Kapitel 3 - 15. April 3047: San Francisco, Erde
Leider waren Togs Informationen relativ nutzlos. Zumindest gaben sie keine eindeutige Aufklärung über den Tag, an dem die H.M.S. Enterprise gesunken war. Die Daten der Ferengi enthielten dazu lediglich die Auskunft: »verloren gegangen im Oktober 1707«. Anscheinend war Daniels' großohriger Freund mehr damit beschäftigt gewesen, halblegale Geschäfte in dieser Zeit zu machen, als damit detaillierte historische Informationen zu sammeln.
»Typisch Ferengi«, dachte Daniels.
Zum Glück kostete die Information nur drei Barren goldgepresstes Latinum. Für Daniels war es schon ein kleines Wunder, dass die Ferengi nach so vielen Jahrhunderten immer noch nach materiellen Gütern strebten. Nur ihre Methoden hatten sich gewandelt - zumindest für Togs »Firma«. Sie reisten durch die Zeit um dort besonders seltene Güter zu erwerben. Dabei achteten sie aber sorgsam darauf, dass sie nicht ins Visier der Abteilung für Temporale Ermittlungen gerieten. Oft brachten sie von ihren »Geschäftsreisen« wertvolle historische Informationen mit, von denen Daniels bereits des Öfteren Gebrauch gemacht hatte. In diesem Fall jedoch musste er wohl auf eigene Faust ermitteln.
Mr. Jonas, sein Vorgesetzter, war nicht so einfach zu überzeugen, dass das widersprüchliche Datum einer Aufklärung bedurfte. Nach minutenlanger scheinbar vergeblicher Argumentation, hatte er seine Aufklärungsmission bereits abgeschrieben. Doch dann sagte der ältere Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches etwas, was Daniels überraschte:
»Dieses Schiff bedeutet Ihnen sehr viel, hm«
Er wusste zunächst nicht, was er darauf antworten sollte.
»Dieser Captain Archer aus dem 22. Jahrhundert hat Sie wohl so beeindruckt, dass sie alles über die Enterprise herausfinden wollen«
Einem halben Betazoiden konnte man schwerlich seine Gefühle verbergen. Daniels gab sich entwaffnet.
»Sie haben mich durchschaut, Sir«, antwortete er.
»Also gut. Ich erteile Ihnen die Erlaubnis für eine historische Aufklärungsmission. Ich erinnere Sie nur noch mal daran, sich nicht in irgendwelche Ereignisse einzumischen«
»Keine Sorge, Sir. Sie können sich auf mich verlassen.«
Von dem überraschenden Ausgang des Gespräches war Caroline jedoch nicht so begeistert.
»Du willst wieder auf eine Mission gehen?«, fragte sie leicht aufgebracht. »Hast du uns nicht versprochen, dass du nur noch Schreibtischjobs machen wirst und dich nie wieder in irgendwelche gefährlichen Jahrhunderte stürzen wirst«
»Liny«, versuchte Daniels seine Frau zu beruhigen, »es ist doch nur eine Aufklärungsmission. Es besteht absolut kein Grund zur Besorgnis«
»Ach ja? Von allem was ich bisher gehört habe, war das 18. Jahrhundert eine ziemlich kriegerische Zeit. Und du willst da mitten hinein und noch dazu auf ein Kriegsschiff«
»Ich werde alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, das verspreche ich dir«
Caroline stand noch immer mit verschränkten Armen vor ihm. Sie war noch nicht überzeugt. Seit seiner lebensgefährlichen Mission zur Beendigung des sogenannten Temporalen Krieges vor zwei Jahren geriet sie immer schnell in Panik, wenn er von Zeitreisen sprach.
»Schau, von dir aus gesehen, bin ich doch gar nicht lange weg. Ein paar Minuten, einige Stunden höchstens«
Hilflos sah er zu, wie seine Frau sich von ihm wegdrehte und sich hastig eine Träne von der Wange wischte. Seine eigene Begeisterung hatte einen gehörigen Dämpfer bekommen.
