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Kapitel II: In dem Siegfried zu Besuch kommt

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19. Dezember 2001. Früher Morgen. Azuria City.

Es war Jahre her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Damals, als ihre Pokémonreise gerade erst angefangen hatte – damals, als sie noch Interesse daran hatte, die Pokemon Liga herauszufordern – war die Azuria City Arena ihr zweiter Arenakampf gewesen. Der Sieg war erbärmlich einfach gewesen, da ihr Starter, Bisasam, einen Typvorteil gehabt hatte. Trotzdem hatte sie ehrlich erwartet, dass es wenigstens eine kleine Herausforderung sein würde. Daisy hatte praktisch schon nach der ersten Attacke aufgegeben. Jedoch hatte sie gehört, dass die jüngste Waterflower den Platz der Arenaleiterin eingenommen und sich als sehr viel bessere Trainerin als jede ihrer drei Schwestern erwiesen hatte.

Leaf schritt auf die Arena zu (oder eher auf das, was davon übrig war) und steckte ihre Hände in die warmen Taschen ihres grauen Mantels. Sie war professionell angezogen – inklusive dünner, schwarzer Strumpfhose und Absätze – und ihr aschbraunes Haar war ordentlich zurück gebunden. Im reifen Alter von 15 musste sie sich älter kleiden, als sie aussah, wenn sie außer Haus allein Ermittlungsarbeit erledigte. Andernfalls würde niemand sie ernst nehmen. Ein Mädchen so jung wie sie, bei den G-Men? Pah! Lächerlich.

Mehrere Polizisten der Azuria Polizei bewachten das Gebäude hinter gelben Absperrbändern, als sie dort ankam. Leaf schlüpfte mit Leichtigkeit unter dem Band hindurch, aber sie wurde schnell von einem Polizisten angehalten, der mindestens doppelt so groß war wie sie.

„Warten Sie mal, Fräulein. Dieses Gebiet ist gesperrt", sagte er. Bevor Leaf antworten konnte, trat die in der Nähe stehende Officer Rocky von Azuria ein.

„Es ist okay", versicherte sie dem Mann, bevor sie sich Leaf zuwandte. „Sie sind Agent Greene, richtig? Siegfried hat gesagt, dass Sie kommen würden."

„Ja." Leaf nickte.

„Großartig, also, was können wir für Sie tun?", fragte Rocky freundlich und führte sie weg.

„Ich brauche nur einen Schlüssel zur Arena", entgegnete Leaf, als sie die schweren Metallketten bemerkte, die um die verkohlten Doppeltüren am Eingang lagen. Sie waren wahrscheinlich dazu da, um launische Jugendliche davon abzuhalten, dort noch größeren Schaden anzurichten.

„Die Struktur des Gebäudes ist zurzeit zu instabil, um jemanden hinein zu lassen."

„Dann vermute ich, Sie haben keine Ahnung, wie das Feuer ausgebrochen ist?", fragte Leaf und verschränkte die Arme. Rocky schreckte bei der Äußerung der jungen Agentin zurück, zeigte es aber nicht.

„Wir haben mit allen vier Azuria-Schwestern gesprochen, und alle haben davon berichtet, eine 'Explosion' gehört zu haben. Die gängige Theorie ist zurzeit, dass der Wasserboiler auf dem Dachboden überhitzt und explodiert ist, was irgendein elektrisches Kabel im Dach gezündet hat, wodurch das Gebäude schließlich Feuer gefangen hat", erklärte die Polizistin. „Eine Reinigungsmannschaft wird planmäßig heute Nachmittag anrücken. Danach werden wir hoffentlich mehr wissen."

„Richtig... Ich möchte trotzdem hinein", beharrte Leaf.

„Aber-"

„-es wird schon gut gehen."

Rocky zögerte ein letztes Mal, aber letztendlich händigte sie ihr den Schlüssel aus. Leaf bedankte sich bei ihr und ging auf die Arenatüren zu, wo sie den Schlüssel ins große Vorhängeschloss steckte und herumdrehte. Die Ketten fielen ab, und sie ging hinein.

Leaf rümpfte die Nase, als sie das Gebäude betrat. Die Luft war immer noch muffig und roch dick vom Rauch. Sie wusste, dass sie nicht lange bleiben konnte,um von den Dünsten nicht krank zu werden. Zum Glück wusste sie bereits, wo sie hin musste: zum Dachboden. Sie musste lediglich die Treppen finden, die nicht allzu schwierig zu entdecken waren. Sie schritt vorbei am großen Torbogen, der zum Indoor-Pool führte, der durch all die Asche und den heruntergefallenen Schutt voll von einer dunkelgrauen Brühe zu sein schien. Am Ende des Flurs fand sie die Treppen.

Zu ihrer großen Enttäuschung führten diese nur hinauf zum zweiten Stockwerk, weswegen sie entweder einen Eingang an der Decke finden oder auf eine andere Weise zum Dachboden gelangen musste. Sie stieg über eine zusammengebrochene Wand in etwas, das einmal ein Schlafzimmer gewesen war. Die meisten Möbel waren entweder verbrannt oder in der extremen Hitze geschmolzen. Ein frühmorgendlicher Sonnenstrahl drang durch ein gezacktes Loch in der Decke, was Leafs Interesse in mehr als nur einer Hinsicht weckte.

Sie ging vorsichtig auf die Öffnung zu, hörte aber etwas unter ihrem Absatz knacken. Sie blickte hinunter und sah, dass sie versehentlich auf das Glas eines Bilderrahmens getreten war, der das Feuer aus irgendeinem Grund überstanden hatte. Sie bückte sich, hob ihn auf und wischte die Asche ab. Das Foto zeigte drei Leute – einen dunkelhäutigen Teenager, ein burschikoses, rothaariges Mädchen und einen braunäugigen Jungen – die sie, wie Leaf auf einen Schlag begriff, alle wiedererkannte.. Der erste war Rocko Harrison, der sie nach ihrem Kampf in der Marmoria City Arena mit dem Felsorden belohnt hatte. Das Mädchen... Das rote Haar verriet, dass sie die Jüngste der Waterflower Familie, Misty, war.

Leaf sah sich einen kurzen Moment lang um und begutachtete ihre Umgebung. 'Das hier muss also ihr Zimmer gewesen sein', dachte sie.

Der Letzte war ein Junge, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, aber dieses schiefe Grinsen würde sie überall wiedererkennen. Ash Ketchum. Während ihrer frühen Kindheit waren beide zusammen mit Gary Eich in Alabastia aufgewachsen. Sie waren Freunde gewesen, hatten sich aber auseinandergelebt, nachdem...

Leaf nahm das Bild aus dem Rahmen und ließ es vorsichtig in ihre Manteltasche gleiten. Sie musste sich auf ihre aktuelle Aufgabe konzentrieren. Ihre Augen schützend trat sie ins Licht und schaute nach oben. Wie sie vermutete hatte, konnte sie von hier aus auf den Dachboden gelangen. Leaf verließ das Schlafzimmer kurz, um nach einem Stuhl zu suchen, der nicht von den Flammen zerstört worden war. Sie fand einen und zog sich, nachdem sie ihn zurückgebracht hatte, die hochhackigen Schuhe aus, stellte sich auf den Stuhl und zog sich nach oben.

Die Strumpfhose wurde bei der Kletterei zerrissen, und sie murmelte verärgert vor sich hin. Da gingen gerade sieben Dollar flöten.

Leaf zog eine kleine Taschenlampe aus ihrer Handtasche und machte sie an, um die dunklen Spalten zu erleuchten, die das Sonnenlicht nicht erreichte. Alles, was sie jetzt noch tun musste, war zu bestätigen, dass der Brand nicht mehr als ein Unfall gewesen war, damit die G-Men den Fall abschließen konnten. Sie musste nur den zerstörten Wasserboiler finden, der, nach dem großen Loch in Mistys Zimmer zu urteilen, nicht weit entfernt sein konnte.

Zu ihrer Überraschung befand er sich aber nicht einmal ansatzweise in der Nähe. Tatsächlich fand sie überhaupt nichts Entflammbares in der näheren Umgebung, abgesehen von einigen beschädigten Kupferkabeln in der Wand. Verwundert drehte sich Leaf wieder zum Bruch in der Decke um. Was konnte ihn nur verursacht haben? Sie bewegte sich vorsichtig auf die Öffnung zu und hörte, wie das alte, verbrannte Holz unter ihren Füßen knarrte.

