Die Erkenntnis bewirkte, dass seine betäubten Sinne plötzlich wieder einsetzten und der Schleier aus Verzweiflung und Trauer zerriss. Schlagartig wurde sich Kíli erneut des Schlachtenlärms bewusst, den Schreien der Kämpfenden und Verwundeten, dem Klirren der Rüstungen und dem Klingen der Waffen. Um sie herum tobte weiterhin die Hölle. Ruckartig hob er den Kopf und blickte sich gehetzt um.
Er musste hier weg, musste vor allem seinen Bruder hier rausschaffen, ehe es doch noch zu spät war. Seine Hände krallten sich in den Stoff von Fílis Tunika und er verdoppelte seine Anstrengungen, zerrte an dem reglosen Körper und betete zu allen Göttern die ihm einfielen, er möge die Verletzung damit nicht noch schlimmer machen. Irgendwie brachte er es fertig, sich einen Arm des Gefallenen um die Schultern zu legen und sich auf den Knien ein Stück in die Höhe zu stemmen. Doch das enorme Gewicht von Fílis Rüstung und sein eigener nutzloser, rechter Arm behinderten ihn. Er konnte den anderen zwar umfassen, jedoch mit der zweiten Hand nicht abstützen und so sanken sie beide auf den Boden zurück, wo er keuchend sitzen blieb. Die Entfernung zum Haupttor, das sich als dunkler Umriss gegen die nachtschwarze Bergflanke abzeichnete, betrug nur ein paar hundert Meter, aber Kíli kam sie mit einem Mal unüberbrückbar vor.
Die Rauchschwaden wurden allmählich dicker und er musste blinzeln, da ihm nun der beißende Qualm die Tränen in die Augen trieb. Nur schemenhaft nahm er die Gestalt war, deren Umriss sich auf ihn zubewegte und er rechnete damit, dass es ein Ork oder ein Goblin war, der seine missliche Lage erkannt hatte und diese nun ausnutzte. Seltsamerweise empfand er bei dem Gedanken daran, selbst sein Leben zu verlieren, kaum Furcht oder Schrecken. Er bedauerte nur, sein Schwert fallen gelassen zu haben als er auf die Knie ging und dieses jetzt einen knappen Meter neben ihm lag und damit eindeutig aus seiner Reichweite. Eine grobe Fahrlässigkeit, die Thorin ihm im Training niemals hätte durchgehen lassen.
Doch der erwartete Angriff blieb aus, stattdessen trat die stattliche Gestalt eines Zwergenkriegers auf ihn zu und der Dunkelhaarige erkannte Dwalin. Der Veteran sah furchtbar aus; er hatte etliche, kleine Wunden davongetragen, meistens Schnitte oder Abschürfungen, seine Rüstung war an vielen Stellen eingedrückt, die Nase gebrochen und blutig. Sein Blick war so finster als wolle er die Feinde alleine durch Starren töten. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den der junge Zwerg schwer deuten konnte, bis er begriff, dass es sich um Kummer handelte, vermischt mit tief empfundenem Schmerz.
Kíli konnte sich nicht erinnern, diese Regung schon einmal in Dwalins Gesicht gesehen zu haben und sein Blick wurde sogar noch eine Spur düsterer, als er die Brüder erkannte und sah, was geschehen war. Ehe Kíli etwas sagen konnte, ging er in die Knie, legte dem Bogenschützen eine Hand auf die Schulter und blickte ihm in die Augen.
„Steh auf, Kíli. Du kannst nichts mehr für ihn tun."
Seine tiefe Stimme klang so mitfühlend, dass sie seinen Gesichtsausdruck Lüge strafte.
„Aber er lebt!", entgegnete der Angesprochene und war selbst überrascht, wie rau und krächzend seine Stimme klang.
Dwalin deutete ein Kopfschütteln an und vermittelte nur zu deutlich, dass er dem Dunkelhaarigen nicht glaubte. Wahrscheinlich nahm er an, Kíli wäre vor Trauer übergeschnappt aber dieser ließ sich nicht beirren.
„Bitte hilf mir, Dwalin. Wir müssen ihn hier raus bringen, ehe es zu spät ist."
Der ältere Zwerg zog die Brauen, auch wenn es kaum möglich schien, noch ein wenig weiter zusammen und betrachtete den Blondschopf nun eingehender. Er konnte keine Lebenszeichen ausmachen, doch Kílis vehemente Überzeugung ließ ihn zögern, das Gesagte zu wiederholen. Stattdessen raunte er: „Bist du dir sicher?"
