Kapitel 3 - Im Bann des Grafen/ Offenbarung
„Sag mal, weißt du überhaupt, wo wir hinmüssen?", fragte James nach einer Weile und sah Lily unsicher an und versuchte anscheinend gleichzeitig Heldenhaft zu wirken.
„Durch den Wald", antwortete Lily knapp, erwiderte seinen Blick dabei aber nicht, denn sie kannte Potter und wusste, dass er zu eigenartigen Methoden greifen konnte ihre Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Aber im Gegensatz zu ihm hatte die liebe Lily anderes im Kopf als James Potters Anmachen.
Er verdrehte die Augen und setzte jetzt sichtlich genervt hinzu:
„Na das weiß ich auch, aber der Wald ist zufällig ziemlich groß und es könnte ja evtl. sein, dass wir uns verlaufen, oder?"
Lily schnaufte und schüttelte den Kopf. Dümmere Fragen konnte er wohl nicht stellen? Vielleicht wäre es ja doch besser gewesen, wenn er im Wirtshaus geblieben wäre und dort seine Spielchen mit den Dorfmädchen abziehen könnte. Doch sie setzte dem nichts mehr hinzu, da sie keinen Streit mit ihm haben wollte, denn das konnte die beiden im Augenblick am wenigstens gebrauchen.
„Warum apparieren wir eigentlich nicht?", warf James plötzlich ein und blieb stehen. Lily schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, drehte sich um und sah ihn tadelnd an.
„James Potter, weißt du überhaupt, wo das Schloss liegt? Wie willst du an einen Ort apparieren, den du nicht kennst? Und außerdem weiß ich zufällig ganz genau, dass du die Prüfung zwei Mal machen musstest und im Apparieren alles andere als sicher bist, mein lieber Freund. Und wenn du jetzt bitte nicht ständig irgendwelche unnötigen Fragen stellen würdest und mir lieber hilfst weiter zu kommen, wäre das sehr hilfreich. Danke", sprudelte sie schroff los und James klappte bei diesem Temperament der Mund auf. Kurz sahen sie sich schweigend an und Lily musste sich zurückhalten nicht loszulachen, denn sie hatte James noch nie so lange sprachlos gesehen.
„Ähm... ok, lass uns weitergehen", stotterte James, als er sich wieder gefasst hatte und stimmte mit ihr überein, worauf sie erleichtert aufseufzte. Vielleicht hatte er es jetzt endlich kapiert, was man bei dem Kerl aber anzweifeln konnte. Manchmal war er einfach... unbeschreiblich negativ.
Zusammen liefen sie weiter und Lily sah sich immer wieder um, in der Hoffnung, dass sie auch die richtige Richtung eingeschlagen hatten. Doch sie war sich sicher, dass Spuren, die sicher von Sarah und noch ziemlich frisch sein mussten, da sonst ja, so wie der Wirt klang, eigentlich keine Menschen den Wald betraten, würden sie schon zum Ziel bringen. Sie hatten zwar noch keine Ahnung, wie sie die Wirtstochter befreien sollten, doch dies sollte nicht ihre erste Sorge sein.
„Ähm... bist du sicher, dass wir hier richtig sind?", wollte James plötzlich wieder wissen und biss sich dabei auf die Unterlippe. Er schien nicht sonderlich angetan zu sein von Lilys Fußspurenfolgetheorie.
Sie wandte sich ihm zu und konnte nun ein Grinsen nicht unterdrücken.
„Hast du etwa Angst, Potter?", kicherte sie und versuchte dabei unschuldig drein zu sehen. James verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte. Er sah wirklich aus, als hätte er langsam genug von ihr, aber genau dies amüsierte Lily so... James auf die Palme zu bringen war schon immer eines ihrer Hobbies gewesen und das würde sie auch nicht so schnell aufgeben.
„Angst, ich? Da bist du an der falschen Adresse", sagte er bestimmt und reckte sein Kinn etwas, so dass man fast glauben konnte, er wäre hochmütig.
