Geheimnisse

Doktor Katsuragi, der in den letzten Wochen immer wieder neue erstaunliche Dinge zu sehen bekam, saß nun inzwischen im Labor an seinem Computer. Er versuchte Geheimnisse zu enträtseln, die ihm gleichermaßen absurd wie unheimlich erschienen.

Offiziell war er selbst Leiter dieser Forschungsgruppe. Inoffiziell galt dieser Titel Gendo Rokubungi. Eigentlich war Rokubungi ein Beobachter eines großen Konzerns der die Expedition finanzierte. Doch jeder wusste um seine Position als heimlicher Projektleiter.

Katsuragi erinnerte sich noch genau an den ersten Tag, als er mit dem falschen Projektleiter und einer kleinen Gruppe die Höhle betrat. Sie befanden sich in einer Kammer und untersuchten gerade die Spuren eines kleinen Lagers. Sie waren nicht die ersten hier. Zwei der Anderen waren schon weiter gegangen. Plötzlich ein Schrei. Der, der eben noch Notizen über die alten Konservendosen machte, rannte fast los. Doktor Katsuragi folgte ihm. Als er die Kammer fast verlassen hatte, schrie auch der eben Losgestürzte. „Oh Gott…"
Rokubungi schien auch dadurch nicht beeindruckt zu sein. Er stand vor einer Wand und schien etwas zu suchen. Als Katsuragi um die Ecke bog, hörte er ihn kaum hörbar flüstern: „Nicht Gott, Adam."
Als er sich noch mal kurz umdrehte und um die Ecke sah, holte der Projektleiter gerade ein Messer hervor. Da das wohl niemand hören oder sehen sollte, entschied er sich lieber, den Schreien zu folgen.

Doktor Katsuragi erreichte nach kurzer Zeit eine weitere, wesentlich größere Kammer. Eher ein riesiges Gewölbe. An der rechten Seite war ein Spalt, durch den die Sonne herein schien. Das allein währe schon beeindruckend gewesen. Doch das Atemberaubendste war etwas anderes:
Die gegenüberliegende Wand war klar wie Glas.
Unmöglich konnte etwas Eingefrorenes, so lebendig wirken.
Zwei riesige, kalte Augen starrten einen an.

Als sich die Labortür öffnete schreckte Doktor Katsuragi hoch.
„Papa, wann fahren wir endlich nach Hause?" rief ein kleines Mädchen als er sich umdrehte.
„Ja Misato. Nächste Woche sind die ganzen Tests vorbei, dann können wir Heim."
„Aber ich will gleich nach Hause."
„Das geht aber nicht, das hab ich Dir doch schon erklärt. Papa muss arbeiten."
„Immer musst du arbeiten …", murrte die Kleine, drehte sich um und ging. Sie kannte das schon und wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu quengeln. Gegen das Argument ‚Arbeiten' hatte sie noch nie eine Chance.

Dem Mann lief eine einzelne Träne über das Gesicht. Er hatte seit Wochen keine Zeit mehr für seine Tochter. Er vermisste sie trotz dessen, dass sie hier war. Seine Gedanken drehten sich im Kreis: Seine Tochter, die ganzen Rätsel die er ausgegraben hatte, der Projektleiter, die Gestalt… Der Brief!

Diesen Brief hatte er fast vergessen. Warum war ihm das nicht eher eingefallen? Wenn man es recht bedenkt, kein Wunder. Der Brief war kaum größer als ein Notizzettel. Das, und die Nachricht an sich erschienen ihm damals wie ein Scherz.
‚Nehmen sie sich vor Kiel Lorenz und Gendo Rokubungi in Acht!'
Die Reisevorbereitungen damals hatten ihn das wohl komplett vergessen lassen.