Der Dunkelhaarige nickte knapp und nachdrücklich.
„Er atmet, schwach nur, aber noch ist er am Leben. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
Sein Tonfall wurde flehender und er schien Dwalin damit wohl tatsächlich zu überzeugen, denn dieser griff wortlos nach Fílis anderem Arm und legte ihn sich über die Schulter. Gemeinsam stemmten sie ihn in die Höhe und hielten ihn zwischen sich, während sie sich rasch aber behutsam in Bewegung setzten und geduckt über den granitenen Torweg eilten. Die Kämpfe schienen an Heftigkeit noch zugelegt zu haben und sie mussten mehr als einmal inne halten und in Deckung gehen oder Hiebe und Stiche abfangen, die in ihre Richtung gelenkt wurden.
Dwalin blockte die meisten davon mit einer der beiden Äxte ab, während Kíli lediglich den Dolch zur Hand hatte und sich so gut es ging damit wehrte. Da er mit dem linken Arm Fíli umklammert hielt, blieb ihm nichts anderes übrig als mit der rechten Hand zu blocken, was ihm mehr schlecht als recht gelang und wieder einmal war es überwiegend Glück, das ihn vor dem Tod bewahrte. Dwalin entging dieser Umstand keinesfalls und nach gut der Hälfte der Strecke stoppte er, packte Fíli wortlos unter den Achseln und wies Kíli an, ihm behilflich zu sein. Er lud sich den Bewusstlosen so gut es ging auf den Rücken, versicherte sich, dass er nicht herunter rutschen konnte und setzte seinen Weg unbeirrt fort. Kíli, der die meiste Zeit eh schon den weit geringeren Anteil an Fílis Gewicht getragen hatte, empfand es trotzdem als enorme Erleichterung. Der stetige Schmerz war einer allmählichen Taubheit gewichen und die Erschöpfung machte sich mehr und mehr bemerkbar; er taumelte und stolperte mehr, als er lief.
„Bleib auf den Beinen, Junge", brummte Dwalin von der Seite. „Ich kann euch nicht beide tragen."
Kíli nickte zur Erwiderung lediglich und biss die Zähne zusammen. Er mobilisierte seine Kräfte und folgte dem alten Krieger, hielt sich stets in dessen Deckung und seufzte vor Erleichterung auf, als sie endlich den erlösenden Schatten des Steintors erreichten. Sie passierten die gewaltigen Skulpturen der Zwergenkrieger, die dieses flankierten und den mahnenden Blick aus steinernen Augen wachsam auf das Geschehen der Ebene gerichtet hatten.
Die beiden mächtigen Flügel des Portals waren nicht, wie man auf den ersten Blick annehmen konnte, geschlossen, sondern standen einen Spalt breit auseinander. Krieger aus den Eisenbergen hatten sich auf Dáins Geheiß hier positioniert und bewachten den Eingang vor möglichen Eindringlingen. Als sie die drei Zwerge erkannten, traten sie jedoch wortlos zur Seite und gewährten Einlass in das Reich unter dem Berg.
Der Kampflärm klang hier wesentlich gedämpfter und die Temperatur kam dem jungen Zwerg nach der Hitze des Schlachtfeldes beinahe kühl vor. Ein leichter Zug bewegte die Luft und ließ die wenigen Fackeln, mit denen der vordere Bereich der Vorhalle bestückt war, unruhig flackern. Ihre Schatten erhoben sich tanzend und verloren sich schon nach einem knappen Meter in der Dunkelheit auf dem Boden. Es war trotz der spärlichen Beleuchtung nicht völlig finster, da die Zwerge, die dieses Reich vor Urzeiten geschaffen hatten, so umsichtig waren und das Licht mit ein paar einfachen Tricks lenkten. Indem sie zwischen den Säulen spiegelnde Flächen angebracht hatten, die das Leuchten reflektierten und weitergaben, verstärkten sie den Schein und sorgten für dämmerige Helligkeit, die zur Orientierung vollkommen ausreichte.