„Klar doch", schmunzelte sie und schaute ihn an. Irgendwie war er niedlich, wenn er sich zu verteidigen versuchte.
Moment mal, hatte sie wirklich gerade gedacht, dass sie Potter niedlich fände? Tz... sie hatte wohl zu viel Zeit mit ihm verbracht. Potter ist nicht niedlich, sondern ein Schleimbeutel und zudem ein Angsthase. Aber auch ein Gentleman und er hat so tolle Augen. ‚Ok, Lily, es reicht!', mahnte sie sich selbst und ging, die Gedanken an James bei Seite schiebend, jetzt etwas schneller weiter.
James lugte sie von der Seite her an.
„Glaubst du mir etwa nicht?"
„Nein."
„Und warum nicht? Sehe ich etwa so ängstlich aus." Er blickte sie empört an.
„Nein", lachte sie, „vergiss es."
„Ja, ja... mit mir kann man es ja machen...", seufzte er und wandte den Blick ab.
„Och, nicht doch!" Lily drehte sich zu ihm und gab ihn einen Kuss auf die Wange. „Lass dich doch von mir nicht ärgern." Sie konnte sehen, wie dieser leicht rot wurde und sie lächelte ihn verlegen an. Jetzt hatte sie doch was getan, was sie nicht hätte tun sollen. ‚Das war sicher alles nur die Aufregung und das ständige hin und her, nichts weiteres', versuchte der Rotschopf sich einzureden.
Daraufhin liefen sie eine ganze Weile wortlos nebeneinander her, den Fußspuren folgend, hingen ihren eigenen Gedanken nach und vermieden es sich gegenseitig anzusehen, denn beide vermuteten, dass dies nur Peinlichkeiten auf sich ziehen könnte.
Koukol hatte Sarah inzwischen ins Schloss gebracht und zog sie durch die Eingangshalle zur Treppe. Sie sah sich kurz in dem riesigen Saal mit vielen Bildern und Gegenstände um und war überaus fasziniert über die alten und doch galanten Einrichtungsgegenstände. Alles schien verziert mit Mustern, die zum Teil versilbert waren und an der Holzdecke hing ein riesiger Kerzenleuchter, der das Zimmer in leichtes gelbes Licht tauchte. Selbst die Treppe, die direkt gegenüber der Eingangstüre angebracht war, schien edel und das Geländer führte in einem Bogen an den Seiten zum nächsten Stockwerk empor. Das Holz war im dunklen Ton gehalten und Sarah überlegte sich einen Moment, wie viel das ganze wohl Wert war, aber viel Zeit hatte sie nicht, denn das eigenartige Geschöpf zog sie so schnell weiter, dass sie nur vereinzelte Blicke auf bestimmte Dinge erhaschte.
„Pass doch auf, du Tölpel", schimpfte Sarah, als sie fast über den roten Teppich auf gestolpert wäre, aber das schien ihn nicht zu stören. Als sie die Treppe empor gestiegen waren und in einen Gang getretenen, blieben sie vor einer der schweren Eichentüren im oberen Gang stehen. Koukol öffnete sie und stieß Sarah unsanft hinein, so dass sie sich gerade noch an einem Möbelstück abfangen konnte, um nicht zu stürzen oder gar über ihr schönes Kleid zu stolpern.
„Das seien Euer Zimmer", sagte er leicht keuchend. Mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen verließ er das Zimmer wieder und sie hörte das Geräusch eines einrastenden Schlosses, was ihr sagte, dass er sie wohl eingeschlossen hatte. Sarah rannte zu der Türe und hämmerte mit den Fäusten dagegen.
„Hey, du Widerling, lass mich raus!"; schrie sie durch die Türe.