Kiel Lorenz hatte er noch nie zuvor gehört. Und hätte er Rokubungi nicht mit dem Messer beobachtet, währe er diesem Namen auch nie wieder begegnet. Nachdem sie von Rokubungi von den unheimlichen Augen losgerissen worden waren, kehrten sie zum Lager zurück. Katsuragi hatte sich heimlich zurück fallen lassen und die Stelle an der Wand untersucht. Er fand ‚nur' ein paar Kratzspuren im Eis. Er hatte eine kleine UV-Lampe bei sich gehabt. Für den Fotoapparat hatte er einige verschieden empfindliche Filme mitgebracht. Mit etwas Glück konnte er unter UV-Licht mehr erkennen. Und er hatte etwas Glück. Zumindest konnte er die erste und einen Teil der zweien Zeile lesen:

‚Wir waren hier!
Kiel L. und …'

Das ‚und' war schon nur noch zu erahnen. Der Rest war wohl auch nur einen weiterer Name ohne Gesicht. Doch auch wenn er nicht sicher sein konnte, glaubte er nicht mehr an Zufälle. Wenn das mal nicht jener Kiel Lorenz war.

Seine Gedanken kreisten immer weiter. Er bekam keine zweite Chance die Stelle an der Wand noch einmal zu untersuchen. Keiner durfte mehr allein in die Höhle. Jede Kleinigkeit musste dokumentiert werden. Anweisung vom Projektleiter. Zwar stand sein eigener Name darunter, jedoch war die Anweisung, wie sollte es anders sein, von Gendo Rokubungi. Als ob er geahnt hätte, dass ihm irgendwer auf die Spur gekommen ist.

Dr. Katsuragi hatte seit diesem Tag herum geschnüffelt. Alles drehte sich um diese Gestalt, die sie inzwischen ausgegraben hatten. Er ahnte, dass sie die Welt auf den Kopf stellen würde.
Er schaute wieder auf seinen Monitor der immer noch die geheimnisvollen Daten anzeigte. Geheimnisse über Geheimnisse. Auf die meisten Fragen fand er keine Antwort. Hatte er eine Frage beantwortet, enthielt die Antwort zwei neue Fragen. Oft landete er auch in einer Sackgasse namens Gendo Rokubungi. Er schien alles bereits zu wissen, nichts konnte ihn überraschen. Schon am ersten Tag in der Höhle war er nicht besonders beeindruckt von dem was sie gefunden hatten. Als die ersten Tests und Messreihen beendet waren, hatte er, nachdem er die Ergebnisse überflogen hatte eine Wiederholung angeordnet. Zugegeben, die Ergebnisse waren zweifelhaft. Als die Daten der zweiten Messreihe in eine noch unwahrscheinlichere Richtung abwischen, schien er zufriedener.

Das Nächste war die Gestalt an sich. Sie schien eine Energie aus zustrahlen. Man konnte sie spüren, ja sogar messen. Sie zog alle in einen eisigen Bann.

Nun diese angeblich letzte Testreihe. Rokubungi behauptete, sie müssen bald verschwinden weil ‚Der Falsche angefangen hat sich dafür zu interessieren.' wie er sich ausdrückte. Er sagt, es sei unwahrscheinlich wichtig diesen letzten Versuch noch durchzuführen. Er selbst müsse jedoch nach Japan zurück und war gestern abgereist. Bis jetzt hatte er so etwas immer selbst beaufsichtigt. Irgendetwas war oberfaul. Zum Beispiel die Energiemenge, die eingesetzt werden sollte.
Wahrscheinlich wollte er gar nicht hier sein.

Plötzlich bildeten sich in dem Wasserglas auf seinem Tisch Wellen. Er lauschte und sah zum Fenster. Seine Tochter spielte draußen mit ein paar Technikern. Sie lieferten sich eine Schneeballschlacht und hatten keine Ahnung. Er rannte zur Tür und riss im laufen seinen Fellmantel vom Haken. Das konnte niemals gut gehen. Sein Monitor zeigte immer noch die Daten an. Sie ergaben nun doch einen Sinn, auch wenn das an Wahnsinn grenzte.