So, ihr Lieben, es geht weiter. Remus hat den schwierigen Brief tatsächlich zu Ende gebracht, trotz Interaktion seines ständigen Begleiters. Jetzt beginnen die Reisevorbereitungen.

Disclaimer: Der sympathische Werwolf gehört leider nicht mir, ebensowenig wie alle anderen namentlich erwähnten Charaktere. Alle Eigentum von Joanne K. Rowling. Dafür habe ich aber ein paar Originale beigefügt, die meiner eigenen Imagination entsprungen sind. Ich hoffe, ihr habt Spaß mit ihnen.

3. Einkäufe

Die Verkäuferin in der Magischen Menagerie wundert sich etwas, was ich schon wieder bei ihr will. Als ich nach dem Käuzchen frage, lacht sie vergnügt.

„Ja, ein munteres Kerlchen. Haben wir vorgestern erst reinbekommen. Ein richtiges Energiebündel."

„Genau das, was ich brauche. Meinen Sie, er kann Briefe zustellen? Ob er wohl zuverlässig ist?" Der Kauz bekommt fast die Krise vor Aufregung, als er das hört. Offenbar versteht er sehr gut, worum es geht.

„Über seine Zuverlässigkeit kann ich keine Aussage machen, aber er ist wohl ausgebildet, sofern man dem Lieferanten glauben darf. Er ist wie gesagt ganz neu hier und noch ziemlich jung, glaube ich. Jedenfalls benimmt er sich so." Sie lächelt vielsagend ob seines lautstarken Gezwitschers. Das Kerlchen saust im Käfig herum, als ginge es darum, den Raum um ihn her mit Bewegung zu füllen, damit niemand merkt, dass der dreimal so groß ist, wie er sein müsste.

„Was soll er denn kosten?"

„Mit oder ohne Käfig?"

Auf den Käfig verzichte ich, der wäre als Gepäckstück doch nur hinderlich. Wer weiß, wann und ob ich den kleinen Kerl jemals wieder sehe? Sie schaut mich abschätzend an und nennt dann einen Preis, der wahrscheinlich ein wenig nach unten abgerundet ist. Er ist immer noch ein gutes Stück teurer als ein Brief auf dem Postamt, aber was soll's? Ich kann damit leben und Moonys Argument war wirklich stechend. Ich krame das Geld hervor und sie schenkt mir noch eine Packung Eulenkekse. Die ganz kleinen. Ich zerbrösele einen davon auf meiner Handfläche und das Käuzchen kommt zu mir, fängt an, die Krümel aufzupicken. Er ist sehr vertrauensvoll, so winzig wie er ist. Ich stecke ihn vorsichtig in die Umhang-Innentasche, bedanke mich noch einmal und verlasse den Laden.

Ich möchte die Nachricht gerne sofort abschicken, aber natürlich sollte nicht unbedingt jemand dabeistehen und hören, an wen sie geht. Außerdem brauche ich einen Faden oder ein Stückchen Schnur, mit dem ich das Briefchen an der Eule befestigen kann. Mein Blick wandert die Straße auf und ab. Einen Faden und ein Zelt brauche ich. Es gibt hier in Hogsmeade eigentlich kaum etwas, das es nicht gibt. Tatsächlich ist zwei Häuser weiter eine Zweigstelle von Madame Malkins Zaubererroben für jede Gelegenheit. Ich betrete den Laden voll Zuversicht. Wenn es hier keinen Faden gibt, wo dann?