„Anordnung vom Grafen", kam es nur gedämpft durch die Türe zurück und dann hörte sie schlurfende Schritte, die sich langsam den Gang entlang entfernten und immer leiser wurden. Sie ließ sich verzweifelt auf den Boden sinken und konnte dann die Tränen der Angst und der Reue nicht zurück halten. Warum musste sie nur so tollpatschig sein und alleine im Wald umherwandern. Sie würde ihr zu Hause, ihren Vater, ihre Wohnung, ihre Forschungen vermutlich nie wieder sehen!
Nach einer Weile hatte sie sich wieder beruhigt und das Ausheulen hatte geholfen, denn sie fühlte sich sichtlich besser. Die junge Wirtstochter wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schüttelte ihren Kopf. Rumsitzen und auf sich selbst sauer sein würde ihr in ihrer Situation auch nicht weiter helfen.
Sarah erhob sich und ging in dem Zimmer umher. Es war wirklich wunderschön eingerichtet und die Möbel waren mit Mustern und Zeichen verziert, wie auch schon die Eingangshalle. So etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen und kurz konnte sie nicht fassen ausgerechnet in einem solchen Zimmer eingesperrt worden zu sein. Die Fenster waren riesig, das Himmelbett galant, die Möbel, wenn auch nicht viele, ein Nachttischchen, eine Komode und einen riesen alten Schrank, einfach wunderschön.
Vor dem schönen großen Schrank blieb sie stehen und musterte die Klinke, die ihn öffnen sollte. Kurz zögerte sie, dann zog sie die Türe auf und ihr klappte der Mund auf. So viele wunderschöne Kleider in allen möglichen Schnitten und Farben hingen darin, wie sie es sich nicht hätte erträumen lassen. Ob diese wohl extra für sie hier waren oder wohnte hier noch eine Dame, die es hier vergessen hatte? ‚Wie auch immer, sie mal ansehen dürfte ja nicht allzu verkehrt sein', dachte Sarah sich und zog immer wieder eines heraus, betrachtete es, und hing es dann wieder zurück, bis sie dann ein rotes Kleid mit passenden Handschuhen heraus zog. Es war einfach überirdisch schön, mit den verzierten Rosen, den Bändern und den seidenem Stoff. Der Drang in ihr wuchs es sich einfach mal anzuprobieren und festzustellen, wie es ihr stand, aber auch wusste sie nicht genau, ob das höflich war einfach ein Kleid anzuziehen, was ihr nicht gehörte. Doch der Graf hatte sie hier eingesperrt oder besser einsperren lassen und dann konnte sie wohl auch ihre Zeit mit Kleidern verbringen. Das junge Mädchen blickte sich um und erkannte sogar neben dem Schrank eine Vorwand, hinter der sie sich umziehen konnte, auch wenn dies eigentlich nicht nötig gewesen wäre, denn hier war sowieso kein Mensch. Jedoch, sicher war sicher und so zog sie diese auf, ging dahinter und begann sich umzuziehen.
Als sie fertig war betrachtete sie sich in einem großen verzierten Spiegel, der auf der Vorderseite des Schrankes angebracht war. Es stand ihr sogar noch besser als das Kleid ihrer Mutter. Der verarbeitete Stoff fühlte sich auch ganz anders auf ihrer Haut an, so weich und angenehm. Sie würde es am liebsten für immer tragen und sich drehend ging sie durch das Zimmer zum anderen Ende und wieder zurück.
Gerade wollte Sarah sich setzen, als sie plötzlich sie eine leise Stimme vernahm, die sang, was sie allerdings nicht verstehen konnte. Erst jetzt sah sie eine andere Türe versteckt neben dem Himmelbett und lief schnurstracks darauf zu. Ob dies ein Ausweg war? Ohne zu zögern öffnete sie die Türe und stellte fest, dass diese nicht verschlossen war. Vorsichtig zog sie die Türe weiter auf und abermals klappte ihr der Mund auf.