Sie spürte die unebene, steinige Kante des Loches an ihrer Hand und schaute hinaus nach unten. Eine ganz schöne Fallhöhe. Sie wich zurück, aber als ihre Hand von der Wand abließ, verflüchtigte sich eine lilafarbene, schauderhafte Ablagerung von ihren Händen. Erschrocken machte sie einen Satz zurück in Mistys Schlafzimmer. Dann zog sie ihr PokéNav heraus und tippte eine Nummer.

„Siegfried, Ihnen wird nicht gefallen, was ich gefunden habe."

19. Dezember 2001. Mittag. Alabastia.

Ash fummelte am rostigen Drehknopf herum, um den Schlauch anzudrehen, aber er schien zu klemmen. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, nun mit beiden Händen, mit ganzer Kraft, das verfluchte Ding in Bewegung zu setzen. Doch es wollte sich noch immer noch vom Fleck rühren.

„Du musst es andersrum drehen", sagte Gary plötzlich hinter Ash, was ihn erschreckte und zusammenzucken ließ. „Hat man dir nicht beigebracht, dass man zum Festziehen nach rechts und zum Aufdrehen nach links zieht?"

„Mann, Gary, schleich dich doch nicht so von hinten an", sagte Ash abwehrend und drehte den Kopf, um seinen alten Rivalen anzusehen. Er änderte widerwillig die Richtung mit dem Drehknopf und stellte fest, dass er sich viel leichter drehen ließ. Pikachu, der neben dem Ende des Schlauches herumgesessen hatte, machte einen überraschten Satz, als er von einem Wasserstrahl getroffen wurde. Ash presste die Lippen zusammen und bereitete sich innerlich auf die Ladung Spott vor, die er gleich abbekommen würde.

„Wie halten es deine Freunde nur aus, mit dir zu reisen?", fragte Gary und hob eine Augenbraue.

Ash seufzte leise auf. Das war noch relativ zahm für Gary.

„Keine Ahnung", erwiderte Ash und schnappte sich den Schlauch. „Warum fragst du nicht Tracey oder Misty, wenn sie hier ankommt?" Er zielte mit dem Schlauch auf das Starmie in der Nähe und spritzte es mit Wasser ab. Dem Starmie schien es zu gefallen (Ash konnte sich nicht sicher sein; schließlich hatte es ja kein richtiges Gesicht), und es schüttelte das Wasser ab, nachdem der Trainer den Schlauch gesenkt hatte. Pikachu näherte sich und trank glücklich von dem fließenden Wasserstrahl, als Ash fertig war. Der Junge grinste.

Sie befanden sich bei Professor Eichs Labor. Ash und Pikachu waren die letzten paar Morgen vorbeigekommen, um dabei zu helfen, sich um den großen Zustrom an Wasserpokémon aus der Azuria Arena zu kümmern. Es war schwere Arbeit gewesen, da sich viele der Pokémon in der neuen Umgebung nicht wohl fühlten, besonders, weil viele von ihnen ihr ganzes Leben in der Arena verbracht hatten. Einige der Pokémon, die Misty vor ein paar Jahren auf ihre Reisen mitgenommen hatte, schienen Ash jedoch wiederzuerkennen und reagierten positiv auf ihn. Es half auch, dass Pikachu sich darauf verstand, den weniger gefügigen Pokémon einzureden, zu kooperieren.

„Ja, apropos Misty", begann Gary und verschränkte die Arme, „wo ist sie? Die Reise von Azuria nach Alabastia dauert zu Fuß nur zwei Tage, wenn man den Handelsweg nimmt. Sie müsste längst hier sein."

„Na ja", mischte Tracey sich ins Gespräch ein, während er auf die beiden Trainer zukam, „Daisy hat gesagt, dass sie mit Misty kommt, und Daisy ist ans Reisen nicht so gut gewöhnt wie Misty..."

„Oh, Daisy kommt", sagte Gary augenrollend und schmunzelte. „Und, Tracey, fragst du sie dann endlich, ob sie mit dir geht? Du brauchst weiß Arceus 'ne Freundin."

Traceys Gesicht wurde puterrot, aber er sagte nichts. Ash legte verwirrt den Kopf schief.

„Warte? Daisy und Tracey?", fragte er.

„Wo warst du denn die ganze Zeit?", sagte Gary sarkastisch. „Ja, Daisy und Tracey. Er ist ja auch erst seit zwei Jahren oder so in sie verliebt."

Ash grinste.

„Hey, das ist großartig!", rief er und strahlte Tracey an. „Es ist immer cool, eine gute Freundin zu haben."

Dieser Kommentar rief bei Gary und Tracey ausdruckslose Blicke hervor. Sogar Pikachu schien zu seufzen. Ash zog die Augenbrauen zusammen.

„Was?", fragte er. Gary schüttelte den Kopf.

„Junge, Misty hat bestimmt eine Menge Spaß mit dir", murrte er.

„Ha! Das kannst du laut sagen", sagte eine bekannte Stimme hinter den drei jungen Männern.

Die drei drehten sich um, um einen gewissen Rotschopf mit einem Schmunzeln im Gesicht am Holzzaun lehnen zu sehen. Daisy stand mit Azurill auf dem Arm in der Nähe.

„Misty!", rief Ash glücklich. Er rannte zu ihr, sprang über den Zaun und zerdrückte sie mit einer Umarmung. Mistys Gesicht lief rot an, als er sie fest in die Arme nahm.

„H-hey, krieg keine Luft!", stammelte sie mit leicht angestrengter Stimme.

Ash ließ sie verlegen los, wobei seine Hand fest auf ihrer Schulter liegen blieb.

„'Tschuldigung", entschuldigte er sich grinsend. „Es ist halt schön, dich zu sehen. Und oh Mann, bin ich froh, dass es dir gut geht! Du hast keine Ahnung, wie viel Angst ich hatte, als ich diesen Nachrichtenbericht gesehen habe..."

„Ja...", sagte sie mit leiser werdender Stimme. Sie bevorzugte es, nicht über dieses Thema zu reden oder nachzudenken. Obwohl es stimmte, dass sie sich darauf gefreut hatte, aus der Arena herauszukommen und Alabastia über die Feiertage zu besuchen, deprimierte sie der Gedanke, dass sie danach kein Zuhause hatte, in das sie zurückkehren konnte. Nichtsdestotrotz hatte sie immer noch vor, ihre Zeit in der Kleinstadt so gut wie möglich zu genießen, und noch wichtiger, ihre Zeit mit Ash zu genießen, bevor er unweigerlich nach Einall zurückkehren würde.

„Wisst ihr schon, wie das Feuer zustande gekommen ist?", fragte Tracey.

„Keine Ahnung", antwortete Daisy und strich sich eine hellblonde Locke aus dem Auge, nachdem sie Azurill auf dem Boden abgesetzt hatte. Das gepunktete Pokémon schlenderte sofort zu seiner Trainerin herüber.

„Wir haben heute Morgen in Vertania City mit Lilly und Violett telefoniert. Sie haben gesagt, dass jemand von dieser Ermittlungsorganisation hat das Ganze noch weiter untersucht und sie befragt", sagte Misty, während sie das kleine Azurill hochhob und es zärtlich an sich drückte.

„Welche Organisation?", fragte Ash und hob den Kopf.

„Haben sie nicht gesagt", antwortete Misty achselzuckend.

„Bah, das ganze Gerede über die Arena ist so ein Stimmungsdämpfer", sagte Daisy abwinkend. „Außerdem tun meine Füße weh, und ich könnte ein Glas Wasser gebrauchen. Lasst uns nach drinnen gehen."

Ein genervter Ausdruck bildete sich in Mistys Gesicht beim dreisten Vorschlag ihrer Schwester. Sie wollte gerade ihre ältere Schwester daran erinnern, dass es unhöflich war, sich selbst in die Häuser anderer Leute einzuladen, aber Tracey kam ihr zuvor.

„Ja, klar", sagte er mit einem freundlichen Lächeln. Er öffnete das Tor, sodass sie leichter hindurchkommen konnten, ohne über den Zaun klettern zu müssen. Pikachu sprang auf Ashs Schulter, als er auf ihn zukam.

„Oh, bitte, lass mich das übernehmen, Daisy", bot Tracey höflich an und griff nach der Tasche, die sie trug. Daisy lächelte ihn kokett an.

„Oh, Tracey, du bist echt süß", sagte sie. „Danke."

Misty und Gary sahen sich an und teilten einen Augenblick stillen Schmerzes, während Ash weiter hinten blieb und ihm die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stand.

19. Dezember 2001. Nachmittag. Zweiblattdorf.

„Komm schon, Loosie! Beeil dich!" Kenny schrie laut genug, um von seiner Koordinatorenkollegin gehört zu werden. Der Junge saß neben Barry auf dem Sofa in Lucias Haus und wartete darauf, dass das Mädchen sich oben in ihrem Zimmer fertig machte.

