefährlicher!" Jetzt konnte er ein Lächeln nicht mehr verbergen. „Das ist wahr. Du bist die gefährlichste Person, die ich kenne, abgesehen von mir selbst. Aber lassen wir das. Sieh dich einmal um."

Sonea schnappte nach Luft. Es war der erstaunlichste Ort, den sie je gesehen hatte. Vor ihr erstreckte sich eine gewaltige, aus dem Stein geschlagene Halle. Vom Boden bis zur Decke gefüllt mit unzähligen Regalen – voll gestopft mit tausenden von Büchern.

Alle waren sie uralt; Ihre Rücken waren ramponiert, die verschnörkelte Schrift darauf verblichen, die einst kostbaren Einbände aus weichem, mit Gold bedrucktem Leder oder wunderschön verziertem Leinen abgewetzt und schimmelig, die Seiten waren zerfledert aufgequollen…es war ein trauriger Anblick, aber trotzdem wurde Sonea von einem Anflug von Ehrerbietung und dem Glanz von längst vergangener Größe erfasst.

„Die Bibliothek der alten Gilde", sagte Akkarin leise. "Als die Gilde die schwarze Magie ächtete und verbot, wurden alle Bücher darüber hier her geschafft, aufbewahrt und dieser Raum versiegelt. Ich habe monatelang Nacht um Nacht die Bücher lesend hier verbracht. Einige davon habe ich dann meiner persönlichen Bibliothek vereinleibt, doch sie sind nur ein unbedeutend kleiner Teil im Vergleich zu dem Wissen, das dieser Ort birgt. Es ist erstaunlich, wie die Gilde all das aufgeben konnte." Er schüttelte den Kopf. Sonea war überwältigt.

Eine gesamte Kaverne, gefüllt mit Büchern über schwarze Magie. Dann von plötzlicher Begeisterung gepackt, verschwand sie halb mitten zwischen den Regalen, manche zog sie heraus, anderen strich sie leicht über die verstaubten Rücken und als sie kurz zurück blickte, sah sie Akkarin, der sie mit einem beinaheunmerklichen Lächeln auf seinen Lippen beobachtete.

„Wir können jeden Freitag hierher kommen, wenn du möchtest. Ich kann dir viele der interessanten Bücher zeigen und wir können sie gemeinsam durchgehen." „Wirklich?" Soneas Stimme klang gedämpft zwischen den dicht gedrängten Reihen hervor, doch die Aufregung und Freude in ihr war nicht zu überhören.

„Natürlich, wie könnte ich meiner Novizin das Wissen verwehren, nachdem sie strebt?", er lächelte schief und plötzlich war Sonea so glücklich, dass sie sie Gänge zwischen den Büchern hinunter rannte und das erste Mal seit Monaten ehrlich lachte. Dorrien hatte sie einst so zum Lachen gebracht, und nun hatte Akkarin dasselbe geschafft.

Das wars mal wieder!
Seid doch doch nett und reviewt, ja?
*schokoundchipsgeb*