Vor ihr erstreckte sich ein riesiger Balkon, der sie in die unendliche Weite blicken ließ und als sie genauer hinsah, konnte sie feststellen, dass sie nicht alleine hier zu sein schien. Eine Person stand an der Brüstung und sah in den Himmel. Sarah erkannte den Grafen, als sie etwas näher auf ihn zuging. Sie betrachtete ihn und zu ihrer Verwunderung erblickte sie jetzt, wie traurig er zu sein schien. Auf einmal spürte sie Mitleid für ihn, obwohl er das eigentlich nicht verdient hätte, nachdem er sie eingesperrt hatte, doch es war so. Vielleicht war er gar nicht so grausam, wie sie gedacht hatte und doch sollte sie vorsichtig sein, denn man konnte nie wissen.
Einen Schritt wagend ging Sarah auf den Vampir zu, blieb aber wieder stehen. Langsam drehte er sich nun zu ihr um und sah sie an. Wie erstarrt blieb er einen Moment stehen und betrachtete sie. Sarah sah ihn ausdruckslos an, doch als ihr klar wurde, dass sie ja immer noch das Kleid trug, errötete sie leicht unter seinem Blick.
„Das Kleid steht Euch ausgezeichnet", sagte der Vampir und suchte ihren Augenkontakt. Sarah lächelte leicht verlegen und erwiderte seinen Blick, als ob sie gespürt hätte, was er vorhatte.
„Danke", erwiderte sie. Das Mädchen beobachtete ihn, wie er sich wieder von ihr weg drehte, an der Brüstung entlang ging zur anderen Seite des Balkons und sich langsam wieder zu ihr wandte. Nein, er ging nicht, er schien fast schon zu stolzieren, was allerdings sehr edel wirkte und sich wunderbar mit dem Schloss ergänzte.
Sie konnte nach ein paar Minuten des Schweigens die Stille nicht mehr ertragen und fragte ihn dann leicht stotternd:
„Warum... warum wollen Sie mich hier haben?" Ebenso langsam wie vorher ging Krolock wieder auf sie zu bis er nur noch zwei Meter von ihr entfernt stand und wandte dabei den Blick nicht von ihr. Sarah wusste nicht, ob sie fasziniert oder ängstlich sein sollte.
Erst dann öffnete er den Mund um etwas zu sagen:
„Gefällt es Euch hier nicht?"
„Doch, aber... warum ausgerechnet ich?"
„Auf diese Frage kann ich Euch keine Antwort geben", entgegnete der Graf knapp.
„Verstehe", flüsterte Sarah und konnte plötzlich seine Augen aufflammen sehen, als ihre Blicke sich trafen. Dies war einfach unbeschreiblich, völlig gebannt stand sie da und konnte sich aus seinem Blick nicht lösen. Was war das? Dann war jedoch er es, der sich wieder abwandte und ihrem Blick nicht mehr standhielt.
„Ihr wollt verstehen? Ich glaube nicht, dass Ihr das könnt", sagte er mit leicht geknickt.
„Vermutlich nicht", sagte sie mit Enttäuschung in der Stimme und wandte dann ebenfalls den Blick auf den Wald hinaus.
„Sie waren einmal ein Mensch, nicht wahr?", fragte sie nach ein paar Minuten vorsichtig.
„Ja...", erwiderte er leise und sah sie immer noch nicht an. Sarah schluckte, aber sie musste es einfach fragen:
„Wie kam es dazu, dass Sie... ein Vampir wurden?"
„Ich dachte, Ihr habt uns studiert? Ich... wurde von einer Frau gebissen, die ich zu lieben glaubte." Der Graf senkte kurz den Blick, sah dann aber wieder auf. Sarah sah ihn an und wieder spürte sie Mitleid. Anscheinend waren Vampire doch nicht nur die bösen Blutsauger aus dem Märchen, die zur Abschreckung kleinen Kindern erzählt wurden. Sie waren mehr als das und das wusste sie inzwischen.
Die Gedanken der jungen Frau schweiften ab und als sie bei ihrem Ordner landeten, riss sie ihre Augen erschrocken auf. Das ist es! Sarah wandte sich wieder an Krolock.
