~Szenenwechsel: Ein großes Haus
Der Tisch war schön gedeckt, doch auch hier hatte die Hausherrin wieder etwas auszusetzen: „Melissa, wie oft soll ich ihnen sagen, wenn wir essen, wollen wir nicht so viele Blumen auf dem Tisch haben. Das kann doch wirklich nicht zu schwer sein oder rede ich zu undeutlich? Zu komplex oder einfach zu schnell?" Das eingeschüchterte Hausmädchen antwortete leise: „Nein Madam. Es ist nur…." „Was heißt nur? Okay ich rede extra für sie: WIR WOLLEN KEINE BLUMEN AUF DEM TISCH WENN WIR ESSEN! Deutlich genug?" „ Ja Madam, es wird nicht wieder vorkommen." Das Hausmädchen senkte den Kopf und lief flink in die Küche zurück. Die zurückgeblieben Hausherrin dachte sich: „Ich muss mir ein neues Mädchen suchen, die ist es nicht." Die hübsche Frau mit dem hochgesteckten hellbraunen Haar und dem edlen Twinset blickte sich in ihrem großen Haus um, das sie täglich pflegen ließ und hier von Zeit zu Zeit ihre wohlbekannten Partys gab. Jeden Tag war sie bei einer anderen Wohltätigkeitsorganisation um Veranstaltungen zu planen. Sie war jeden Tag umgeben von den verschiedensten Menschen, ständig dabei etwas zu tun, zu planen oder wieder einmal ein Hausmädchen zu feuern. Doch jedes Mal kam dieses Gefühl zurück, egal was sie gerade tat, ob sie alleine war oder mit ihren Freunden zusammen. Das Gefühl veränderte sich mit dem Laufe der Zeit. Am Anfang hatte sie noch alles verdrängen können, ihr war nicht bewusst gewesen, wie sehr sie noch darunter leiden würde. Sechs Jahre später dachte sie immer öfter daran, der Gedanke ließ sie fast nicht mehr los. Doch noch einmal sechs Jahre später, konnte sie an nichts anderes mehr denken, immer wieder fragt sie sich, wieso sie das getan hatte. Ihr fehlte dieses Stück, sie wollte es wieder haben. Es war ihr entrissen worden, wäre sie nur stärker gewesen. Doch das war ja nicht so, leider. Es war einfach viel zu früh, viel zu früh. Sie hatte keine andere Chance gehabt. Oder doch?
Wie in Trance ging die junge Frau nach oben, betrat ihr geräumiges Schlafzimmer, das sie mit ihrem geliebten Ehemann teilte. Schnurstracks ging sie hindurch und in ihr Badezimmer. Sanft schloss sie die Tür hinter sich, zog aus dem kleinen Schrank einen großen klobigen Schminkkoffer, stellte ihn zur Seite und rutschte näher an den Schrank heran. Sie griff ganz nach hinten in den Schrank und förderte ein kleines blaues Büchlein zu tage. Bei seinem Anblick verkrampfte sich ihr Gesicht und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie dachte nicht daran das Büchlein zu öffnen, es war einfach zu schmerzhaft.