Die Halle, die sie nun mit schnellen Schritten durchquerten, war so gewaltig, dass es tausende von Lichtquellen gebraucht hätte, um sie vollständig zu erhellen. Zu beiden Seiten des breiten Hauptweges schraubten sich kunstvoll behauene Säulen in die Höhe und verschwanden, ohne dass der Blick die Decke erreichte. Man konnte den Eindruck bekommen, sie würden sich durch den gesamten Fels erheben und bis zur Spitze ragen. Auf den ersten Blick wirkten sie glatt und identisch, doch betrachtete man sie genauer erkannte man, dass keine wie die andere aussah. Jede wies unterschiedliche Verzierungen auf, die von kundigen Steinmetzen in detaillierter Kleinarbeit in den Fels getrieben worden waren. Reliefs von plastischen Szenerien wechselten sich mit kunstvollen Knotenmustern, die ein verwirrendes Spiel an Linien ahnen ließen.
All diese Pracht rauschte ungesehen an dem jungen Zwerg vorbei, als er an Dawlins Seite den Gang entlang hetzte. Seine Aufmerksamkeit galt anderen Dingen – Fíli, dem Weg vor ihnen und nicht Zuletzt seiner Bemühung, selbst auf den Beinen zu bleiben. Trotzdem gelang es ihm nicht auf die Dauer Schritt zu halten und er fiel ein wenig zurück. Dunkle Punkte glommen vor seinen Augen auf, die er energisch verdrängte. Noch immer saß eine unangenehme Enge in seiner Kehle, zu der sich langsam aufsteigende Übelkeit gesellt hatte. Notgedrungen blieb Kíli nun doch stehen und atmete ein paar Mal tief durch, ehe er sich wieder aufrichtete und den Weg fortsetzte.
Dwalin war bereits tiefer in den Berg vorgedrungen und in einem Nebengang verschwunden, der sich kurz vor dem nächstgrößeren Durchbruch auf der rechten Seite öffnete. Óin, der in ihrer kleinen Gruppe das mit Abstand größte Wissen in Sachen Heilkunde besaß und sich selbst langsam als zu alt zum Kämpfen einstufte, hatte bereits vor einigen Tagen mit seinem Bruder Glóin begonnen, in diesem Nebengang ein provisorisches Lazarett einzurichten. Als die Kunde vom Aufmarsch der Menschen und Elben zum Erebor drang, hatte er in weiser Voraussicht darauf bestanden. Allerdings konnte er ebenso wenig wie alle anderen ahnen, welches Ausmaß die Schlacht vor den Toren des Berges nehmen würde und seine eigentliche Arbeit würde erst im Nachhinein beginnen.
Dies hieß jedoch nicht, dass der Gang vollkommen leer war, wie Kíli bei seinem Eintreten feststellte. Leises Stöhnen und Ächzen hallte von den Stollenwänden wieder und verriet das gute Dutzend Krieger, die hier augenblicklich versorgt wurden. Augenscheinlich war aber keiner von ihnen schwer verletzt oder gar tödlich verwundet worden, was dem jungen Zwerg insgeheim entgegen kam. Das Licht war ebenfalls gedämpft, wenn auch Dank der vielen Lampen etwas heller als in der Vorhalle. Auf Fackeln oder Kohlebecken war verzichtet worden, da sowohl der Rauch, als auch der Ruß die Anwesenden zusätzlich belasten würde.
Kíli erspähte Dwalins massige Gestalt am Ende des Tunnels, wo dieser sich in eine weitere, kleinere Kammer öffnete, etwas abseits von den übrigen Lagern. Neben ihm konnte er eine weitere, vertraute Silhouette ausmachen, die sich bei seinem Näherkommen als Óin entpuppte und in ihm ein wenig Hoffnung keimen ließ. Der alte Zwerg verstand tatsächlich etwas von seinem Handwerk, das hatte er auf der langen Reise zum Einsamen Berg ein ums andere Mal unter Beweis gestellt. In diesem Fall jedoch würde er sein ganzes Wissen und Können aufbringen müssen.
Er näherte sich, trat in den Schein der Öllampe, die Óin neben das Lager gestellt hatte und betrachtete mit erschöpfter Miene das wächserne Antlitz seines Bruders. Dwalin hatte ihn auf eine dünne Strohmatratze gebettet und ihn auf die Seite gedreht, so dass der Heiler an das Geschoss herankam. Óins Miene spiegelte mehr als Besorgnis, während er sich die Hände gründlich in einem Bottich wusch, sorgfältig abtrocknete und dann einen näheren Blick auf die Eintrittsstelle warf.
„Das ist wahrlich ernst", eröffnete er seine Musterung und Kíli wurde erneut flau.