„Ich habe viel über Sie nachgeforscht und nie den Grund gefunden, wie es kam, dass Sie zu einem Vampir wurden. Jetzt verstehe ich es... und jetzt wird mir auch klar, wo die vielen vermissten jungen Mädchen sind..." Bei ihren letzten Worten musste sie schlucken.
„Sie sind alle hier", flüsterte er in die Nacht hinein, dann wandte er ihr wieder seinen Blick zu.
„Ich weiß... und mit mir werden Sie dasselbe tun wie mit ihnen", setzte sie hinzu und sah ihm traurig in die Augen. Krolock antwortete darauf nicht und wieder schwiegen beide für eine Weile.
„Ich könnte Ihnen helfen. Ich habe ein Mittel gefunden, das Sie von Ihrem Vampirsein befreien kann. Dazu müssen Sie aber wirklich wieder ein Mensch sein wollen. Wenn nicht, würden Sie sterben. Aber dann wären wenigstens die jungen Mädchen nicht mehr gefährdet und sie müssten auch keine Angst mehr haben nachts raus zugehen", erklärte sie ihm dann und sah ihn hoffnungsvoll an. Jedoch war sie sich sicher, dass der Vampir nicht zurück wollte, denn sie lebten ja nur für ihre Gier nach Blut. Er wandte sich ihr zu und erwiderte dann:
„Sie haben es gut hier, auch wenn vielleicht bestimmte Dinge fehlen. Wir werden geleitet von unserer Gier, die wir niemals stillen können... wir sind verdammt zu einem Leben, dass wir nie beenden können."
„Ein Leben in Freiheit, Tag und Nacht, ist jedoch viel schöner und viel mehr Wert, als das alles. Sie wissen es doch selber, Sie waren doch selbst mal ein Mensch, Sie können das doch alles nicht vergessen haben, oder?!" Sarah sah den Vampirfürsten hoffnungsvoll an.
„Mein Leben als Mensch ist nie viel besser gewesen, als das, was ich hier habe... ich kann mich nicht davon befreien, wenn man einmal damit angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Es gibt kein Entrinnen", sagte er und seine Stimme klang dabei härter und kälter als zuvor. Sarah schauderte leicht.
„Ihrer Meinung nach, ja..."
„Ihr als Mensch könnt das nicht verstehen... Ihr wisst nicht, was dieses Gefängnis der Gier bedeutet. Selbst wenn man glaubt und hofft, dass es eines Tages enden wird, so wird dies nur ein Traum bleiben, aus dem man nie erwachen kann", Krolock wurde schroff und wandte sich wieder von ihr ab. Sarah sah ihn nur an und sagte dann nichts mehr dazu.
„Keiner von uns wird jemals zurück wollen... wir leben nur alleine, um uns von Blut zu ernähren. Das ist unser Lebenserhalt, den wir uns durch ein Mittel nie nehmen lassen können", demonstrierte er, den Blick immer noch gerade aus gerichtet. Sie schauderte bei seinen Worten und musste schlucken, fast flehte sie, er möge sie ansehen.
„Ich will so aber nicht leben, lassen Sie mich gehen, bitte", bettelte sie bei nahe, „ob ich nun hier oder fort bin, ich kann Ihnen nicht das geben, was Sie wahrscheinlich brauchen."
„Ich kann Euch nicht gehen lassen... und Ihr gibt mir mehr, als Ihr vielleicht vermutest", erwiderte er und seine Mundwinkel zuckten einen Moment.
„Ach, und was bitte?" Sarah hob fragend eine Augenbraue und Krolock streckte eine Hand nach ihr aus, während er flüsterte:
„Alles, was ich zum Überleben brauche."
Kurz starrte Sarah ihn an. Hatte sie das eben richtig verstanden? Zögernd reichte sie ihm seine Hand und als sich ihre Finger berührten, spürte sie wieder diese Kälte, die davon ausging. Er hauchte ihr einen Kuss darauf und löste den Griff wieder langsam wieder. Abermals schauderte sie, als er um sie herum ging und sie seine Augen auf ihrem Körper spürte. Als er wieder vor ihr stand, sah er ihr wieder in die Augen und aufs Neue fasziniert davon, stand sie wie gefesselt da. Umso länger sie ihn ansah, umso stärker wurde ihre Sehnsucht sich von allem, was hinter ihr lag, zu befreien. War dies ein Spiel?