„Nur eine Minute!", antwortete Lucia mit aufgrund der Entfernung leicht gedämpfter Stimme. Kenny sackte in sich zusammen und verschränkte die Arme.

„Übersetzung: fünf Minuten", grummelte er leise.

„Ja, ich schwöre, sie ist jetzt schon seit einer halben Stunde oder so da oben!", fügte Barry hinzu. „Wenn sie da nicht bald runterkommt, brumm' ich ihr mächtige Schulden auf! Warum brauchen Mädchen überhaupt so lange, um sich fertig zu machen?"

Weil", fing Lucia an, mit Plinfa im Arm am unteren Ende der Treppe erscheinend, „Mädchen sich wenigstens um ihr Aussehen kümmern. Außerdem, weißt du, wie lange es dauert, seine Haare zu föhnen und ein hübsches Outfit rauszusuchen?"

„Plin!", rief Plinfa, um seine Trainerin zu verteidigen.

„Ich versuch mal eine Vermutung: Zwei Stunden?", sagte Kenny mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Dann hielt er inne und, nachdem er sie begutachtet hatte, fügte grinsend hinzu: „Obwohl du schon ziemlich hübsch aussiehst, Loosie. Versuchst du, bei jemandem Eindruck zu machen? Barry vielleicht? Du weißt aber, dass das bei ihm nicht funktioniert, oder?"

Das Mädchen rollte mit den Augen und warf ihren langen, blauen Pferdeschwanz über die Schulter.

„Ha, ha, sehr witzig, Kenny", sagte sie. „Du weißt doch, dass ihr beide nur Freunde seid." Kennys Augenlider senkten sich ein kleines bisschen.

„Ja", antwortete er, mit merklich weniger Enthusiasmus in der Stimme. Barry warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Man musste kein Genie sein (und Barry war sich sicher, dass er keines war), um mitzubekommen, dass Kenny Gefühle für das rehäugige Mädchen hegte. Der Verdacht des Blonden hatte sich erst einige Tage zuvor bestätigt, als Kenny es ihm anvertraut hatte. Es brachte Barry in eine ungünstige Situation, da beide seine Freunde waren, und das gefiel ihm nicht.

„Wie auch immer, lasst uns gehen!", fuhr Lucia fort, ohne Kennys Schmollen zu bemerken. „Ich bin am Verhungern!" Barry sprang auf die Füße, froh, dass die Stimmung sich verbessert hatte.

„Genau! Du hast so lange gebraucht, dass ich's kaum erwarten kann, mir was zu essen zu holen!", sagte er und ballte die Hände zu Fäusten. Das rief bei Lucia ein zweites Augenrollen hervor, aber nichtsdestotrotz wagte sich die kleine Gruppe nach draußen und jeder schnappte sich sein jeweiliges am weißen Lattenzaun lehnendes Fahrrad.

„Gut, Kenny, du bist derjenige, der uns dieses neue Restaurant in Sandgemme zeigen wollte, also zeig uns den Weg!", sagte Lucia, während sie auf ihr Fahrrad stieg und Plinfa in den vorderen Korb setzte.

„Alles klar!", erwiderte Kenny und fuhr los. Barry und Lucia folgten dicht hinter ihm.

Die drei Trainer machten alle eine Pause von ihren Reisen und waren für die Feiertage wieder in ihrer Heimatstadt zusammengekommen. Obwohl sie die meiste Zeit mit ihren Familien verbrachten, hatten sie es geschafft, fast jeden Tag seit ihrer Ankunft etwas zusammen zu unternehmen. Und sie hatten tatsächlich eine Menge Spaß: Sie waren bowlen, shoppen (nun ja, das hatte vor allem Lucia Spaß gemacht; Kenny und Barry waren nur widerwillig dabei gewesen), und hatten sogar die Zeit für etwas Training und Freundschaftskämpfen gefunden.

„Hey, macht mal langsam!", sagte Barry, als Lucia und Kenny an ihm vorbei strampelten.

„Nur weil du nicht mithalten kannst-", begann Kenny schmunzelnd.

Kennys Worte verblassten im Hintergrund von Lucias Gehirn, als sie rotes Haar aufblitzen sah und ein Charmian erblickte, das mit seiner Trainerin zu Fuß am Straßenrand direkt vor ihnen unterwegs war.

„Leute, langsam!", schrie Lucia.

„Hab' ich doch grade gesagt!", schmollte Barry. Lucia kam auf dem felsigen Weg schlitternd zum Stehen und Kenny und Barry taten es ihr gleich. Das Mädchen, wegen dem Lucia angehalten hatte, drehte den Kopf und lächelte.

„Aber hallo, Lucia", sagte Zoey mit einer freundlichen, salutartigen Geste. „Ich hab mir schon gedacht, dass ich dir hier über den Weg laufen würde."

Lucia klappte den Fahrradständer aus und stieg ab, um ihrer Freundin und Rivalin entgegenzukommen.

„Es ist so schön, dich zu sehen!", rief sie fröhlich. „Aber was machst du hier in Zweiblattdorf?"

„Ach, ich bin nur auf der Durchreise nach Blizzach. Ich habe vor, mich mit Missionior zu treffen", antwortete Zoey mit einem Achselzucken.

„Ach so", überlegte Lucia. „Oh! Wie unhöflich von mir, ich sollte euch einander vorstellen! Zoey, das ist Barry, und du erinnerst dich an Kenny, oder?"

„Schön, dich kennenzulernen", sagte Barry und winkte.

„Gut, dich wiederzusehen", fügte Kenny freundlich lächelnd hinzu.

"Ebenfalls", sagte Zoey. "Ich hab' dich seit dem Großen Festival nicht mehr gesehen." Kenny sah mit einem Mal ein wenig verlegen aus.

"Ah hah, ja… Nicht mein bester Auftritt," sagte er, während er sich am Hinterkopf rieb.

Zoey winkte ab.

„Wie auch immer, ich vermute mal, dass ihr alle befreundet seid?", fragte sie.

„Yep! Wir wohnen alle in Zweiblattdorf ", sagte Lucia. „Wir waren gerade auf dem Weg nach Sandgemme, um ein Restaurant zu testen, das laut Kenny richtig gut sein soll."

„Atemberaubend", verdeutlichte Kenny. Lucia ignorierte ihn und fuhr fort:

„Weißt du, du solltest mitkommen!"

„Würde ich wirklich gerne, aber ich muss unbedingt vor Einbruch der Nacht in Jubelstadt sein", gestand Zoey. „Ich wollte eigentlich heute Nacht in Zweiblattdorf bleiben, aber das Motel ist voll, und ich möchte nicht nach Sonnenuntergang hilflos im Wald der Verwirrtheit enden."

Ein verstehendes Summen ging von der Gruppe aus.

„Ja, das wäre wahrscheinlich keine so gute Idee, bei all den Damhirplex, die dort leben", stimmte Barry zu, verschränkte die Arme und nickte mit dem Kopf. Er kippte beinahe um, nachdem er den Lenker losgelassen hatte, was ihm ein Kichern von Kenny einbrachte.

Lucia schenkte ihnen jedoch kaum Aufmerksamkeit, während sie daran dachte, wie enttäuschend es war, dass Zoey nicht länger bleiben konnte. In Hoenn an Wettbewerben teilzunehmen machte Spaß, aber es fühlte sich komisch an, wenn ihre üblichen Rivalen die Dinge nicht belebten. Dann kam ihr eine Idee.

„Na ja, wieso übernachtest du heute nicht bei mir?", schlug sie vor. Zoey schien etwas überrascht von dem Angebot.

„Oh, Lucia, das ist sehr aufmerksam von dir, aber-", fing sie an, bevor sie unterbrochen wurde.

„- kein Aber. Ernsthaft, es ist keine große Sache. Du kannst bei mir im Zimmer schlafen. Ich weiß, dass meine Mom ganz bestimmt nichts dagegen haben wird", beharrte Lucia mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Meine Freundin Leona hat total oft bei mir übernachtet, bevor ihre Familie die Stadt verlassen hat."

Zoey kicherte. Sie hatte bereits eingesehen, dass Lucia bei dieser Sache ihren Willen durchsetzen würde.

„Nun, wenn du darauf bestehst, dann okay", sagte sie. „Aber ich hab kein Fahrrad, um mit euch mitzuhalten."

„Nicht schlimm, du kannst dich einfach auf meinen Lenker setzen", bot Kenny an, sich wieder dem Gespräch zuwendend. „Ich dreh schon nicht durch, versprochen."

