Geteilte Zeit

Kapitel 3 -Géraldine Henshler-

~Hermione~

Hermione bemerkte sehr wohl, dass Professor Dumbledore ihrem Blick bewusst auswich bevor er antwortete: „Das – ist umm – nun ja, noch nicht so ganz geklärt, fürchte ich."

An seine Kollegin gewandt fügte er hinzu: „Bitte begleite doch jetzt Miss Granger in den Krankenflügel, Minerva, ja? Sei so gut. Da sie am Unterricht des siebten Jahrgangs teilnehmen wird, benötigt sie zudem einen Stundenplan. Ich werde in der Zwischenzeit einen Koffer und die notwendigen Schulbücher für sie organisieren."

„Sorgen Sie sich nicht allzu sehr, Miss Granger," Ich hoffe wirklich, dass Ihr Aufenthalt hier bei uns nur von kurzer Dauer sein wird. Doch wir sollten uns dennoch bemühen, Ihnen Ihre Zeit mit uns hier so angenehm wie möglich zu gestalten."

~oo~

Auf dem wohlvertrauten Weg hinauf in den Krankenflügel, fühlte sich Hermione alles andere als zuversichtlich, obwohl – oder vielleicht gerade – weil sie diesmal eine jüngere Version ihrer so hoch geschätzten Lehrerin begleitete. Ein seltsam unbehagliches Schweigen schien in der Luft zwischen ihnen zu schweben – sich auszudehnen je weiter sie voranschritten.

Die vielen, verstohlenen Seitenblicke zwischen ihnen trugen ihr Übriges dazu bei, dass Hermione sich zunehmend unbehaglicher fühlte. Düster stieg eine Ahnung in ihr auf und sie ließ sich nicht abschütteln, so sehr sich Hermione auch darum bemühte.

„Professor?" fragte sie daher schließlich zögerlich, „was genau meinte denn Professor Dumbledore damit, dass er nicht wisse, ob mein Aufenthalt hier nur vorübergehend sei? Er denkt doch nicht etwa…"

An dieser Stelle unterbrach sie sich, holte tief Luft und schluckte zunächst, ehe sie fortfuhr: „Sie werden doch einen Weg finden, mich zurück zu schicken, nicht wahr?" Ihre Stimme klang dabei nervös und ängstlich in ihren eigenen Ohren.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung!" entgegnete Professor McGonagall daraufhin mit ebenfalls sichtlichem Unbehagen. „Sehen Sie; das Problem besteht darin, dass Sie mit dem selben Zeitumkehrer zurückreisen müssten, welcher Sie hergebracht hat. Grundsätzlich wäre es nicht mit einem einfachen ‚Reparo' getan ein so mächtiges magisches Artefakt wieder zusammenzufügen, doch – Nun ja, auch andere Maßnahmen scheinen gänzlich ausgeschlossen, da offensichtlich einige Splitter in der Zukunft verblieben zu sein scheinen. Von all den einzelnen Sandkörnern ganz zu schweigen…"

Das Gesicht ihrer Lehrerin nahm dabei einen so traurigen, ratlosen Ausdruck an, dass Hermione entsetzt nach Luft schnappte.

„Ein ‚Accio" fragte sie noch immer hoffnungsvoll – beinahe flehendlich – obwohl sie die Antwort bereits zu kennen glaubte. Abermals schüttelte Professor McGonagall den Kopf. „Ich fürchte nicht, meine Liebe," erklärte sie mit einem bedauernden Lächeln. „Nun denn, wir werden sehen..."

Mit einem begütigenden Schulterklopfen schob sie Hermione dann kurzerhand in den Krankenflügel hinein.

"Poppy, ich – bringe dir hier eine neue Schülerin. Kannst du sie dir bitte einmal ansehen? Es gab da einen kleinen Unfall während ihrer nun ja – Anreise."

"Oh, aber gewiss doch, Minerva." Eine ebenfalls deutlich jüngere Version der strengen, doch gutherzigen Hexe eilte ihnen entgegen. „Kommen Sie nur herein, meine Liebe. Was ist denn geschehen? Wie fühlen Sie sich?"