Die Dame mit dem Maßband kommt sofort auf mich zugeeilt und beginnt das Gespräch mit den Worten: „Das wurde aber auch höchste Zeit, dass Sie herkommen. Ihr Umhang löst sich ja schon beim Zusehen auf." Ich kläre sie über das Missverständnis auf. Ich will keinen neuen Umhang, sondern nur um ein Stückchen Faden bitten. Sie ist mittelschwer beleidigt und einigermaßen entsetzt darüber, dass ich wirklich in dem alten abgetragenen Ding wieder hinaus auf die Straße will, aber sie ist bereit, mir einen Faden in ausreichender Länge und Stärke zu überlassen. Mit leicht gerunzelter Stirn spult sie zwei Fuß von einer Garnrolle ab, schneidet ihn mit einer sparsamen Bewegung, die all ihre Missbilligung zum Ausdruck bringt, ab und überreicht ihn mir mit einem erzwungenen Lächeln. Ich danke ihr sehr höflich und versichere ihr, dass ich ihren Laden weiterempfehlen werde. Sie sieht gar nicht begeistert aus. Wahrscheinlich sieht sie Horden von Landstreichern in ihren Laden pilgern und um Fäden bitten. Sehr flott verabschiedet sie mich und schiebt mich fast zur Tür hinaus, noch bevor ich sie fragen kann, wo ich eventuell ein gebrauchtes Zelt herbekomme. Ich ziehe in Erwägung, den Laden noch einmal zu betreten und meine Frage zu stellen, aber dann lasse ich es doch bleiben. Mein Maß an Demütigungen ist für heute schon einigermaßen voll, ich weiß nicht, ob ich es drauf ankommen lassen soll, weitere hinzuzufügen. Auch meine Frustrationstoleranz kennt Grenzen.

Ich lasse meinen Koffer weiter vor mir herschweben und gehe die Straße entlang, schaue links und rechts in die Auslagen der Geschäfte. Irgendwo wird sich ein Laden finden, der mir das Gesuchte verkaufen kann, oder ich muss es in London versuchen. Meine Füße tragen mich fast wie von selbst zum Ortsende und ein Stückchen hinaus auf den Pfad, der zu den Felsen führt. Ich kenne das Gelände noch von früher sehr gut, es hat sich auch hier wenig verändert. Ein paar Häuser sind am Ende der Straße dazugekommen, aber dann ist die Landschaft rau und wild und unverändert.

Meine Eule hat sich ein bisschen beruhigt, ich nehme sie behutsam heraus und halte sie zwischen meinen Händen gefangen. Hoffentlich ist sie zahm genug, um mir nicht einfach davonzufliegen, wenn ich den Schrein meiner Hände öffne. Sie schaut mich aufmerksam an und hört mir zu, als ich mit ihr spreche. Es scheint so, als sei sie tatsächlich ausgebildet. Brav bleibt sie auf meinem Knie sitzen, als ich ihr den Brief ans Bein binde. Zur Belohnung streichle ich sie und gebe ihr noch einen von den zerkleinerten Keksen.

„Du musst diesen Brief zu Sirius Black bringen. Schaffst du das?", frage ich sie leise und eindringlich. „Es ist sehr wichtig für mich." Der kleine Kauz flattert aufgeregt mit den Flügelchen und fiept zur Antwort. „Gut, ich verlasse mich auf dich. Das ist eine verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe, du darfst den Brief auf keinen Fall jemand anderem bringen. Mach deine Sache gut." Er scheint ein wenig anzuschwellen vor Begeisterung und schwirrt ab wie ein flaumiger Schnatz. Hoffentlich schafft er es. Hoffentlich ist die Distanz nicht zu groß. Hoffentlich landet das Tierchen nicht im Schnabel des Hippogreifen. Ich hätte ihn warnen sollen, dass es da Schwierigkeiten diesbezüglich geben könnte. Zu spät. Er ist auf und davon. Mir ist trotz aller Bedenken leichter ums Herz. Wenn alles gut geht, sehe ich ihn bald wieder. Und wenn es noch besser geht, ihn und den, an den der Brief gerichtet ist.

Zurück im Dorf, durchwandere ich auch noch ein paar Seitenstraßen, bis ich einen viel versprechenden Laden in einem weniger belebten Winkel entdecke. Im Schaufenster ist ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Gegenstände ausgestellt, von ausgeblichenen Roben der vorvorletzten Saison bis zum ausgestopften Frettchen. Der Anblick des Frettchens erinnert mich unangenehm an einen vorlauten Slytherin-Schüler aus der dritten Klasse, dessen Name so vornehm ist, das er glaubt, sich alles erlauben zu können. Leider hat er nicht die vornehme Schönheit seiner Mutter geerbt, sondern das Frettchengesicht und die Großspurigkeit seines Vaters. Nun ja, das sind seine Probleme, um die ich mich Gott sei Dank nicht mehr kümmern muss.