»Du weißt ja nicht, wie das ist.« Ihre Stimme klang hohl. »Ja, vor einigen Jahrhunderten mussten Angehörige Wochen oder gar Monate auf ihre Lieben warten, aber ...« Sie schaute auf die antike Standuhr, die unbekümmert vor sich hin tickte, das schwere Pendel sanft von einer Seite auf die andere schwingend. »Ich sitze hier und zähle jede Minute, erwarte jede Minute, dass einer deiner Kollegen mir die Nachricht bringt ... Wenn die Kinder nicht im Kindergarten sind, ist es noch schlimmer. Wir planen dann fröhlich den nächsten Urlaub oder Ausflug, den wir mit dir unternehmen wollen und die ganze Zeit kann ich an nichts anderes denken, als dass du ihn vielleicht nie erleben wirst. Du hattest es uns doch versprochen und nun gehst du wieder zurück«
Daniels stand einige Augenblicke wie versteinert da, doch dann ging er auf seine Frau zu und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte laut auf und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Lange Zeit standen sie reglos da, langsam versiegten ihre Tränen.
»Es tut mir ehrlich Leid, Liny. Ich wusste wirklich nicht, wie es dir ergeht, wenn ich auf einer Mission bin. Du warst immer so tapfer. Ich verspreche dir, dies ist das letzte Mal, wirklich«, beteuerte er.
Caroline hob ihren Kopf und schaute ihn mit leicht ironischem Lächeln an.
»Matthew, du sollst keine Versprechen geben, die du nicht halten kannst«
Daniels holte tief Luft, es blieb ihm wohl keine andere Wahl.
»Also gut, vielleicht ist es besser, wenn ich nicht «
»Nein!« Caroline schüttelte entschieden den Kopf. »Nein«, sagte sie noch einmal, »ich weiß doch, wie viel dir an diesem Projekt liegt und ich vertraue deiner Urteilskraft. Ich wollte dich nicht mit meinen Ängsten belasten«
Sie blinzelte einige Male hintereinander und starrte erneut auf die Standuhr.
»Ich seh dich ja bald wieder«
Als er keine Anstalten machte zu gehen, runzelte sie die Stirn, den Blick stur auf das Ziffernblatt geheftet.
»Matthew Aaron Daniels, geh, bevor ich es mir anders überlege«
Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er schlich in sein Arbeitszimmer, sein Herz war schwer. Er würde wohl demnächst ernsthaft über einige Prioritäten nachdenken müssen.
Die Sachen, die er brauchte, waren schnell zusammengepackt. Ein bisschen passende Kleidung hier, ein wenig moderne Ausrüstung dort. Und schon war er bereit sich ein letztes Mal in ein »gefährliches Jahrhundert zu stürzen«. Von Mr. Jonas erhielt er noch die letzten obligatorischen Anweisungen. Kein unnötiger Kontakt mit Einheimischen. Kein offener Einsatz von Technik. Keine Einmischung in historische Ereignisse. Daniels kannte das Prozedere. Schon dutzende Male hatte er es über sich ergehen lassen. Aber Vorschrift war nunmal Vorschrift.
Daniels war gespannt, was ihn in der Zeit, in die er sich nun begab, erwarten würde. Er trug bereits die typische Zivilkleidung, bestehend aus einem weiten weißen Hemd mit darüber gezogener Weste aus grobem Stoff und einer Hose aus demselben Material. Etwas unbequem waren ihm die Sachen schon, doch sobald die Mission begann, würde er das gar nicht mehr merken. Er trat auf die große Transporterplattform in der Mitte das Raumes und gab durch ein knappes Nicken zu verstehen, dass er bereit für den temporalen Transfer war. Als das vertraute Prickeln ihn umfing, schloss er seine Augen und stellte sich in Gedanken ein schönes Bild vor: Er zusammen mit Caroline und den Kinder auf einem einsamen Planeten irgendwo zwischen Gestern und Morgen.