~ Szenenwechsel: Das Krankenhaus
Das Mädchen saß aufrecht in ihrem Bett und tyrannisierte die Krankenschwester weiter: „Es kann doch nicht so schwer sein, ich möchte doch nur, das sie mir einen Becher Kaffee bringen, schwarz und ohne alles, aber nicht son koffeinfreien Kram!" „Miss, es tut mir wirklich leid, ich würde ihnen ja einen Becher Kaffee bringen, aber der Arzt hat es mir verboten. Er sagte mir ausdrücklich, dass sie keinen Kaffee bekommen sollen." „Aber wieso? Ich verstehe das nicht. Ich will einen Kaffee. Ich sage ihnen, ich werde nicht essen und nichts trinken, für die ganze Zeit, die ich hier bleiben muss." „Bitte, Miss, schreien sie hier nicht so herum, etwas leiser, ich bitte sie." Das Mädchen setzte sich etwas entspannter hin, strich ihr offenes dunkelbraunes Haar zurück und gab ihr wunderschönstes Lächeln preis. Mit sanfter und lieblicher Stimme flötete sie: „Meine liebe Frau, sie sind sicherlich sehr hilfsbereit und freundlich. Würden sie einer Todkranken, einen ihrer letzten Wünsche bitte erfüllen, egal was der Arzt sagt? Ich habe nicht mehr viel Zeit, " künstliche Tränen stiegen in ihre Augen, „ich will doch nur einen Kaffee haben. Bitte!" Sie legte sich langsam zurück aufs Bett und tat so, als sei sie von ihren Worten sehr erschöpft. Die Krankenschwester blickte das Mädchen mit traurigen Augen an und sagte mit leiser Stimme: „Miss, entschuldigen sie. In diesem Falle lässt sich sicher etwas machen. Ich bin gleich zurück." Schnell verschwand die Krankenschwester aus dem Raum. „Na geht doch. Wieso nicht gleich so? Hoffentlich hat sie nicht vergessen, dass ich ihn schwarz will." dachte das zurückgebliebene Mädchen, während sie auf das Wiederkommen der Krankenschwester wartete. Zehn Minuten später betrat diese das Zimmer wider, in der Hand einen großen, dampfenden Becher mit schwarzem Kaffe: „Vielen dank, sie sind ein Engel." In dem Moment piepte ein kleines Gerät am Gürtel der Frau, sie verabschiedete sich schnell und verließ den Raum. Das Mädchen hob den Becher an ihre lächelnden Lippen, trank einen großen Schluck und erschauderte: „Der ist koffeinfrei." Wie konnte man ihr so einen koffeinhaltigen Kram andrehen. Schrecklich! Da kam ihr eine Idee: „Luke!" Natürlich, wieso hatte sie nicht sofort an ihn gedacht. Er würde sie hier raus holen und dann gleich einen Kaffee mitbringen. Mit der einen Hand stellte sie den ekligen Kaffee auf den Tisch, während sie mit der anderen nach dem Telefon angelte. Ihre Finger flitzten über die Zahlen und wählten sich nach Stars Hollow durch. Das Freizeichen ertönte und noch einmal und noch einmal. „Danes", meldete sich eine tiefe Stimme aus dem Hörer. „Luke?", fragte das junge Mädchen mit zittriger Stimme. „Luke du musst mich hier rausholen, bitte." Am anderen Ende herrschte immer noch Stille. „Luke, Luke, dass ist nicht lustig." „Einen Moment Miss, ich hole Luke ans Telefon. Wie er holt Luke ans Telefon, Welcher Mann meldet sich im Diner mit „Danes" außer Luke? Merkwürdig… oh nein, bitte nicht. Erst diese Menschen, die behaupten sie seien ihre Eltern, dann ihre Mutter und nun auch noch Luke? Das kann doch nicht sein. „Hallo, hier ist Luke, wer ist denn da? Sind sie noch dran?" Langsam fand das Mädchen ihre Sprache wieder: „Luke, ich bin es, Lorelai. Ich bin im Krankenhaus, bitte hol mich hier raus und bring mir einen großen Kaffee mit." „Lorelai? Wer? Es tut mir leid, sie müssen sich verwählt haben, aber ich muss jetzt los." „Ja, Luke, du musst mich abholen, bitte!" „Nein Miss, ich muss jetzt zur Schule. Auf Wiedersehen!" Aus dem Telefon ertönte nur noch ein langes monotones „Tuuuuuuut!" Er hatte aufgelegt? Wie konnte er nur auflegen, er war ihr bester Freund. Wie konnte er sie einfach im Stich lassen? Moment, hatte er gesagt er müsse zur Schule? Schule? Spinnt er? Macht er sich über mich lustig? Er ist 34 Jahre alt, was will er da in der Schule? Das kann doch nich sein und wieso kannte er sie nicht. Seine Stimme hing ihr immer noch im Ohr: „Lorelai? Wer?" Das ist nicht möglich, sie kannten sich doch schon sooooo lange, jeden morgen isst sie bei ihm Frühstück und er versorgt sie mit Kaffee. Ihr wurde Schwindelig, alles drehte sich um sie, sie sackte nach hinten und verlor ein weiteres Mal das Bewusstsein.