Zoey sah etwas misstrauisch, unsicher, ob sie ihm vertrauen sollte oder nicht. Sie kannte ihn nicht so gut, und sie hatte keine Ahnung, ob er irgendein idiotisches Manöver unternehmen würde, bei dem sie herunterfallen könnte. Sie schaute zu Lucia, um ihre Meinung zu erfahren.

„Ich würde dieses Versprechen mit Vorsicht genießen, wenn ich du wäre", sagte Lucia halb flüsternd, aber sie sprach gerade laut genug, dass Kenny sie auch hören konnte.

„Hey! Das nehm ich dir übel", sagte er und zielte einen wütenden Blick auf Lucia ab. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Zoey zu. „Nein, ich schwör's! Ich werde ganz vorsichtig sein. Ich bezahle sogar dein Mittagessen, wenn du runterfällst."

Barry grinste die Rothaarige an.

„Das ist ein ziemlich guter Deal", sagte er.

Zoey schmunzelte.

„Na gut", gab sie nach. Zoey rief Charmian zurück in ihren Pokéball und verstaute ihn in ihrer Tasche. Dann ging sie, wenn auch etwas zögerlich, auf Kenny zu und kletterte auf den Lenker.

„Sitzt du sicher?", fragte Kenny nach einem Augenblick.

„Denke schon", antwortete Zoey. Sie schien sich sehr unwohl zu fühlen, aber Kenny beruhigte sie mit einem freundlichen Grinsen. Lucia stieg wieder auf ihr Fahrrad und strich Plinfa währenddessen liebevoll über den Kopf.

„Kommt schon, kommt schon! Lasst uns gehen!", rief Barry, als alle bereit waren. „Im Ernst, ich bin jetzt am Verhungern!

19. Dezember 2001. Spätnachmittag. Blütenburg City.

„So, da sind wir!", verkündete Maike zufrieden und warf die Arme hoch, als bereitete sie sich gerade für eine große Präsentation vor. „Blütenburg City!"

Sie und Drew standen mitten auf der Straße am Eingang der Stadt. Drew beobachtete das Getue seiner Rivalin amüsiert, doch wie immer blieb er auf Distanz. Seine Hände waren in seine Hosentaschen gestopft, und er war etwas von ihr weggedreht.

Sie waren gestern Nachmittag mit dem Boot in Hoenn angekommen, wo sich die beiden jungen Koordinatoren von Harley getrennt hatten. Obwohl Graphitport City seine Heimatstadt war, ging er wohl nach Xenoroville, um seine Familie zu besuchen. Folglich brachen Maike und Drew allein nach Blütenburg auf, was keine große Sache war. Beide hatten bereits ihren gerechten Anteil an Reisen ohne die 'Aufsicht eines Erwachsenen' gehabt. Drew reiste sowieso nie mit irgendjemandem, außer vielleicht die paar Male, als er gerade zufällig dasselbe Ziel gehabt hatte. Maike hatte sich eher Sorgen darum gemacht, ob sie sich mit ihrem Rivalen, mit dem sie zu häufigen Streiterein neigte, auf der Reise gut verstehen würde. Überraschenderweise waren beide recht zivilisiert miteinander umgegangen.

„Also, was denkst du?", fragte Maike, während sie nebeneinanderdurch die Stadt schlenderten, vorbei an verschiedenen kleineren Geschäften und Nachbarschaften.

„Es ist sehr… urig", antwortete Drew nachdenklich.

Maike sah ihn neugierig an.

„Urig?", fragte sie nach.

„Das muss nicht unbedingt schlecht sein." Er zuckte mit den Schultern.

Maike antwortete nicht; stattdessen griff sie sich seinen Jackenärmel und zeigte geradeaus.

„Guck mal! Da ist sie", sagte sie und lachte beglückt. „Die Blütenburg Arena!"

Drew hob leicht die Augenbrauen, obwohl seine Mundwinkel hochgezogen waren.

„Stimmt, ich habe vergessen, dass du die Tochter eines Arenaleiters bist", sagte er.

„Komm schon, ich stelle dich allen vor", sagte Maike mit einem breiten Lächeln. Sie zog ihn mit sich, die Steintreppe hinauf und auf die Veranda. Normans Arena-Assistent, Kenny – Ken, wie er jetzt genannt werden wollte – fegte gerade.

"Ken!", sagte Maike etwas überrascht. "Ich habe gar nicht damit gerechnet, dich hier zu sehen."

"Hi, Maike", grüßte er schüchtern. "Na ja, dein Vater nimmt noch immer Herausforderungen an, obwohl bald Weihnachten ist, und deswegen bin ich auch immer noch am Arbeiten." Er hob leicht den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit etwas mehr Drew zu. "Seid ihr beiden zusammen?", fragte er.

Drew blinzelte und bemerkte, wie er und Maike ausgesehen haben mussten. Sie standen nah beieinander und Maike hielt immer noch seinen Ärmel fest. Er schüttelte sie behutsam ab. Er wollte ihren Eltern keinen falschen Eindruck vermitteln, falls diese zufällig in diesem Moment auftauchen sollten.

"Oh, nein", sagte Maike nervös lachend. "Er ist nur ein guter Freund von mir. Wir nehmen beide an Wettbewerben teil."

"Ach so", antwortete Ken. "Nun, deine Eltern warten schon den ganzen Tag auf euch und freuen sich sehr darauf, euch zu sehen."

Maike nickte und bedankte sich. Dann führte sie Drew nach drinnen.

Sobald Maike den Holzboden betrat, wurde sie von ihrem kleinen Bruder Max beinahe umgerannt. Ihre Pokémon, Eneco und Mampfaxo folgten ihm aufgeregt, um ihre Trainerin zu sehen.

"Nya!", schrie Eneco, machte einen Satz in ihre Arme und rollte sich dort zusammen.

"Mampf! Mampfaxo!", rief das andere Pokémon und klammerte sich an ihr Bein.

"Ich bin so froh, dass du hier bist", sagte Max und grinste zu ihr hoch, während er ihr Eneco am Kopf streichelte.

"Ich auch", sagte Maike. "Und du wirst ja immer größer! Dir fehlen bestimmt nur noch um die zwanzig Zentimeter, um mich einzuholen!" Max schob seine Brille an der Nase hoch.

"Warte nur, du hast nur noch ein paar Jahre, bis du aufhörst, zu wachsen, und dann werde ich dich überholen!", verkündete er. "Mädchen hören mit 16 und Jungen mit 21 auf."

"Ja, ja", sagte Maike und winkte ab.

"Oh, Maike, es ist so schön, dich wieder zu Hause zu haben", grüßte Caroline, die gerade zusammen mit Norman die Diele betrat.

"Mom!", rief Maike glücklich und umarmte sie. Sie sah auch ihren Vater herzlich an. "Dad", begrüßte sie ihn fröhlich.

"Hallo, Liebling", antwortete Norman. Dann drehte er seinen Kopf in Drews Richtung und warf ihm ein willkommen heißendes Lächeln zu. "Und du musst Drew Hayden sein. Maike hat mir alles über dich erzählt. Es ist schön, dich kennenzulernen." Er streckte die Hand aus.

"Danke, dass ich hier sein darf, Herr Maple", antwortete Drew höflich und schüttelte seine Hand.

"Bitte, nenn mich Norman", entgegnete Maikes Vater.

"Und du darfst mich auch Caroline nennen. Es ist eine Freude, dich hier zu haben, Drew", sagte Caroline mit einem freundlichen Lächeln. "Wir hoffen, du genießt deine Zeit bei uns."

Maike strahlte ihren Rivalen an, froh darüber, dass das Treffen so gut zu verlaufen schien. Drew bemerkte ihre beschwingte Miene, behielt aber seinen stoischen Gesichtsausdruck bei, unsicher, wie er reagieren sollte. Max' Augen weiteten sich plötzlich, als ob er sich gerade an etwas erinnerte.

"Oh, Maike, ihr hattet in der letzten Zeit nicht die Möglichkeit, die Nachrichten zu schauen, oder?", fragte er.

Maike sah ihn komisch an und hob eine Augenbraue.

"Nein...?", antwortete sie vorsichtig, unsicher, worauf er hinauswollte.

"Ja, es ist Wahnsinn!", begann Max. "Du erinnerst dich an Misty - du weißt schon, die Arenaleiterin aus Kanto, mit der Ash früher gereist ist?" Maike nickte. Max fuhr fort: "Nun, ihre Arena ist vor ein paar Tagen abgebrannt!"

"Was?", fragte Maike ungläubig, während sich Angst in ihren Augen breitmachte.

Drew merkte alarmiert auf und warf ihr einen besorgten Blick zu.