Im Laden ist es schummrig, aber das kann mir auch nur so vorkommen, weil die Straße draußen inzwischen im gleißenden Sonnenlicht liegt. Als meine Augen sich an die spärliche Beleuchtung gewöhnt haben, erkenne ich weiteres Inventar. Es ist wirklich kunterbunt und nach keinem erkennbaren System aufgestellt. Ein sprechender Papagei in einem riesigen Käfig begrüßt die Kundschaft lautstark mit „Hallo, Sie da!", worauf ein leicht dubios wirkender Mensch mit ziemlich dunklem Teint aus dem Hinterzimmer erscheint und fragt, womit er dienen kann. Ich sage ihm, dass ich ein Zelt brauche, wenn's geht preiswert, muss nicht neu sein. Magische Sonderausstattung? Kommt drauf an, was das kostet. Einen Moment, bitte, sagt er und verschwindet durch einen Vorhang.

Ich warte den Moment, aber der zieht sich und mir wird langweilig. Ich bin normalerweise nicht der Typ, der sich die Dinge, die er sich nicht leisten kann, zu genau anschaut. Irgendwie habe ich immer Angst, jemand könne mir etwas verkaufen wollen, das ich eigentlich gar nicht haben will, nur weil ich es mir zu genau angeschaut habe. Ich habe immer noch das gleiche alte Problem mit dem Nein-Sagen. Ich kann auch nicht besonders gut verhandeln. Doch meine momentane finanzielle Situation ist da ganz hilfreich. Ich weiß sehr gut, dass ich mir nichts kaufen darf, was ich nicht brauche und dass ich einen möglichst guten Preis herausschlagen muss bei dem, was ich brauche. Und der Typ, der mich so lange warten lässt, ist auch keiner von den absoluten Sympathieträgern, da fällt es mir leichter, hart zu bleiben. Ich gehe ein paar Schritte und schaue mir die Auslagen in den Regalen an. Manches sieht nach billigem Tand aus, manches nach echten Antiquitäten, manches nach Notverkauf und manches schlicht nach Hehlerware. Ich hoffe, dass ich mich nicht strafbar mache, wenn ich hier was kaufe.

Das abgenutzte Lunaskop rechts direkt in Augenhöhe lässt einen Anfall von schlechtem Gewissen entstehen, wegen einer Sünde von vor über zwanzig Jahren. Ich habe Sirius' (nagelneues) Lunaskop absichtlich kaputt gemacht, weil ich Angst hatte, er könne damit hinter mein Geheimnis kommen. Dabei wusste er es längst zu diesem Zeitpunkt, doch er hatte es für sich behalten. Als ich es ihm mit siebzehn schließlich gestand, lachte er mich aus wegen des schlechten Gewissens, das ich fünf Jahre mit mir herumgeschleppt hatte. Ich schleppe es immer noch mit mir herum, obwohl er mir längst verziehen hat.

Meine Augen wandern weiter über zum Teil skurrile Objekte. Ein paar Glasaugen, die in einer mit Samt gefütterten Schatulle liegen und einen vorwurfsvoll anstarren. Eine Feder, die ungefragt ständig auf einem Pergament herumkritzelt. Hin und wieder hält sie inne und scheint zu überlegen, dann stürzt sie sich in ein (leeres) Tintenglas und schreibt weiter ihre unsichtbaren Memoiren. Ein Stapel alter, speckiger Tarotkarten, die sich unentwegt selber mischen und dann abheben, um einen neugierig zu machen. Zauberwürfel, die dem Besitzer angeblich Glück bringen, genauso wie mumifizierte Hasenpfoten, wobei die Würfel mit Sicherheit mehr Glück bringen. Vorausgesetzt man findet jemanden, der dumm genug ist, mit einem zu spielen und auf die gezinkten Dinger hereinzufallen. Überhaupt, jede Menge Glücksbringer, Kristallkugeln und Pendel, Räucherstäbchen, Wasserpfeifen, Knochenschnitzereien und Voodoo-Zeugs.