Sarah dachte nicht weiter nach, denn leise, aber dennoch bestimmend begann der Graf nun zu singen und jetzt wusste sie, dass sie sich vorher nicht verhört hatte.
Jahrelang war ich
nur Ahnung in dir.
Jetzt suchst du mich
und hast Sehnsucht nach mir.
Nun freu dich! –
Uns beide trennt
nur noch ein winziges Stück.
Wenn ich dich rufe,
hält dich nichts mehr zurück,
getrieben von Träumen
und hungrig nach Glück...
Er ließ das letzte Wort ausklingen und Sarah jagte es einen leichten Schauer über den Rücken, als er mit kräftigerer und bestimmter Stimme weiter sang.
Gott ist tot.
Nach ihm wird nicht mehr gesucht.
Wir sind zum ewigen Leben verflucht.
Es zieht uns
näher zur Sonne,
doch wir fürchten das Licht.
Wir glauben nur Lügen,
verachten Verzicht.
Was wir nicht hassen,
das lieben wir nicht.
Der Graf wandte sich bei diesen Worten zu ihr um und streckte wieder die Hand nach ihr aus.
Was ich rette, geht zugrund.
Was ich segne, muss verderben.
Nur mein Gift macht dich gesund.
Um zu Leben musst du sterben.
Schweb mit mir in den Abgrund der Nacht
und verlier dich in mir. Wir werden
bis zur Ende jeder Ewigkeit gehen.
Ich hüll dich ein in meinen Schatten...
Plötzlich wurde er von Sarah unterbrochen, die ihn völlig hypnotisiert ansah. Sie reichte ihm wieder ihre Hand und sang dann:
Ich hör eine Stimme, die mich ruft...
Die Mundwinkel des Grafen hoben sich und er verschlang seine Finger mit den ihren, während er mit sanfterer Stimme wieder sang.
Nun freu dich! –
Uns beide trennt
nur noch ein winziges Stück.
Wenn ich dich rufe,
hält dich nichts mehr zurück,
getrieben von Träumen
und hungrig nach Glück...
Er wurde zum Schluss leiser und ließ es ausklingen. Als er dann geendet hatte, hoben sich seine Mundwinkel wieder leicht an und Sarah erwiderte seinen Blick ziemlich erstaunt. Sie hätte nicht gedacht, dass ein Vampir so gut singen konnte.
„Das war wirklich wunderschön", flüsterte sie, „aber... was ist dieses winzige Stück?" Der Vampir antwortete zunächst nicht. Ihre Blicke hielten einander für einige Minuten tonlos fest, dann aber öffnete er doch den Mund um etwas zu sagen.
„Das werdet Ihr morgen Abend erfahren."
„Morgen Abend?"
„Es wird ‚die' Nacht sein, unsere Nacht", hauchte er ihr entgegen. Sarah schluckte leicht bei seinen Worten und sie fragte sich, was sie wohl dort erwaten würde? Es klang so... erwartungsvoll. Konnte sie das erfüllen, was er wollte?
Auf einmal drehte sich der Fürst der Vampire um und verließ wortlos den Balkon, wo er Sarah alleine zurück ließ. Diese sah ihm fragend hinterher, bis er nicht mehr zusehen war und lehnte sich dann nachdenklich an die Brüstung, wo sie in die finstere Dunkelheit hinaus starrte, immer noch geblendet von dem, was sie gerade gehört hatte.
Lily und James wussten nicht, wie lange sie schon unterwegs waren, aber es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor. Lily taten die Beine inzwischen weh, da sie das viele Laufen einfach nicht gewohnt war und sie lehnte sich an einen Baum. Sie brauchte jetzt einfach eine Pause, egal ob dies sie Zeit kosten würde.