Der bloße Anblick Madam Pomfrey's und die wohlvertraute Situation sich am Ende eines – wie auch immer gearteten Abenteuers – in der Geborgenheit des Krankenflügels wiederzufinden, überstiegen beinahe das Maß dessen, was Hermione hinzunehmen bereit war und so wäre sie um ein Haar tatsächlich mit ihrem wirklichen Namen herausgeplatzt.

Gerade noch rechtzeitig jedoch, erinnerte sie sich an die Notwendigkeit zu improvisieren und rangierte die halb gestammelten Silben daher zu einer hastigen Ansammlung von Buchstaben...

Und ‚Géraldine Henshler' war es, was letztendlich dabei herauskam.

~Harry~

Gut 20 Jahre später, wunderten sich ihre Freunde darüber, dass sie noch immer nicht am Frühstückstisch erschienen war.

„Ich frag mich, wo Hermione bleibt," bemerkte Ron mit einem Stirnrunzeln und strich sich eine Strähne seines feuerroten Haares aus der Stirn.

„Ach, die ist bestimmt wieder in der Bibliothek und hat bloß mal wieder die Zeit vergessen," erklärte Harry mit einem Schulterzucken.

„Aber, sie hat nicht mal gefrühstückt, Harry!" bemerkte Ron, sichtlich beunruhigt. „Ich weiß ja, dass sie komisch ist aber… Dieses Jahr, ist sie schlimmer denn je..."

„Nicht wahr?" bemerkte Harry mit beinahe übermütigem Grinsen. „Aber mal ganz ehrlich, Ron – hast du was anderes erwartet? Sie ist schließlich Schulsprecherin!" fügte er mit leicht sarkastischem Unterton hinzu.

„Nun ja, Schulsprecherin oder nicht; sie sollte sich besser mal beeilen, wenn du mich fragst. Immerhin werden wir gleich in der Zaubertrankstunde erwartet – und ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Snape es witzig findet, wenn wir zu spät kommen."

„Nee, bestimmt nicht," seufzte Harry mit theatralischem Augenrollen und einem Hauch echter Abscheu, als er an den düsteren Ort dachte an dem ihr noch finstererer Zaubertranklehrer seinen Unterricht erteilte.

„Sie kommt sicher direkt dorthin, Ron," bemühte sich Harry den Freund zu beschwichtigen, „wir gehen besser schon mal vor. Komm."

„OK," bemerkte dieser, mit sichtlichem Widerstreben, „meinetwegen..."

~Severus~

Als Severus Snape an diesem Morgen das Klassenzimmer für Zaubertränke berat, fiel sein Blick sofort auf das zerzauste Haar eines Mädchens, das er nie zuvor gesehen hatte.

Verloren und flüchtig, wie ein Nebel wirkte sie, wie sie dort saß, ganz am Ende des Kerkers, in der hintersten Bankreihe. Die Arme auf defensive Weise vor der Brust verschränkt beobachtete sie jeden, der den Raum betrat auf interessierte, doch beinahe furchtsame Weise.

Blass war sie, wie er bemerkte

Er konnte es nicht näher benennen, doch sie wirkte, auf eine seltsam unerklärliche Weise, unwirklich, geradezu – irreal – und sie war – einfach nur, ganz wunderschön...

Ein geradezu unbezwingbarer Zauber ging von ihr aus... Keiner der anderen schien es in dieser besonderen Weise zu bemerken.

Es wurde so entsetzlich viel getuschelt, geflüstert, gegafft und gelacht, dass er es hasste überhaupt anwesend zu sein. Er hasste es um seiner selbst willen – wie er derartige Gedankenlosigkeiten schon immer gehasst hatte – mehr jedoch hasste er es, all die Empfindungen nagenden Zweifels und furchtsamer Scheu auf ihrem Gesicht gespiegelt zu sehen.

Warum nur berührte ihn all dies in solcher Weise? Er wollte zu ihr gehen... Sie anlächeln und ihren Namen erfahren – und doch – tat er nichts dergleichen.

Wer nur mochte sie sein?