Neben einem Jade-Buddha sehe ich eine längliche Schachtel und denke schon an Ess-Stäbchen, aber als ich mich gerade abwenden will, blinkt es in meinem Augenwinkel und ich sehe noch einmal hin. Es ist ein Zauberstab, Mahagoni, ein bisschen abgenutzt mit ein paar Kerben im Holz. Ob er wohl noch was taugt? Vorsichtig nehme ich ihn heraus und betrachte ihn genau. Er fühlt sich warm an, ein gutes Zeichen. Ich schaue mich um, was ich wohl tun könnte, um ihn zu testen. Ich will ja nichts kaputt machen, was ich wohlmöglich bezahlen müsste, wenn er nicht richtig funktioniert. Vorsichtig richte ich ihn auf meinen Koffer und sage „Accio". Nichts passiert. Ich wiederhole meine Aufforderung, doch der Koffer rührt sich nicht. Pech gehabt. Ich lege das nutzlose Ding wieder in seine Schachtel. Entweder ist er unbrauchbar gemacht worden oder er geht einfach nicht mit meiner Magie konform. So was kommt vor. Vielleicht versteht er nur chinesisch? Die Schachtel sieht nach China aus, von außen mit geblümter Seide bezogen … Ich verstehe nicht allzu viel von der hohen Kunst der Zauberstabfertigung. Es gibt nicht viele Stabmacher, und die wenigen verraten nichts von ihrer Magie. Ich weiß zwar, dass es bestimmte Bäume gibt, die das Holz für die Zauberstäbe liefern. Bäume, die an magischen Orten wachsen und von Samen, Nuss oder Eichel an von magischen Wesen gepflegt, beschützt und sogar bewohnt werden. Auch dass der Kern aus einem tierischen Material ist, Einhornhaar, Drachenherzfaser und derlei Dinge. Da hat jeder Stabmacher seine eigenen Vorlieben.

Aber wieso diese Dinger mit manchen Menschen harmonieren und mit anderen nicht, das weiß niemand außer den Stabmachern, und die geben ihr Geheimnis nicht preis. Es wird vom Meister an den Gesellen weitergegeben, wenn der nach 15 Lehrjahren soweit ist. Meist ist es ein Familienmitglied, das Geheimnis wird vom Vater zum Sohn weitergegeben. Oft funktionieren die Stäbe innerhalb einer Familie ganz gut, so dass man sie austauschen und vererben kann, aber manchmal funktioniert nicht mal das. Andere Menschen wiederum können mit fast jedem Stab zaubern, den sie in die Finger kriegen. Sirius ist so ein Chamäleon, der das kann. Manchmal habe ich gedacht, er könnte auch einen Ast von einem beliebigen Baum abbrechen, selbst damit würde er noch zaubern. Als ich ihm das mal sagte, hat er gelacht. Er hat oft gelacht, früher. Sein Lachen war ansteckend und herzerfrischend. Bis zum Winter, in dem er von Zuhause weglief und sich auf dem Astronomieturm diese schwere Lungenentzündung holte. Danach klang es immer ein bisschen wie Bellen, wenn er lachte. Außer dieses spezielle, warme Lachen, das er sich für mich aufhob. Das klang nicht wie Bellen, sondern wie leises Plätschern in dunklem Wasser, wie Erdbeeren mit Schlagsahne, wie Streicheleinheiten auf nackter Haut.

Ich muss aufhören, an sein Lachen zu denken, sonst fange ich an zu weinen in diesem Laden voll Gerümpel. Keine Zeit für sentimentale Gedanken, sonst dreht mir diese Gestalt die Tarotkarten an oder den nichtsnutzigen Zauberstab. Ich schaue mich weiter um, aber zum Glück höre ich ihn von irgendwo her schnaufen. Er kommt mit einem anscheinend recht schweren Paket die Treppe herauf.

„Habe ich hier alles für den perfekten Urlaub. Zelt für ganze Familie, vier Zimmer, Küche, Bad und Vorgarten, inklusive Gartenmöbel."

Ich schaue ihn betreten an.

„Nicht teuer", beschwört er und nennt einen Preis, der weit über meinen Verhältnissen liegt.

„Vielen Dank für Ihre Bemühungen", sage ich und will gehen.

„Aber Sir!", interveniert er. Ich komme mir komisch vor. Niemand nennt mich Sir.

„Ich mache besseren Preis!", schlägt er vor.

Ich erkläre ihm, dass ich ein bescheidenes kleines Zelt für maximal zwei Personen brauche, er geht mit dem Preis runter. Ich sage ihm, dass ich keine Gartenmöbel brauche, er sagt, na gut, er zieht die Gartenmöbel ab. Der Preis geht noch ein Stückchen runter. Es ist immer noch zu viel für meinen Geschmack. Er legt einen Doppelpack frische Bettwäsche obendrauf.