"Es geht ihr aber gut", fügte Max schnell hinzu.

Maike stieß einen tiefen, erleichterten Seufzer aus.

"Mann, warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hast mir solche Angst gemacht!", sagte sie.

Max zuckte verlegen grinsend mit den Schultern.

"Tut mir Leid", entschuldigte er sich. Maike tippte nachdenklich mit dem Finger gegen ihr Kinn.

"Ich denke, ich sollte sie anrufen, um mal nach ihr zu sehen", sagte sie. "Ich glaube, ich habe ihre Nummer in meinem PokéNav eingespeichert - uh, aber das bringt auch nichts, wenn das Telefon der Arena zerstört wurde..."

"Du kannst dich später darum kümmern, Kontakt mit deiner Freundin aufzunehmen. Warum zeigst du Drew nicht erst einmal das Gästezimmer?", schlug Caroline vor. "Während ihr beide oben seid, mache ich euch einen kleinen Snack vor dem Abendessen. Ihr müsst doch nach all dem Reisen am Verhungern sein!"

Maike riss sich aus ihren Gedanken.

"Was? Oh, ja, 'tschuldigung", sagte sie, immer noch etwas abgelenkt. Dann wandte sie sich Drew zu und berührte leicht sein Handgelenk. Seine grünen Augen blitzten bei dem Kontakt neugierig auf.

"Hier, es ist gleich die Treppe hoch", fuhr Maike fort.

Als sie ihn weggeführt hatte und außer Hörweite war, prustete Max auf.

"Meine Güte, ich bin überrascht, dass die beiden noch nicht miteinander gehen", sagte der Junge und verschränkte die Arme. "Im Ernst, habt ihr gesehen, wie er sie gerade angesehen hat? Bis über beide Ohren verliebt, ich sag's euch."

"Aber wäre es nicht niedlich, wenn sie hier bei uns zusammen kommen würden?", sagte Caroline mit einem Funkeln in den Augen. "Überleg doch mal, Norman, der erste Freund unserer Tochter! Wie aufregend!" Normans Miene wurde ausdruckslos.

"Ja", sagte er tonlos, "Fantastisch."


"Gut, da sind wir", sagte Maike, während sie die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Ihre Fröhlichkeit war wieder hergestellt, trotz des Gespräches über Mistys Arena unten im Flur. "Ich weiß, es ist schlicht, aber Mom hält es für den Fall, dass wir Gesellschaft kriegen, immer sauber."

Schlicht war eine perfekte Beschreibung des Zimmers. Es gab keine prägenden Dekorationen, und der Teppich, die Wände und Vorhänge hatten alle verschiedene Variationen einer faden Cremefarbe. Der Raum enthielt jedoch alles Nötige (Bett, Kommode, Nachttisch und Wecker), und das war das einzig Wichtige. Drew legte seine Tasche auf dem Bett ab.

"Deine Familie scheint sehr nett zu sein", bemerkte er plötzlich. Maike war auf diesen Kommentar wohl nicht vorbereitet.

"Na ja, wir streiten uns schon ab und zu", entgegnete sie achselzuckend. "Aber wir haben uns trotzdem alle lieb."

Drew war einen Augenblick lang still, was ungewöhnlich war. Obwohl er nicht so redselig war wie Maike, war er auch kein Fan von langen Gesprächspausen.

"Übrigens denke ich, dass ein 'Danke' angebracht ist", sagte er zu ihr gewandt, während er sich auf das Bett setzte. Maike legte den Kopf schief.

"Was meinst du?", fragte sie.

"Obwohl du mich so grob dazu gezwungen hast, hierher zu kommen...", begann er mit einem Schmunzeln, "...weiß ich es seltsamerweise zu schätzen. Also, vielen Dank."

Maike hätte vielleicht gelacht, wenn sie nicht gewusst hätte, dass Drew es todernst meinte. Sie biss sich auf die Lippe und setzte sich neben ihn.

"Drew... Ich will meine Nase ja nicht in deine Angelegenheiten stecken, aber wieso möchtest du deine Familie in La Rousse nicht sehen?" Sie sprach mit offensichtlichem Zögern in der Stimme.

Obwohl Drew schon halb erwartet hatte, dass sie das fragen würde, brachte ihn die Frage aus dem Konzept. Er schien einen Moment lang innerlich seine Möglichkeiten abzuwägen. Maike beobachtete ihn argwöhnisch, und ihr Gesicht hellte sich auf, als es so aussah, als würde Drew sich gleich öffnen. Aber dann presste er in letzter Sekunde die Lippen aufeinander.

"Tut mir Leid", sagte er schließlich und fuhr sich durchs Haar. "Zu persönlich."

Maike sah ein kleines bisschen enttäuscht aus, nickte aber trotzdem.

"Verstehe", sagte sie und stand wieder auf. "Gut, ich lass' dich dann mal in Ruhe auspacken. Ich geh' jetzt kurz duschen." Kurz bevor sie verschwand, wandte sie sich ihm doch noch ein letztes Mal zu.

"Oh, und", begann Maike in einem sachlichen Ton, "Das Badezimmer ist am Ende des Flurs, auf der rechten Seite, falls du es nach mir benutzen willst. Außerdem - mein Zimmer ist direkt gegenüber von deinem, falls du… reden willst oder so."

Und dann war sie weg.

Drew holte tief Luft und ließ sich nach hinten auf die Bettdecke fallen. Seine grünen Iriden trübten sich, als er ausdruckslos an die Decke starrte und über die Dinge nachdachte, die er sagen wollte, aber nicht gesagt hatte, und ob er all das seiner Rivalin eröffnen wollte. Ausgerechnet seiner Rivalin!

Er bedeckte seine Augen mit seinem Arm und seufzte.

19. Dezember 2001. Früher Abend. Alabastia.

"Ich hab' beschlossen, zu Weihnachten in Marmoria City zu bleiben. Ich hab' meine Familie schon seit einer Weile nicht mehr gesehen", erklärte Rocko über den Videobildschirm. Seine Stimme war wegen der schlechten Verbindung etwas undeutlich. "Es tut mir Leid, euch enttäuschen zu müssen, aber ich verspreche, dass ich spätestens zu Silvester bei euch sein werde." Ash und Misty, die kaum Platz auf dem Stuhl hatten, den sie sich teilten, befanden sich vor dem alten Videotelefon im Haus der Ketchums. Pikachu und Azurill hatten vorübergehend die Trainer gewechselt; Ersteres saß auf Mistys Schoß, während Letzteres bei Ash war.

"Entschuldige dich nicht", sagte Misty mit einem aufmunternden Lächeln. "Das ist völlig verständlich."

"Ja", fügte Ash hinzu, "Familie ist immer wichtig! Außerdem hast du es ja selbst gesagt, du wirst ja an Silvester hier sein." Rocko nickte mit erleichterter Miene.

"Gut, dann – bis dann, denke ich", sagte er. "Misty, noch mal, ich bin wirklich froh, dass es dir und deinen Schwestern gut geht." Der Rotschopf lächelte schief, erwiderte aber nichts.

"Ich versuche, morgen noch mal anzurufen", fuhr Rocko fort. "Bis später."

Ash und Misty winkten ihm zu, bis der Bildschirm erlosch. Ash legte dann Azurill ab, stand auf und streckte seine Arme hoch in die Luft.

"Oh Mann, es wird toll, wenn wir drei wieder zusammen sind", sagte er geistesabwesend. "Wie in den alten Zeiten."

"Werden wir etwa nostalgisch?", fragte Misty mit einem Schmunzeln, während Pikachu auf ihre Schulter sprang, um am Gespräch teilzunehmen.

"Pika!"

"Ich kann nicht anders", antwortete Ash grinsend. "Ihr seid unbezahlbar für mich."

Misty war gerührt. Obwohl sie keinen von Ashs anderen Reisegefährten kennengelernt hatte (außer Maike und Max, die sie beide gut leiden konnte), wusste sie von den gelegentlichen Telefonaten mit dem schwarzhaarigen Trainer, dass er auch diese sehr schätzte. Misty bekundete immer ihre Freude darüber, dass er sich mit seinen Mitreisenden gut verstand, aber sie kam nicht darum herum, sich etwas eifersüchtig und zurückgelassen zu fühlen. Auch wenn sie wusste, wie albern und kindisch es war, fragte sie sich manchmal, ob Mädchen wie Maike und Lucia, und jetzt auch Iris, einfach als Ersatz für sie dienten.

In diesem Augenblick realisierte Misty, wie sehr sie das Reisen mit Ash vermisste. Trotzdem konnte sie nicht anders, als zu scherzen:

"Unbezahlbar? Pass auf, Ash, du schwingst ziemlich große Reden."