„Zum Glück habt ihr den Pfeil nicht herausgezogen, sonst wäre er auf dem Weg hier her verblutet", erklärte er leise. „Aber jetzt sollten wir keinen Zeit verlieren. Wir wissen nicht, ob das Metall vorab behandelt wurde."
Er warf Kíli über die Bettstatt einen vielsagenden Blick zu.
„Die Spitze ist tief eingedrungen. Sollte hier Gift wirken, erreicht es das Herz in kürzester Zeit."
Wieder zog sich Kílis Magen schmerzhaft zusammen und Galle stieg in seiner Kehle hoch. Er wollte das nicht hören, wollte nicht das letzte bisschen Hoffnung aufgeben.
„Allerdings ist das oftmals gar nicht von Nöten. Wundbrand kann ebenso tödlich sein", fuhr Óin in seinem schrecklichen Geschwätz fort, vor dem sich der junge Zwerg am liebsten die Ohren zugehalten hätte.
Wahrscheinlich hätte er dem Alten kräftig seine Meinung gesagt, wäre er nicht viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, das Zittern seiner Glieder zu unterdrücken.
Auf die Anweisung des Heilers hin machten sich die beiden Krieger daran, das Kettenhemd zu entfernen. Zu ihrem großen Glück war es nicht durchgängig geflochten, sondern besaß an den Seiten Lederschnürungen, die das An- und Ablegen erleichterten. Diese waren schnell zerschnitten und sie schälten den Oberkörper des Zwerges behutsam aus dem Metall. Dwalin, der auf der Rückseite der Bettstatt stand, machte kurzen Prozess und brach den Pfeilschaft einfach ab, um die Reste der Kettenglieder darüber streifen zu können. Als das Holz knackte, verzog Kíli schmerzhaft das Gesicht und widmete sich hastig seiner Aufgabe, während das trockene Geräusch in seinen Ohren wiederzuhallen schien.
Endlich hatten sie das Rüstzeug entfernt und Óin schnitt mit einer schnellen Bewegung das darunter befindliche, gefütterte Leinenwams entzwei, um den Rücken und die Eintrittsstelle frei zu legen. Das schwarze Objekt wirkte wie ein Fremdkörper in der hellen Haut, die lediglich rund um die Eisentülle blutige Verkrustungen aufwies. Ansonsten war erstaunlich wenig davon ausgetreten. Der Heiler umrundete das Kopfende, beugte sich über Fíli und zog behutsam die fahlen Lippen des Blondschopfes auseinander. Eingehend betrachtete er die darunterliegenden Zähne.
„Kein Blut zu sehen, das heißt, dass wir Glück haben und die Lunge nicht verletzt ist. Damit senkt sich das Risiko noch einmal erheblich. Also gut, gehen wir es an. Haltet ihn gut fest."
Óin krempelte die Ärmel hoch, wanderte zurück auf seine alte Position und inspizierte noch einmal die Eintrittswunde. Mit spitzen Fingern umfasste er den Pfeilschaft und zog vorsichtig daran um zu prüfen, ob das Geschoss Widerhaken besaß.
„Er bewegt sich", verkündete er und deutete auf einen Stapel Leinentücher, der auf einem niedrigen Tischchen lag. „Kíli, komm herum und geh mir hier zur Hand. Sobald ich den Pfeil herausgezogen habe, drückst du die Wunde mit den Tüchern ab. Wir müssen die Blutung sofort stillen."
Der Jüngere schluckte, warf noch einen letzten Blick auf Fílis Antlitz und gesellte sich gehorsam zu Óin, während Dwalin den blonden Zwerg auf das Lager drückte. Der Grauhaarige legte eine Hand auf Fílis Rücken dicht neben der Eintrittsstelle, dann umfasste er das splitterige, schwarz eingefärbte Holz so knapp wie möglich an der Eisentülle fest mit den Fingern und zog mit einem Ruck an. Fílis Körper erbebte. Die schwarze Spitze hakte kurz, dann glitt sie aus der Eintrittsstelle heraus. Sofort folgte ein Blutschwall, der das Laken unter Fílis Leib rasch dunkel färbte. Kíli presste mehrere Lagen Leinenstoff auf die Wunde, doch es dauerte nicht lange, bis diese ebenfalls durchtränkt waren. Panik stieg in ihm auf.
„Óin, tu doch etwas!", rief er verzweifelt.
„Drück stärker darauf! So lange Blut fließt, kann ich ihn nicht behandeln."