Ich weiß nicht, was ein neues Zelt in der passenden Größe kosten würde. Er sieht meine Zweifel und schlägt vor, das Ding mal von innen zu besichtigen. Ich frage ihn, wie er das denn bewerkstelligen will.

„No problem", sagt er strahlend und winkt mir, mit ihm zu kommen. Durch den Vorhang (meinen Koffer nehme ich vorsichtshalber mit, wer weiß, wo der sonst ist, wenn ich wiederkomme), einen schmalen Gang entlang, drei Stufen hinunter, durch eine Tür, quer durch sein ziemlich orientalisches Wohnzimmer (in der Mitte steht ein mächtiger, mosaikverzierter Springbrunnen, die Sitzgelegenheiten bestehen aus sehr großen Kissen), durch eine Hintertür in einen Garten. Dieser Garten gehört eindeutig in einen anderen Kontinent. Was immer ich erwartet hatte, das nicht. Geschmackvoll und teuer sieht es hier aus, Südfrüchte reifen an gepflegten Bäumen und sogar Palmen und Bananen hat er hier, die Wiese sieht aus wie ein tausend Jahre gepflegter englischer Rasen, aber umgeben von weißen Kieswegen und Rabatten mit riesigen bunten Blumen. Er lächelt stolz, als er mein Gesicht sieht. Ich mache den Mund wieder zu.

Dann geht er auf die Wiese, packt mit zwei Handgriffen das Zelt aus und stellt es in magischer Geschwindigkeit auf. Oder mit anderen Worten, er winkt dreimal mit seinem Zauberstab und das Teil steht, mitsamt dem Vorgarten, der natürlich vergleichsweise poplig wirkt neben der exotischen Pracht, die ihn umgibt. Eigentlich brauche ich gar keinen Vorgarten, das könnte sowieso seltsam wirken inmitten eines Pinienhains. Zum Glück ist es Juni, Vorsaison und sicher nicht viel los, da wo ich hin will.

Der Händler winkt mir und eilt hinein. Von außen ist es ein bisschen schrill, eindeutig ein Zaubererzelt, bunt und überladen, mit Giebeldach und Schornstein. Verdammt, es wird schwer, das zu tarnen. Wieso muss mir so was passieren. Jetzt muss ich ihm klarmachen, dass er sich vermutlich umsonst bemüht hat. Ich kann unmöglich unauffällig wild campieren mit diesem Ding.

Drinnen ist es tadellos, besser habe ich selten in Häusern gewohnt. Voll Enthusiasmus führt mich der Mann durch alle Räume, zeigt mir die Küche und das Badezimmer. Das würde Sirius gefallen. Mit Whirlpool. Wasser läuft, Klospülung funktioniert, ich kriege alles vorgeführt. Es ist, als ob ich einen Kleinwagen kaufen wollte und eine Luxuslimousine angeboten bekomme, obwohl ich mir kaum ein Fahrrad leisten kann. Das ist wieder so typisch für mich. Wieso immer ich? Wahrscheinlich sieht man mir an, dass man es mit mir machen kann.

Er fährt mit den Händen über den weichen Stoff des Sofas und schaut mich herausfordernd an.

„Nun, was sagen Sie?"

„Toll", sage ich, „aber ich fürchte, ich kann es mir einfach nicht leisten. Haben Sie nicht was Kleineres, Unauffälligeres?"

Er macht ein Gesicht, als hätte ich ihm das Herz gebrochen.

„Was wollen Sie?", fragt er mit Leidensmiene und weinerlicher Stimme. „Ist das nicht ein Traum von einem Zelt? Für diesen Preis! Ich zahle ja beinahe drauf. Ist fast billiger als ich bezahlt habe."

„Ja", sage ich. „Ein Traum, den ich mir nicht leisten kann. Haben Sie was anderes?" Er flucht leise, geht hinaus und packt das Zelt mit einem schnellen Schlenker wieder ein, kaum dass ich draußen bin. Mit vor sich hingemurmelten Verwünschungen verschwindet er wieder im Haus, ich weiß nicht recht, ob ich mitgehen oder stehen bleiben soll. Er beachtet mich gar nicht mehr und ich komme mir dumm vor. Ich beschließe, stehenzubleiben.