Bevor er die Möglichkeit hatte, etwas zu entgegnen, klingelte es im Nebenzimmer an der Haustür. Ash drehte neugierig den Kopf.

"Wer könnte das so spät am Abend noch sein?", fragte er sich laut.

"Vielleicht erwartet deine Mom jemanden?", überlegte Misty.

Ash antwortete nicht und ging stattdessen los, um der Sache auf den Grund zu gehen. Misty und Pikachu folgten ihm.

Sie stellten fest, dass Delia schon an die Tür gegangen und den unerwarteten Gast ins Wohnzimmer gebeten hatte. Er besaß ein sehr bekanntes Gesicht mit flammend roten Haaren und grimmige, dunklen Augen. Er schien in ein tiefes Gespräch mit Daisy verwickelt zu sein, die einen ungewöhnlich besorgten Gesichtsausdruck hatte.

"Siegfried!", rief Ash, als er ihn von ihrer Begegnung am See des Zorns in Johto und von dem Tag, als er geholfen hatte, Hoenn vor Kyogres und Groudons Wut zu bewahren, wiedererkannte.

Siegfried brach die Konversation mit Mistys großer Schwester ab, wandte dem Jungen den Kopf zu und deutete ein leichtes Lächeln an.

"Hallo, Ash", grüßte er. "Lange nicht gesehen."

"Weshalb sind Sie hier?", fragte Ash.

"Nun", begann er, schien jedoch zu zögern. "Ich bin eigentlich nur hier, um speziell mit Misty zu sprechen." Sein Blick fiel auf den Rotschopf, deren Augen sich vor Überraschung weiteten.

"Mit mir?", fragte sie, auf sich selbst zeigend.

Er nickte.

"Als Champion der Indigo-Liga bin ich dafür verantwortlich, meine Arenaleiter zu überwachen und sicherzugehen, dass es ihnen gut geht, wenn etwas Derartiges passiert. Ich habe auch Erika besucht, nachdem ihre Arena in Prismania City ebenfalls gebrannt hat", erklärte er. "Das ist allerdings nicht der einzige Grund, weswegen ich hier bin: Die Pokémon G-Men interessieren sich sehr für Ihren speziellen Fall, und ich habe ein paar Fragen an Sie."

Misty war verblüfft.

„Warten Sie, Sie sind die Organisation, die laut Lilly und Violett die Azuria Arena untersucht hat?", fragt sie ungläubig.

Siegfried nickte erneut.

„Aber warum interessiert das die G-Men?", fügte Ash mit schief gelegtem Kopf hinzu. „Ich meine, das Feuer war nur ein Unfall, oder?"

Der Champion legte die Stirn in Falten.

„Wir haben leider Grund zur Annahme, dass dem nicht so war", sagte er.

Was?"

„Lasst mich erklären", begann Siegfried mit ernster Stimme. „Eine unserer eigenen Agenten, Agent Greene, hat den Schauplatz heute Morgen überprüft. Ihre Beobachtungen haben ihr den Eindruck vermittelt, dass dies kein Unfall war."

„Agent Greene...?", murmelte Ash leise, aber seine Nachfrage wurde schnell von Mistys Drängen auf eine genauere Erklärung überschattet.

„Was für Beobachtungen?", hakte sie nach. Sie wollte nicht respektlos klingen, aber die Vorstellung, jemand habe ihre Familie absichtlich angegriffen, beunruhigte sie verständlicherweise.

„Kurz gesagt, über Ihrem Schlafzimmer befindet sich ein riesiges Loch, Fräulein Waterflower, ohne jeglichen offensichtlichen Grund", antwortete Siegfried ruhig.

„Meine Schwestern und Officer Rocky und ich haben gedacht, dass vielleicht ein Wasserboiler-", fing Misty an, wurde aber kurzerhand unterbrochen.

„In der Tat ist ein Wasserboiler überhitzt und explodiert, aber er war nicht annähernd in der Nähe Ihres Zimmers, und von seiner Position aus hat er keinen bedeutenden Schaden angerichtet", warf Siegfried ein. „Sie sehen die Sache falsch herum: Der Wasserboiler ist wegen des Feuers explodiert, das Feuer ist nicht wegen eines explodierenden Wasserboilers ausgebrochen."

„Warum ist das Feuer dann ausgebrochen?", mischte Ash sich wieder in das Gespräch ein.

„Wir sind noch nicht endgültig sicher. Wir haben Proben eines ungewöhnlichen Rückstandes von der beschädigten Decke eingesammelt und lassen diese zurzeit testen, um herauszufinden, womit wir es zu tun haben.

„Worauf testen Sie?", fragte Misty mit vor Verwirrung verzerrtem Gesicht.

„Fakt ist", fuhr Siegfried ihre Frage ignorierend fort, „dass eine externe Gewalt den Schaden über Ihrem Zimmer verursacht hat, Fräulein Waterflower. Das gibt uns Grund zur Annahme, dass jemand auf Sie abgezielt hat."

Bestürzte Stille machte sich im Raum breit, und Siegfried wartete einen Moment ab, damit diese Eröffnung richtig ankam. Pikachu legte ängstlich die Ohren an. Obwohl er die Konversation nicht vollständig begreifen konnte, verstand er doch genug, um die Ernsthaftigkeit der Situation zu erkennen.

„Wieso sollte jemand hinter mir her sein?", fragte Misty schließlich und räusperte sich. Ihre Stimme bebte beim Sprechen ein wenig. Ash rückte näher an sie heran, fast schon beschützerisch.

„Das versuche ich gerade herauszufinden", entgegnete Siegfried, „aber Sie sind eine Arenaleiterin und talentierte Trainerin. Das bringt Sie automatisch in Gefahr vor Leuten, die Anti-Liga sind."

„Anti-Liga?", fragte Ash nach.

„Es ist eine komplexe Bewegung, aber im Prinzip ist es die Opposition zu Einrichtungen des Pokémon-Trainings." Siegfried warf Misty einen flüchtigen Blick zu. „Allerdings schweifen wir damit vom Thema ab."

Die Wasserpokémon-Trainerin presste die Lippen zusammen.

„Also gut", sagte sie entschlossen. „Also, was wollen Sie wissen?" Ein erfreutes Lächeln drang durch Siegfrieds ernste Miene.

„Meine erste Frage: Ist in den Tagen vor dem Angriff irgendetwas Ungewöhnliches passiert?", fragte er. Mistys Magen zog sich zusammen bei der Feststellung, dass er den Vorfall offen als „den Angriff" bezeichnete.

„Nicht wirklich...", sagte sie mit leiser werdender Stimme. Sie schlenderte herüber zum nächsten Sofa und setzte sich. Siegfried folgte ihr, blieb jedoch stehen; er wollte diesen Besuch kurz halten. „Eigentlich war alles genau wie immer."

„Wurden Sie von irgendwelchen zwielichtigen oder verdächtigen Trainern zu einem Kampf um den Quellorden herausgefordert?"

Misty schüttelte den Kopf.

„Eigentlich nicht", antwortete sie. „Ich habe letzte Woche mit nur einer Trainerin gekämpft. Einem jungen Mädchen aus Saffronia City. Samantha war, glaube ich, ihr Name… aber sie und ihr Lampi waren wirklich goldig, ich bezweifle, dass sie damit was zu tun gehabt haben soll. Außerdem habe ich verloren, also dürfte sie keine Rachegelüste oder so etwas haben."

„Was uns zu meiner nächsten Frage führt", fing Siegfried an, „Gibt es irgendjemanden, der einen Groll gegen Sie oder Ihre Familie hegen könnte?"

Misty hielt inne, umüber diese Frage einige Augenblicke lang nachzudenken, und ging innerlich all die verschiedenen Menschen durch, mit denen sie in letzter Zeit Kontakt gehabt hatte.

„Tut mir Leid", entschuldigte sie sich schließlich. „Aus dem Stegreif fällt mir niemand ein." Ein Schatten legte sich auf Siegfrieds Gesicht, enttäuscht, dass sie nichts vorweisen konnte, was für die Ermittlung von Nutzen war.

„Nun, das war leider schon alles, was ich wissen musste", sagte er, griff in seinen Mantel und zog einen kleinen Zettel mit seinen Kontaktdaten darauf heraus. „Wenn Sie sich an irgendetwas Merkwürdiges erinnern oder Ihnen doch noch jemand einfällt, zögern Sie bitte nicht, anzurufen."

Misty nahm den Zettel mit einem kurzen Nicken an.