Hübsch war sie, unbedingt, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Ihr üppiges, unbändiges Haar hatte die Farbe von heller Schokolade mit nur einem Hauch von Ingwer darin. Ihr Gesicht war ebenmäßig, und seltsam fesselnd und doch war es nicht was diesen eigenartigen Reiz ausmachte. Er vermochte den Blick kaum von ihr zu wenden... Sein Herz raste...

Was war das nur?

Auch die Anderen hatten sie bemerkt, musterten sie auf geradezu abstoßend emotionslose Weise. Wie furchtbar musste sie sich dabei fühlen...

Armes, wunderschönes Mädchen mit einer Aura von Verlorenheit, Traurigkeit und unbezwingbarer Stärke – wie gern hätte er mehr über sie gewusst... oder ihr zumindest aufmunternd zugelächelt...

Doch all dies war nicht möglich. Sie saß dort drüben, bei den Gryffindors und er war –hier.

In Slytherin.

Doch während er noch immer mit sich rang, herüberzugehen um sie aller Widrigkeit zum Trotz dennoch anzusprechen, war die Gelegenheit dazu auch schon verstrichen.

Mit dem Temperament eines Auerochsen, stürmte Arabella Figg durch das Portal zur Linken herein – übellaunig wie eh und je. Die Zaubertrankstunde begann...

~oo~

(Es hätte ihn dabei sicherlich interessieren mögen, dass gut zwanzig Jahre später er es sein würde, der in ähnlich schlechter Stimmung durch diese Tür hereinrauschen würde – darüber erzürnt, das eben jenes Mädchen nicht auf ihrem Platz saß.

Doch da er Wahrsagen und jeglicher Form der Zukunftsschau bereits im dritten Schuljahr den Rücken gekehrt hatte, blieben ihm derartige Erkenntnisse zunächst einmal verborgen.)

~oo~

Für den Moment, verbot er sich daher jedweden Gedanken an sie oder ein mögliches Gespräch zwischen ihnen und versuchte sich stattdessen auf den Unterricht zu konzentrieren.

Professor Figg war eine überaus strenge Lehrerin und es war gewiss nicht ratsam, es sich mit ihr zu verscherzen, indem man in ihrem Unterricht Tagträumereien nachhing oder sich anderweitig ablenken ließ. Darüber hinaus liebte er diese Stunde sehr und ging förmlich darin auf, im Zauber der sanft brodelnden Tränke ringsumher die Welt all ihre Widrigkeiten zu vergessen.

Als Professor Figg vor die Klasse trat und hinter dem Pult platz nahm, verfielen die Schüler in das übliche angespannte Schweigen.

„Der Schulleiter hat mich informiert, dass wir einen Neuzugang haben," erklärte sie dann und ihre scharfen Augen erfassten das fremde Mädchen, welches – wer konnte es ihr verübeln – unbehaglich an ihrem Platz herumrutschte.

„Ich weiß ja nicht, aus welchen – persönlichen Gründen – Sie gezwungen waren, mitten im Schuljahr das Internat zu wechseln, Miss –" an dieser Stelle warf sie einen betont geringschätzigen Blick auf das Schreiben in ihrer Hand, bevor sich ihre Augen wieder auf das neue Mädchen richteten.

„Henshler –" schloss sie dann, sichtlich indigniert, „doch ich kann Ihnen versichern, dass ich keinerlei Zugeständnisse in dieser Angelegenheit machen werde. Ich erwarte, dass Sie selbst eventuelle Lücken aufarbeiten. Wenn Sie dazu nicht auf die Unterstützung ihrer Hauskameraden zurückzugreifen verstehen, werden Sie ein Buch konsultieren müssen. Zudem kann ich nur hoffen, dass Ihre Englischkenntnisse ausreichend sind dem Untericht zu folgen, denn ich sehe es ganz sicher nicht als meine Aufgabe an, jeden zweiten Satz für Sie zu wiederholen, wenn dies nicht der Fall sein sollte. Habe ich mich da klar ausgedrückt, Miss Henshler?"

Irgendwie tat sie ihm leid. Sie wirkte ohnehin schon so angespannt und beinahe verloren – und nun war die alte Figg auch noch derat gemein zu ihr.