Ich hasse solche Situationen. Ich fühle mich schuldig, weil er jetzt mies drauf ist. Natürlich weiß ich, dass das seine Strategie ist, aber das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben, bleibt latent bestehen. Ich würde ihm das Zelt am liebsten sofort abkaufen, es ist wunderbar. Aber dann kann ich mir nicht mal mehr Baguette und Milch leisten, von irgendwelchen Zimmern, die ich anschließend irgendwann doch mal anmieten muss, gar nicht zu reden. Abgesehen davon wäre ich vermutlich für den Londoner Wohnungsmarkt hoffnungslos verdorben, wenn ich ein paar Wochen in dieser Zelt-Villa gelebt hätte. Eine verführerische Stimme in meinem Hinterkopf sagt: Hast du dir nicht auch mal was richtig Gutes verdient? Ein Jahr lang hast du schwer gearbeitet und deine Sache gut gemacht. Willst du nicht dieses schöne Zelt nehmen und dir ein paar richtig tolle Tage gönnen?

Das ist Sirius' Stimme. Ich kenne sie. Er sagt so was, weil er sich nie was verkneifen konnte. Und weil er immer nur für den Moment gelebt hat. Weil er nie daran dachte, dass er nächste Woche auch noch von irgendwas leben muss. Das war dann meine Aufgabe - die Spaßbremse zu spielen. Meistens hat es nicht funktioniert. Er bekam fast immer, was er wollte. Und er ist immer damit durchgekommen. Wieso kann ich nicht so sein wie er? Wenn er wieder über seine Verhältnisse gelebt hatte, hat er immer jemanden gefunden, der ihn eine Woche lang durchgefüttert hat. Ein bezauberndes Lächeln von ihm und Mr. Potter hat ihm ein paar Galleonen vorgestreckt, oder Mrs. Figg hat ihn zum Essen eingeladen. Ja, mich auch. Aber nur, weil er so charmant gelächelt hat. Mir wäre es viel zu peinlich gewesen, immer wieder zuzugeben, dass ich mit meinem Geld nicht auskomme, ihm war es nie peinlich. Und als er seine Erbschaft gemacht hatte, war ihm sowieso nichts mehr peinlich, weil er genug Geld hatte, sich das Leben zu leisten, das er führen wollte.

„Moony, jetzt haben wir keine Sorgen mehr", hat er gesagt, und er hat es auch so gemeint. Er meinte WIR. Ich konnte das nicht so akzeptieren, dass er einfach alles bezahlen wollte. Ich fühlte mich wie ein Schmarotzer, der auf seine Kosten lebt. Es war mir unangenehm, von ihm ausgehalten zu werden. Wir bekamen ständig Stress, weil er mir feine Klamotten kaufen wollte, mich in teure Restaurants ausführte, mir ein Zimmer in seiner Wohnung einrichtete, den Urlaub in Kanada bezahlte. Er konnte nicht verstehen, dass es mein ohnehin schon unterentwickeltes Selbstwertgefühl noch mehr ankratzt, so von ihm abhängig zu sein. Er sah nicht ein, auf die guten Dinge zu verzichten, nur weil mein Stolz mich daran hinderte, seine Großzügigkeit auszunutzen. Verdammt, wenn ich an die vielen überflüssigen Konflikte denke, wird mir wieder das Herz schwer. Die Zeiten waren hart genug, warum konnte ich ihm das kurze Glück nicht ungetrübt gönnen? Hätte ich gewusst, wie kurz es sein würde, und wie lang und entsetzlich die Zeit danach, ich hätte mit ihm jede verdammte Sekunde zelebriert. Wieso musste ich ständig mit ihm streiten?

Sei nicht schon wieder so hart zu dir selbst. Ihr habt nicht ständig gestritten. Nur ab und zu.

Du meinst, zwei- bis dreimal am Tag läuft noch unter ab und zu?

Hey, es gab auch andere Tage.

Stimmt, es gab auch welche, an denen wir uns gar nicht gestritten haben, nicht mal ab und zu. Tage, an denen wir von früh bis spät Spaß hatten, an denen es uns richtig gut ging. Ob er sich an die noch erinnern kann?