„Du machst schon schlapp?", fragte James, der ebenfalls stehen blieb und diesmal so grinste, als hätte er die Gewinnerkarte gezogen.
„Ich brauch mal kurz 'ne Pause, ja? Mir tun die Füße weh!", erwiderte Lily leicht ärgerlich und sie setzte sich dann einfach vor den Baum, ohne auf James zu achten.
„Ok", seufzte er, blieb aber stehen. Lily zog, trotz Schnee, einfach ihre Schuhe aus und streckte ihre Füße leicht in die kalte Brise, was gut tat.
Eine Weile stand James tonlos da, doch dann schien ihm ein Einfall zu kommen.
„Würdest du schneller wieder laufen können, wenn ich dir die Füße massiere?"
Kurz war Lily verwundert, dann grinste sie jedoch leicht verschmitzt und entgegnete:
„Vielleicht."
„Was zahlst du mir?", alberte James. Lily tat so, als würde sie schwer nachdenken und sah ihn dann wieder an.
„Hm, lass mich überlegen. Wie wäre es mit einem... Kuss?" Sie sah ihn fragend an. James klappte erstaunt der Mund auf. Hatte sie das gerade wirklich gesagt???
„Das würdest du echt tun?!"
„Klar, wieso auch nicht? Ist doch nur... ein harmloser Kuss", sie zuckte mit den Schultern und sah wieder zu Boden. James überlegte und schüttelte dann den Kopf.
„Nein, Lily... ich will keinen Kuss von dir, wenn du das nur tust, um mich aufzuheitern. Ich mach das auch ohne", sagte er bestimmt, setzte sich zu ihr, legte ihren Fuß auf seinen Schoß und begann leicht mit dem Daumen darüber zu fahren. Lily blickte ihn mehr als überrascht an. Mit dieser Antwort hatte sie von Potter überhaupt nicht gerechnet und sie musste lächeln, während sie ihn bei seinen Bewegungen, die er doch sehr professionell machte, beobachtete und es genoss.
Nach ein paar Minuten seufzte Lily leise. Sie hatte ihre Gefühle für ihn lang genug hinter ihrer Fassade: ‚Alles gegen Potter' versteckt. Er war so süß, wenn er ihr half und ... irgendwie konnte sie einfach nicht verhindern, dass ihr Herz einen Hüpfer machte, wenn er ihr in die Augen sah. Es wäre nur fair gegenüber James. Er machte sich solche große Mühen und immer blockte sie ihn ab. Warum das Ganze? Es war endlich Zeit, ihm nicht immer aus dem Weg zugehen. Ohne zu zögern beugte sie sich vor, nahm seine Hände von ihren Füßen und drückte ihre Lippen dann sanft auf seine.
Sie musste gegen seine Lippen kichern, als er völlig überrascht alles vergaß, was er getan hatte und sie nur anstarrte. Dann schlang er aber seine Hände um ihre Taille und erwiderte den Kuss. Lily legte ihre Hände um seinen Hals und genoss dieses Gefühl ihm so nahe zu sein in vollen Zügen. Warum hatte sie nur so lange darauf gewartet?!
James löste sich wundersame Weise von hier und sah Lily warm lächelnd an.
„Ich glaube, wir sollten besser weitergehen, wenn wir das Mädchen noch retten wollen", meinte er leise. Sie musste ihm nickend Recht geben. Auch wenn es wunderschön war, sie konnten hier nicht verweilen.
Beide standen auf und Lily zog ihre Schuhe wieder an. Ihre Füße waren doch leicht kalt geworden und der Schnee war auch nicht gerade der wärmste Sitzplatz, also war es nur gut sich wieder in Bewegung zu setzen.
Zusammen gingen sie weiter und sahen sich immer wieder aus den Augenwinkeln an. Sie konnten immer noch nicht fassen, was sie gerade passiert war und mussten immer wieder leicht verlegen grinsen.