Noch immer konnte er sich keinen klaren Reim auf die seltsame Situation machen.

Sie hatte also eine andere Zaubererschule besucht? Nach allem was er darüber wusste, war Hogwarts die einzige Schule dieser Art in ganz Großbritannien. Sie kam also vermutlich aus einem anderen Land – was Figgs Bemerkung über etwaige Sprachprobleme erklären mochte.

Allem Anschein nach war sie auch keine Slytherin Schülerin, denn sonst hätte Professor Figg sie nicht derart vor der Klasse heruntergeputzt. Es gehörte zum guten Ton des Hauses, Unstimmigkeiten unter vier Augen zu besprechen, oder zumindest niemanden vor den Mitgliedern der anderen Häuser bloßzustellen.

Und nun war Professor Figg, als Oberhaupt ihres eigenen Hauses derart ungerecht zu ihr. Sie hatte sie sogar angewiesen, bei den Mitgliedern ihres eigenen Hauses um Unterstützung zu ersuchen.

All dies konnte nur eines bedeuten; sie war keine Slytherin. Wie schade...

Wie überaus schade! Er wäre so gern bereit gewesen ihr dabei behilflich zu sein, den versäumten Stoff nachzuholen.

Nun würden es ganz sicher Black oder Lupin sein, oder – Potter! Lily vielleicht sogar. Denn es stand außer Frage, dass diese 'guten und rechtschaffenden' Gryffindors einer neuen Mitschülerin hilfreich zur Seite stehen würden.

Ungebeten, doch unabänderlich legte sich dieser Gedanke wie ein Schleier über sein Gemüt, um all seine eben noch freudigen Erwartungen in Schatten zu hüllen.

Er bemerkte, dass sich gleich mehrere Köpfe der neuen Mitschülerin zuwandten. Die Gryffindors musterten sie dabei voller Neugierde doch sichtlich aufgeschlossen, während die Slytherins sie finster und voller Ablehnung anfunkelten.

„Ja, Professor," entgegnete das neue Mädchen ruhig.

„Nun denn," schnaubte Professor Figg. „Genug davon! Nehmt nun die Bücher heraus. Ihr alle!" Mit abfälligem Blick betrachtete sie dann wieder die Neue. „Wo sind Ihre Zaubertrankutensilien, Miss Henshler?"

„Es tut mir leid, Professor," stammelte diese nun sichtlich aufgewühlt und ein Hauch von Röte überzog ihre blassen Wangen. „Ich habe mein Buch nicht und ich habe auch noch keinen Kessel, denn... mein Koffer..."

Eine weitere scharfe Bemerkung ihrer übel gelaunten Lehrerin schnitt ihr jedoch das Wort ab: „Fünf Punkte Abzug für Gryffindor! Und wagen Sie es nicht nochmals in dieser Weise unvorbereitet in meinem Unterricht zu erscheinen!"

„Aber – Professor – " begehrte die Neue nun auf, „d-das ist doch nicht meine Schuld. Ich –" „Genug! Ich bin nicht daran interessiert mir irgendwelche Ausflüchte anzuhören! Sie kommen beim nächsten Mal vorbereitet in den Unterricht, oder Sie nehmen nicht teil! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?"

Voller Unbehagen beobachtete Severus, wie das Mädchen daraufhin zu Boden blickte. „Selbstverständlich, Professor," murmelte sie mit herab geschlagenen Lidern.

Wie schwer musste es sein, Hauspunkte zu verlieren, ohne auch nur mit einem einzigen Mitglied ihres Hauses gesprochen zu haben? Er hätte wahrlich nicht mit ihr tauschen mögen.

„Setzen Sie sich hier herüber, zu Mr. Longbottom," wies Professor Figg sie nun an.

Die Slytherins kicherten daraufhin nur noch mehr, denn Frank Longbottom war – was das Brauen von Zaubertränken anging – nun wirklich ein überaus hoffnungsloser Fall. So gesehen versprach es eine unterhaltsame Stunde zu werden – doch aus irgendeinem Grund behagte Severus diese Vorstellung ganz und gar nicht.

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A/N: Ich freue mich so über Eure Resonanz. Danke schön!

Serpentina