Bestimmt. Hagrid hat gesagt, die guten Erinnerungen kommen zurück, wenn man da raus ist. Er ist ja schon fast ein ganzes Jahr lang draußen.

Ja, aber unter welchen Bedingungen? Ob ich dieses Bild jemals aus dem Kopf bekomme? Diese ausgemergelte, zerschundene Gestalt, die ich gestern in der Heulenden Hütte vor einem zornigen Teenager beschützt habe? Blutend und mit blau geschlagenem Auge.

Er hätte sich wehren können, wenn er gewollt hätte. Er hat sich von ihm verprügeln lassen. Du weißt, dass er einen Hang hatte, sich seine Strafe selbst aufzuerlegen.

Ja, das ist wahr. Ich werde nie vergessen, wie er aussah, als ich ihn auf dem Astronomieturm fand.

Nun, dann ist diese Frage wohl geklärt. Du wirst es nicht aus deinem Kopf bekommen, das Bild von gestern Abend. Es gehört in dieselbe Kategorie.

Der Typ kommt zurück, unterm Arm eine kleine Rolle in Nato-Grün. Er baut auch dieses Zelt mit Magie auf und lässt keinen Zweifel daran, dass er mit dieser Tat gerade seinen englischen Rasen beleidigt. Es sieht mehr wie eine Hundehütte aus, oder ist das nur, weil ich das andere Zelt zuvor gesehen habe? Wir wollen eigentlich beide nicht da hineingehen, aber er macht eine Geste, die ohne Worte ‚Geh hinein und schau dir das Elend an' ausdrückt. Ich krieche durch den Eingang und richte mich wieder auf. Es ist … deprimierend. Ein Wohnklo mit Kochnische, etwa so gemütlich wie die Heulende Hütte, aber nicht annähernd so viel Platz. Es riecht muffig. Ich bin sicher, es hätte meinen Ansprüchen genügt, bevor ich das andere gesehen hatte. Eigentlich passt es zu mir.

Ich hasse diesen Kerl für seine Durchtriebenheit. Natürlich gehört das auch zu seinem raffinierten Plan, mich auszunehmen. Spaßeshalber teste ich auch hier die Wasseranschlüsse. Sie funktionieren, zwar spuckend und geräuschvoll, aber sie funktionieren. Es bestände kein wirklicher Grund, dieses Zelt abzulehnen, wenn der Preis in Ordnung wäre. Es ist klein, unauffällig und zweckdienlich. Aber primitiv und ungemütlich ist es auch. Unseres damals war um Längen besser.

Ich hasse den Kerl!

Die Lust, überhaupt ein Zelt zu kaufen, ist mir fast vergangen. Ich trete wieder hinaus ins Freie und sage: „Danke. Ich werde mich wohl in London nach einem geeigneten Stück umsehen." Ohne es zu wissen, habe ich bei ihm damit wohl den richtigen Knopf gedrückt. „Sie wollen nicht mal wissen, was kostet? Ist billig! Gut. Ich verstehe. Nicht schön, dieses Zelt. Anderes viel besser. Ich mache guten Preis für anderes." Tatsächlich geht er noch ein Stück herunter. Es kostet jetzt nicht mal mehr ganz doppelt so viel wie die Obergrenze dessen, was ich maximal ausgeben wollte. Er führt mich arg in Versuchung. Die Stimme in meinem Kopf, die Sirius gehört, sagt Moony, nimm es dir. Du hast es verdient. Schau nur, wie glücklich du mich machen würdest … Traurig schüttele ich den Kopf.

„Sie wollen mich ruinieren?", fragt der Typ und geht mit dem Preis tatsächlich noch zwanzig Galleonen runter. Jetzt sieht er aber wirklich aus, als ob er Zahnschmerzen hätte.

„Okay, ich nehme es", sage ich und weiß, dass es mir Leid tun wird. Der Händler sieht aus, als hätte ich ihn beraubt und schimpft noch ein bisschen vor sich hin, während er das kleine Zelt wieder wegpackt, aber ich bin sicher, er macht immer noch Gewinn dabei, das Gezeter ist nur Show, die dazugehört, um dem Kunden das Gefühl zu geben, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Tatsächlich ruiniere nicht ich ihn, sondern er mich, aber das ist ihm ziemlich egal, nehme ich an. Dieser Gedanke hilft, das schlechte Gewissen ihm gegenüber abzuschalten. Jetzt bleibt nur das mir selbst gegenüber. Sei doch mal ein bisschen lockerer, sagt Sirius' Stimme in meinem Kopf und ich frage mich, seit wann er eigentlich da drinnen ist und auch noch mitredet. Reicht es nicht, dass ich ohnehin immer zu zweit bin? Muss ich jetzt sogar zu dritt sein? Sirius fängt an zu lachen, das spezielle Lachen, das mich dazu bringt, alles zu vergessen, worüber ich mich gerade aufgeregt habe.