Der alte Zwerg klang angespannt. Er half Kíli, eine neue Lage Verbandsmaterial auf die Wunde zu pressen und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wurde das Rinnsal dünner und verebbte schließlich. Kíli war inzwischen schweißgebadet, obwohl es in dem Gang nach wie vor alles andere als warm war. Die Konzentration sorgte dafür, dass seine eigenen, pochenden Schmerzen in den Hintergrund traten und er hielt mit beiden Händen gleichermaßen dagegen.
Nach mehreren Minuten ließ Óin den Druck langsam nach.
„Ich brauche mehr Licht und heißes Wasser", wandte er sich schließlich an Dwalin, der die Prozedur schweigend verfolgt hatte.
Immer noch stumm stapfte er davon, um das Gewünschte zu bringen. Óin überprüfte unterdessen Fílis Puls.
„Noch lebt er, aber er steht nahe an der Schwelle zu Mahals Hallen", gab er leise an Kíli weiter.
„Wenn er die Nacht übersteht, steigen seine Chancen, dass er erwacht, aber ich will dir nicht zu viele Hoffnungen machen."
Der junge Zwerg schluckte schwer.
„Ich bleibe bei ihm", gab er rau zurück.
Óin musterte ihn von der Seite.
„Das würde ich dir auch raten, Junge. Du bist bleich wie der Tod."
Erst jetzt schien ihm aufzufallen, dass der Jüngere den rechten Arm wieder in Schonhaltung gebracht hatte.
„Und selbst verletzt. Hältst du noch eine Weile durch?"
Kíli nickte; seine eigenen Schmerzen kamen ihm noch immer nebensächlich vor, auch wenn das Pochen erneut penetranter geworden war. Dwalin kam mit einem weiteren Talglicht und einer Holzschale voll dampfendem Wasser zurück. Er stellte das Licht auf den Tisch und reichte Óin die Schüssel.
„Komm etwas näher damit", wies dieser den Krieger an und deutete auf die Funzel.
Der Zwergenkrieger fühlte sich hier im Feldlazarett sichtbar unwohl, doch er kam Óins Aufforderung umgehend nach. Im Schein der Lampe entfernte Óin die vollgesogenen Leinenlagen und begutachtete die Eintrittsstelle genauer. Er tauchte frisches Verbandszeug in das heiße Wasser und säuberte sowohl die umliegende Haut als auch das offenliegende Fleisch so gut es ging von Schmutz, Schweiß und Blutresten. Kíli wandte den Blick ab. Er konnte nicht hinsehen, ohne dass ihm erneut übel wurde. Glücklicherweise schien sich sein Bruder in einem Zustand der tiefen Ohnmacht zu befinden und von den Schmerzen nichts zu spüren.
Stattdessen beugte er sich hinunter, befreite Fílis linke Hand vorsichtig von dem schweren, eisenvernieteten Handschuh und griff seine Finger. Sie fühlten sich eiskalt an, ebenso Fílis bleiche Stirn. Jetzt, da er von dem Rüstzeug befreit war, konnte man das schwache Heben und Senken der Brust erkennen – das einzige Zeichen, dass er noch unter ihnen weilte. Um seine Hände zu beschäftigen nahm er eines der wassergetränkten Tücher und begann, das getrocknete Blut der Stirnwunde abzutupfen. Es handelte sich lediglich um eine Platzwunde am Haaransatz, die er sich vermutlich bei dem Sturz zugezogen hatte. Eine Lappalie, über die Fíli entweder lachen oder fluchen würde und er konnte bei dem Gedanken trotz der ernsten Situation den leisen Anflug eines Lächelns nicht unterdrücken.
Óins Stimme riss ihn erneut aus den Gedanken.
„Nun helft mir, ihn noch einmal anzuheben", ordnete der alte Zwerg an und Kíli und Dwalin stemmten Fílis Oberkörper vorsichtig in die Höhe.
Rasch und geschickt wickelte der Heiler mehrere Lagen ausgekochter Binden straff um Brust und Rücken, dann wies er sie an, ihn wieder auf das Lager sinken zu lassen.
„Das war es – mehr kann ich im Moment nicht tun."