„Ich bitte um Entschuldigung für den abrupten Besuch", schloss Siegfried ab und warf Delia einen verstohlenen Blick zu. Dann wandte er sich um, um die Residenz der Ketchumszu verlassen. Misty sah ihm ausdruckslos hinterher, doch ihre Gedanken rasten. Dann:

„Warten Sie!", rief sie und sprang auf die Füße. Siegfried blieb stehen, aber sein Rücken blieb ihr zugewandt.

„Da war etwas Ungewöhnliches", erinnerte sich Misty. „Als ich die Arena abschließen gegangen bin, habe ich rausgesehen, und es war absolut niemand zu sehen. Ich habe zu der Zeit nicht weiter darüber nachgedacht, aber es war schon irgendwie komisch, weil die Arena ja mitten im belebtesten Teil der Stadt liegt." Ein Moment der Stille folgte.

„Nun, das leuchtet ein", antwortete Siegfried schließlich. Misty sah ihn an und hob eine Augenbraue.

„Was meinen Sie?", fragte sie. Siegfried zögerte und überlegte, wie er seine nächste Aussage am besten ausdrücken sollte.

„Wenn Sie jemand angreifen wollte", fing er an und senkte die Stimme, „würde derjenige keine Zeugen wollen."

19. Dezember 2001. Später Abend. Blütenburg City.

Die Stille war ohrenbetäubend, und Drew hasste es. Er war daran gewöhnt, bei irgendeiner Art von Hintergrundgeräuschen einzuschlafen, ob es nun das Summen einer Käferpokémonkolonie mitten in einem Wald oder das laute Gedränge des städtischen Nachtlebens war. Immerhin war er in La Rousse aufgewachsen, und seine Erinnerungen aus dieser Zeit suchten ihn in der Stille heim. Und so machte ihn der Mangel an Partygängern und spätabendlichen Arbeitern, die durch die Straßen schlenderten, verletzlich, egal wie lieblich, klein und leise eine Stadt wie Blütenburg auch war.

Drew drehte sich unter der Bettdecke um und versuchte, es sich bequem zu machen. Seine Augen schnellten zur digitalen Uhr auf dem Nachttisch und er stöhnte innerlich. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er überlegte, ob er vielleicht etwas Smettbo-Schlafpuder in der Tasche hatte. Er schwang seine Füße über die Bettkante, griff in seinen Rucksack und wühlte darin herum.

„Ah, ich hab also wirklich noch etwas", murmelte er mit einem Lächeln leise vor sich hin, während er einen kleinen Plastikbehälter herauszog. Die durchsichtige Medizinflasche war mit einem bläulichen Pulver gefüllt, das im dunklen Raum merkwürdig himmlisch leuchtete. Eine kleine Prise davon in einem Wasserglas, und er würde innerhalb von Minuten eingeschlafen sein.

Die Stille wurde plötzlich von dem Lärm berstenden Holzes und Betons gebrochen, was den Boden unter Drew erzittern ließ. Die Flasche fiel ihm aus der Hand und schlug auf dem Boden auf. Er achtete jedoch kaum darauf, als er einen vorpubertären, männlichen Schrei vernahm.

'Definitiv Max', bemerkte Drew innerlich. Ohne nachzudenken, griff er in seine Tasche, schnappte sich den erstbesten Pokéball – er entschied sich für Absols – und stürzte hinaus. Maike, die vom donnernden Lärm aufgeweckt worden war, verließ ihr Zimmer zufällig zur gleichen Zeit wie er seines.

„Hast du das gehört?", fragte sie laut flüsternd.

„Ich glaube, das hat die ganze Nachbarschaft gehört", antwortete Drew.

„Das war Max!"

„Ich weiß", sagte Drew. „Was denn, hat er ein Voltobal, das explodiert ist, oder so?" Maike schüttelte schnell den Kopf.

„Nein! Er ist erst letzten Monat zehn geworden. Er kriegt seine Trainerlizenz und sein Starter erst im April!", rief sie und klang mit einem Mal etwas panisch. Drews Miene blieb unbewegt, als er seinen Pokéball hob und ihn vergrößerte.

„Geh und hol Lohgock", sagte er ernst.

Maike griff in die Tasche ihrer Schlafanzughose und zeigte, dass sie seinen Pokéball schon bereit hielt. Es gab eine zweite Explosion. Maike und Drew verloren beide das Gleichgewicht und purzelten auf einem Haufen zu Boden. Dieses Mal war der Geruch nach Rauch klarer. Das Haus stand in Flammen.

„Entoron, setz Hydropumpe ein!" Carolines Stimme ertönte von unten.

„Muntier! Setz Schlitzer gegen dieses... Ding ein!", befahl Norman.

Ein lautes Krachen folgte. Irgendeine Art von Kampf begann daraufhin.

„Mom! Dad!", schrie Maike verzweifelt.

Sie und Drew wankten auf ihre Füße und hasteten nach unten. Im Dach über dem Wohnzimmer war ein auffälliges Loch, das immer noch vor Hitze dampfte, obwohl Caroline und ihr Entoron die Flammen gelöscht hatten. Caroline und Norman selbst waren nirgends zu sehen, aber Max kam hinter der Couch hervor, mit wilden Augen und schiefer Brille.

„Max! Was ist passiert?", fragte Maike.

„Ich weiß es nicht!", erwiderte er, offensichtlich aufgewühlt. „Irgendeine Art Pokémon hat mein Zimmer von außen angegriffen! Mom und Dad bekämpfen es gerade. Sie haben gesagt, ich soll mich verstecken.

„Ich würde mich an den Rat deiner Eltern halten, wenn ich du wäre", murmelte Drew dem kleineren Jungen zu.

Lärm, der nach einem zersplitternden und fallenden Baumstamm klang, führte Drew und Maike hinaus. Max folgte ihnen trotzdem.

Norman und Caroline waren in der Nähe des Eingangs der Arena und standen dem Angreifer direkt gegenüber. Das Pokémon – oder was auch immer es war – war anders als alles, was Maike und Drew je zuvor gesehen hatten. Es schwebte hoch über ihnen in der Luft und war umhüllt von einer dunklen, violetten Aura. Sein ganzer Körper schien von einer schweren, technologischen Rüstung bedeckt zu sein, und eine helmartige Maske verdeckte sein Gesicht. Maike wünschte einen Moment lang, sie hätte ihren Pokédex dabei, doch sie bezweifelte irgendwie, dass er Daten über den mysteriösen Eindringling enthalten würde.

Die Kreatur begann, dunkle Energie mit ihren Fäusten zu sammeln. Entoron und Muntier, die beide offensichtlich großen Schaden erlitten hatten und erschöpft waren, bereiteten sich auf die Explosion vor.

„Spukball!", sagte Max, der die Attacke erkannte, die der Angreifer gerade erzeugte. Drew warf dem kleinen Jungen einen kurzen Blick zu. Wenn es Spukball war, dann war die Kreatur auf jeden Fall ein Pokémon. Die Frage war nur: Was für ein Pokémon?

Das panzerbeladene Pokémon schien die Anwesenheit von Entoron und Muntier plötzlich völlig zu vergessen und wandte sich stattdessen den drei Kindern zu. Ohne das leiseste Zögern vergrößerte Maike Lohgocks Pokéball.

„Lohgock! Setz Hitzekoller ein!", befahl sie, während sie das Feuerpokémon heraus rief.

Lohgock gehorchte sofort und setzte ein gewaltiges Inferno frei. Das unbekannte Pokémon unterbrach kurz seine Spukballattacke und hob lediglich seine gepanzerte Hand, um den Feuerstoß auf Maike und ihr Lohgock zurückzuwerfen. Drew verlor keine Zeit, rief Absol heraus und befahl einen Klingensturm.

„Ab-sol!", rief das Desasterpokémon, und sagte somit den Kampf an.

Sein Klingensturm schaffte es, den riesigen Feuerball zu durchtrennen. Die vier Trainer und Max mussten ihre Augen vor den Funken schützen, die aus der Zerstreuung der Flammen hervorgingen. Währenddessen nahm das Pokémon seine Arbeit am Spukball wieder auf und zielte mit dem dunklen Energiestoß auf Maike und Max.

„Kinder! Passt auf!", schrie Norman.

„Absol! Benutz Eisenschweif!", rief Drew aus.

Das Absol machte einen Satz in die Luft und wirbelte sein volles Gewicht herum, um den Spukball mit seinem Schweif zu kontern. Obwohl das Unlichtpokémon Maike und Max erfolgreich vor der kraftvollen Attacke beschützte, war der Zusammenprall von Energien so stark, dass er Absol zu seinem Trainer zurückwarf. Drew schlug mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf, während die scharfe Kante von Absols Horn versehentlich die Haut auf seiner linken Gesichtshälfte aufschnitt. Das Ergebnis war eine große, wenn auch nur oberflächliche, Schnittwunde, die von dem Bereich über seiner Schläfe bis nach unten zu seinem Ohr verlief.