Er ist schon sehr lange hier, aber in letzter Zeit war er ziemlich still. Du hattest ihm Redeverbot erteilt vor ein paar Jahren, erinnerst du dich?

Ja, stimmt. Ich habe mir jeden Gedanken an ihn verbeten. Ich wollte ihn nicht mehr hören. Er hat sich tagsüber auch meistens dran gehalten. Nur nachts in meinen Träumen hat er mir manchmal ins Ohr geflüstert. Ich konnte ihm nicht verbieten, mich nachts zu besuchen, er hat es einfach ignoriert.

Falsch. Du hast dich danach verzehrt.

Ja. Musst du eigentlich immer mitreden?
Seit gestern ist das Redeverbot aufgehoben, und schon mischt er sich wieder ein.

Es liegt an dir, ob du das zulässt. Du kannst ihm ja wieder Redeverbot erteilen.

Aber … das geht doch nicht. Ich will ja mit ihm reden, ich muss mit ihm reden. Wie soll ich jemals einen Dialog beginnen, wenn ich ihm den Mund verbiete? Was soll ich ihm sagen, wenn er kommt? Falls er kommt ...

Ich stehe wieder auf der Straße, mit einem großen Koffer, einer Tasche und einem Zelt, das weit über meine Verhältnisse geht. Das ich gekauft habe, um jemandem eine Freude zu bereiten, von dem ich nicht weiß, ob er kommen wird. Ich muss mich mal untersuchen lassen, ich glaube, mein Verstand hat sich gestern verabschiedet. Ach ja, in der Tasche finde ich noch eine Packung Eulenkekse, die ganz kleinen. Für eine Eule, von der ich nicht weiß, ob ich sie je wieder sehe.

Bleib cool, Moony, sagt Sirius' Stimme. Bin ich jemals nicht gekommen, wenn du mich gerufen hast?

146 Vollmonde.

Das ist nicht fair, sagt er.

Ich weiß.

Er ist vergrätzt und schweigt. Ich habe es wieder geschafft. Ich habe ihn beleidigt, und er ist noch nicht mal da. Ich brauche eine Therapie. Eigentlich wollte ich mir in den Drei Besen noch ein Mittagessen leisten, aber das habe ich gerade gestrichen. Ich probiere stattdessen einen von den Eulenkeksen. Der volle Mausgeschmack trifft auf meine empfindlichen Geruchsnerven. Ich spucke ihn wieder aus. So weit bin ich noch nicht.

Honeydukes winkt verführerisch mit glitzernden Auslagen und einem gemein guten Karamellduft, der über die ganze Straße zieht. Ein riesiger rot-weiß gestrudelter Lolly dreht sich vor der Tür um die eigene Achse. Nein, ich werde auch meiner Schokosucht widerstehen und mich zum Bahnhof begeben.

Aber irgendwas müssen wir heute noch essen, das weißt du schon?

Natürlich.

Du weißt, was passiert, wenn du Unterzucker hast?

Ja!

Willst du nicht doch wenigstens ein Sandwich …?

Voller Reue denke ich an die große Halle in Hogwarts und die gemeinsamen Mahlzeiten, warm und lecker, inmitten von netten Kollegen und fröhlich schwatzenden Schülern. Stattdessen werde ich alleine auf einer Bahnhofsbank ein laffes Sandwich zerkauen, das so gar nichts von einer befriedigenden Mahlzeit hat. Wer ist daran schuld? Er. Oder du. Ihr beide!

So, ich hoffe, es hat euch bis hierhin gefallen. Wäre wirklich toll, wenn der eine oder andere mal ein Review dalassen würde hoffnungsvoll um sich blickt und vergebens versucht, Sirius' Hundeblick zu imitieren