Er trat einen Schritt zurück und wischte sich mit einer müden Geste über die Augen. Die Sorge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, auch wenn er sich darum bemühte, so ruhig und sachlich wie möglich zu wirken. Doch die Gefahren der abenteuerlichen Reise hatten die kleine Gemeinschaft zusammengeschweißt, deshalb ließ ihn das Schicksal des jungen Zwerges keinesfalls unberührt. Gleichzeitig ahnte Óin, dass dieser lediglich ein Vorbote war und die Nacht für ihn noch sehr, sehr lang werden würde.
Dwalin warf dem ergrauten Zwerg einen prüfenden Blick zu und verabschiedete sich auf dessen Kopfschütteln hin mit einem knappen Nicken. Für ihn gab es hier nichts mehr zu tun und draußen tobte die Schlacht weiterhin ungebrochen. Es wurde jede einzelne Zwergenaxt benötigt. Auf Óins Frage, wie es um seine Wunden stünde, winkte Dwalin lediglich ab, was dem Heiler ein missbilligendes Schnauben entlockte, ehe er sich zu Kíli drehte. Dieser stand noch immer neben dem Lager und konnte den Blick nur schwer von Fílis regloser Gestalt abwenden.
„Wie geht es dir, Junge?"
Der Angesprochene wollte antworten, doch ehe er dazu kam, bewegte sich der Raum und er musste sich an der Tunnelwand abstützen. Nun, da die schlimmste Anspannung ein wenig nachließ, spürte er, wie der Schmerz erneut aufflammte und sich in einem wütenden Pochen Bahn brach. Der Heiler nahm ihn bei der Schulter, dirigierte ihn zu einem niedrigen Dreibeinschemel und drückte ihn sanft, aber energisch darauf nieder, ehe er ihm befahl die Rüstung, die er nach wie vor trug, abzulegen. Kíli befreite sich mit etwas Mühe von dem Lederharnisch und den Armschienen, bis er nur noch die Tunika trug. Der Stoff hatte sich trotz der Schutzschicht mit Blut und Schlamm vollgesogen und fühlte sich steif und bröckelig an.
Geduldig ließ er das Abtasten seines Arms über sich ergehen, auch wenn er an manchen Stellen ein scharfes Zischen nicht unterdrücken konnte.
„Es scheint nichts gebrochen zu sein", diagnostizierte der Heiler schließlich.
„Aber du hast ein paar starke Prellungen davongetragen. Halte ihn in nächster Zeit so ruhig wie möglich und kühle ihn, bis die Schwellungen zurückgehen, sonst werden die Schmerzen unerträglich", empfahl er noch, wohlwissend, dass Kíli sich wahrscheinlich nicht daran halten würde.
Momentan jedoch dachte der Dunkelhaarige nicht an Widerstand. Während der Prozedur hatte eine tiefe Leere von ihm Besitz ergriffen; es war keine direkte Müdigkeit, aber er fühlte sich matt und kraftlos und glaubte inzwischen, jeden Knochen im Leib zu spüren. Unentwegt hing sein Blick an seinem Bruder, musterte dessen bleiches, ausdrucksloses Angesicht und suchte nach einer Regung, doch Fíli lag erschreckend ruhig und atmete flach, sonst geschah nichts.
„Wird er wieder gesund?", fragte er Óin schließlich stockend, nachdem er die Frage nun schon eine ganze Weile auf der Zunge trug.
Es kostete ihn sichtlich Überwindung, sie auszusprechen; er fürchtete sich sehr vor der Antwort.
„Das, mein Lieber, kann ich dir nicht sagen" antwortete der alte Zwerg wahrheitsgemäß und auch in seiner Stimme klang Schwermut mit. „Das wissen allein die Götter."
Ein letzter Blick auf den Patienten, dann wandte sich Óin dem Eingang zu. Schritte erklangen fern vom anderen Ende des Gangs und verrieten, dass weitere Verwundete den Weg hier her gefunden hatten, um die es sich zu kümmern galt.
So blieb Kíli als einsamer Wächter zurück, was ihn jedoch wenig störte. Er rückte den Schemel neben die Bettstatt, machte es sich darauf halbwegs bequem und lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Steinwand. Das letzte, was er im Moment gebrauchen konnte, war die Gesellschaft anderer, außer vielleicht Thorins. Der Bogenschütze hoffte, dass sein Onkel wohlauf war und sich bald blicken ließ. Sobald er von den Verletzungen seines Neffen erfuhr, würde er umgehend hier her kommen, da war Kíli sich sicher. Der Gedanke hatte etwas Tröstliches; schließlich hatte der Zwergenkönig bis jetzt immer gewusst, was zu tun war.