„Drew!", schrie Maike mit deutlicher Anspannung in der Stimme, während sie ihm zu Hilfe eilte.

„Mir geht's gut, mir geht's gut...", beharrte er, als sie Absol von ihm herunter half. Seine Worte gingen ineinander über, und sein Blick war unkoordiniert und träumerisch.

Maike erkannte, dass er wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, aber sie konnte nicht viel tun, da das mysteriöse Pokémon noch immer frei herumlief. Das Pokémon schien jedoch sehr beunruhigt von dem Anblick des Blutstroms, der an der Seite von Drews Gesicht herunterfloss. Der lilafarbene Nebel, der es umgab, fing auf einmal an, abwechselnd stärker und wieder schwächer zu werden. Es rollte sich schwach in der Luft zusammen und legte den Kopf in seine Arme. Norman nutzte diese Gelegenheit aus und befahl seinem Muntier eine Flammenwurfattacke. Das gepanzerte Pokémon versuchte dieses Mal nicht, die Attacke abzuwehren, und erlaubte der Feuerattacke, ihn (oder sie) zu treffen. Doch als die Flammen sich verflüchtigt hatten, war das Pokémon verschwunden.

Caroline stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Norman dagegen blieb wachsam, für den Fall, dass das Pokémon zurück kam. Maike hob Drew auf ihre Schulter und kümmerte sich nicht darum, dass die Wunde an der Seite seines Kopfes ihr Oberteil befleckte, wobei sie durchaus sehr besorgt über die Menge an Blut war, die die Wunde produzierte – sie hatte noch keine Ahnung, wie ernsthaft die Wunde war oder nicht war. Währenddessen blieben Max' Augen auf den Himmel fixiert.

„Was war das für ein Ding?", sagte er, seine Stimme von Ehrfurcht und Schrecken erfüllt.

20. Dezember 2001. Mitternacht. Alabastia.

Ash wachte ruckartig auf, verhedderte sich in seiner Verwirrtheit und Panik in seiner Decke und fiel vom Bett.

Er schlug mit dem Kopf auf dem Holzboden auf und schnappte schnell und erschrocken nach Luft. Die Bilder von heißen, roten Flammen, die vor seinen Augen aufblitzten, hörten auf einmal auf und fingen stetig an, aus seiner Erinnerung zu verblassen. Er lag einen langen Augenblick lang bewegungslos da, während die Gestalten und Eindrücke des Albtraumes ihm langsam entglitten, um nie wiederzukehren. Ash bewegte langsam seine Hand zu seiner Stirn und wischte eine Schweißperle weg, die sich dort gebildet hatte. Seine Haut fühlte sich bei der Berührung warm, sogar heiß an.

„Pika?"

Pikachu sah seinen Trainer oben vom Bett aus mit besorgten, braunen Augen an. Ash zwang sich zu einem Grinsen und winkte seinem Partner unbeholfen zu.

„Ha ha, mach dir keine Sorgen um mich", beharrte er mit einem nervösen Lachen. „Ich bin nur aus Versehen vom Bett gerollt. Keine große Sache." Das Elektropokémon schien nicht überzeugt, verschwand aber trotzdem aus dem Sichtfeld seines Trainers, um sich wieder auf das Kissen zu legen und weiterzuschlafen. Ashs Hand fiel an seiner Seite zu Boden.

Was hatte er geträumt?

20. Dezember 2001. Nach Mitternacht. Elyses.

Cynthia stieß ein tiefes Knurren aus, als sie durch das Kreischen ihres Klingeltons in eine sitzende Position aufgeschreckt wurde. Troy, kaum richtig in der Wirklichkeit angekommen, drehte sich auf die Seite, weg von ihr. Er war wach genug, um kurz über die gelegentlichen mitternächtlichen Anrufe nachzudenken, bei denen es normalerweise um irgendwelche kleineren Krisen gegangen war, die wahrscheinlich auch bis zum Morgen hätten warten können. Solche Anrufe hatte er oft empfangen, als er noch der Champion von Hoenn gewesen war. Es war ein Aspekt, den er an dem ehrbaren Job ganz sicher nicht vermisste.

„Ja? Hier ist Cynthia Trumm", sagte die Frau und unterdrückte ein Gähnen. Dann: „Wassili?"

Cynthia war nun auf den Beinen, und Troys Bewusstsein wurde auf einmal sehr viel klarer. Seine blauen Augen folgten ihr in das an ihr Schlafzimmer angrenzende Badezimmer. Sie stellte das Licht an und schloss die Tür aus Rücksicht auf ihn, obwohl sie noch nicht bemerkt hatte, dass er eigentlich schon wach war. Nichtsdestotrotz konnte Troy sie durch die Spalte, durch die der ominöse, gelbe Schein drang, undeutlich sprechen hören.

„Beruhig' dich, sprich langsamer", mahnte sie. „Im Ernst, ich habe dich noch nie so aufgeregt gehört. Was-" Sie stutzte und verstummte, um sich anzuhören, was Wassili zu sagen hatte.

„Arceus. … Oh Arceus..."

Troy setzte sich auf. Die Situation musste ernst sein. Cynthia fluchte nie.

„Hast du schon mit Siegfried gesprochen? Ach so… Nein, ich verstehe. Ja, natürlich werden wir kommen. Halte uns mit neuen Informationen auf dem Laufenden, und sag Siegfried, er soll mir diese Akten schicken." Die Tür öffnete sich wieder, und Cynthia hastete hinaus. Sie hatte in der kurzen Zeit, in der sie drinnen gewesen war, schnell ihr Make-up aufgetragen, und es wurde klar, dass sie vorhatte, bald – wenn nicht sofort – aufzubrechen, als sie auf den Kleiderschrank zuging, um sich etwas Vorzeigbareres als ein Nachthemd anzuziehen.

„Wohin gehst du?", fragte Troy sanft, während er sich erhob.

„Hoenn", antwortete Cynthia kurz angebunden. „Es hat einen weiteren Vorfall gegeben, etwas Ähnliches wie das, was vor ein paar Tagen in Azuria City passiert ist."

„Noch ein Arenaleiter?" Besorgnis lag in seiner Stimme. Obwohl Wassili schon seit über einem Jahr sein Nachfolger als Hoenn Champion war, liebte und respektierte Troy noch immer die Kollegen, mit denen er gesegnet worden war. Er hatte viele nicht mehr gesehen, seit er Cynthia geheiratet und nach Sinnoh gezogen war, aber er betrachtete viele von ihnen noch immer als gute Freunde.

„Ja", nickte Cynthia. „Der von Blütenburg City."

„Norman Maple?"

„Ich glaube schon." Ihre Augen musterten ihn. „Du solltest dich anziehen. Am Flughafen von Elyses geht bald ein Flug nach Malvenfroh City. Wassili reserviert Plätze für uns."

„Für uns? Cynthia, ich bin nicht mehr der Hoenn Champion."

„Und...?" Sie stellte die Frage behutsam, obwohl sie sichtlich angespannt war.

„Ich habe das Gefühl, dass ich nichts mehr mit den Angelegenheiten der G-Men und der Napajischen Pokémon Liga zu tun habe. Siegfried könnte es für unpassend halten, und Wassili wärevielleicht beleidigt."

Ihre Haltung veränderte sich sichtlich bei der Erwähnung von Siegfrieds Namen.

„Mach dir keine Sorgen um Siegfrieds Meinung. Außerdem möchte ich stark bezweifeln, dass Siegfried kleinlich genug wäre, dich auszuschließen. Du weißt doch, du bist wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die er je respektiert hat", sagte sie. „Und was Wassili betrifft, wird er sich wahnsinnig über deine Hilfe freuen. Obwohl er schon vor langer Zeit eingeführt wurde, musste er noch nie eine bei einer Ermittlung mit den G-Men zusammenarbeiten, geschweige denn eine leiten. Du dagegen hast jahrelange Erfahrung, und ich bin sicher, dass du für ihn ein sehr viel größerer Vorteil bist als ich, da Hoenn doch deine Heimatregion ist.

Troy zögerte: „Ich möchte nicht verbittert und unerwünscht wirken."

„Das wirst du nicht", versicherte sie ihm, während sie ihre Bluse zuknöpfte. „Du bist mein Ehemann, und du bist unter guten Freunden. Du wirst immer willkommen sein."

Troy seufzte.

„Wenn du darauf bestehst."

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